Höchstleistung, aber eigentlich hat nur der Geldautomat der Sparkasse Schuld.


Gut 14 Tage vor unserem Urlaub erzählte ich Astrid, dass ich mal bei Amazon nach Reiseführern für Rügen geschaut hätte und es dort auch welches als eBook gibt, von denen ich mal einen als Leseprobe heruntergeladen habe. „Ah gut!“ sagte Astrid und ich fummelte weiter an meinen ersten Videoversuchen herum.
Als ich einige Tage später nachfragte, ob wir den kaufen wollen oder ob wir überhaupt einen brauchen, kam die Antwort: „Hab ich schon, lese gerade.“
Weitere 2 Tagen später sah ich, wie Astrid an einer Excel-Tabelle arbeitete. „Ah gut, eine Packliste, dann vergessen wir vielleicht diesmal nichts!“
„Nee nee!“ entgegnete Astrid „Das ist unser Tourenplan, diesmal gibt’s Kultur!“ und scrollte die eindrucksvolle Tabelle siegessicher nach oben.

„Der Yachthafen Vitte“

„Der Yachthafen Vitte“

Als wir dann gegen 10:00 beim Frühstück sitzen und alle noch etwas verpennt aus der Wäsche gucken, öffnet Astrid genau diese Tabelle und verkündet, dass etwas Bewegung nun genau das Richtige sei, denn schließlich hätten wir ja die letzten 24h eh nur rumgesessen. Tour 1 und 2 sind ideal, einmal nach Enddorn, der nördlichen Spitze Hiddensees, dann über das westliche Aussichtsplateau zum Leuchtturm und am Strand zurück. Astrid zeigt uns die Touren im Reiseführer. Als wir fragen, wie weit das denn ist, folgt dieser Dialog:
„5 bis 6 Kilometer. Glaube ich, …. stand da wohl.“
„Eine oder beide?“
„Keine Ahnung, ist doch auch egal, von hier nach Kloster ist es ja eh nicht weit.“
Ich tippe die grobe Route schnell in die Wander-App, die ich auf mein Handy geladen hatte, nachdem wir zuhause auf Fahrradtouren im Deister immer wieder völlig überraschend an Dörfern aus dem Wald kamen, die dort eigentlich gar nicht hätten sein dürfen.
„Das sind aber zusammen fast 15 Kilometer, müssen wir wirklich bis ganz nach vorn?“
„Ok, dann gehen wir oben eben quer und gucken vom Aussichtspunkt mal auf die Spitze.“
So ist der Kompromiss gefunden und wir gehen los.

„Unsere tatsächliche Tour, ganz im Süden liegt der Geldautomat.“

„Unsere tatsächliche Tour, ganz im Süden liegt der Geldautomat.“

Also marschieren wir los und sind gleich auf dem Deich froh, dass wir uns gegen die Inliner entschieden haben. Der Fahrradweg auf dem Deich, auf dem auch gleich der freundliche Strandvogt mit der Kurtaxenkasse lauert, ist liebevoll, aber Inliner-untauglich gepflastert. Es ist kein Zufall, dass der Strandvogt hier am Vormittag lauert, denn alle Segler, die aus Vitte kommen, müssen Kurtaxe bezahlen, weil der Herr Hafenmeister aus Vitte der einzige der Insel ist, der sich weigert, die Kurtaxe gleich mit der Hafengebühr zu erheben. Das ist vielleicht sogar verständlich, sonst würde gleich auffallen, dass Vitte deutlich teurer ist als alle anderen Häfen. Heute morgen ist das Geschäft für den Strandvogt gut und er hat keine Zeit für ein Pläuschchen, denn sonst entkommt ihm noch einer der Vitter Segelgäste.

„Noch frisch auf dem Weg nach Kloster.“

„Noch frisch auf dem Weg nach Kloster.“

Also ziehen wir weiter. Bis Kloster ist es wirklich nicht so weit, trotzdem stärken wir uns dort erst einmal mit einem Fischbrötchen und einem Bier. Unser „Moin“ wird mit einem freundlichen „Tach“ beantwortet, aber beim „Tschüß“ sind wir wieder kompatibel. Ohne Autoverkehr ist Hiddensee schon recht beschaulich, alles wirkt schweizerisch sauber und aufgeräumt und ist teilweise mit viel Liebe hergerichtet. Alles und jeder fährt hier Fahrrad und die meisten der ohnehin wenigen Fußtouristen flüchten sich in die Pferdewagen.
Nachdem wir Kloster quer und längs durchwandert haben, zeigt Astrid in Richtung Norden.

