Aruba, Oranjestad -> Jamaica, Port Antonio
Distanz: 518,1 sm – Gesamtdistanz 2025: 6.157,4 sm
Tag 1, Montag 15.12.
Um 13:30 ist es soweit, wir gehen endlich Anker auf. Doch zunächst müssen wir noch auschecken. Erst Immigration, dann Customs.
Das geht schnell und unsere Befürchtungen, dass unser längerer Aufenthalt nun auch wieder zu neuen Problemen führt, treten nicht ein. Wir hatten ja beim Check-in angegeben, dass wir 4 Wochen bleiben, also bis zum 24.11. Nun sind es 3 Wochen mehr geworden, was allerdings niemanden interessiert. Zu all diesen Formalitäten gibt es ja immer eine Vielzahl von Informationen und die Wahrheit liegt leider nicht einfach so in der Mitte. Aber gut so …
Um 14:50 starten wir endgültig und fahren ein letztes mal durch den Bucuti Canal, um in Ruhe alles seefest zu machen. Dass es eine sehr schlaue Idee ist, auf alles vorbereitet zu sein, werden uns die nächsten 48h dann auch gleich eindrucksvoll bestätigen.
Vor uns liegen etwas mehr als 500sm und der Wind soll die ganze Zeit sehr komfortabel aus Osten kommen. Erst stärker, dann nur noch so um die 15kn. Doch der starke Wind der letzten Tage hat eine ziemlich ruppige See hinterlassen. Und leider laufen die Wellen genau von der Seite ein. So wird die PINCOYA gleich von Anbeginn immer wieder recht hässlich auf die Seite gelegt. Nach der langen Auszeit vom Offshore-Segeln geht es uns damit nur bedingt gut. So bleibt die vorgekochte Suppe am ersten Tag in den Tupper-Dosen, was unsere Mägen gar nicht so schlimm finden, denn sie sind mit Crackern, Knäckebrot und Wasser durchaus zufrieden.
Erst 20sm westlich von Aruba werden die Wellen wenigstens etwas länger. Doch es bleibt heftig. Die Wellen sind steil und hoch und das Chaos passt nicht so recht zu dem Wind, der nun konstant um die 25 kn weht. Doch nach und nach erfasst uns auch ein mächtiger Strom, der glücklicherweise in dieselbe Richtung will wie wir. Durchs Wasser geht die Fahrt ohnehin schon mit 6,5 bis 7kn dahin. Über Grund verlassen wir nun aber die 8 bis 9 kn nur selten und einige Male sehen wir sogar die 10. So einen Speed hatten wir das letzte Mal zwischen den Kanalinseln im Alderney Race. Dort aber nur für kurze Zeit. Hier geht die wilde Fahrt Stunde um Stunde so weiter. Es ist der absolute Oberhammer, wir fliegen nur so dahin.
So ein Speed ist phantastisch, denn er lässt uns immer wieder der einen oder anderen hässlichen Welle entkommen. Aber leider nicht allen. An Herumlaufen oder nur Stehen ist nicht zu denken. Verkeiltes Herumsitzen bewahrt einen noch am besten davor, noch mehr blaue Flecken einzusammeln.
So beobachten wir die Logge und und staunen über unsere dicke Erna, wie sie dahinfliegt.
Kurz vor Sonnenuntergang sehen wir die erste portugiesische Galeere überhaupt in der Karibik. Rund um die Azoren segelt man ja durch ganze Felder von ihnen, aber hier ist es wirklich die absolut erste, die wir sehen. Sie muss sich verschwommen haben, denn weitere sehen wir nicht. Doch das warme Klima scheint ihr gut zu bekommen, allein ihr Körper ist etwa 25cm lang und schimmert in einem durchsichtigen Hellblau und Rosa, das leicht in ein fast metallisches Pink übergeht. Schön sind sie ohne Frage, aber nur mit Abstand 🙂.
