Oranjestad
Unsere erste Woche auf Aruba neigt sich schon fast ihrem Ende entgegen, als der Schiffsjunge wieder halbwegs »ausfallsicher« ist. Das hat zwar auch sein Gutes, denn in dem erzwungenen Hausarrest erledigt sich dann doch der ein oder andere Punkt unserer ToDo-Liste fast wie von selbst. Doch der Bucuti Canal zählt nicht gerade zu den »100 places you need to visit before you die«.
Dagegen ist er unumstritten die erste Wahl für wirklich hässliches Wetter. Ein Kriterium, das im Fall der Fälle alles andere in den Hintergrund treten lässt, wobei das »Andere« dadurch nicht weniger schlimm wird. Es ist schwer zu sagen, ob nun der Surfside Beach oder der Bucuti Canal hinsichtlich der Rahmenbedingungen ätzender ist. In jedem Fall punkten beide ziemlich eifrig auf der nach unten offenen »Och-Nö«-Skala.
Doch als Startpunkt für eine kleine Sightseeing-Runde in Oranjestad sind beide alternativlos und so brummen wir mit unserem Dinghy unter der Einflugschneise des Flughafens entlang bis hinter Pinchos Bar and Grill.
Dort befindet sich ein kostenloses Dinghy Dock, aber sobald es auch nur irgendwie möglich erscheint, ziehen wir unser Dinghy doch lieber auf den Strand. Eigentlich dachten wir, dass die Räder an unserem Dinghy eher an einsamen Stränden oder in Tidenrevieren unentbehrlich sind, aber die Möglichkeit, hier in der Karibik auszuweichen, hat sich inzwischen als wertvoll herausgestellt.
Am Strand empfängt uns Aruba gleich mit einem seiner Wahrzeichen. Dem Fofoti-Baum. Neben dem Fofoti-Baum gibt es noch einen zweiten heimischen Baum, der ebenso als Wahrzeichen Arubas gilt und sogar Teil des Logos der lokalen Biermarke Balashi ist. Der Divi-Divi-Baum. Beides sind urtypisch knorrige Bäume, deren verdrehte Stämme sich durch den ständigen Wind oft tief zur Seite neigen. Doch auch wenn die Fofoti- und Divi-Divi-Bäume sich recht ähnlich sehen, sind es zwei verschiedene Bäume. Als Nicht-Botaniker unterscheidet man sie am einfachsten dadurch, wo sie stehen. Fofoti-Bäume stehen immer am Strand und in Wassernähe, wohingegen die Divi-Divi-Bäume eher im Landesinneren zu finden sind.
Da Aruba seine Wahrzeichen streng schützt, ziehen wir unser Dinghy unter zwei ordinäre Palmen und schließen es dort an. Schon der Weg in Richtung von Oranjestad hat Potential, uns mit Aruba zu versöhnen.
„Aruba gespiegelt. Auf der richtigen Seite kamen wir nicht zum Zuge. Zu viele Selfies-Enthusiasten. Von hinten geht es aber auch und gespiegelt ist es dann auch wieder richtig.“
Langsam schlendern wir am Strand entlang und durch die Straßen von Oranjestad. Alles hier ist kompromisslos auf Massentourismus ausgerichtet und der originäre Charme von Oranjestad liegt oft etwas im Verborgenen.
Nachdem die Ölindustrie weitergezogen war und all die Umweltschäden der kleinen Insel großzügig überlassen hatte, gab es auf Aruba nur noch eine einzige nennenswerte Einnahmequelle. Den Tourismus. Und so wie seinerzeit der Südosten der Insel der Ölindustrie unterworfen wurde, dient nun der Westen ausnahmslos dem Massentourismus. Zufällig stoßen wir auf einen Artikel über den aktuellen Öl-Boom in Guyana. Auch dort sind gerade dieselben großen Firmen, die damals auf Aruba und Curaçao das Geschäft gemacht haben, eingezogen und entwickeln dort dasselbe Geschäft mit den identischen Konsequenzen, das sie auf den ABC-Inseln inzwischen hinter sich gelassen haben. Immerhin kann niemand behaupten, dass es auf der Welt keine Kontinuität gibt oder man gar irgendetwas dazulernt. So bekommt man einen guten Eindruck, wie es früher einmal auf Aruba und Curaçao zugegangen ist und eine Vorstellung, wie es in Guyana aussehen wird, wenn auch dort das Geschäft zu Ende geht. Nur ob sich dann in Guyana der Massentourismus ansiedelt, ist bei den touristischen Ressourcen doch eher fraglich.
