Martinique – Curaçao


Da die Gefahr, die von venezolanischen Piraten ausgeht, nicht so ganz von der Hand zu weisen ist, bereiten wir uns für den Fall der Fälle vor und sprechen unser potentielles Verhalten ab. Grundsätzlich werden wir keinen Widerstand leisten und bereitwillig einen »gewissen Teil« unserer Wertsachen herausgeben. D.h. zwei alte Handys, die wir genau für diesen Zweck mitgenommen haben 😇, ein Notebook 😟 und ein iPad 😟 liegen ebenso bereit, wie die GoPro als Kamera. Ferner unsere limitierten Reisekreditkarten und etwas Bargeld. Der Rest ist so versteckt, dass er nicht gefunden werden kann. Natürlich bereiten wir keinen »Gabentisch« vor, sondern geben alles nur widerwillig auf Aufforderung heraus. Wir gehen davon aus, dass sie Beute machen wollen, uns aber ansonsten in Ruhe lassen.

Ferner haben wir die Lütten gebrieft und Messages vorbereitet, die wir im Falle eines Überfalls schnell versenden können. Den Garmin und das iPad hierfür legen wir griffbereit, aber versteckt zur Seite. Über Funk würden wir eine Pan Pan-Meldung mit »piracy attack« absetzen und nur im schlimmsten Fall die Distress-Taste drücken. Und im Fall eines Überfalls machen wir auch unser AIS gleich wieder an, damit eventuelle Helfer uns leichter finden, denn die Piraten haben uns dann ja schon gefunden.

Natürlich versuchen wir, die Gefahr auch durch unseren Kurs und unser Verhalten auf See zu minimieren. Von Martinique aus halten wir uns lange recht nördlich, um immer einen Abstand von wenigstens 100 sm zu der venezolanischen Küste zu halten. Erst spät werden wir nach Süden abbiegen, um Curaçao dann eher von Norden her anzulaufen. Natürlich schalten wir auch unser AIS auf »silent« und fahren ohne Beleuchtung. In der Nacht werden wir also gut versteckt sein. Zusätzlich zum AIS-Empfang lassen wir unser Radar mitlaufen, denn wenn Piraten unterwegs sind, werden sie sich wohl kaum mit AIS sichtbar machen, doch im Radar können wir auch kleinere Boote schon in einigen Seemeilen Entfernung erkennen.

Das alles ist schon blöd und beschwingt unseren Aufenthalt in der Karibik nicht gerade mit Sorglosigkeit. Doch die Gefahr ist genauso real wie der Beginn der Hurricane Saison, obwohl es viele Segler gibt, die beides klein reden.


Martinique -> Curaçao
Distanz: 509,7 sm – Gesamtdistanz 2025: 5.399,9 sm
Tag 1, Freitag 06.06.

„Noch vor Saint Anne auf Martinique“

„Noch vor Saint Anne auf Martinique“

Um 8 Uhr geht’s los. In der Nacht hat es noch mehrmals erbärmlich geschüttet, doch nun sieht es gut aus. Mal sehen, ob wir noch einmal nach Martinique zurückkommen. Aktuell sieht es ja eher nicht danach aus. Also Tschüssi Martinique bis auf vielleicht doch irgendwann mal wieder.

„Blick zurück auf Martinique“

„Blick zurück auf Martinique“

Mit unserem nördlichen Bogen liegen rund 500 sm vor uns. Wenn wir ganz optimistisch an die Sache rangehen, sollte die Strecke vielleicht in 3 1/2 Tagen zu schaffen sein. Das hört sich sportlich an, kalkuliert aber auch ein bis eineinhalb Knoten Strom mit ein. Genau den Strom, der uns das Leben in den letzten 5 Wochen so schwergemacht hat. Das wäre ja auch nur zu gerecht, denn etwas gut zu machen hätte der Strom schon.


Westlich von Martinique ist der Wind noch etwas zickig und dreht recht üppig hin und her. Doch je mehr Abstand wir zu den Inseln bekommen, desto besser wird’s. Dann läuft es und auch der Strom pendelt sich mit eineinhalb Knoten auf eine Westrichtung ein. So wunderbar kann Segeln auch sein. Es läuft einfach so bei 15 kn Wind aus Ost. Und schon segeln wir mit 6 kn auf unserem geplanten Kurs in Richtung Westen.