„Kloster. Alle Transporte werden mit dem Fahrrad erledigt.“

„Kloster. Alle Transporte werden mit dem Fahrrad erledigt.“

„Grieben. Mit Liebe zum Detail.“

„Grieben. Mit Liebe zum Detail.“

Also stapfen wir über Grieben in die endlosen Weiten der Steppenlandschaft im Norden Hiddensees. Die Sonne brennt aus den Wolkenlücken erbarmungslos herunter, während unsere trendigen Großstadt-Sneeker einen Hiddenseer Kilometer nach dem anderen bereitwillig in sich hineinfressen.

„Der Leuchtturm grüßt, die Lamas lachen, während wir den Track nach Norden machen. “

„Der Leuchtturm grüßt, die Lamas lachen, während wir den Track nach Norden machen. “

„Hiddensees Norden, der Leuchtturm ist allgegenwärtig.“

„Hiddensees Norden, der Leuchtturm ist allgegenwärtig.“

Ab und an überholt uns einer der Planwagen, deren Pferdegeruch noch minutenlang beharrlich dem frischen Westwind Stand hält, bevor er sich in Richtung Osten verkrümelt. Unweit von Enddorn biegen wir wie versprochen nach Westen ab und beginnen den Aufstieg zum Plateau. Ein erster Gedanke an Fußcreme huscht durch meinen Kopf und wird von einem Lächeln abgelöst, als sich die Erinnerung an die Tube Voltaren im Badezimmer der PINCOYA materialisiert.

„Mit letzter Kraft schleppen wir uns auf's Plateau.“

„Mit letzter Kraft schleppen wir uns auf's Plateau.“

„Der Weg ist weit und Møn liegt heute hinter dem Horizont.“

„Der Weg ist weit und Møn liegt heute hinter dem Horizont.“

Es ist wirklich schön hier, aber vom Aussichtsplateau können wir Klint Møn nicht sehen, obwohl einer der Kutscher versichert, dass genau dort drüben Dänemark ist. In der Steilküste wohnen die sogenannten Steilküstenschwalben, die die gesamte Steilküste dienstbeflissen fein säuberlich perforiert haben, was wahrscheinlich der wahre Grund ist, warum hier immer mal wieder große Teile abrutschen. Nun kommt die GoPro zu ihrem zweiten wirklichen Einsatz. An dem Einbeinstativ halte ich die GoPro weit über die gähnende Tiefe der Steilküste, während Astrid via Bluetooth auf dem iPhone die richtige Perspektive findet, um die ständig einfliegenden Schwalben bei ihren waghalsigen Manövern für die Kleinen in den Höhlen der Steilküste zu filmen. Perfekt! Nach einigen Minuten ist alles im Kasten und es wären wirklich spektakuläre Aufnahmen geworden, wenn wir die GoPro auch eingeschaltet hätten. Aber das merken wir erst am nächsten Tag, als die Sequenz mit den Schwalben irgendwie nicht zu finden ist.

„Die Steilküstenschwalben und der Naturfilmer.“

„Die Steilküstenschwalben und der Naturfilmer.“

Zufrieden, aber doch schon etwas angeschlagen, schleppen wir uns nun auf dem Weg hoch zum Leuchtturm, entdecken aber kurz vor dem Leuchtturm einen Wegweiser mit so eindeutigen Symbolen, die den Leuchtturm im Handumdrehen zu einem Zwischenziel werden lassen und den Klausner, das Ausflugsrestaurant, das bestimmt durch direkte Fügung des Herrn hier entstanden sein muss, zum eigentlichen Tagesziels erheben.

„Endlich, wir haben ihn, den Leuchtturm.“

„Endlich, wir haben ihn, den Leuchtturm.“

Noch nie schmeckte ein Jever besser als hier und sogar die Füße sind für einen Moment vergessen.

„Mehr als verdient!“

„Mehr als verdient!“

Frisch gestärkt wird uns bewußt, dass wir hier beim Klausner die maximale Entfernung zu unserer PINCOYA erreicht haben, nur noch 7 km Strand- und Feldweg und 2 – 3 kulturelle Höhepunkte trennen uns von ihr. So trippeln wir die berühmte Klausner-Treppe zum Strand herunter und wenden uns nach Süden in Richtung Kloster.

„Ich brauche diverse Filmversuche ….“

„Ich brauche diverse Filmversuche ….“

„… bis mir aufgeht, dass man bei Zeitrafferaufnahmen eben NICHT wie ein Bekloppter rennen muss!“

„… bis mir aufgeht, dass man bei Zeitrafferaufnahmen eben NICHT wie ein Bekloppter rennen muss!“

Vor Kloster springen wir ganz unklösterlich in die Ostsee, so wie uns der Herr geschaffen hat, denn das Badezeug liegt unerreichbar auf der PINCOYA.

