Saint Martin -> Saint Kitts -> Montserrat
Distanz: 117,3 sm – Gesamtdistanz 2025: 4.641,8 sm
Saint Kitts
Wann, wie und wo wir heute Abend ankommen, steht zwar nicht vollkommen in den Sternen, hängt aber dennoch von einigen Unwägbarkeiten ab. In jedem Fall können wir zufrieden sein, wenn wir Saint Kitts ohne viel Gezeter mit einem Segelschlag erreichen. Das weiter östlich liegende Antigua liegt zwar strategisch günstiger, wäre aber nur mit einigen Kreuzschlägen zu erreichen. Doch darauf sind wir gerade nicht mehr so besonders scharf. Über den Daumen gepeilt liegen etwa 70 Seemeilen vor uns, bis wir irgendwo im Westen von Saint Kitts den Anker fallen lassen können. Das ist nicht eben wenig für einen Segeltag, denn 70 durch 5 ergeben ansehnliche 14 Stunden, wobei wir einen Schnitt von 5 Knoten auch erst einmal hinbekommen müssen.
Um noch heute anzukommen, beschließen wir um 7:00 zu starten, doch im Endspurt des Morgens verlieren wir schon mal gleich die erste Stunde. Also 8:00. Doch egal, wir kommen ja eh im Dunkeln an und dunkler als dunkel kann es auch nicht werden.
Als wir starten, steckt ein leichter Nord im Ost. Das macht es einfach und schon bald halsen wir recht entspannt um die Nordwestecke Saint Martins und gehen auf Kurs.
Die Passage zwischen Saint Kitts und Sint Eustatius können wir ohne Probleme anhalten, doch der Wind soll später noch rechtdrehen, also etwas mehr aus Südosten kommen. Außerdem versetzt uns in der Abdeckung von Saint Martin der Strom auch noch kaum nach Westen. Um beides später ausgleichen zu können, gehen wir mit 40° so weit an den Wind, dass es noch ordentlich läuft, wir aber auch gut Höhe machen. Ein altes Seemannssprichwort besagt ja: »Sammle Höhe, wo es geht, bevor der Wind dann doch blöd dreht.« Und unser Kurs passt diesmal sogar ganz gut zu den Wellen. Das ist angenehm, denn allzu oft versauen die Wellen einem ja dann doch einen eigentlich guten Anwindkurs.
So läuft’s. Ab und zu sieht es zwar nicht ganz so gut für unseren Kurs aus, aber der Wind ist glücklicherweise mit seinen Drehungen nicht wirklich konsequent und so können wir nicht nur einmal den Verlust an Höhe kurz darauf schon wieder ausgleichen. Doch wirklich viel Spielraum haben wir nicht und so bleibt es fraglich, ob wir die Passage zwischen Saint Kitts und Sint Eustatius tatsächlich halbwegs elegant unter Segeln schaffen.
Bis auf einen Katamaran haben wir leider keine Mitstreiter. Nicht nur auf unserem Kurs ist es leer geworden, es ist unübersehbar, dass die karibische Nachsaison begonnen hat. Fast alle sind weitergezogen und von denen, die bleiben, sind die meisten auch schon in ihrem vermeintlich sicheren Hurricane Hole angekommen. Der erste Juni markiert so eine Art Deadline und mitten in den kleinen Antillen ist das auch gar nicht so unberechtigt, denn nur im Süden hat man noch eine gute Chance, sich in eine sichere Ecken zu verdrücken, wenn dann doch etwas Unangenehmes heranzieht.
Wie schwierig es sein kann, in eine bestimmte Richtung voranzukommen bzw. zu entkommen, haben wir ja nun zur Genüge erfahren. Wind und Strom passen ja oft genug doch nicht zu der Richtung, in die man segeln möchte. Das relativiert die Einstellung vieler Segler, die auf dem Standpunkt stehen, dass der katastrophale Teil eines Hurricane ja gar nicht so groß ist und man sich immer noch leicht in die eine oder andere Richtung verdrücken kann. Der Faktor Glück spielt bei der Bestätigung dieser Theorien eine durchaus tragende Rolle, auch wenn ein Hurricane sich gegen den Uhrzeigersinn dreht und im Herannahen für eher nördliche Winde sorgt.