„Sargassum ...“

„Sargassum …“

Nur einige große Sargassum-Felder legen sich uns in den Weg. Wir versuchen, sie an ihren schmalsten Stellen zu nehmen, doch von den großen Feldern bleiben immer einige Bollen am Ruder hängen und lösen sich nur widerwillig. Dann eiert die PINCOYA etwas hilflos herum, bevor es wieder ordentlich auf Kurs gehen kann.


„So segeln wir einfach mal leichtfüßig vor uns hin.“

„So segeln wir einfach mal leichtfüßig vor uns hin.“

Kurz vor Sonnenuntergang, alle AIS-Signale sind schon seit Stunden verschwunden, sehen wir zwei Signale auf dem Radar. Das eine Signal hat einen Abstand von 17 sm. Wir haben einen Range von 20 sm eingestellt, das funktioniert also schon mal. Nach einiger Zeit gesellt sich dann auch ein AIS-Signal dazu. Liberia, Cargo Ship, 229m x 32m. Kurz darauf gibt sich auch das zweite Cargo-Ship zu erkennen. Die beiden sind zwar ziemlich dicke Brocken, aber ein klares Radarsignal in 20 sm Entfernung ist ja auch schon mal eine prima Sache.

„So geht es in die erste Nacht.“

„So geht es in die erste Nacht.“

So fahren wir beruhigt in die Nacht. Die Technik funktioniert. Es ist unwahrscheinlich, dass uns so weit draußen kleinere Boote auflauern, aber venezolanische Hochseefischer oder Drogenkuriere sollen ja auch nichts gegen etwas »Beifang« haben. Doch es bleibt eine ruhige Nacht. Der Wind liegt im Schnitt bei 13 bis 17 kn, die Wellen sind moderat und auch der Strom bleibt uns mit seinen 1,5 kn West treu. Es läuft einfach so vor sich hin. Bis auf drei weitere Frachter sehen wir niemanden.

Um 23:59 loggen wir für unseren ersten Tag 96,7 sm. Rein rechnerisch entspricht das einem Etmal von 145 sm. So passt das. 416 sm liegen noch vor uns.


Tag 2, Samstag 07.06.
Auch in der zweiten Nachthälfte bleibt alles ruhig und auch das Wetter spielt weiterhin gut mit. Um 5:00 haben wir allerdings wieder ein Signal auf dem Radar, dass sich jedoch bis 6:30 nicht via AIS zu erkennen gibt und von 20 sm auf 8 herangekommen ist. Ich wecke Astrid, um zu halsen. Das Manöver machen wir, um zu sehen, ob uns das Signal folgt. Doch es scheint Kurs zu halten und nicht auf unser Manöver zu reagieren. Da es total diesig ist, sehen wir erst spät und auch nur schemenhaft eine graue Silhouette. Ein Cargo-Ship ist es ganz sicher nicht, auch kein Militär, die ja meist auch ohne AIS unterwegs sind. Die Silhouette sieht eher nach einer großen Motoryacht aus. Wahrscheinlich ein Luxusschoben, der ebenso wie wir in Dunkelfahrt unterwegs ist. Um 7:15 ist es eindeutig, er behält seinen Kurs bei und verschwindet wieder im Dunst.
Zeit für ein Frühstück 🙂.

„Tag 2 beginnt.“

„Tag 2 beginnt.“


Je näher wir dem Aves Ridge kommen, der sich von Süd nach Nord quer durch die karibische See zieht, desto mehr dreht der Strom nach Süd. Wenigstens führen wir das auf diesen unterseeischen Rücken zurück. Warum sollte sonst der Strom drehen? Der einzige Punkt, der von diesem Rücken aus dem Meer guckt, ist die Isla de Aves weit im Norden, die kurioserweise zu Venezuela gehört. Ein kleines, einsames und unbewohntes Inselchen, das heute wohl hauptsächlich als Drogenumschlagplatz dient. Was das Auftauchen venezolanischer Fischer und anderer Gestalten nicht unwahrscheinlicher macht.