Unsere Theorie, dass der Wind etwas nachlässt, wenn erst einmal die Sonne untergegangen ist, bestätigt sich nicht. Es bleibt bei beständigen 20 bis 25kn. So binden wir für die Nacht das zweite Reff ins Groß und drehen die Genua ins dritte. Das macht uns kaum langsamer, aber dennoch geht es so ruhiger in die Nacht.
Mit der Genua herumzufummeln, macht uns inzwischen immer mehr Sorgen, denn sie ist nun neben den Fenstern zu unserem nächsten großen Sorgenkind geworden. Wenn der Fucknor-Furler vollends verrecken sollte, müssen wir die Genua irgendwie runternehmen. Was bei diesem Wind nicht nur kein Vergnügen, sondern auch ziemlich gefährlich ist.
Obwohl es ziemlich ruppig durch die Nacht geht, finden wir erstaunlich gut in unseren nächtlichen Rhythmus zurück. Die Mittelkoje ist ein wahrer Segen, sie ist unser Ruheraum. Die Wirkung ist grandios, auch wenn wir nicht neu geboren aufwachen, um nach drei Stunden unsere nächste Wache zu beginnen.
Die Nacht ist schwarz. Rabenschwärzer kann eine Nacht wohl kaum sein. In drei Tagen ist Neumond und so leuchtet die schmale Mondsichel erst kurz vor Sonnenaufgang über dem östlichen Horizont. Normalerweise spannt sich in solchen Nächten ein unglaublicher Sternenhimmel auf, aber es ist diesig und das Sternenlicht dringt nur sehr verhalten durch die feuchte Luft.
Wenn man in einer so schwarzen Nacht auch noch mit Höchstgeschwindigkeit durch die Wellen kracht, ist es noch etwas schwerer, sich zu entspannen. Man hört die Wellen, wie sich sich in der Nähe brechen und einige krachen kurz darauf auch in die Seite unserer dicken Erna. Wenn man in solchen Situationen absolut nichts sieht, weil jeder Blick nach draußen schon nach 5 Metern in der Finsternis stecken bleibt, hinterlässt das schnell ein surreales Gefühl des Ausgeliefertseins. Da hilft die Routine vieler Nachtfahrten ungemein.
Um 23:59 loggen wir für den ersten Tag 72,7sm. 441sm to go.
Unseren Zeitverlust von 3,5 Stunden haben wir so schon wieder aufgeholt. Eigentlich planen wir immer mit 5,5kn und so hätten wir um Mitternacht 71,5 sm auf der Uhr haben müssen. Doch durch unsere Raserei haben wir nun schon 72,7 sm geschafft, was einem Schnitt von 7,9kn über 9,2 h entspricht. So errechnet sich ein theoretisches Etmal von unglaublichen 189,6sm. Mal sehen, was wir davon über den neuen Tag retten können. Es wird spannend und der Ehrgeiz ist geweckt, obwohl es unser Ehrgeiz gerade nicht ganz so gemütlich hat.
Tag 2, Dienstag 16.12.
Aufgrund der Spannungen zwischen den USA und Venezuela lassen wir diesmal unser AIS an. Mit Piraten ist auf der Stecke nach Jamaica ohnehin nicht zu rechnen, aber Venezuela und Kolumbien liegen eben direkt im Süden und wenn die USA wirklich die Kurierrouten im Ost blockiert haben, werden sich die Kartelle Ausweichrouten suchen. Und da wäre es schon blöd, als unbekanntes Objekt zwischen die Fronten zu geraten.
So rasen wir mit Meilenstiefeln durch die Nacht und einem Etmal von 187sm entgegen. Unser Logbook zeigt kaum mal eine Stunde mit einen Schnitt unter 8kn. Zum Sonnenaufgang wird es etwas moderater und auch die Wellen werden länger und glätten sich zusehends.
