Visby


So wenig Visby ein Hafen ist, in dem man mehr als 24 Stunden bleiben möchte, so sehr ist die Altstadt von Visby ein absolutes Muss und Highlight! Genauso wie schon 2003 wollen Astrid und ich schon nach nur einem Tag einfach nur noch weg aus dem Hafen. Der Gästehafen ist ein vom Industrie- und Fährhafen abgezwacktes Stückchen, was an und für sich ja noch nicht schlimm ist, aber der Industriebetrieb mit Frachtern, die Ladung löschen, und der Betrieb der Fähren, die fast Tag und Nacht Autos und Menschen ausspucken, um dann wieder ebensoviele neu einzusaugen, ist ungebrochen.

„Visby Harbour - lebhaft - laut - und wenig urlaubskompatibel ? ? ?“

„Visby Harbour – lebhaft – laut – und wenig urlaubskompatibel ? ? ?“

Zudem ist der Hafen nach Südwesten offen und leider ist Südwest eben auch die Hauptwindrichtung hier. So läuft in Standard schon bei moderaten 4 Beaufort ein ansehnlicher Schwell bis in die letzte Ecke des Hafens, der die Großen schaukeln und die Kleinen an ihren Schwimmstegen ein uns andere Mal in die Tampen einrucken lässt. Da Schwimmstege nun auch das tun, was sie tun sollen, nämlich schwimmen, rucken sie ebenfalls fröhlich hin und her und lassen die beweglichen Rampen zum Kai mit einem ohrenbetäubenden Lärm scheppern, quietschen und schaben, während ab Sonnenaufgang schon wieder die nicht enden wollende Karawane von Schwerlastern rollt, um den vis-á-vis liegenden Frachter von seiner Rollsplitladung zu befreien. Das Quietschen und Scheppern der Schwimmstege ließe sich sehr einfach durch zwei simple Räder verhindern, die dann auf den Betonstegen hin und her rollen könnten, ohne das sich die Stahlfüße der Rampen langsam und geräuschvoll in den Stahlbeton der Schwimmstege einarbeiten müssten. Aber das Rad scheint zwar auf Gotland bekannt zu sein, aber noch nicht bei der Hafenmeisterei.
Das nächste Ärgernis sind die sanitären Anlagen. Das geht nur halbwegs, wenn man deutlich vor oder nach der Saison hier ist (jippi, ist ja jetzt schon September ?!!!) und im Gästehafen nur rund 15 bis 20 Schiffe liegen (hihi, zur zeit sind nur 12 da ? ?). Wenn der Hafen zur Hauptsaison mit 80-90 Schiffen voll belegt ist, dann müssen sich mehr als 300 Menschen 4 Duschen und 5 Toiletten teilen. Was das bedeutet, kann man sich leicht ausmahlen. Ein spontanes Geschäft ist so in Visby nicht mehr zu machen ? ? ?.

„Fahrradständer an der Uni mit Regenschutz für den Sattel.“

„Fahrradständer an der Uni mit Regenschutz für den Sattel.“

Aber egal, die Altstadt von Visby ist diese Hafenwidrigkeiten in jedem Fall wert. Dieses Jahr halten wir es in dem Hafen ja sogar 2 Tage aus, weil Astrid erst einmal wieder etwas auf die Beine kommen muss. Aber schon am nächsten Morgen guckt sie schon wieder viel munterer aus der Wäsche, das Antibiotika hat gleich begonnen, seine Wirkung zu entfalten. Und wir haben nun auch wieder etwas dazugelernt. Auch einfache Ostseetörns werden wir nicht mehr ohne handfeste Bordapotheke machen, und die wird so gefüllt sein, dass wir uns in jedem Fall auch in schwierigeren Fällen die ersten Tage sehr gut selbst helfen können.

„Unsere Visby-Runde.“

„Unsere Visby-Runde.“

„Unten links eines der ältesten erhaltenen Holzhäuser. Das Leben hier in den engen Gassen ist beschaulich.“

„Unten links eines der ältesten erhaltenen Holzhäuser. Das Leben hier in den engen Gassen ist beschaulich.“

Unsere Visby-Altstadtrunde starten wir diesmal unten am Hafen an der Uni und dem Park und laufen im Uhrzeigersinn mehr oder weniger an der Stadtmauer entlang, um dann erst zum Schluß wirklich ins Zentrum zu körseln. Der kurze Weg vom Hafen zu Santa Katarina ist der Touristenhauptweg und dort liegt ein Restaurant neben dem anderen. Zwar stehen dort auch tolle alte Gebäude, aber das ganze Flair dient dort eher dem Tourismusgeschäft und ist nicht mehr so wirklich typisch und urwüchsig. Erstaunlicherweise erschöpft sich die Sightseeing-Laune der meisten Touristen schon auf dem Stora Torget, dem Marktplatz vor Santa Katarina. Nur noch wenige schaffen es bis zum Domkirche Santa Maria oder gar bis in die wunderbaren Gassen im nördlichen Teil Visbys rund um Santa Nicolaus und Santa Clemens.

