Hart am Wind bis Saint Martin


North Sound, Virgin Gorda, BVI -> Marigot Bay, Saint Martin
Distanz: 131,3 sm – Gesamtdistanz 2025: 4.524,5 sm

„Der erste Tag auf dem Weg nach Saint Martin“

„Der erste Tag auf dem Weg nach Saint Martin“

Es war eine gute Entscheidung, am Mittwoch noch nicht aufzubrechen. Im Laufe des Tages nimmt der Wind zwar ab, doch von unserem Ankerplatz aus können wir prima sehen, wie weiß es draußen immer noch ist. Und da wir am Dienstag unter Segeln hier angekommen sind, brauchen wir keine Phantasie, um uns auszumalen, wie ungemütlich es da draußen ist. Die Erinnerung reicht da völlig. Denn als am Dienstag unser Anker gefallen war, waren wir uns einig, dass eine eineinhalbstündige Kreuz bei solchen Bedingungen durchaus reicht 🤔 und man gar nicht mehr davon haben muss 🙂.

„Der North Sound auf Virgin Gorda. Etwas mehr Zeit wäre schon schön gewesen.“

„Der North Sound auf Virgin Gorda. Etwas mehr Zeit wäre schon schön gewesen.“


Doch auf der anderen Seite müssen wir auch mal loskommen. Und das nicht nur, weil wir schon ausgecheckt haben und nun nur noch inkognito hier sind. Das Wetter hat absehbar ohnehin nichts Besseres zu bieten. Eher im Gegenteil, denn es soll zum Wochenende schon wieder schwieriger und windiger werden und zu allem Überfluss sollen sich dann auch noch einige Gewitter dazugesellen. Das ist nichts, worauf man sich bei so einer Überfahrt freut. So bleiben uns nur der Donnerstag und Freitag, bevor zum Wochenende schon wieder das große Theater losgeht.


Kurz bevor wir aufbrechen, bekommen wir noch eine eMail von Marty aus Martinique. Bei Marty hatten wir das Antifouling bestellt und uns für Mitte Mai angekündigt. Doch nun ist es schon Mitte Mai und er fragt, wann wir denn genau in Fort-de-France sein werden. Hmm 🙄… Gute Frage! Das steht zwar nicht komplett in den Sternen 💫🌟, aber so genau wissen wir das nun auch noch nicht. Inzwischen sind wir etwas vorsichtiger mit unseren Prognosen geworden und deswegen vertagen wir uns mal lieber auf »eher Ende Mai«.

Dass es sooo schwierig ist, von Puerto Rico wieder zurück nach Osten zu kommen, haben wir nicht erwartet. Dass es nicht einfach wird, war klar. Dass daraus aber so ein Gewürge wird, hatten wir nicht auf dem Schirm. Und mit dem Zwischenstopp in Martinique haben wir uns auch noch ein richtig dickes »geographisches Ei« gelegt. Ausgerechnet Martinique musste es sein. Die östlichste Insel in der Kette der kleinen Antillen. Doch dafür bekommen wir dort nun auch das passende Antifouling, das ist ja auch schon mal was, was allerdings das Hinkommen auch nicht einfacher macht.


Diese Kreuz ist ein Kreuz

„Die Ausfahrt aus dem North Sound ist dieses Mal ruhiger als bei der Einfahrt.“

„Die Ausfahrt aus dem North Sound ist dieses Mal ruhiger als bei der Einfahrt.“

Um 6:00 klingelt der Wecker, um 7:30 geht’s dann los. Der Wind ist ok, er hat in der Nacht noch etwas abgenommen. Doch nach der Ausfahrt aus dem North Sound können wir noch nicht gleich auf einen südöstlichen Kurs gehen, denn direkt vor der Haustür liegen noch einige Riffe herum. So geht es zunächst mal nach Nordosten in Richtung der Insel Anegada.

„Da ist sie! Ganz klar zu erkennen! Anegada!“

„Da ist sie! Ganz klar zu erkennen! Anegada!“

Von der sehen wir allerdings sehr lange überhaupt nichts. Doch das liegt nicht daran, dass es diesig ist oder gar regnet. Der höchste Punkt von Anegada erhebt sich gerade mal 11m über dem Meeresspiegel. Und darunter sieht es in der anderen Richtung auch nicht viel besser aus, denn Anegada ist von riesigen Flachs und Riffen umgeben. Echt ein fieses Ding, wenn man nicht diese hübschen Seekarten von heute hat.