Beim Rundgang nach der ersten Nacht sammeln wir unzählige kleine Fliegende Fische vom Deck, wir müssen ziemlich ruppig durch eine Kinderstube gebrettert sein.
Im Laufe des Tages reffen wir das Groß wieder ins erste Reff aus, schließlich sind wir auf Rekordkurs und wollen es nun auch wirklich mal wissen. Auch die Genua rollen wir wieder etwas aus, so knüpfen wir an alte Geschwindigkeiten an.
Um 14:50 loggen wir unser unglaublichstes 24h Etmal ever. Es lief zwar nicht von Mitternacht bis Mitternacht, aber exakt 24h nach unserem Start bei der Immigration haben wir 186,9 sm in unserem Kielwasser gelassen. So etwas hätten wir unserer dicken Erna niemals zugetraut.
Und die wilde Fahrt geht weiter. Abwechselnd schlafen wir auch tagsüber, die Nacht war anstrengend.
Wenn wir diese Geschwindigkeit auch nur halbwegs halten können, legen wir einen Megaritt nach Jamaica hin.
Kurz vor Mitternacht rettet die Capitana noch einen kapitalen, etwa 20cm langen Fliegenden Fisch aus dem Cockpit. Der hat sich verflogen und zappelt nun wie wild auf einem der Polster herum. Gut für die Capitana, denn die Burschen machen verständlicherweise einen heiden Alarm. So kann sie ihn ganz elegant wieder zurück über Bord befördern.
Um 23:59 loggen wir unser 1. echtes Tages-Etmal mit 181,5 sm. 262 sm to go.
Obwohl der Wind etwas abgenommen hat, konnten wir unser unglaubliches Etmal gut über den Tag retten. Das toppt unser bisher bestes Etmal um gleich mal 21,5sm. Da wird es schwierig werden, dies irgendwann noch einmal zu übertreffen. Klar hat uns der Strom geholfen, aber selbst wenn man das mit 1,5kn im Schnitt raus rechnet, ist dieses Etmal für einen 37’ Mono der absolute Oberhammer.
Tag 3, Mittwoch 17.12.
Und so feiern wir schon um 1:20 Bergfest. Die Hälfte ist geschafft und das schon nach 1 1/2 Tagen! Aus der Erfahrung rechnen wir immer mit 5,5kn, nun sind wir auf der ersten Hälfte mit 7,2 kn unterwegs gewesen.
Mit der ausklingenden Nacht wird es deutlich ruhiger. Der Wind bleibt unter 20kn und auch die Wellen beruhigen sich weiter. Es wird gemütlicher, denn nun passen Wind und Wellen ganz gut zusammen.
Der Morgen begrüßt uns mit einigen Squalls, doch nur einer trifft uns mit seiner 30er Böenfront. Danach geht es wechselhaft zwischen 12 und 20kn True Wind weiter. Bis zum Mittag ziehen die Squalls mit ihrem Regen brav um uns herum.
„Aber einzelne Squalls treffen uns auch. Im Radar kann man gut sehen, wo die Lücken sind, aber nicht jede Lücke bleibt eine Lücke.“
Gute Nachrichten
Schon gestern haben wir eine eMail von Hahnfeld-Masten bekommen. Wahrscheinlich haben wir einen Flat Deck Furler von Facnor der alten Generation. Der könnte ein Problem mit dem inneren Rollenlager haben. Facnor und Hahnfeld-Masten machen uns ein gutes Angebot für Ersatz, nun ist nur noch die Frage, wohin geliefert werden kann und wo wir den neuen Furler einbauen. Aus Erfahrung wissen wir ja nun, das Lieferungen in die Karibik gut geplant sein wollen und es entscheidend auf den Paketdienst ankommt. Wenn wir das hinbekommen, würde uns ein großer Stein vom Herzen fallen, denn inzwischen haben wir Zweifel, ob wir mit dieser Rollreffanlage wirklich gut zurückkommen. Wenn sich der Furler ganz verklemmt, haben wir ein echtes Problem, das bei unschönem Wetter noch unschöner werden kann.