Unser Mitstreiter tut sich schwer, den Kurs auf die Passage zu halten. Vielleicht kann er als Katamaran auch einfach nicht genug Höhe laufen. Wenn man in den Kleinen Antillen herumsegeln will, dann gehören raume Kurse nicht mehr zum Standard, denn von Süden nach Norden oder umgekehrt läuft es in den östlichen Trade Winds doch immer auf einen Halbwindkurs hinaus und der westsetzende Strom macht daraus dann auch gerne mal einen Anwindkurs.
Nordöstlich von Sint Eustatius ändert sich dann plötzlich der Kurs unseres Mitstreiters und seine Geschwindigkeit pendelt sich bei konstanten 6 kn ein. Es würde uns echt maßlos frustrieren, wenn wir unsere Ziele nicht unter Segeln erreichen können. Klar gelingt uns das auch nicht immer und ab und zu helfen wir auf den letzten Seemeilen auch mal nach, aber auch damit haben wir immer noch eine Segelquote von 80 bis 90%. Es macht schon einen riesigen Unterschied, ob man auf der Welt herumsegelt oder vor dem Wind um die Welt segelt.
Im Laufe des Nachmittags frischt der Wind etwas auf. Die 15 bis 20 kn kommen uns sehr gelegen, denn mit etwas mehr Speed können wir dem destruktiven Strom etwas besser Paroli bieten. Doch es dauert, bis wir wirklich an der nordwestlichen Ecke von Saint Kitts sind. Der Kapeffekt beschert uns zwar noch einige flotte Seemeilen, doch dann wird’s zäh. Inzwischen dämmert es und in der Abdeckung von Saint Kitts brauchen wir viel Geduld.
Saint Kitts ist überschwänglich beleuchtet und es dauert, bis sich die Bucht von Basseterre für uns nach Osten hin öffnet. Obwohl wir maximal an den Wind gehen, können wir dem Küstenverlauf nicht ganz folgen. Da wir eh weiter nach Süden wollen und der Wind inzwischen deutlich aus Ostsüdost kommt, entschließen wir uns, vor Christophs Harbour im Süden der Basseterre Bay zu ankern. Die Anfahrt des Anchorages nördlich der Marina Christophs Harbour ist einfach. Dort liegt nichts im Weg herum, man muss nur an die Küste heransegeln und seinen Anker fallen lassen.
Pünktlich zur Anfahrt frischt dann noch einmal der Wind etwas auf, sodass wir auf die Starkwindfock wechseln können. Mit der Starkwindfock auf der Selbstwendeschiene wird das Kreuzen zu einem Genuss. Mit drei schönen Kreuzschlägen erreichen wir unseren Ankerplatz und um 22:30 fällt nach 71 Seemeilen unser Anker. Es war ein schöner, aber auch wieder einmal ein langer Segeltag.
Montserrat und 😤
„Gleich morgens holten wir die Flaggenparade nach, die Gastlandflagge von Saint Kitts muss ja auch mal gelüftet werden.“
Ohne Internet müssen wir mit der Wettervorhersage leben, die wir noch von gestern haben. Es soll etwas windiger werden, doch insgesamt sollte es passen, um gut nach Montserrat zu kommen. Dort wollen wir dann drei Tage bleiben, offiziell einchecken und uns auch wieder eine lokale SimCard besorgen.
Die Kreuzschläge in der letzten Nacht haben Spaß gemacht und als die ersten 20er Böen auf dem Ankerplatz vorbeischauen, beschließen wir, gleich mal mit Starkwindfock und erstem Reff im Groß zu starten. Gestern haben wir wieder einmal zu lange gezögert. In unserer Segelabstufung würde ein Mittelding zwischen doppelt gereffter Genua und voll gesetzter Starkwindfock noch gut passen. Und dieses Gap lässt uns dann ab und an doch zu lange zögern. In der einen, wie auch in der anderen Richtung. Die Starkwindfock ist ein Kompromiss auf dem Weg zu wirklich viel Wind und hat etwas unterhalb von 20 Knoten True Wind eine Abdeckungslücke, die speziell dann zum Tragen kommt, wenn wir hart am Wind segeln. Genau dann, wenn die stark gereffte Genua eigentlich schon etwas viel ist, bietet die Starkwindfock noch nicht genug Vortrieb. So ist es oftmals schwierig, sich für das richtige Segel zu entscheiden, was natürlich auch von den Wellen und nicht nur vom Wind abhängt. Am Ende ist »etwas zu wenig« genauso blöd wie »etwas zu viel«. Doch so einfach diese Erkenntnis auch klingt, die Nachrüstung eines Lückenfüllers ist nicht wirklich trivial. Aufgrund der Rigg-Geometrie kriegen wir kaum etwas anderes unter, dazu müssten wir noch einmal richtig umbauen.
