von São Miguel nach Terceira – Ein Tagestörn 😎


Ponta Delgada, São Miguel -> Praia da Vitória, Terceira Start: 7:15 Ende: 22:45 Wind: NE 13 – 17 kn Distanz: 91,7 sm Gesamtdistanz: 1,819,7 sm

„von Ponta Delgada auf São Miguel -> nach Praia da Vitória auf Terceira“

„von Ponta Delgada auf São Miguel -> nach Praia da Vitória auf Terceira“

Kurz vor dem Wecker weckt uns das Dröppeln des Regens. In den Reiseführern steht ja, dass es auf den Azoren jeden Tagen alle vier Jahreszeiten gibt. Das ist auch richtig, aber jeder verschweigt die Tatsache, dass der April mit seinem Wetter deutlich vorn liegt.

Zum Kaffee gibt es die aktuellen Wettervorhersagen. Diesmal laden wir die Grib-Files inkl. der Regeninfos herunter, schließlich haben wir ja nun für 30 Tage Unlimited und da können wir mal aus dem Vollen schöpfen. Draußen prasselt in vorauseilendem Gehorsam schon mal der Regen, der erst noch kommen soll. Insgesamt soll es den ganzen Tag feuchtfröhlich zugehen, denn der Regen soll uns begleiten. So lassen wir das Rainimi oben, denn eine Sonne, die es wieder zum Bimini machen könnte, soll es eh nicht geben.

An den Gesamtaussichten hat sich wenig geändert. Aus Nordwest kommt uns eine Hochbrücke entgegen, die den Nordost gegen Mitternacht als Nord einschlafen lässt, um ihn nach einigen Stunden als West wieder aufleben zu lassen. So zumindest die Vorhersagetheorie. D.h im Klartext, wir fahren gegen Mitternacht in eine Flaute und haben den Wind dann zunehmend auf der Nase. Kalkulieren wir mit einem frühen Start, so gegen 7:00, und einem Durchschnitt von 5 Knoten, denn wir werden Gegenstrom haben, dann haben wir bis Mitternacht bestenfalls 85 Seemeilen geschafft. Bis Velas auf São Jorge liegen aber 135 Seemeilen vor uns, da fehlen dann also noch gut 50 verträumte Seemeilchen. Also disponieren wir um. Unser Segelschnitt für dieses Jahr liegt bisher bei 95% und ohne Not wollen wir daran auch gar nichts ändern. Und 50 Motormeilen bzw. eben 10 Stunden unter Motor halten unsere Nerven eh nicht aus. Also Terceira. Im Osten von Terceira liegt Praia da Vitória, bis dahin sind es knapp über 90 Seemeilen und dort soll man zudem auch noch gut ankern können.

„Trübe Ausfahrt von Ponta Delgada“

„Trübe Ausfahrt von Ponta Delgada“

Die folgenden Startvorbereitungen sind tropfnass. Zudem haben wir gestern noch die Schuhe 🙄 und auch die Handtücher draußen vergessen. Ich stopfe alles in unsere Einkaufskiste und lasse die einfach so nass, wie sie ist, in der Backskiste verschwinden. Mal sehen, wann wir das alles mal wieder trocken kriegen. Auch die Festmacher und die Segelpersenning triefen. Die Sitzkissen sind auf den Azoren eh ständig nass. Die müssen dafür auch gar nicht mehr im Regen liegen, das Salz reicht aus, um genügend Wasser aus der Luft anzuziehen. Zum Ablegen hat der Regen allerdings ein Einsehen. Dafür schwappt und ruckt es schon die ganze Nacht in der Marina hin und her. Die Marina von Ponta Delgada ist berühmt für ihren Schwabbelschwell. Wir müssen den richtigen Zeitpunkt erwischen, um aus der Box zu verschwinden. Ein Schwabbelschwupp mit losen Festmachern reicht und wir sitzen der Sancara auf der Pelle oder kratschen am Fingersteg entlang. Es ist wie beim Auspendeln. Zwei rechts, zwei links und dann vielleicht mal eine ruhige Phase. Doch wir haben Glück, Reinhard von der Sancara kümmert sich um unsere Vorleinen, Astrid um die Springs, ich mache die Heckleine. Alles muss im richtigen Moment schnell und gleichzeitig losgeworfen werden, dann geht es vor dem nächsten Schwabbelschwupp beherzt rückwärts. In normalen Häfen sind wir ja autark, aber bei so einem Schwurbelgeschwabbel sind helfende Hände schon gut.

„Bunte Flecken“

„Bunte Flecken“


Draußen erwartet uns ein grautrübes, aber doch etwas löcheriges Etwas.

„Wolkenbilder“

„Wolkenbilder“

Durch einige dieser Löcher fädeln sich Sonnenstrahlen und lassen bunte Regenbogenschnipsel aufleuchten. In der Abdeckung von São Miguel geht es nur zäh voran. Die dicksten Wolken sind an den Bergen hängen geblieben und scheinen sich uns unter dem Gedränge des Nachschubs aus Nordosten immer weiter in den Weg schieben zu wollen.

„Die Dicken hängen am Berg ab...“

„Die Dicken hängen am Berg ab…“

„Getroffen!“

„Getroffen!“

Aus einem leichten Schüttregen wird eine Sintflut und im Lee der Berge verstirbt der wenige Wind vollends. Das Plätschern und Gurgeln kommt nun nur noch von den Lenzöffnungen am Sülbord, die ihre liebe Not damit haben, die Regenmassen adäquat verschwinden zu lassen.