„Ein Rückblick auf die BVIs.“

„Ein Rückblick auf die BVIs.“


Das Segeln hart am Wind ist ok, doch der Wind kommt leider exakt aus der Richtung, wo wir hin wollen. Doch wir segeln gut, wenn auch nicht ganz so direkt in die richtige Richtung. Mit 15 kn passt der Wind ganz gut zu unserem Kreuzkurs, doch die Wellen sind hässlich, wenn man es noch freundlich ausdrücken möchte, denn ehrlich gesagt sind sie echt 💩.

Es gibt keine einheitliche Richtung und immer wieder überlaufen sich unterschiedliche Wellenset, sodass steile und schmale Täler zwischen den Kämmen entstehen. Dann fällt die PINCOYA ein ums andere Mal regelrecht in ein Loch und kracht auf der anderen Seite des Tals so hässlich in die nächste Welle, dass alles Geschirr in den Schapps scheppert. Unwillkürlich fragt man sich, wieviele solcher Schläge so ein Schiff denn wohl aushalten kann. Jedes Mal erzittert die PINCOYA bis in die Mastspitze. Zusammen mit dem Segeldruck muss in diesen Momenten der Ruck auf den Achterstagen und in der gesamte Takelage enorm sein.
Ohne zu viel Höhe aufzugeben, versuchen wir immer wieder, einen besseren Kurs zu den Wellen zu finden. Doch das gelingt nur mäßig, denn das Wellenbild ist chaotisch. Kaum haben wir unseren Kurs auch nur etwas angepasst, dreht sich auch schon wieder die ganze Chose und unser Erfolg schrumpf auf unseren guten Willen zusammen. Wegen dieser hässlichen Wellen flechten wir dann auch schon mal gleich um 12:00 unsere zweite Wende ein. An der Barracuda Bank verspringt die Tiefe von 1.600 m auf 35 m, dort wollen wir uns die Wellen lieber gar nicht aus der Nähe ansehen.


„So segelt's erst einmal vor sich hin, auch wenn es recht schaukelig ist.“

„So segelt's erst einmal vor sich hin, auch wenn es recht schaukelig ist.“

Ob nun unser Nordnordost- oder unser Südsüdostkurs hässlicher ist, ist schwer zu sagen. Der Wind nimmt zwar tagsüber nicht so sehr zu, wie in den letzten Tagen, aber 15 bis 19 kn True Wind reichen, um es uns hart am Wind ordentlich ungemütlich zu machen. Mal versuchen wir es mit doppelgereffter Genua, mal mit der Starkwindfock. Nimmt der Wind auch nur etwas ab, reicht der Segeldruck mit der Starkwindfock nicht mehr aus, um dem Strom entweder doch noch das ein oder andere Grad abzutrotzen oder die PINCOYA stampft sich in den Wellen fest. So wechseln wir von der Fock auf die zweifach gereffte Genua, die auch manchmal einfach gerefft ihr Bestes geben muss. Ein ewiges Spielchen, das mal so oder so zum Erfolg führt oder eben auch mal nicht.

Dieser Trip nach Saint Martin ist, ohne zu übertreiben, wohl unsere härteste seglerische Nuss, die wir bisher dieses Jahr zu knacken haben. Doch was heißt hier Saint Martin? Das ist ja noch gar nicht ausgemacht. Es könnte ja immer noch Saint Kitts werden. Wann diese Entscheidung fällt, wissen wir selbst noch nicht. So denken wir unwillkürlich an Wilfried Erdmann, der das Gegenan rund 200 Tage auf seiner unmöglichen Südroute ausgehalten hat, und wir haben schon nach einem halben Tag in der schmusigen Karibik die Nase ziemlich voll.


Es ist anstrengend und wir haben keine Idee, wie man so etwas ohne ein absehbares Ende aushalten soll. Ohne Frage haben wir einigen seglerischen Ehrgeiz. Und ohne den wären die letzten Wochen sicher auch ganz anders gelaufen. Doch auch unser seglerischer Ehrgeiz steht auf dem Prüfstand, wenn andere Saint Martin geradewegs in 12 bis 14 Stunden unter Motor erreichen. Von der Frage, ob wir nicht doch einfach nur bekloppt sind, uns so etwas anzutun, sind wir nicht ganz frei. Auch wenn wir dieses unvergleichliche Gefühl, es dann doch unter Segeln geschafft zu haben, mehr als alles lieben.