In der Abdeckung der südlichen Halbinsel von Saint Kitts und dann auch vor Nevis läuft es super. Die Wellen sind moderat und die 20kn True Wind bescheren uns voll und bei absolut passende 25 kn in den Segeln. Es ist ein herrliches Segeln und auch das Wetter spielt phantastisch mit. Selbst südlich von Nevis bleiben die Wellen friedlich, die Flachs lassen nur eine lange, wenn auch beeindruckende Dünung nach Westen durch. So kracht die PINCOYA nicht alle paar Minuten in ein Wellental, sondern hebt und senkt sich in der langen Dünung eher gutmütig.
Es läuft prima und wir genießen das schöne Segeln in vollen Zügen, bis der Wind etwas abnimmt. Und dann passiert es! Ein absoluter Klassiker »einer Verkettung unglücklicher Umstände«. Es ist müßig, nach dem zu suchen, was am Ende als »die« Ursache herhalten könnte. Getreu dem Motto “Hätte hätte Fahrradkette!”, verliert sich die Hätte-Kette in banalen Details aus verschiedenen Richtungen, die erst alle zusammen durch ihre unglückliche Verkettung zu dem Desaster werden, das ohne Glück noch schlimmer hätte enden können.
Denn hätten wir seinerzeit nicht das Cover für die Genua, um die Genua vor dem Schamfilen der Parasailor-Schoten zu schützen, etwas zu eng genäht, hätten wir keinen Dyneema-Vorlauf an den Genuaschoten gebraucht und dann hätten wir auch nicht die Barber Hauler der Genuaschoten lösen müssen, wenn wir hart am Wind segeln, und hätte der Schiffsjunge die Barber Hauler richtig weggebunden, hätte der Low Friction Ring nicht auf der schlagenden Genuaschot nach vorn rutschen können, doch hätte der Schiffsjunge den Sitz im Cockpit rechtzeitig aus dem Weg geräumt, hätte er die Genua durchaus schneller eindrehen können, und hätte die Capitana die Genuaschot straffer gehalten, hätte sie nicht so geschlagen, doch hätte die Capitana schon vorher etwas abgewartet und nicht schon bei 14 kn einen Segelwechsel toll gefunden, hätten wir die Genua gar nicht erst ausgerollt, um sie 5 Minuten später schon wieder einzurollen, und hätte die Capitana recht gehabt, wären nicht plötzlich schon wieder 23 kn Wind im Segel gewesen, und hätten wir beide mehr Geduld gehabt, hätten wir richtig hingesehen, dann hätten wir Fehler erkennen können. Haben wir aber nicht und so nimmt die Hätte-Kette ihren fatalen Verlauf in Richtung Desaster.
So liegen zwischen dem Setzen und Bergen der Genua kaum 5 Minuten. Der Wind legt schlagartig wieder zu, die PINCOYA holt kräftig über und die Genuaschoten schlagen beim Reffen brutal. Das alles passiert rasant schnell, auch wenn unsere Fehler im Nachhinein wie ein offenes Buch vor uns liegen. Der Low Friction Ring trifft zwei oder dreimal die Aufbauten des Decksalons und knallt dann wie ein fliegender Hammer mitten ins Seitenfenster.
Das Fenster ist aus gehärtetem Sicherheitsglas und zerspringt in abertausende Splitter. Nur gut, dass keiner von uns unter Deck ist, die Scheibe muss wie in einer Explosion zerborsten sein. Überall finden wir Splitter. Der komplette Salon ist bis in die hinterste Ecke übersäht und auch in der Pantry liegen die Splitter. Die größten Splitter haben etwa 5mm, der Rest ist kleiner bis hin zu staubartigen Splitternadeln, die sofort in der Haut stecken. Die Scheibe selbst ist gar nicht so groß, nur etwa 35 x 45 cm, aber die Sauerei ist grenzenlos.
