Bastelzeiten IV


Als wir am Freitagabend ankommen, bläst es ganz ordentlich. Neugierig schalten wir die Geräte ein, aber da ist kein Wind! Hä? ? Draußen weht es echt munter vor sich hin ?, aber auf unseren Anzeigen herrscht Windstille ?! Und es ist noch viel schlimmer, auch die Tiefe und Wassertemperatur sind weg und für die Geschwindigkeit sehen wir keine 0,0, sondern nur einen Strich ?. Astrid checkt die Fehlermeldungen des NMEA-Netzwerks. Die Zahl ist 6-stellig ?. Eine 6-stellige Zahl als die Anzahl von fehlerhaften Paketen in einem Netzwerk ist höchst unbefriedigend, erklärt aber auch spontan den abhanden gekommenen Wind und die übrigen vermissten Daten.

„Mitten durch! Wirklich perfekt getroffen!“

„Mitten durch! Wirklich perfekt getroffen!“

“Oh manno, letzte Woche ging doch alles noch!” Als dieser Gedanke durch meinen Kopf huscht, bleibt irgendetwas auf Höhe der Worte “letzte Woche” hängen. Während Astrid noch nach einer natürlichen Erklärung für den unwahrscheinlichen Fall eines plötzlichen Wind- und Tiefenverlustes sucht, suchen meine Hände wortlos den Kreuzschlitzschraubenzieher, der eigentlich Dreher heißt, weil er nix zieht, sondern nur dreht, was aber die Dramatik dieser Situation nun auch nicht weiter verschärft.
Wortlos drehe ich die Spaxe aus Blende, hinter der sich der Außenlautsprecher verbirgt. Als ich die letzte Schraube unbemerkt herausgedreht habe, ruft Astrid: “Es geht wieder, siehste!” Als sich Astrid dann umdreht, halte ich ihr wortlos die Schraube entgegen und sie sagt schon wieder dieses Wort mit “sch”! Das Kabel hinter dem Panel offenbart die befürchtete Befürchtung in ihrer ganzen Schönheit. Ich Depp habe letzte Woche als letzte Amtshandlung die Panelschraube mitten durch das NMEA-Kabel gedreht.

Was für ein Mist! Und wenn so ein Mist passiert, dann kann das nicht warten. Ich könnte eh nicht schlafen und die ganze Nacht würden mich die toten Anzeigen und das kleine Löchlein im Kabel blöde angrinsen und schlaflos wachhalten. Also fummeln wir im letzten Freitagabendlicht alles auseinander. Am Ende haben wir doch noch ein Riesenglück, denn wir können das Kabel an dem Schraubloch kürzen. Es ist dann immer noch gerade lang genug und wir müssen es nicht komplett austauschen. Gegen 22:00 geht dann wieder alles und der Wind ist wieder in der Anzeige und all der Rest, einschließlich des Radar, geht auch wieder. Man gut, aber den Freitagabend hatten wir uns anders vorgestellt.

„Unser Kompass hat nach 25 Jahren eine Blasenschwäche ?, da gönnen wir uns wohl mal einen neuen.“

„Unser Kompass hat nach 25 Jahren eine Blasenschwäche ?, da gönnen wir uns wohl mal einen neuen.“

„Irgendwie muss da alles rein….“

„Irgendwie muss da alles rein….“

Am Samstag ist dann die erste Stellprobe für den Tagestank. Der Tagestankeinbau ist auch schon wieder eher ein Großprojekt. Inzwischen haben wir zwar alle Teile zusammen, aber nun muss auch noch alles irgendwie in der unteren Etage der Backskiste und im Motorraum seinen Platz finden. Es dauert etwas, bis wir eine Lösung für das Wo und Wie gefunden haben. Dann passen wir die Halterungen für die Pumpe und den neuen Dieselfilter ein und bohren die Durchbrüche für die Schläuche. Zuhause hatten wir schon alles vorbereitet, aber eben nur so weit, wie ein Ausmessen es hergibt. Die Realitäten auf einem Schiff sind dann ja doch immer noch etwas spezieller. Nachdem alles eingepasst ist, packen wir den ganzen Kram wieder zusammen, um die Holzteile final zuzusägen, zu verstärken und zu lackieren. Der Tagestank selbst bleibt an Bord, der ist fertig, denn der hat schon einen weiteren Schlauchstutzen für den Zulauf via Pumpe bekommen. Wieso so ein Tank nicht gleich alle notwendigen Zu-, Über-, Rück- und Ansaugstutzen bekommt, die man immer braucht, bleibt das ewige Geheimnis des Tankherstellers.

„Unbequeme Lage, Gott sei Dank, dass unsere Backskisten doch so groß sind“

„Unbequeme Lage, Gott sei Dank, dass unsere Backskisten doch so groß sind“

Und weil der Motorraum gerade so schön offen ist, wechseln wir noch schnell den Impeller und machen einen Ölwechsel. Der Ölfilterwechsel sorgt dabei wieder für eine Riesensauerei. Immer wieder kann ich mich über diese Obermotordeppen von Volvo aufregen, die offensichtlich volltrunken von selbstgebrannten, schwedischen Blaubeerschnaps den Ölfilter über Kopf eingebaut haben. Ein Ölfilterwechsel ohne Sauerei ist so absolut unmöglich! Da haben sie wirklich ganze Arbeit geleistet.

„Vor dem Unfall….“

„Vor dem Unfall….“

Den Rest vom Sonntag verbringen wird dann mit einer schnellen Justierung des steuerbordseitigen Unterwants. Auch das geht reibungslos, bis Astrid zum falschen Zeitpunkt am falschen Platz unter der Saling steht. In diesem Moment löst sich meine Holzkonstruktion und knallt Astrid saublöde, aber an Ende doch noch irgendwie glücklich, denn es hätte noch viel schlimmer kommen können, auf den Steg ihrer Brille auf die Nasenwurzel. Der Metallrahmen ihrer neuen Brille ist schärfer als die Nase aushält. Als letzte, schnelle Amtshandlung wirft Astrid noch geistesgegenwärtig meine Sicherung im Mast los, denn ich hänge ja oben. Gott sei Danke haben wir noch etwas von der Familienpackung Zewa vom letzten Wochenende über.
Nun reicht es aber auch wirklich! Wir bzw. eher Astrid hat echt eine Pechsträhne, so kann es nicht weitergehen. Jedes Wochenende ein Unfall und dabei ist jahrelang nichts passiert. Astrid ist im wahrsten Sinne des Wortes ziemlich angeschlagen. Nachdem sie erstversorgt ist, mache ich schnell noch den Rest fertig, auch dieser Sonntag ist damit vorzeitig gelaufen ?.

Erst die Finger, dann die Nase, ihre Kollegen werden am Ende das Segeln noch für eine Risikosportart halten.


in Bremerhaven im Jaich
53° 32′ 52,6″ N, 08° 34′ 11,6″ E