„Bis auf den Dom wurden alle Kirchen von den Lübeckern zerstört.“

„Bis auf den Dom wurden alle Kirchen von den Lübeckern zerstört.“

„Die Stadtmauer, noch mehr Ruinen und ein noch älteres Häuschen.“

„Die Stadtmauer, noch mehr Ruinen und ein noch älteres Häuschen.“

Visby ist mitnichten eine tote Touristen- und Museumsstadt. Hier wird auch „ganz normal“ gewohnt und gelebt und nicht zuletzt bringt die Uni viel Buntes in die alten Stadtmauern. So schlendern wir langsam durch die alten Gassen und genießen es, diese fast allein für uns zu haben. Hinter fast jedem Haus und an fast jeder Ecke tut sich ein neuer überraschender Ausblick oder auch Einblick in die winzigen Gärten und Hinterhöfe auf. Es ist kaum vorstellbar, dass hier seit über tausend Jahren Menschen leben, handeln und Geschäfte machen. Und ebenso unvorstellbar ist es, dass es den Menschen und Völkern offensichtlich unmöglich ist, friedlich miteinander umzugehen und andere zu respektieren. Die ganze Geschichte von Visby ist durchzogen von Kämpfen um Vormacht und Zerstörung. Es gab zwar auch immer mal wieder Zeiten, in denen man sich arrangierte und die dann auch immer gleich zu Hochzeiten und Wohlstand führten, aber genau dann fand sich auch immer jemand, der dem Ganzen schnell wieder ein Ende bereitete.

„Der Dom blieb unzerstört, weil der Dom zur Gemeinde der Kaufleute gehörte, die mit Lübeck kooperierten.“

„Der Dom blieb unzerstört, weil der Dom zur Gemeinde der Kaufleute gehörte, die mit Lübeck kooperierten.“

„Die Glasfenster zeigen Visby in seinen Mauern und während eines verheerenden Stadtbrandes“

„Die Glasfenster zeigen Visby in seinen Mauern und während eines verheerenden Stadtbrandes“

„Der Dom ist nordisch prachtvoll und der Glaube an die Ehrlichkeit den Menschen noch ungebrochen.“

„Der Dom ist nordisch prachtvoll und der Glaube an die Ehrlichkeit den Menschen noch ungebrochen.“

Seit Anbeginn waren die Deutschen in Visby und auf Gotland sehr engagiert. Anfangs nur saisonal in der Handelssaison, dann aber auch dauerhaft, so dass hier in Visby die echten Gotländer, die deutschstämmigen Handelsleute, die permanent in Visby lebten, die deutschstämmigen Händler, die nur temporärer hier lebten und der Rest der Handelswelt unterschieden wurden. Alle hatten unterschiedliche Rechte, speziell im Handel mit Russland, bzw. Nowgorod. Und weil das alles noch nicht genug Spannungen mit sich brachte, lehnte sich auch noch die Landbevölkerung gegen die arroganten und reichen Visbyer auf, dies allerdings auch mit freundlicher Unterstützung der schwedischen Krone, denn die Händler aus Visby waren eigenständig und hatten mit der schwedischen Krone nicht so viel und nicht so gerne etwas am Hut.

„Ausblick vom östlichen, höheren Teil der Stadtmauer.“

„Ausblick vom östlichen, höheren Teil der Stadtmauer.“

Durch diese Spuren des Handels und vor allem auch noch den Spuren der Zerstörungen aus dem Anfang des 16. Jahrhunderts durch die Lübecker Handelsgilde, die wollten nämlich den Russlandhandel über Visby lieber mit ihren eigenen Leuten abwickeln, schlendern wir nun heute im 21. Jahrhundert. Und das die Altstadt von Visby so vielfältig erhalten ist und schon so früh geschützt und renoviert wurde, ist nicht zuletzt dem Umstand zu verdanken, dass man schon Anfang des 20. Jahrhunderts die ganze Altstadt unter Denkmalschutz stellte.

„Der Marktplatz vor Santa Katarina.“

„Der Marktplatz vor Santa Katarina.“

Wir genießen diesen Tag und das Wetter spielt dieses Mal auch außerordentlich gut mit, wie eigentlich schon in unserem ganzen Urlaub ?. Wir können uns ehrlich gesagt nicht mehr erinnern, wann wir schon mal so viele Photos mit blauem Himmel innerhalb von nur einem Dreiwochenurlaub gemacht haben.

„Einige der Kirchenruinen sind nur auf eigenes Risiko zu betreten, aber das Risiko lohnt sich.“

„Einige der Kirchenruinen sind nur auf eigenes Risiko zu betreten, aber das Risiko lohnt sich.“

„Tolle Perspektiven...“

„Tolle Perspektiven…“

„Verschiedene Baustile aus den unterschiedlichen Jahrhunderten nebeneinander.“

„Verschiedene Baustile aus den unterschiedlichen Jahrhunderten nebeneinander.“

Als wir dann nach unserem verspäteten Mittagsschläfchen im Cockpit sitzen, läuft die MOMO Hersbruck ein. Irgendwie kommt mir diese Alu-Yacht bekannt vor und alles an und auf der MOMO brüllt „Langfahrtensegler“! Also google ich mal schnell nach meiner Erinnerung und tatsächlich, die kenne ich schon aus dem Internet. Es ist schon witzig, mal die Menschen mit ihrem Schiff in natura zu sehen, die man ansonsten nur aus dem Internet kennt (www.sy-momo.de). Jutta und Heiko haben schon ganz viel von dem gesehen, was wir auch noch mal sehen wollen, speziell Nordamerika, Canada und die großen Seen, und sind nun wieder mal in der Ostsee unterwegs.

„Die MOMO Hersbruck mit Jutta und Heiko.“

„Die MOMO Hersbruck mit Jutta und Heiko.“

„Und ….., man soll's kaum glauben, auch in Visby gibt es Sundowner.“

„Und ….., man soll's kaum glauben, auch in Visby gibt es Sundowner.“

in Visby
57° 38′ 16,5″ N, 18° 17′ 13,3″ E