Freitag 19.12. der Check-in
Nachdem alle ausnahmslos schreiben, dass jeder auf Jamaica, insbesondere die behördlichen Vertreter extrem freundlich und hilfsbereit sind, warten wir nun am Freitag darauf, dass auch uns irgendetwas von dieser Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft zu Teil wird. Die Typen vom zweiten Coast Guard Boot haben uns gestern noch einmal explizit gesagt, dass wir nicht die PINCOYA verlassen dürfen. Wir sollten nichts tun, die Authorities würden sich melden.
So haben wir nun den Funk auf Kanal 16 an und warten. Derweil schüttet es immer wieder wie aus Eimern. Im Nachhinein könnten wir uns schon jetzt in den A… beißen, denn auf der Südseite der Insel, z.B. vor Kingston, hätten wir diesen erbärmlichen Steigungsregen nicht. So bleibt aber auch genügend Zeit, um uns darin zu üben, Jamaica positiv zu sehen und das bisher Erlebte so umzudeuten, dass es uns nicht gleich zu viel vermiest.
Gegen 11:00 ruft und winkt man aus der Marina zu uns herüber. Wir sollen in die Marina kommen. Nicht außen und einfach längsseits, was vollkommen ausreichen würde, um einzuchecken, sondern innen in eine der hintersten Boxen. Nun gut, wir gehen Anker auf und verlegen uns in die uns zugewiesene Box. Auf irgendwelche Diskussionen haben wir überhaupt keine Lust mehr. Dort werden wir von einigen Marineros und einer Dame mit einem Stapel von Papieren empfangen, der durchaus denen aus Tobago würdig ist. Die sollten wir alle mal ausfüllen und warten. Customs, Health und Immigration würden an Bord kommen. Den Zahn, dass wir in der Marina bleiben, ziehen wir der netten Dame, die uns den Stapel Papiere strahlend übergibt, gleich mal. Wir wollen nur einchecken und dann sind wir wieder weg. Wir dürften aber nur im East Harbour frei ankern, das müsse uns klar sein.
Hmm 🧐 … Was kündigt sich nun da schon wieder für ein Theater an! Stimmt nämlich nicht, aber das müssen wir nun auch nicht diskutieren.
So füllt Astrid tapfer alle 25 Formulare aus, wobei die Hälfte davon Crewlisten in unterschiedlichen Layouts sind, in die die Capitana immer wieder dieselben Informationen einträgt. Im Grunde würden 4 Formulare und ein Kopierer reichen.
Um 13:00 erscheint der Customs. Auch er scheint von irgendetwas beseelt zu sein. So richtig zielgerichtet sind weder sein Gang, sein Vorgehen, noch seine Erklärungen. Es ist ein älterer Herr und er fummelt unendlich lange mit seinen Formularen herum. Breitet sie aus, um sie wieder zusammenzulegen und danach wieder auszubreiten. Irgendwie scheint er nicht zu verstehen, was wir sagen oder fragen und findet auch keine Antworten auf unsere Fragen zum Cruising Permit. Aber er lässt sich die Weinflaschen zeigen, die wir deklariert haben. Doch nicht etwa, um die Menge zu prüfen, sondern um sich eine auszusuchen. 😳
Da sitzt nun unser zweites sehr verstörendes Erlebnis vor uns. Immerhin findet er in seinem beseelten Kopf noch den richtigen Stempel in seinem Auto. Er nimmt mich bis zum Marina-Office mit, damit ich das gestempelte Zollformular scannen kann, was wir für’s Cruing Permit brauchen. Wenigstens etwas.
Doch die Damen im Marina-Offices sind entsetzt, aber auch enttäuscht. Man dürfe sein Schiff unter keinen Umständen verlassen, doch ich bin nur der Aufforderung eines der Offiziellen gefolgt und lasse ihr Theater mit der Bemerkung abperlen, dass sie das mit dem Typen vom Customs diskutieren müssten. Ansonsten gehen sie nun auch noch leer auch, denn auf die Frage an den Typ vom Customs, ob er Kopien bräuchte, sagt er ihnen, dass wir alles selbst gehabt hätten. Irgendwie meine ich eine gewisse Enttäuschung zu spüren. Schon auf Tobago haben wir ja gelernt, dass das Anfertigen von Kopien auch durchaus schon ein lukratives Business Model sein kann.
Eine halbe Stunde später kommt die Dame vom Health. Sie überrascht uns, da sie einfach normal, freundlich und hilfsbereit ist. Der Health-Prozess geht schnell. Sie überprüft nur, dass unser Klo auch wirklich auf Tank und nicht auf Sea steht, was allerdings nur für den Marinabereich von Relevanz ist. Insgesamt ein angenehmer Besuch, der ohne Schnickschnack seine Pflicht erfüllt. Nun steht noch die Immigration aus und dann auch noch die Abrechnung mit der Marina. Mal sehen, welche Überraschungen da noch auf uns warten.
Von der Immigration kommt eine Dame. Auch dieser Besuch geht schnell, problemlos und ohne Extra-Vergütungen ab. Nur leider hat der beseelte Customs-Typ ein Formular der Immigration mitgenommen, doch sie klärt das am Telefon, ohne dass wir noch einmal etwas ausfüllen müssen. Dass Astrid der Master ist, hilft uns auch diesmal. Speziell zu den Damen der Authorities entsteht so wie durch Zauberhand immer sofort so etwas wie eine feminine Allianz. Das hilft ungemein. Abgesehen davon scheinen die Damen aber eher weniger Spaßmacher zu rauchen und sich mehr auf ihren Job zu konzentrieren.
