alles und noch viel meer


Ganz langsam kommt nun auch bei uns an, dass etwas ganz Neues in unserem Leben begonnen hat. Die Arbeit haben wir ja schon am 06.04. endgültig für 6 Monate hinter uns gelassen und verabschiedet haben wir uns auch schon von fast allen. Noch einmal fahren wir zurück nach Hause, bringen Henry zu Lin und fahren dann mit dem Zug wieder hoch zur PINCOYA. Bei uns selbst ist die ganze Dimension dieses Augenblicks noch gar nicht angekommen. Denken können wir das natürlich schon, aber fühlen können wir das noch nicht. Speziell am letzten Wochenende und auch schon in der Woche davor, ist das alles in dem Heizungsproblem untergegangen.

Und nun stecken wir das erste Mal unseren Kopf aus dem Whirlpool dieser Ereignisse und sehen vor uns das Leben, das so viele Jahre immer nur ein Fixpunkt am Horizont war. Wenn alles gut läuft und wir bei unserem Plan bleiben, werden wir die nächsten 5 Sommer immer wieder dieses Aufbruchsgefühl haben, denn wir möchten nun jeden Sommer 6 Monate auf dem Wasser sein und segeln. Theoretisch können wir dann auch immer wieder über den Winter arbeiten, aber ob das klappt, wird sich in diesem Herbst zeigen. Doch wir werden nie wieder so richtig volltags und vollgas arbeiten. („vollgas“ hatte die Rechtschreibkorrektur als Ersatz für „volltags“ vorgeschlagen und das fand ich so treffend, dass ich das gleich mal übernommen habe.) Diese Zeit des „Vollgasarbeitens“ ist nun vorbei, das hat sich mit diesem Jahr definitiv in unserem Leben verändert. Der Hauptfokus liegt nun auf dem Fahrtensegeln und nicht mehr auf der Arbeit. Und das ist der grundsätzlich große Unterschied, denn genau da hat es sich gedreht. Wie Rente fühlt sich das nicht an. Wie sollte es das auch? Ich hätte bis zur Rente ja ohnehin noch einige Jahre und Astrid sowieso. Wir fühlen uns auch nicht wie Aussteiger, denn wir sind nicht ausgestiegen. Eigentlich sind wir nur umgestiegen. Umgestiegen hin zu anderen Lebensschwerpunkten. Etwas Anderes und Neues machen, neugierig sein und schauen, was passiert, was sich ergibt und was uns gefällt. Deswegen muss unser Plan auch nicht so kommen, wie wir ihn jetzt haben. Das einzige Fixum ist nur, dass es nun anders wird und dass das Fahrtensegeln dabei eine ziemlich große Rolle spielt.

Eine wichtige Grundzutat für diesen neuen Abschnitt ist uns allerdings auch schon mal gleich abhanden gekommen. In den letzten Wochen und Monaten und besonders in den letzten Tagen haben wir das richtige Maß für die notwendige Ruhe und Gelassenheit etwas aus den Augen verloren. Und genau die war es eigentlich, die wir gegen die Autobahngeschwindigkeit des „normalen Lebens“ eintauschen wollten. Wir wollten nur noch los los los und alle fragten, wann wann wann brecht ihr denn nun eigentlich auf.

Und wir haben gemerkt, dass wir bereit sind, uns immer noch selbst zu hetzen, obwohl der Kopf beschlossen hatte, dass genau das nun eben nicht mehr so sein soll. Wenn man segelt, besonders wenn man als Fahrtensegler unterwegs ist, lebt man zwangsläufig mit der Langsamkeit und mit der Natur. Gegen die Natur geht es nicht, man muss mit den Kräften der Natur leben. Im normalen Alltagsleben spielt die Natur fast gar keine Rolle mehr, alles geht und zwar sofort und immer zu jeder Zeit. Wenn man sich in und mit der Natur bewegt, ist das nicht so, denn man kann es nur zusammen mit der Natur machen und nicht dagegen. Ein Dagegen wäre im besten Fall sehr unangenehm, kann aber auch ordentlich in die Hose gehen.

„Kein Wetter zum Aufbrechen!“

„Kein Wetter zum Aufbrechen!“

So ist es am Ende eigentlich ein Glücksfall, dass uns der stürmische und saukalte Ostwind ab Dienstag in Heiligenhafen festnagelt. Da dieses Mistwetter kein Abfahrtswetter ist, schon gar nicht in Richtung Osten, wo der arktisch fiese Wind ja herkommt, bekommen wir eine Extra Lektion an Abwartedemut, die ganz gut für unsere Überschallaufbruchsgefühle ist.

So räumen wir erst einmal alles in Ruhe auf und kaufen ein. Dann fahren wir Henry nach Hause zu Lin und bleiben gleich zwei, statt eine Nacht, denn die kleinen Enkel freuen sich jetzt schon auf Oma und Opa. Und so hat auch das Wetter noch etwas Zeit, es sich noch einmal zu überlegen und wir haben genug Zeit, den Start in unseren neuen Lebensabschnitt noch einmal in Ruhe von allen Seiten zu betrachten.

fast schon am Start in Heiligenhafen / Ortmühle
54° 22′ 20,4″ N, 11° 00′ 15,7″ E