„Es geht ruhig durch den zweiten Tag“

„Es geht ruhig durch den zweiten Tag“

Ohne den Strom geht es nun eher gemächlich voran. Um 11:00 halsen wir zurück und gehen wieder auf unseren Kurs. Andere Schiffe sehen wir nur auf dem Radar. Selten auch mal auf AIS. Doch Schiffe hinter uns, also die, die in Luv durchfahren, können wir auch riechen, bevor sie auf irgendeinem System auftauchen. Das hört sich für Stadtnasen sicher wie ein Scherz an, doch das, was wir zuhause einatmen, ist alles, aber keine reine Luft. Wir haben uns nur schon an den Dreck gewöhnt. Und wenn man auf See mal wirklich saubere Luft geschnuppert hat, dann riecht man den Dreck, den diese Cargo-Schiffe ausstoßen, noch in zig Kilometern Entfernung.

„Eine der seltenen Begegnungen in Sichtweite“

„Eine der seltenen Begegnungen in Sichtweite“


Am frühen Nachmittag nimmt der Wind ab und der Strom dreht weiter bis auf Südsüdost. Also schräg gegen uns! 😳 Diese Kombination ist echt saublöd. So schmilzt unser anfänglich noch so tolles Etmal einfach so dahin. Mit einem Gegenstrom haben wir überhaupt nicht gerechnet. Dem westsetzenden Strom hätten wir noch eine Nordkomponente zugebilligt, aber dass er nun nach SSE setzt, kommt uns echt etwas ungelegen. Und mal abgesehen von der Bremswirkung, einen Versatz nach Süden können wir ja nun gar nicht gebrauchen, denn unser Ziel ist es ja, Abstand von Venezuela zu halten.

„Hochseestimmungen ...“

„Hochseestimmungen …“

Und zu allem Überfluss sind wir auf dem reinsten Vorwindkurs aller reinsten Vorwindkurse. Genau 180° von achtern. Mit unserer Antifouling-Bestellung auf Martinique haben wir uns echt ein richtig blödes, geographische Ei gelegt. Eine Überfahrt von Guadeloupe aus wäre besser gewesen und hätte uns einen einfacheren Windwinkel beschert. Es ist zwar echt super, dass wir nun ein passendes Antifouling haben, doch das macht es jetzt gerade auch nicht leichter, sich in Geduld zu üben 🙄.

„So langsam dämmert's schon wieder.“

„So langsam dämmert's schon wieder.“


Nach Sonnenuntergang kämpft sich der Wind wieder an die vorhergesagten 15 kn heran und auch der Strom dreht wieder etwas mehr in unsere Richtung. Nur mit Groß machen wir nun wieder knapp 5 kn Fahrt. Normalerweise wären wir entweder vor dem Wind gekreuzt, um auch die Genua nutzen zu können, oder hätten den Parasailor genommen, um wirklich direkt vor dem Wind zu fahren. Aber beides kommt gerade nicht so wirklich in Frage, weil wir einerseits den Abstand zur venezolanischen Küste nicht verringern wollen und andererseits unter diesen Rahmenbedingungen auch nicht noch mit dem Parasailor gehandicapt sein wollen, wenn es mit irgendwelchen Manövern doch mal schneller gehen muss.

„Ein trüber Sundowner beschließt den zweiten Tag.“

„Ein trüber Sundowner beschließt den zweiten Tag.“

So loggen wir um 23:59 mit Hängen und Würgen unser 1. Etmal mit 120 sm. Erst 217 sm liegen in unserem Kielwasser und 298 noch vor uns.


Tag 3, Sonntag 08.06.
Kurz nach Mitternacht dreht der Strom dann über Nord auf Nordnordost. Nordnordost ist zwar besser als Südsüdost, denn so werden wir wenigstens nach Norden und nicht nach Süden versetzt, doch mit einer vernünftigen Reisegeschwindigkeit ist es so auch schon wieder vorbei. Unser Ankunftstermin verdrückt sich immer weiter in die Zukunft und vom Montag kann schon mal gar keine Rede mehr sein.