Doch egal wie, man hat sich eine Menge Mühe gegeben, um Oranjestad herauszuputzen und attraktiv zu machen. Es ist nicht schwer, wirklich hübsche Ecken und einige historische Schmuckstücke zu finden. Und in einer der Bars an der Waterfront lässt es sich gut aushalten. Viel ist nicht los, denn wir teilen uns die Stadt heute nur mit den »normalen« Touristen. Oft kommen noch zwei oder drei Kreuzfahrer hinzu und die Größen der Bars an der Seaport Marina lassen erahnen, welche Kapazitäten dann gefragt sind.
Da kaum ein Lüftchen durch die Straßen von Oranjestad weht, obwohl es auf Aruba eigentlich immer ziemlich windig ist, legen wir nicht nur einmal eine Verschnaufpause an der Marina ein.
Zwischendurch fahren wir natürlich auch noch mit der historischen Straßenbahn. Eine wirklich hübsche Touristenattraktion.
Leider verpassen wir knapp die größere Runde und müssen uns mit der kleinen Runde begnügen. Mal sehen, vielleicht haben wir noch einmal die Gelegenheit, für die größere Runde durch Oranjestad zurückzukommen.
Und als diese Zeilen noch keine 24h alt sind, ist klar, dass wir die Gelegenheit bekommen und Panama erst einmal etwas in die Ferne rückt. Aber dazu später mehr, es ist gerade nur so schrecklich aktuell.
Oranjestad steht schon in einem großen Gegensatz zu den östlichen Zweidritteln der Insel, an denen wir entlanggesegelt sind und die uns schon ziemlich ernüchtert hatten. Ab Oranjestad nach Westen ist nichts mehr von der alten Ölindustrie zu sehen und alles ist kompromisslos auf Tourismus getrimmt. Was das am Ende dann wirklich bedeutet, sehen wir, als wir zwei Tage später im Westen um die Ecke segeln.
Umme Ecke zeigt sich Aruba von seiner besseren Seite
Und zwei Tage später segeln wir mit einem kräftigen Ostwind tatsächlich um die Ecke an die Westküste. Hier herrscht der Massentourismus. Alles erinnert eher an die Kanaren, als an irgendeinen Platz, den wir bisher in der Karibik gesehen haben. Da sich im Süden der Westküste die längsten Sandstrände befinden, ballen sich auch hier auf den ersten Kilometern die größten Hotelburgen.
Nach dem ersten Drittel der Küste laufen die Sandstrände aus und mit ihnen wird auch die Hotel-Skyline kleiner bis sie verschwindet. Der Sandstrand geht in einen flachen aber felsigen Küstenabschnitt über. Ganz im Norden gibt es zwar wieder etwas Strand, aber hier liegen die Reviere der Schnorchler. Doch etwas vor der Küste hat die Geschichte auch einige Wracks zurückgelassen und damit für belebte HotSpots der Taucher gesorgt.
Aufgrund des zu erwartenden Ankergrunds, hatte die Capitana den Eagle Beach ausgesucht. Entsetzt starren wir nun auf ganze Schwärme von Jet Skis, die uns kreischend schon am südlichen Manchebo Westpunt entgegen kommen. Planänderung! So geht das gar nicht! In diesem Wahnsinn können wir auf keinen Fall ankern.
Den Palm Beach lassen wir kurz darauf auch links liegen, da uns dort immer noch zu viele und zu hohe Hotels stehen. Eigentlich wollten wir nach dem Flughafen und der Unruhe im Bucuti Canal einfach nur mal unsere Ruhe haben. Und das in jedem Fall auch ohne Bars und Restaurants, und ohne Jet Skis und all dem, was für viele ein Must-have eines Strandurlaubs ist. Sicherlich sind wir in den Augen vieler etwas komisch, aber unsere bewährte Taktik geht auch diesmal auf. Genau dort, wo es all dies nicht gibt, sind wir auch allein und haben unsere Ruhe. So ankern wir einfach in der Mitte der Westküste vor dem Malmok Beach, wo es von all dem nichts gibt, weil der Strand felsig und der Ankergrund scheiße ist. Das klingt als Bewertung vielleicht etwas hart, trifft aber ins Schwarze. Eine dünne Sandschicht schafft es kaum mal, den felsigen Grund auch nur halbwegs zu bedecken. Und in der darunter liegenden Felsplatte kann sich kein Anker der Welt eingraben kann.