„Es sind nur noch wenige leichte Strandwanderkilometer zurückzulegen.“

„Es sind nur noch wenige leichte Strandwanderkilometer zurückzulegen.“

„Baden und Füße kühlen!“

„Baden und Füße kühlen!“

Als wir kurz darauf hinter Kloster schon die Masten des Vitter Yachthafen sehen können, wird uns klar, dass es das wohl noch nicht war. Das Zeitalter der Kartenzahlung ist nämlich spurlos an dem Hafenmeister aus Vitte vorbeigegangen. In Yachthafen Vitte kann man nur bar bezahlen, was bei den Preisen eigentlich ein Widerspruch in sich ist. Also müssen wir noch zu dem einzigen Geldautomaten, den es auf Hiddensee gibt. Der ist Gott sei Dank in Vitte und wir haben den Verdacht, dass die Freude des Herrn Hafenmeisters an den technischen Errungenschaften des vergangenen Jahrhunderts daran nicht ganz unschuldig ist. Nicht auszudenken, wenn der Geldautomat z.B. in Neuendorf wäre, weil die einzige Sparkassenangestellte zufällig gebürtige Neuendorferin ist.
Und genau dieser Geldautomat gibt uns dann den Rest. Astrid sagt, alles andere war ja wohl ein Kinderspiel, nur der Geldautomat, der hätte wirklich nicht mehr sein müssen.

Jetzt nur noch eine Dusche, dann einen Berg Nudeln und dann ins Bett. Mehr wollen wir nun wirklich nicht mehr. Also geht Astrid Duschmarken kaufen, denn in den 23 € Liegeplatzgebührt ist selbstverständlich nicht nur keine Kurtaxe drin, sondern kein Strom, kein Wasser und natürlich kostet auch das Duschen extra. Nur die Toiletten sind umsonst! Zum Vergleich: wir haben einige Tage später in Breege für 2 Tage inkl. Strom, Wasser und Kurtaxe 34€ bezahlt. Als Astrid zurückkommt, spricht ihr Gesicht Bände! Irgendetwas ist passiert und wenn Astrid schon so guckt, dann war das wirklich nicht lustig! Dieser Geldschneider von Hafenmeister hat Astrid gleich noch einmal einen ganzen Tag Liegeplatzgebühr abgenommen, weil wir ja heute früh vor 12:00 angekommen sind. Wir sollen also für die 24h bis morgen früh für 2 Tage insgesamt 46 Euro plus dem ganzen anderen Mist bezahlen! Was zu viel ist, ist zu viel! Obwohl ich jetzt eigentlich viel lieber mein Höchstleistungssportabzeichenzieleinlaufbier trinken würde, gehe ich wutschnaubend zu diesem A…. von Hafenmeister. Als mich die Hafenmeisterschnalle sieht, verschwindet sie hinten im Büro und schickt den Chefhalsabschneider vor. Ich muss wohl einen Eindruck machen, der nur wenig Diskussionsspielraum läßt. Nach einem knappen, aber eindeutigen Wortwechsel bekomme ich das Geld für den zweiten Tag inkl. des Duschmarkengeldes zurück und wir verlassen kurz darauf diesen ungastlichen Hafen. Nie wieder Vitte, das ist sicher. Aber für die Seglergemeinde besteht ja dennoch etwas Hoffnung, dass Vitte bald ein Hafen wird, den man gerne auch ein zweites Mal anläuft. Denn in der Yacht stand, dass der Yachthafen Vitte verkauft werden soll, vielleicht findet sich ja ein netter Mensch, der sich darauf einläßt, von solch einem Zeitgenossen etwas zu kaufen.

Vitte -> Wieker Bodden (A) Start: 18:00 Ende: 19:30 Wind: SW 9 kn Distanz: 7,8 sm Gesamtdistanz: 95,4 sm

„von Vitte auf Hiddensee -> in den Wieker Bodden“

„von Vitte auf Hiddensee -> in den Wieker Bodden“

Und wie immer liegt direkt neben so viel Ärger auch etwas von dem eigentlich Guten rum. Es ist spät und wir fragen uns, wohin jetzt. Kurzer Hand fahren wir in den Wieker Bodden und ankern kurz hinter der alten Militärbasis.

„Einfahrt in die hinteren Boddengewässer.“

„Einfahrt in die hinteren Boddengewässer.“

Ein wunderbares, atemberaubend ruhiges Ankerplätzchen. Wenn wir ein nächstes Mal hier sind und nicht nach Kloster fahren möchten, ist dieser Platz unser Favorit!

im südwestlichen Wieker Bodden vor Anker
54° 36’ 30,1″ N, 13° 14′ 4,0″ E


2016.06_1_Ruegen_28.06.kml