„Erst nur Sprühregen, aber dann ...“

„Erst nur Sprühregen, aber dann …“

„Regen Regen Regen“

„Regen Regen Regen“

Also drehen wir die Genua weg und starten etwas genervt den Motor. Nun ja, wenigstens 6 der 90 Seemeilen sind ja schon mal geschafft. Dann Westwind, der spontan über Süd in einer gewagten Drehung in einen Nordwest übergeht. Das alles ist nicht gerade optimal. Wir beschließen, noch um die westliche Ecke von São Miguel zu gucken. Wenn dort dann kein ordentlicher Nordost weht, werden wir umdrehen. Solch ein Theater müssen wir uns nicht antun.


Von jetzt auf gleich packt uns am Ponta da Ferraria, dort, wo auch die heißen Quellen das Atlantikbaden angenehm machen, der Nordost. Von den Thermalen können wir nicht viel sehen, alles ist in einem Grau in Grau gehalten. Außerdem meint es der Nordost gleich so gut mit uns, dass wir gar keine Zeit haben, genauer hinzusehen. Die Wellen sind ruppig, aber grundsätzlich passt die Richtung. Wir rollen erst die Genua etwas ein und dann bekommt auch das Groß sein erstes Reff. Da der Wind zum Abend hin auf Nord drehen soll, gehen wir höher ran und suchen uns einen Winkel zu Wind und Wellen, der unsere dicke Erna noch gut laufen lässt. Und sie läuft!

„Wieder nicht getroffen, aber es waren ganz ehrlich 4 Pilotwale. Ich hätte auch 10 schreiben können, daran sieht man, dass es die Wahrheit ist 😇.“

„Wieder nicht getroffen, aber es waren ganz ehrlich 4 Pilotwale. Ich hätte auch 10 schreiben können, daran sieht man, dass es die Wahrheit ist 😇.“

Trotz Gegenstrom hält sie sich wacker bei 6 kn. Der Wind ist kräftig, aber in den Wellen und gegen den Strom brauchen wir den auch dringend. Um uns herum ziehen immer mal wieder dicke Regenschauer auf, aber wir bleiben weitgehend verschont. Ab etwa der Hälfte der Strecke wird der Gegenstrom merklich geringer und die Wellen verlängern sich. Und dann beginnt eine Rauschefahrt, die Stunde um Stunde anhalten soll. So ein phantastisches Segeln bekommt man nur selten. Wir fressen eine Seemeile nach der anderen. Alles spielt sich zwar wieder zwischen 50 und 60° am Wind ab, dadurch liegen wir ziemlich auf der Backe, doch es sind nur wenige blöde Wellen dabei, die unsere dicke Erna aus dem Takt bringen. Und wir beginnen zu rechnen – eine Ankunftszeit vor 24 Uhr scheint möglich zu sein. Und das, obwohl wir im Süden von São Miguel so viel Zeit verloren haben.

„Flotte Fahrt!“

„Flotte Fahrt!“

„Terceira voraus. Zugegeben ganz dünn und schwach am Horizont.“

„Terceira voraus. Zugegeben ganz dünn und schwach am Horizont.“

„Vor der Wolkenwand ist Terceira plötzlich nicht mehr zu sehen.“

„Vor der Wolkenwand ist Terceira plötzlich nicht mehr zu sehen.“

„Die Wolkenwand ist doch nicht so dick, wie wir geglaubt haben. Das Rot der untergehenden Sonne schimmert hindurch.“

„Die Wolkenwand ist doch nicht so dick, wie wir geglaubt haben. Das Rot der untergehenden Sonne schimmert hindurch.“

Lange Strecken fahren wir deutlich über 7 kn, aber immer sind es mehr als 6 kn. Es rauscht so wunderbar dahin, dass wir es kaum glauben können. Selbst, als der Wind zum Abend hin etwas schwächer wird, bleibt es bei 6 kn. Der Gegenstrom ist schwächer und wir können noch etwas mit dem Ausreffen der Genua wett machen. Zum Ausreffen des Groß sind wir zu faul, denn wenn es mit 6 1/2 läuft, kann man zufrieden sein. Erst 8 Seemeilen von Terceira können wir die Insel sehen. In der langsam untergehenden Sonne zeichnen sich die ersten Felsen im Dunst ab. Um 22:45 sind wir in der Einfahrt von Praia da Vitória und 15 Minuten später rattert unsere Ankerkette.

„Der Vollmond beleuchtet uns die Einfahrt.“

„Der Vollmond beleuchtet uns die Einfahrt.“

Damit, dass wir die 92 Seemeilen fast in einem Tagestörn abreißen, haben wir wirklich nicht gerechnet. Und das schon mal gar nicht nach dem doch eher schwachen Start. Nun muss morgen nur noch Sonne rauskommen, damit wir alles wieder trocknen können. Aber auf Terceira wollen wir ja ohnehin mal einige Tage bleiben und versuchen, den vollendeten Müßiggang zu pflegen. Das geht vor Anker immer am allerbesten und auch der Arm des Schiffsjungen braucht dringend etwas mehr Ruhe.

Praia da Vitória, Terceira, Azoren
38° 43′ 44,3″ N, 027° 03′ 18,6″ W