Für Sekunden sind wir wie paralysiert, dann bricht der Ärger über unsere Dämlichkeit um so heftiger durch. Doch Ärgern hilft nichts! Das zerbrochene Seitenfenster liegt direkt über der Elektronikecke. Es gibt kaum eine Stelle, die ungünstiger sein könnte. Zum Glück regnet es nicht, doch Wind und Wellen sind auch nicht gerade schmusig und es ist nur eine Frage der Zeit, wann die nächste Gischt überkommt.
Da wir auf Steuerbordbug segeln, hat es die Steuerbordscheibe in Lee erwischt. Das ist zwar bei direkten überkommenden Wellen besser, aber alles Wasser fließt wegen der Schräglage dann eben doch über die Leeseite ab. Egal wie, wir müssen die kaputte Scheibe schnellstmöglich wieder dicht bekommen. Aber wie? Fieberhaft überlegen wir, was wir zur Reparatur nehmen könnten, doch wir haben nichts und schon gar nicht in der Größe, was wir von außen vor die kaputte Scheiben machen könnten. Mal ganz abgesehen von der Frage, wie wir das dann alles wieder dicht bekommen. Sonst hatten wir bisher in jeder schwierigen Situation immer irgendeine Idee, aber diesmal bleibt die rettende Idee aus. Nur eine neue Rolle Panzertape fahren wir seit den Kanaren spazieren, die muss nun erst einmal reichen.
Die PINCOYA lassen wir erst einmal laufen. Zwar nicht mehr ganz so hoch, aber immer noch gut auf Kurs Montserrat. Der Autopilot macht das schon, wir müssen uns nun um dringendere Sachen kümmern. Ich klemme mich zwischen Reling und Decksalon und Astrid assistiert und sichert die Scheibenreste von innen. Die äußeren Kanten sind noch so stabil, dass wir beschließen, sie zunächst zu erhalten. Doch das teure Panzertape klebt nur mäßig. Salz, Dreck und Feuchtigkeit lassen das Klebeband nur wie ein Kinderpflaster kleben. Sicher liegt immer wieder salzige Gischt in der Luft, doch von einem Klebeband, dass speziell für Notreparaturen gedacht ist, hätten wir schon etwas mehr erwartet. So kleben wir uns stückweise voran und trocknen die Klebeflächen nicht nur, sondern reinigen sie auch gleich noch mit Aceton. Doch das Abdichten bleibt schwierig und gelingt nur mäßig. Auch wenn das große Loch nun zu ist, richtig dicht wird es ganz bestimmt nicht sein.
Anschließend stabilisieren wir die ganze Geschichte noch von innen. Das hilf zwar, aber toll ist das alles nicht. Auf Montserrat müssen wir uns ein Provisorium einfallen lassen, mit dem wir gut nach Guadeloupe kommen. Auf Montserrat haben wir überhaupt keine Chance, irgendetwas zur Reparatur zu bekommen, deswegen hängen nun all unsere Hoffnungen an Guadeloupe.
Nach der zerborstenen Scheibe widmen wir uns der zweiten Katastrophe. Den Glassplittern. Es ist unglaublich, der komplette Decksalon ist übersäht. Zunächst saugen wir nur das Gröbste weg und befreien den Laufweg im Salon bestmöglich von den Splittern. Danach ist der Staubsauger eh voll 🙄.
Da unser Vertrauen in unser Provisorium nicht allzu hoch ist, decken wir die Elektronikecke noch zusätzlich mit Folie ab. Mehr geht dann erst einmal nicht. Der Rest kommt dann, wenn wir vor Montserrat vor Anker liegen.
„Redonda, die kleine Felsinsel zwischen Saint Kitts und Montserrat, die witzigerweise zu Antigua und Barbuda gehört.“
So geht’s weiter in Richtung Montserrat. Vor uns liegen noch 30 Seemeilen. Unser Kurs passt nicht ganz und am Ende müssen wir doch noch etwas kreuzen, denn ganz im Süden darf man wegen des durchaus noch aktiven Vulkans Soufrière Hills nicht ankern.