„Der dritte Tag beginnt, wie der zweite aufgehört hat. Man muss schon genau hinsehen, um noch Unterschiede zwischen Sonnenuntergang und -aufgang zu erkennen. Besser man guckt aufs Datum in den Photodaten 😂“

„Der dritte Tag beginnt, wie der zweite aufgehört hat. Man muss schon genau hinsehen, um noch Unterschiede zwischen Sonnenuntergang und -aufgang zu erkennen. Besser man guckt aufs Datum in den Photodaten 😂“

Heading 230° COG 260°. Durch den stärkeren Versatz nach Norden können wir nun allerdings etwas höher rangehen und ein Stück Genua dazunehmen. Das reißt es zwar auch nicht wirklich raus, hilft aber dennoch etwas. Doch auch die Wellen quittieren die Stromänderung sofort und steilen sich auf. Langsam und ungemütlich sind nicht die besten Zutaten für das Nervenkostüm des Schiffsjungen.

„Der dritte Tag.“

„Der dritte Tag.“


Gegen 2:00 sehen wir erst eins und dann gleich mehrere Radarsignale. Doch es ist nur Regen, der langsam von hinten aufkommt. Ansonsten sehen wir nicht ein einziges Schiff.
Mit dem Regen frischt der Wind leicht auf und pendelt sich bei den vorhergesagten 15 kn ein. Mit Genua und Groß machen wir nun wieder etwas mehr Fahrt, damit gewinnen zwar wir immer noch keinen Blumenpott, aber es läuft gegen den Strom wenigstens etwas besser. Was ist das alles nur schon wieder für ein Theater? Ein mittlerer Südost und ein verlässlicher Weststrom hätten uns doch vollkommen ausgereicht!


Da es weiterhin recht trüb ist und das Windrad auf unserem Vorwindkurs eh nichts bringt, müssen wir Energie sparen. Der Plotter und das Radar sind echte Stromfresser und erhöhen unseren Standardverbrauch beim Segeln um 3,5A 🤔 die Stunde. Und das sind immerhin 84Ah, die in der Tagesbilanz auch erst einmal wieder reinkommen müssen. Also schalten wir den Plotter und Radar auf Standby und gucken nur alle 15 Minuten mal, ob wir ein Signal sehen. So kommen wir wesentlich besser hin.


„Mal mit bösem Stromversatz gegenan und mal ganz wunderbar mit. Ein ständiges Spielchen.“

„Mal mit bösem Stromversatz gegenan und mal ganz wunderbar mit. Ein ständiges Spielchen.“

Am frühen Nachmittag beginnt der Strom wieder zu drehen und kaum eine Stunde später haben wir 1,6 kn Strom mit 🥳. Der Ridge liegt nun tatsächlich hinter uns. Der Wind schwächelt zwar etwas, doch der Strom gleicht das gut aus. Die bisherigen Kapriolen des Stroms haben uns schon ziemlich überrascht. Von West ging es zunächst bis auf Südsüdost, um dann zurück über West bis auf Nordnordost zu drehen. Nun sind wir wieder bei einem südwestsetzenden Strom. Hoffentlich ist es nun auch mal gut und bleibt dabei.
Da wir bisher um einiges langsamer vorangekommen sind als geplant, wird es nun wohl auch schon wieder ruhiger geworden sein, wenn wir auf das letztes Drittel gehen. Die Starkwindfelder, die wir für die Nacht von Sonntag auf Montag einkalkulieren mussten, sollten dann schon wieder im Abbau begriffen sein. Irgendeinen Vorteil muss dieses Theater ja schließlich auch haben.

„Es geht in die dritte Nacht.“

„Es geht in die dritte Nacht.“

„Diesmal mit Vollmond“

„Diesmal mit Vollmond“

„Vollmond und mal ganz ohne Wolken.“

„Vollmond und mal ganz ohne Wolken.“

„Das macht die Nächte wunderbar hell.“

„Das macht die Nächte wunderbar hell.“

Um 23:59 loggen wir dann unser 2. Etmal mit immerhin 125 sm. 341,7 sm liegen nun schon hinter uns und nur noch 174 sm vor uns.