Kurz vor Sonnenuntergang brist es auf. In 20 kn True Wind müssen wir die Genua wieder ins zweite Reff nehmen. 20 kn True Wind bedeuten nämlich, dass ein scheinbarer Wind mit 25+ an den Segeln zerrt. Bisher ist es gut gelaufen, aber nun ist es doch etwas viel. Die alte seglerische Weisheit, immer dann etwas zu tun, wenn man das erste Mal dran denkt, verfliegt allerdings bei uns heute mit dem Wind. Und so setzen wir nicht die Starkwindfock, sondern versuchen die Genua noch etwas einzureffen. All diese Aktionen sind eingespielt und laufen inzwischen blind und ohne viele Worte. Doch plötzlich knallt es, das ganze Rigg zittert und im selben Moment rauscht die Genua aus und wir holen stark über.

Glücklicherweise ist es gerade noch hell. Ein Schnellcheck des Riggs zeigt, dass alles ok ist. Der Knall hat böse Erinnerungen geweckt. Das Brechen eines Wants hört sich genauso an. Aber alles stehende Gut steht so gut, wie es eben stehen soll. Auch die Genuaschoten und die Genua selbst sind ok. »Nur« die Reffleine für den Genua Furler ist gerissen. Wieder dieselbe 💩! Das hatten wir schon einmal. Mit den neuen Segeln haben wir uns damals für einen Flat Deck Furler mit Gurtband von Facnor entschieden. Unsere größte und ärgerlichste Fehlentscheidung überhaupt! Absoluter Schrott und absolut praxisuntauglich. Nun haben wir zwar schon das Originalgurtband gegen ein Dyneema-Gurtband ausgetauscht, das ja auch 5 1/2 Jahre gehalten hat, also immerhin dreimal so lange wie der Originalschrott im ersten Versuch, doch der konstruktive Blödsinn schreddert offensichtlich auch Dyneema-Gurtbänder. Doch was sind schon 5 1/2 Jahre im Vergleich zur Lebensdauer eines stinknormalen Furlers? Der Harken Furler, der heute unsere Stakwindfock auf- und einrollt, ist auf der PINCOYA seit 1995 unverändert im Einsatz. Erst für die Genua und nun eben für die Fock. 5 1/2 Jahre gegenüber 30 Jahren. Fucknor! Es ist zum 🤮.

„Geschafft! Die Genua ist wieder eingerollt.“

„Geschafft! Die Genua ist wieder eingerollt.“

Mit viel viel Glück kann ich vorn am Furler einen Teil des Restgurtbandes wieder so einfädeln, dass man daran ziehen kann und sich die Genua so auch tatsächlich wieder einrollen lässt. Glücklicherweise haben wir damals ausreichend Wickel auf die Trommel gelegt, das ist nun unsere Rettung. Derweil hält Astrid die PINCOYA irgendwie im oder am Wind und fiert peu á peu die Genua, damit ich sie am Bug überhaupt wieder in den Griff bekomme. 20 kn Wind sind dafür nicht eben wenig Wind. Doch die Genua wehrt sich und schlägt wie wild um sich. Die letzten Stunden ist eine Welle nach der anderen über das Vorschiff gegangen, doch nun bekomme ich wie durch ein kleines Wunder nur nasse Knie und Arme und bleibe im Großen und Ganzen trocken. Es ist gut, die Capitana bei so einem 💩 am Steuer zu haben.

Als wir die Starkwindfock dann endlich setzen können, ist das Wetter wirklich mies geworden und im Handumdrehen wird es auch schon stockfinster. Glück gehabt, im Dunkeln wäre die Aktion etwas schwieriger geworden.


So geht es nun mit der Starkwindfock durch die Nacht. Glücklicherweise bleibt der Wind so kräftig. So behalten wir auch mit der kleinen Fock ausreichend Fahrt im Schiff. Nicht auszudenken, wenn wir in diesen Wellen auch noch mit zu wenig Segeldruck verhungern würden. Um die Rollreffanlage der Genua können wir uns erst wieder im Hellen kümmern. Nun müssen wir mit dem durch die Nacht kommen, was wir noch haben.


Obwohl der Mond eigentlich noch fast voll ist, ist es zunächst stockfinster. Ein abnehmender Mond geht ja ohnehin jeden Tag etwas später auf, aber heute Nacht braucht er auch noch einige Stunden, um es über die Wolkenwand am Horizont zu schaffen, bis er uns das nächtliche Geschehen wenigstens etwas beleuchten kann. In der Finsternis fehlt uns jeglicher Bezugspunkt, was es unseren Mägen nicht gerade einfach macht, Ruhe zu bewahren. Tagsüber im Hellen war das kein Problem, doch nun zu behaupten, dass es uns gut ginge, wäre übertrieben.