„Geschafft und noch etwas schockiert. Und dann auch noch komplett geduscht. Es hat wieder den Schiffsjungen erwischt.“
Der gesamte Süden von Montserrat ist Sperrgebiet. Ein Sperrgebiet, in dem auch die »ehemalige« Hauptstadt Plymouth liegt, die 1997 vollkommen zerstört aufgegeben werden musste. Doch obwohl dort niemand mehr wohnt und selbst das Betreten verboten ist, ist Plymouth nach wie vor die offizielle Hauptstadt der Insel Montserrat. Doch alle Ämter und Behörden sitzen schon seit 25 Jahren im Norden der Insel in der kleinen Stadt Brades und in der Little Bay baut man an einer neuen Hauptstadt und an einem neuen Hafen.
So steuern wir die Old Road Bay an, die etwas weiter im Nordwesten und knapp außerhalb der Sperrzone liegt. Guadeloupe direkt anzulaufen, ist keine Option. Für eine Nachtfahrt ist unsere provisorische Reparatur dann doch etwas zu provisorisch. Selbst wenn wir vorsichtig segeln, wird es ohne Frage irgendwann beginnen zu schütten und dieses unberechenbare Theater wollen wir dann nicht unterwegs haben.
Der Anker hält sofort. In der Dämmerung zwitschern die Vögel, was in der Karibik schon einigermaßen bemerkenswert ist. Mit Einbruch der Dunkelheit übernehmen dann die Zikaden und Grillen das Nachtkonzert. Wer von beiden hier nun so lautstark zirpt, wissen wir nicht, aber die ganze Bucht ist erfüllt davon.
Spontan gefällt uns Montserrat. Es ist grün und irgendwie dschungelig, doch leider haben wir nun Wichtigeres zu tun, als die Insel zu erkunden. So sitzen wir im Cockpit und lassen all den Mist von heute noch einmal Revue passieren. Irgendetwas muss uns noch einfallen und vor allem müssen wir die restlichen Splitter beseitigen, bevor wir sie zu tief in den Teppich treten. Die großen Stücke sind nicht das Problem, aber überall stecken und stechen noch kleine und kleinste Splitter, die spitz wie Nadeln aus dem Teppich gucken.
Es ist nichts Passendes zu finden …
Und natürlich beginnt es in der Nacht zu schütten und natürlich ist unser Provisorium nicht dicht. Mit Handtüchern, noch mehr Klebeband und noch mehr Folie verhindern wir zwar Schlimmeres, aber so geht das alles überhaupt nicht. Das Wasser findet problemlos immer wieder neue Wege und wir sind froh, als es weit nach Mitternacht endlich aufhört zu regnen.
Am Morgen ist es freundlich und glücklicherweise bleibt es auch den ganzen Tag über trocken und sonnig. So sind wenigstens die Reparaturvoraussetzungen gut, doch der Rest erweist sich als äußerst schwierig. Wir haben einfach nichts Passendes, um eine Scheibe auch nur provisorisch zu reparieren. Das ist doppelt ärgerlich, weil wir im Vorfeld durchaus über einen solchen Fall nachgedacht haben. Und auf der Einkaufsliste für Reparaturen stehen auch noch die Makrolon-Scheiben, nur dort stehen sie heute noch🥺 und haben es nie aus der Liste bis auf die PINCOYA geschafft. Wie einfach wäre es gewesen, einige Makrolon-Stücke unter eine der Matratzen zu legen.
So durchsuchen wir das ganze Schiff, um irgendetwas zu finden, was wir für eine Reparatur verwenden könnten. Um die kaputte Scheibe abzudecken, bräuchten wir eine wie auch immer geartete Platte von wenigstens 35 x 45 cm. Doch es ist wie verhext, nichts passt und ist groß genug. Am Ende fällt uns der Windschutz für unseren alten Grill in die Hände. Glücklicherweise haben wir den nicht mit dem Grill von Bord genommen. Der passt zwar auch nicht, aber aus den Einzelteilen stückeln wir uns mehr schlecht als recht eine Platte zusammen, die wenigstens halbwegs in den Rahmen passt.