Tag 4, Montag 09.06.
Eigentlich war der Montag ja unser Zieltag. Ja ja, das hört sich ziemlich sportlich an, hätte aber tatsächlich auch klappen können, wenn es so weitergegangen wäre, wie es am Freitag begonnen hat. 145 x 3,5 sind schließlich 507,5. Also 84 Stunden mit 6 kn und zack ist die Punktlandung am Montag schon fertig. Die Theorie war auch absolut super, nur in der Rechnung haben diese blöden Stromdreher gefehlt. Doch nun hat die Aufholjagd begonnen. Der Montag wird’s natürlich nicht mehr, doch jetzt wollen wir mal versuchen, dass in der Gesamtdauer noch eine 3 vorn steht. 3 Tage 23 Stunden und 59 Minuten würden da ja vollkommen reichen 😂. Also Zielzeit Dienstag 7:59! Etwas sportlicher Ehrgeizig tut ja gut und macht auch Spaß, wenn der Schnitt in der letzten Stunde schon mal bei 6,7 kn lag. Doch nun erst einmal Tee trinken und abwarten, da kommen ja heute noch 23 weitere Stunden.

„Tag 4, der Schlussspurt!“

„Tag 4, der Schlussspurt!“


Zum Wachwechsel um 5:00 stecken wir das erste Reff ins Groß und gehen langsam auf Kurs Curaçao. Damit verlassen wir unsere Nordroute. Das venezolanische Archipelago Los Roques liegt nun genau südlich von uns. Das gilt als einziger Teil Venezuelas als relativ sicher und war in der Tat auch mal ein Ziel von uns. Doch die Behörden haben dort die Clearing-Gebühren und die Preise für ein Sailing Permit derart unverschämt erhöht, dass wir uns das schlicht nicht mehr leisten können.

„In der Rauschefahrt können uns selbst die Sargassumfelder nicht mehr bremsen 🥳“

„In der Rauschefahrt können uns selbst die Sargassumfelder nicht mehr bremsen 🥳“


Der Wind nimmt stetig zu und liegt seit einer Stunde bei 21 kn im Mittel. Mit dem ersten Reff liegen wir gut, es ist nicht mehr so viel Druck im Segel. Doch mit dem Wind nehmen auch die Wellen zu. Im Mittel werden es wohl zwei Meter sein, einige Ausreißer nach oben sind wirklich beeindruckend.


„Auf den Bildern sieht man das nicht immer so, aber wir werden ordentlich durchgeschaukelt.“

„Auf den Bildern sieht man das nicht immer so, aber wir werden ordentlich durchgeschaukelt.“

Um 10:00 loggen wir das 7te Stundenmittel über 7 Knoten. So wird das was 🙂👍, obwohl wir nur mit dem Groß im ersten Reff fahren. Doch der Wind liegt nun auch schon bei 23 Knoten im Mittel und immer mehr Böen versuchen, an der 30 zu knabbern. Das ist etwas mehr als vorhergesagt, aber es läuft. Unsere Theorie, dass wir nun hinter dem Starkwind bleiben, scheint auch wieder nur so eine Theorie zu bleiben 🙄. Doch unsere Vorhersage ist ja auch vom Freitag, denn für diese kurze Strecke wollten wir das Iridium GO! exec nicht auch noch extra aktivieren.


Stunde um Stunde wird unser Ritt immer heftiger. Unter 20 kn geht der Wind gar nicht mehr, die 24 wird zum neuen Mittel. Der Strom läuft nun mit 2,2 kn in 280°. So läuft er zwar noch gut mit uns, versetzt uns aber doch ziemlich hart nach Westen, denn wir müssen nun deutlich mehr Süd machen. Doch dieser Stromversatz kommt uns auch gelegen, denn so können wir nun gut die Fock dazunehmen. Mit der Fock ist die Beseglung deutlich ausgewogener. Die PINCOYA rennt! ⛵️💨

Allerdings fällt das Baro seit 4 Stunden mit einem hPa pro Stunde. Das ist nicht eben wenig und verheißt eher mehr als weniger Wind. Wir sind höllenschnell! Unter 7 kn Fahrt geht es gar nicht mehr. Doch das ist auch gut so, denn nur so kommen wir schnell hinter die nordwestliche Ecke von Bonaire. Denn da wird’s gleich ruhiger! …. noch so eine Theorie 😂.


Doch so eine Rauschefahrt ist auch anstrengend. Die PINCOYA drischt heftig durch die Wellen. Es ist laut und nass. Nicht nur einmal werden wir im Cockpit geduscht. Macht aber nichts, denn hier ist es warm und nicht so klapperkalt wie auf der Nordsee.