Dann ist es geschafft, der CheckIn-Prozess ist erledigt. Customs, Health und Immigration sind durch, die Coast Guard haben wir nicht wiedergesehen und nun müssen wir nur noch ein Cruising Permit bekommen. Dies soll aber über die WebPage des Customs online gehen, was auch gut ist, denn online büßen wir nicht gleich noch eine weitere Flasche Wein ein.
Auffällig ist, dass alle nie müde werden, zu betonen, wie freundlich und hilfsbereit alle Jamaicaner und das ganze Land per se sind. Das glücklichste Land auf Erden, nie würde man irgendwo anders leben wollen. Das Shangri-La der Karibik und »morgens nen Joint und schon ist der Tag dein Freund«. Aber nach noch nicht einmal 24h würde es Jamaica wirklich gut zu Gesicht stehen, wenn wir von diesem Paradies auch mal etwas mehr abbekommen würden. Bisher liegt unsere Ausbeute an überschwänglicher Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft mit viel gutem Willen bei 50%. Das allerdings mit extrem negativen Ausschlägen in die andere Richtung, die die freundlichen 50% sehr in den Hintergrund drängen. Die positiven und teilweise überschwänglichen Reviews anderer Cruiser können wir jedenfalls noch gar nicht nachvollziehen.
Und noch etwas ist uns aufgefallen. Da haben wir nun fleißig unzählige Formulare mit immer wieder denselben Daten ausgefüllt und dachten, dass das irgendwie brutal wichtig sei. Aber alle Offiziellen hatten ihre eigenen Formulare dabei und haben exakt dieselben Daten noch einmal aus unseren Reisepässen und Bootspapieren in ihre Formulare abgeschrieben. Welches der Formulare, die wir ausgefüllt haben, überhaupt interessierte, ist schwer zu sagen. Einige wenige haben einen Stempel bekommen, aber die meisten blieben doch eher unbeachtet. Von all den 25 Formularen haben wir nur eine einzige Crewliste von der Immigration gestempelt zurückbekommen. Das Customs-Formular zur Beantragung des Cruising Permit war dann auch schon wieder so ein “Privat”-Formular des korrupten Customs-Typen.
Insgesamt war der Eincheckprozess auf Jamaica der krudeste seit Tobago, doch wenigstens konnten wir hier alles noch an einem Tag hinter uns bringen, wobei wir allerdings um eine Flasche Wein erleichtert wurden.
Und dann kommt noch die Marina. Ohne Frage hat die Marina ein Business Model und muss Geld verdienen. Deswegen wurden wir ja auch gleich am Vormittag in eine der hintersten Boxen gelotst und einige Marineros standen bereit, um unsere Leinen anzunehmen, von denen aber weit und breit keiner mehr zu sehen ist, als wir wieder ablegen. Doch wir wollten ja eh nie bleiben und hatten auch noch alle Kopien, die man für den Eincheckprozess braucht, selbst dabei.
So bleiben der Marina nur die 25$, weil der Eincheckprozess über die Marina abgewickelt wird. Als wir die bezahlen, erzählen uns die Damen aus dem Marina-Office mit dem Brustton der Überzeugung, dass wir nirgends im Hafenbereich von Port Antonio alternativ ankern dürfen, denn nur das Ankern im East Harbour sei frei, aber nicht im West Harbour. Doch das ist schlicht falsch. Die Marina hat zwar einen kleinen Bereich, für den sie auch von Ankerliegern eine Gebühr von 28US$ nehmen darf oder einfach nimmt, niemand weiß das so genau, aber der Bereich ist klein und liegt direkt vor der Marina. So versuchen sie Segler mit Halbwahrheiten zu ködern. Der East Harbour ist aber schlicht Mist, dort läuft der Schwell ziemlich ungebremst rein und irgendwelche Möglichkeiten zum Anlanden sind dort auch kaum vorhanden. So lernen wir, dass die berühmte jamaikanische Freundlichkeit offensichtlich auch sehr eng an die Bereitschaft gekoppelt ist, seine Kreditkarte zu zücken.
Dabei spielt die Unwissenheit der meisten Segler und die Tatsache, dass man ein Cruising Permit braucht, um Port Antonio überhaupt wieder verlassen zu können, um woanders zu ankern, eine entscheidende Rolle im Business Model der Marina. Speziell an Wochenenden und ganz besonders schön vor Feiertagen wie Weihnachten und Neujahr. Das Cruising Permit kann man entweder digital beantragen oder über die Marina. Und nur ein Schelm fragt sich, was da wohl länger dauern könnte. In jedem Fall braucht es wenigstens einen nächsten Werktag für die Bearbeitung. Wir bekommen unser am Freitag digital beantragtes Cruising Permit am späten Montagnachmittag. Also nach drei bzw. vier potentiellen Marinatagen. Segler, die das nicht hinterfragen, bleiben da lieber mal in der Marina, denn alles andere ist ja schließlich auch noch illegal.
Und so erhalten unsere 50:50-Erfahrungen gleich noch einen Dämpfer. Wirkliche Ehrlichkeit sieht anders aus. Nach unserem ersten Tag bleibt für Jamaica noch viel Luft nach oben, um noch an die Vorschusslorbeeren der viel gepriesenen jamaikanischen Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft heranzukommen.
Insgesamt fühlen wir uns unwohl und nicht wirklich willkommen.
Schnell weg
Aus der Marina gehen wir dann ganz in den Westen des West Harbours vor Anker. Westlich des roten Richtfeuers darf man frei ankern. Hier ist die Hammermucke zwar nicht einen Deut leiser, dafür ist die Beschallung bis weit nach Mitternacht wenigstens kostenlos.
Port Antonio, West Harbour, West
18° 11′ 02,4” N, 076° 27′ 28,5” W