Und »halbwegs« trifft da den Nagel auf dem Kopf, denn was wie ein Rechteck aussieht, entpuppt sich am Ende doch als Salmi. Es ist kein wirklich schrecklicher Salmi, doch wenige Zentimeter reichen ja aus, um hinreichend schief zu sein. Dass unsere Ausstellfenster nicht rechteckig sind, war uns bisher gar nicht aufgefallen, doch unser Navigationsdreieck bleibt kompromisslos dabei, dass es nicht einen einzigen rechten Winkel gibt.
Zunächst beseitigen wir das restliche Bröselglas, das noch im Rahmen steckt. Dann bauen wir den Rahmen des Klappfensters ganz aus, was sogar recht problemlos gelingt, obwohl der Rahmen dort ja nun schon vor 30 Jahren eingebaut wurde. Das Einpassen unseres Holzplattenprovisoriums ist fummelig, aber mit vier Händen und einigem Klebeband lassen sich auch rechtwinklige Holzplatten in einem Salmi-Rahmen bändigen.
Nach dem Wiedereinbau sieht die ganze Sache schon mal etwas professioneller aus und erweckt den Anschein, wenigstens etwas dichter zu sein. Doch die Gesamtkonstruktion ist fragil und erst nach einigen Nachbesserungen können wir wieder beruhigt liegen bleiben, wenn es draußen wieder einmal schüttet.
Um 16:00 sind wir fertig. Von Montserrat selbst haben wir nichts gehabt, doch wir können nun auch nicht noch ein oder zwei Tage länger bleiben. Morgen ist Sonntag und wir wollen schnellstmöglich nach Guadeloupe, um noch viel von der Woche zu haben, um etwas für die Reparatur aufzutreiben. Doch erst in Guadeloupe haben wir auch wieder Internet und können überhaupt erst einmal recherchieren, wo wir vielleicht Plexiglas bekommen könnten. Und das wird es wohl eher nur in Point-à-Pitre geben. Das bedeutet im besten Fall zwei und im wahrscheinlichen Fall drei Segeltage. Und dann ist es eben schon Mittwoch und die halbe Woche ist schon wieder um. Wir dürfen also keine Zeit verlieren, sonst ist schon wieder Wochenende, bevor wir irgendetwas hinbekommen haben.
Als letztes justieren wir noch einmal den Reffgurt des Fucknor Flat-Deck-Furler nach. Auch dieses Mistsystem ist auf dem besten Weg, dem Schiffsjungen den letzten Nerv zu rauben. Von einem entspannten Cruising kann im Augenblick nicht wirklich die Rede sein. Sicher haben wir unseren Teil dazu beigetragen, doch ganz so dick muss es ja nun auch nicht kommen. Es hätte ja durchaus gereicht, dass wir uns zeitlich verkalkuliert haben und das Wetterglück nicht gerade auf unserer Seite ist.
Am Nachmittag schaut dann noch die Coast Guard bei uns vorbei. Business as usual und ignorieren hilft nichts, per Lautsprecher werden wir gebeten, unseren Funk anzustellen. Hmm …, genau das hat uns jetzt noch gefehlt. Erstens haben wir nicht eingecheckt und zweitens haben wir noch nicht einmal die richtige Gastlandflagge gesetzt. Denn weil wir gar keine Gastlandflagge von Montserrat haben, haben wir was ähnliches herausgesucht. Die Gastlandflagge der BVIs passt da ganz gut, denn die beiden Flaggen unterscheiden sich nur durch ihr Wappen. Das fanden wir dann absolut ausreichend für so einen kurzen Besuch.
Doch die Coast Guard interessiert das alles nicht. Sie wollen nur wissen, woher und wohin und wieviele Personen an Bord sind. So müssen wir gar nicht die Emergency-Karte für irgendwelche Erklärungen ziehen und können endlich zusammenpacken, aufräumen und den Tag ausklingen lassen. Und morgen geht’s gleich weiter, denn nun steht nicht mehr nur das Antifouling in Martinique auf dem Programm, sondern auch noch die Suche nach einer Plexiglas-Scheibe.
White House Bay, Saint Kitts
17° 15′ 10,7” N, 062° 39′ 47,1” W
Old Road Bay, Montserrat
16° 44′ 21,2” N, 062° 14′ 06,2” W



