Abwechseln schlafen wir. Die Mittelkoje als Ruheraum ist mehr als Gold wert. Nun hat sie ja auch einen Ventilator bekommen und so sind auch die 30° im Schiff gut erträglich. Doch viel drumherum reden muss man nicht, die Nacht verlangt uns schon so einiges ab und es ist echt hart. Um halb zehn und um ein Uhr flechten wir noch zwei Wenden ein, auch um mal für etwas Abwechslung in dem Wellenchaos zu sorgen. Ob der Kurs nach einer Wende dann irgendwie besser ist als der vor der Wende, ist schwer zu sagen. So beschließen wir einfach, dass der neue Kurs in jedem Fall besser ist, damit die Wende auch Sinn gemacht hat. Gegen Mitternacht fällt die Entscheidung für Saint Martin. In jedem Fall müssen wir auf etwas besseres Wetter und ein Abklingen der Gewitter, die ja auch noch kommen sollen, warten. Das ist alles in allem auf Saint Martin einfacher und vor allem auch deutlich preiswerter. Und wir können uns mal wieder etwas anderes als Cheddar kaufen. So ein französischer Brie 😋 hat ja inzwischen schon etwas von einer kulinarischen Marien-Erscheinung 😂.


„Der zweite Tag und nun mit dem klaren Ziel Saint Martin.“

„Der zweite Tag und nun mit dem klaren Ziel Saint Martin.“

Nachdem wir gegen 6:00 auf unseren letzten Kreuzschlag gehen, wird der Wind immer schwächer. Die Fock zieht nicht mehr ausreichend, nur gut, dass das nicht schon in der Nacht passiert ist. Provisorisch flicken wir die Reffleine der Genua so, dass wir die Genua wenigstens im zweiten Reff wieder setzen können. Das hilft etwas, bringt uns aber leider auch nicht bis ins Ziel. Die letzen Seemeilen unter Segeln bleiben uns verwehrt.

„Saba im Morgendunst, doch wir gehen auf Kurs Saint Martin.“

„Saba im Morgendunst, doch wir gehen auf Kurs Saint Martin.“

„Ein erster Streifen Saint Martin.“

„Ein erster Streifen Saint Martin.“

4,5 sm vor Saint Martin dreht der Wind genau auf Nordost und weht uns nun mit 10 kn exakt auf die Nase. Ohne zu übertreiben war es bis hierher wirklich ein harter Kampf. Es wäre schön gewesen, wenn es für den Rest auch noch gereicht hätte. Doch sollen wir nun mit 10 kn Wind noch einmal den Kampf gegen den westsetzenden Strom aufnehmen? Wir schauen uns an und entscheiden einstimmig, dass es reicht. Also Motor an und los. Segelnd könnten wir es nur noch schaffen, wenn wir bereit wären, noch einmal einige Stunden zu investieren. Sind wir aber nicht, es reicht und wir wollen nun einfach mal ankommen.

„Saint Martin vor der Nase, aber der Wind macht es uns schwer.“

„Saint Martin vor der Nase, aber der Wind macht es uns schwer.“

„Schlussspurt unter Motor. Nun auch egal, wir wollen ankommen.“

„Schlussspurt unter Motor. Nun auch egal, wir wollen ankommen.“

Um 11:20 fällt unser Anker nach 131,3 sm und knapp 28 Stunden in der Marigot Bay vor Saint Martin. Auf direktem Kurs wären es nur 75 sm gewesen, doch wir sind ja zum Segeln hier und etwas seglerische Zufriedenheit schwingt nun trotz oder gerade wegen all der Schwierigkeiten mit.

„Die BVIs gehen und Saint Martin kommt, allerdings erst vor Anker.“

„Die BVIs gehen und Saint Martin kommt, allerdings erst vor Anker.“

„Vier Stunden später kommt der Wetterwechsel.“

„Vier Stunden später kommt der Wetterwechsel.“

„Viel später hätten wir nicht ankommen sollen und es wird noch viel viel heftiger!“

„Viel später hätten wir nicht ankommen sollen und es wird noch viel viel heftiger!“

Marigot Bay, Saint Martin
18° 03′ 49,0” N, 063° 06′ 13,4” W