„Dann ergießt sich ein richtiger Schwapp ins Cockpit und die Welle verschwindet gurgelnd in den Gullis.“

„Dann ergießt sich ein richtiger Schwapp ins Cockpit und die Welle verschwindet gurgelnd in den Gullis.“

Unter Deck hangeln wir uns wie die Klammeräffchen voran. Nicht eine Bewegung kann man machen, ohne Gefahr zu laufen, unsanft in der gegenüberliegenden Ecke zu landen. Tee holen wird zu einem Abenteuer mit ungewissem Ausgang. Ein halbvolles Teeglas ist mehr als genug für diesen Balanceakt. Immer wieder holt die PINCOYA stark über, fängt sich und saust weiter.

„Es ist ein hartes Segeln, doch klein beigeben wollen wir auch nicht!“

„Es ist ein hartes Segeln, doch klein beigeben wollen wir auch nicht!“

Doch das Ganze hat auch sein Gutes. Mit Piraten müssen wir nun wohl nicht mehr rechnen, denn so ein Wetterchen macht auch den Piraten das Leben schwer 😂. So sind wir einerseits entspannt, doch andererseits zunehmend etwas angespannt.


Auf halbem Weg nach Bonaire müssen wir feststellen, dass wir den westsetzenden Strom fast unterschätzt haben. Er versetzt uns nun mit 2,3 kn nach Westen. Das zwingt uns tatsächlich auf einen Halbwindkurs. Der Versatz ist brutal. Wir halten Bonaire mittig an, um die Nordwestecke von Bonaire noch möglichst knapp zu nehmen. Doch all das sehen wir nur auf den Seekarten und im Radar, denn es ist so diesig, dass wir Bonaire erst in der Abenddämmerung sehen, als wir schon auf 10 Seemeilen dran sind.

„Noch nichts zu sehen von Bonaire.“

„Noch nichts zu sehen von Bonaire.“


„Doch dann zeigt sich Bonaire doch noch.“

„Doch dann zeigt sich Bonaire doch noch.“

Da wir inzwischen ausreichend durchgeschaukelt sind, hoffen wir auf die Abdeckung von Bonaire und sind gespannt, für welche Richtung sich der Strom zwischen den Inseln entscheiden wird. Und kaum haben wir Bonaire fast erreicht, wird es noch einmal richtig heftig. Schon oft sind wir in Bereiche hineingesegelt, in denen es schnell flacher wurde. Doch an der Nordwestecke von Bonaire scheint das alles gar nicht so dramatisch zu sein, denn auf dem Kurs, auf dem wir segeln, geht’s gerade mal von 2.000 auf 600m hoch. Also sind wir entspannt, bis plötzlich um uns herum erstaunlich viele weiße Brecher auftauchen 😳.

Echte Berge von Wellen steilen sich hinter uns auf und als der erste Brecher noch gerade von unserem Gummiboot aufgehalten wird, schließen wir mal lieber die Türen zum Niedergang. Etwas ungläubig bestaunen wir die Wellenberge, die immer wieder von achtern heranlaufen. 😯 Einige sehen wirklich recht unschön aus. Doch was tun? Gute Frage! Uns bleibt nichts anderes übrig, als möglichst schnell und ungeschoren da durchzukommen. Und so werden die wenigen Seemeilen, die uns noch zur Abdeckung fehlen, zu »ewigen 4 Seemeilen«, die sich wie Kaugummi dahinziehen, obwohl wir ständig mit sieben Knoten und mehr dahinsausen. Der Kapeffekt beschert uns dazu Windphasen bis 28 und 30 Knoten, die auch irgendwie gar nicht enden wollen. Noch nie ist die PINCOYA so durchs Wasser gerauscht. Der Autopilot bekommt 5 🌟!


Erst im Wind- und Wellenschatten von Bonaire wird’s ruhiger. Nun können wir tatsächlich etwas abfallen und nehmen Kurs auf die Südostspitze von Curaçao. Doch was heißt hier ruhiger, die Wellen bleiben in der Tat ruhiger, doch der Wind findet schnell zu seiner alten Form zurück. Und der Strom? Nach einiger Unentschlossenheit beschließt er, uns bei unserem Rekord-Etmal zu helfen und bleibt bei seiner Westrichtung.