Die zweite gute Nachricht des Tages kommt aus Dänemark. Die Firma Ertec kann uns neue Fenster bauen, sie ist der Nachfolger von N.C.Bjerg, der 1998 pleite gegangen ist, und hat alle Zeichnungen und auch die Biegewerkzeuge übernommen. Das hört sich zwar nicht besonders spektakulär an, aber unsere Rahmen sind mit einem Eckenradius von 47 mm gebogen, was bisher alle anderen aus der Kurve getragen hat. Eine Kopie der Maßzeichnung bekommen wir auch, um sicher zu stellen, dass es die richtigen Fenster sind. So ergeben sich zwei prima Lösungen für zwei unserer großen Probleme. Endlich klärt sich mal etwas und es kommt nicht immer nur Neues hinzu.
Und möglich ist das alles nur, weil wir bei Starlink den »Ocean-Modus« dazu gebucht haben. Das funktioniert super, wird aber nur in dem Roaming-Unlimited-Tarif angeboten. Die Welt hat sich schneller weitergedreht, als wir es 2023 überhaupt erahnen konnten. Nun können wir auch offshore für den kleinen Euro online sein. Was für eine Erleichterung.
Und weiter geht’s…
Ab Mittag beutelt uns dann eine ganze Serie von Squalls. Der Wind spielt zwischen 3 und 30kn verrückt und es schüttet wie aus Eimern. Den dicksten Dingern können wir aber durch eine Lücke entkommen. Im Radar kann man die Lücken prima sehen und mit etwas Glück hindurch schlüpfen. Ab dem späten Nachmittag geht es dann ruhiger und vor allem wieder gleichmäßiger weiter. Wenn man 48h mit 7 bis 8 und in Spitzen 9kn verwöhnt wurde, kommen einem 5 bis 6kn richtig langsam vor. So finden wir aus dem Racing-Modus zurück in unseren Cruising-Modus.
„Auf der Jagd nach dem »Green Flash«. Auf Aruba haben wir das erste Mal einen gesehen, aber auch diesmal ist es wieder zu diesig und auch wolkig.“
Ruhig geht es in die dritte Nacht. Die Wellen sind schmusig bei 15kn, was will man mehr? Und so zieht auch das normale Bordleben wieder bei uns ein. Nach den zwei wilden Tagen ist das sehr angenehm. Da es eh fast unmöglich ist, einen nächsten Rekord zu ersegeln, können wir es nun auch ruhiger angehen.
Um 23:59 loggen wir unser 2. Etmal mit 153,9 sm. 109 sm to go.
Noch vor kurzer Zeit wäre dies ein Rekord-Etmal gewesen. 6,4 kn im Schnitt in den letzten 24h. Doch nun muss es sich mit Platz drei begnügen.
Tag 4, Donnerstag 18.12.
So gehen wir den letzten Abschnitt ruhig an. Wenn wir die Geschwindigkeit halten können, werden wir nach Bordzeit, UTC -4, um 17:00 ankommen. Also nach lokaler Jamaica Zeit um 16:00, denn wir haben die nächste Zeitzone erreicht. Damit würden wir mehr als 19h (!) vor unserer Planung liegen.
Kurz vor Sonnenaufgang setzen wir knapp nördlich der Albatros Bank, die zu den Northeast Cays im Osten von Jamaica gehört, zum Endspurt an. An der Albatros Bank verspringt der Meeresboden ziemlich abrupt von über 1.500m auf niedlich 19m. Da wollen wir lieber etwas Abstand halten. Unsere Geschwindigkeit haben wir bisher gut halten können. Insgesamt ist es moderat geblieben, wobei uns immer wieder Böenfelder bis 25kn auf Trapp halten. Ob dazu schlussendlich auch Squalls gehören, können wir in der rabenschwarzen Nacht nicht sehen. Wenigstens regnet es nicht. Dafür krachen wir dann immer wieder mit über 7 kn durch die Finsternis.