So legen wir unseren Anker vorsichtig auf die Felsplatte und sehen zu, dass wir 50m Kette ziemlich gradlinig und ohne Haufenbildung auslegen. Es bläst mit 20kn und in Böen ist es auch mal etwas mehr. Astrid zieht unter Motor etwas nach achtern, dies aber nur um die Kette zu begradigen, eingraben wird sich unser Anker hier nie. Vielleicht verhakt er sich im besten Fall noch irgendwo, aber halten werden uns die 50m Kette, die fast komplett auf dem Boden liegen, und nicht der Anker. Auf einer Tiefe von 3 bis 4m 50m Kette zu stecken, hört sich zunächst vielleicht etwas übertrieben an, aber unsere Taktik geht auf und hält auch noch in Böen von 25kn. So ist das gut und wenn es doch nicht gut ist, hinter uns kommt erst nach 650sm Panama, bis dahin sollten wir eine Lösung gefunden haben.
Entspannt setzen wir uns ins Cockpit und lauschen. Was für eine Ruhe! Kein Fluglärm, keine Jet Skis, keine Partys, keine Bars, keine Restaurants. Nur der Wind pfeift. Ganz im Süden können wir noch die aufgewirbelte Gischt der irren Jet Ski-Heizer sehen, hören aber das Kreischen der Motoren nicht mehr. Vor uns liegen diverse Villen, von denen wir sofort die ein oder andere nehmen würden. Der Abschnitt vor dem Malmok Beach ist ein Traum. Wenigstens für uns.
Nach einem Tag wissen wir, dass wir hier goldrichtig sind. Niemand interessiert dieser Abschnitt, wenn man mal von einigen Kite-, Wind- und Wing-Surfern absieht, denen der Schiffsjunge sehnsüchtig hinterher starrt. Der Wunsch, doch auch noch einmal mit Wingfoilen anzufangen, ist ja immer noch da, auch wenn die Vernunft nun langsam der Erkenntnis mehr Raum verschafft, dass inzwischen doch das ein oder andere einfach unerfüllt in der Vergangenheit zurückbleiben wird. Die Worte »zu spät« beginnen im Hinterkopf zu brummen. Manchmal lassen sie sich noch ignorieren. Denn so ganz gestorben ist dieser Wunsch ja auch noch nicht. Irgendetwas wehrt sich noch dagegen, das alles einfach so hinzunehmen. Seufz 🤨.
Da alle Touren der Tauch- und Schnorchel-Boote und auch der Party-Katamarane am Palm Beach starten und als Ziel die Nordspitze vor dem Arashi Beach haben, zieht vormittags, nachmittags und abends eine höchst unterschiedliche Karawane von Booten an uns vorbei. Alle halten Abstand und gönnen uns unsere Ruhe. Wieso hier nicht mehr Fahrtensegler ankern und dagegen der schreckliche Ankerplatz vor dem Surfside Beach immer brechend voll ist, ist uns ein Rätsel. Aber nun ja. Nur drei oder vier andere Fahrtensegler liegen mit uns vor der gesamten Westküste, doch vor dem Malmok Beach bleiben wir ganz allein.
Uns soll das recht sein und so versöhnen wir uns mit Aruba, denn hübscher haben wir lange nicht gelegen. Wie schön wäre es, nun noch einen Wingfoiler ins Wasser zu werfen, aber die Capitana zieht eine ihrer Augenbraue hoch, gibt mir einen Kuss und reicht mir schweigend einen Gin Tonic.
Bucuti Canal, Aruba
12° 29′ 53,3” N, 070° 01′ 25,9” W
Malmok Beach, Aruba
12° 35′ 38,9” N, 070° 03′ 04,3” W





