Um 23:59 loggen wir genau südlich des Punt’i Kayon, der Ostspitze von Curaçao, unser 3. Etmal mit 160 sm! 502 sm liegen inzwischen hinter uns und nur noch 8 sm vor uns. Und mit diesen 160 sm toppen wir tatsächlich unseren bisherigen Rekord um 2 sm. 160 sm in 24 Stunden ist für unsere dicke Erna schon echt ein absoluter Oberhammer. Klar hat uns der Strom auch geholfen, aber es waren wirklich auch heftige und nicht so schmusige Bedingungen.


Tag 5, Dienstag 10.06.
Mit dem letzten Tageswechsel verfehlen wir nur knapp unser ursprüngliches Ziel, noch am Montag anzukommen. Aber wer hätte Sonntag schon geahnt, dass es nur 1 1/2 Stunden sind.

Der eigentliche Ankerplatz auf Curaçao ist Spaanse Water, besser bzw. internationaler als Spanish Water bekannt. Curaçao gehört als unabhängiger Staat zum Königreich der Niederlande und eine der offiziellen Sprachen ist eben Niederländisch. Doch die Einfahrt nach Spanish Water ist eng und die Ankerplätze in Spanish Water werden Anfang Juni auch schon gut gefüllt sein. Denn Curaçao ist ein HotSpot, um die Hurricane Saison abzuwarten, und zudem darf man in Spanish Water auch nicht einfach irgendwo ankern. Das alles wollen wir uns in der Nacht nicht auch noch antun, deswegen beschließen wir, zunächst in der Fuikbaai bei Nieuwpoort etwas östlich der Einfahrt zu Spanish Water zu ankern. Die Einfahrt dort ist zwar auch nicht üppig, aber immerhin für kleine Frachter geeignet und sogar beleuchtet. Allerdings – und das haut uns schon etwas vom Hocker und wir gucken fünfmal und nicht nur dreimal – ist die Einfahrt »europäisch« betonnt! Also bei der Einfahrt Grün rechts und Rot links. Bisher hatten wir es so verstanden, dass Nord-, Mittel- und Südamerika »amerikanisch« betonnt sind, also genau umgekehrt. Das ist eine coole Sache, die richtig ins Auge gehen kann.

Um 1:00 nehmen wir direkt vor der Einfahrt die Segel runter. Das ist immer noch ein ziemlicher Eiertanz, denn weder Wind, Wellen noch Strom kümmern sich auch nur im Geringsten um die rein theoretische Abdeckung im Südwesten von Curaçao. Die Einfahrt ist einfach, wenn einem vorher schon mal aufgefallen ist, dass die Beleuchtung eben andersherum ist. Ansonsten würde es schwierig, denn über den Molen brechen sich die Wellen und dort gibt es eindeutig kein Durchkommen. Doch es gibt wenigstens auch ein Ober- und Unterfeuer, das ja eindeutig ist, denn ein Oben und Unten ist nicht so einfach zu vertauschen, wie ein rotes oder grünes Rechtslinks. Der Strom setzt ziemlich hässlich zur Einfahrt, doch die Capitana schlenzt uns ganz elegant da rein. Schnell sind wir im hinteren Becken und der Anker sitzt sofort.


509,7 sm liegen nun hinter uns. Es war der letzte große Schlag vor der Hurricane Saison. Erst ab Mitte Oktober wird es wieder nennenswert weitergehen. Für diese letzte Etappe haben wir 3 Tage 17 Stunden und 30 Minuten gebraucht, was einem Schnitt von 5,7 kn entspricht. Doch dieser Schnitt wird erst zu einer richtigen Aussage, wenn man bedenkt, dass wir fast die Hälfte der Zeit mit 3,5 bis 5 Knoten herumgetrödelt haben. Gerne hätte der Montag noch unser Ankunftstag sein dürfen, aber die Aufholjagd am letzten Tag war legendär und so spielt unsere Ankunftszeit kurz nach Mitternacht nun überhaupt keine Rolle mehr. Den Schlussspurt von gestern werden wir nicht so schnell vergessen. Und das nicht nur, weil er uns ein neues Rekord-Etmal von 160 sm beschert hat.

„Und das sehen wir, als wir morgens aufwachen. Die Fuikbaai.“

„Und das sehen wir, als wir morgens aufwachen. Die Fuikbaai.“

Fuikbaai, Curaçao
12° 03′ 23,6” N, 068° 50′ 10,5” W