Es ist diesig und die dünne Sichel des Mondes zeigt sich einen Tag vor Neumond eh nur noch einmal kurz mit dem Sonnenaufgang. So sausen wir unter einem grandiosen Sternenhimmel hindurch, der seine ganze Schönheit immer noch hinter Dunstschleiern verbirgt.
Nördlich der Albatros Bank haben wir Glück, wir müssen leicht abfallen und der Wind dreht mit uns. Vorhergesagt war das nicht, aber wir nehmen es gerne.
Etwa auf der Hälfte der restlichen Strecke beginnen wir durch Müll zu segeln. Tausende von Plastikschnipseln, die aussehen, als ob das Plastik schon geschreddert wurde, Tüten, Flaschen, Styropor-Verpackungsteile, Gummiteile, Plastikbesteck und vieles mehr ziehen in einer unendlichen Prozession an uns vorbei. Die Zivilisation lässt grüßen. Oder ist es doch eher Melissa, die Unmengen von Unrat ins Meer gespült hat? Ab und an trifft man ja immer mal auf Müllstreifen, doch durch einen so unablässigen Strom von Plastikmüll sind wir auch nicht nicht gesegelt.
Um 12:30 sehen wir das erst Mal schemenhaft Jamaica. Bis Port Antonio liegen noch 40sm vor uns. Da wir nun etwas Gegenstrom haben, werden wir es vor Einbruch der Dunkelheit nicht mehr schaffen. Doch egal, wir waren ja schon schnell genug.
Was die Tage vorher schnell ging, erfordert nun etwas Geduld. Doch das Wetter ist klasse, der Wind weht, wenn auch schwach, unerwartet mit uns. Und der Strom gibt nach einiger Zeit sein destruktives Spielchen auf und verhält sich neutral.
Wir duschen, essen und klaren alles etwas auf. Dazu hatten wir bisher nicht so recht die Muße. Immer deutlicher tauchen vor uns die Blue Mountains aus dem Dunst auf. Wir sind gespannt. Vor uns liegt das 40ste Land, das wir uns mit der PINCOYA ersegeln.
„Squalls haben ja auch etwas Wunderbares, das Spiel der Wolken mit dem Sonnenlicht ist oft phantastisch.“
Ein angsteinflößender Empfang
Etwa 20 sm vor Port Antonio, also schon in den Hoheitsgewässern von Jamaica, kommt von hinten ein monströser Squall auf, aber nicht nur der Squall kommt auf, sondern auch ein Motorboot, das sich am Ende als Boot der Jamaica Defence Force – Coast Guard herausstellt. Wenigstens auf der Seite des Bootes ist das Emblem der Coast Guard, das Verhalten ist eher das Verhalten von Piraten bei einem Angriff.
Das Boot fährt mit Höchstgeschwindigkeit sehr dicht an unsere Backbordseite und stoppt abrupt auf. Vollkommen ahnungslos begrüßen wir sie. Doch merkwürdig. Wir hatten ja schon einige Coast Guard-Kontakte, aber immer lief die Befragung mit Distanz und über Funk ab. Doch der Captain brüllt seine Fragen nur zu uns herüber. Soweit wir verstehen, normales Zeug: “Woher und wohin?” “Nationalität?” “Anzahl der Leute an Bord.” usw. Die Verständigung ist schwierig, denn gleichzeitig zieht nun auch wirklich dieser kapitale Squall heran. Immer wieder setzt sich das Coast Guard Boot ab und prescht erneut mal auf Steuerbord oder Backbord sehr dicht an unser Seite. Immer wieder Geschreie, aber keine Antwort auf unsere Fragen, was los sei und was sie noch wollen. Oft wird gar nichts gefragt, wir werden nur immer wieder regelrecht gepresst. Und so langsam bekommen wir es mit der Angst zu tun. Was ist hier los? Was sollen wir machen?
Dann kommt der Squall mit heftigem Regen und 25er Böen. Wir müssen Halsen, keine große Kursänderung, nur wenige Grad vor dem Wind. Kurz darauf donnert das Coast Guard Boot wieder heran, überholt uns, stoppt direkt vor uns und fährt uns offensichtlich absichtlich in den Backbordseite. Wir können nichts machen, unter Segeln kann man nicht einfach mal so stoppen.
„Da sind sie und treiben ihr Unwesen. Weil ich sie nicht provozieren wollte, habe ich nur verdeckt von innen photographiert. Eine Dashcam wäre ideal gewesen, haben wir aber leider nicht.“
Wir sind fassungslos. Ich schreie, was das soll und was sie überhaupt von uns wollen. Doch der Captain grinst nur etwas blöde zu uns herüber. In diesem Moment beschleicht uns der Verdacht, dass der Kerl zugekifft ist. In dem Boot sitzen noch zwei weitere Personen, die aber vollkommen unbeteiligt sind.
Und das Pressen geht unvermindert weiter. Immer wieder prescht das Boot mal auf Steuerbord oder Backbord heran. Wir versuchen, über Funk einen Kontakt herzustellen, was allerdings nicht gelingt. Alle Calls bleiben unbeantwortet. Ehrlich gesagt, bekommen wir es nun richtig mit der Angst zu tun und wissen gar nicht, was wir machen können. Was soll das noch werden? Es ist ein Spiel mit unserer Angst, das über eine Stunde so geht. Und das Böses erahnen lässt. Der offensichtlich zugekiffte Coast Guarder hat seinen Spaß daran, mit unserer Angst zu spielen.
Als der Wind deutlich abnimmt, starten wir den Motor. Normalerweise wären wir weitergesegelt, aber wir wollen mit diesem Typ nicht hier draußen allein sein. In einem Anfall von glückseligen Dusel, haben wir den Motor noch auf Aruba repariert. Was wäre, wenn nicht? … darüber wollen wir lieber nicht nachdenken.
Im Nachhinein sehen wir es als einen unserer Kardinalfehler an, dass wir NICHT gleich nach dem Rammen einen PanPan-Call abgesetzt haben. Dann wären die Landstationen der Coast Guard auf Jamaica aufmerksam geworden und jedes Schiff in der Nähe hätte wenigstens unseren PanPan-Call loggen müssen. Das hätte unsere Situation publik gemacht. Die nächste Stufe wäre ein DSC-Distress-Call über unser Funkgerät gewesen, dann hätten alle Schiffe in der Nähe uns zu Hilfe kommen oder wenigstens reagieren müssen. In der letzten Eskalationsstufe hätten wir die EPIRB zünden können, dann wäre eine internationale Hilfsaktion gestartet worden.
Das hört sich sehr harsch an, aber in diesem Moment befürchten wir tatsächlich eine unkontrollierte Eskalation und wir fürchten um unsere Leben. Nicht mehr und nicht weniger. Mit einem zugekifften Coast Guarder mit Knarre am Gürtel ist nicht zu spaßen. Und tatsächlich, als er wieder heranrast und 50cm neben uns abrupt stoppt, rufen wir ihn solange über Funk an, bis er antwortet. In diesem Moment ist die Sache raus und sozusagen per Funk »in der Welt«. Wenigstens besteht nun die Möglichkeit, dass andere mitgehört haben und wissen, was hier abgeht. Vielleicht wird er auch genau deswegen eine 3/4 Stunde später abgelöst.
Danach hält er Abstand. Und nach einer 3/4 Stunde wird das erste Boot von einem zweiten abgelöst. Das zweite Boot verhält sich vollkommen korrekt. Doch auch dieses Boot antwortet nicht auf unsere Funkanrufe. Es kommt nur einmal näher, um herüberzurufen: »We will escort you to Port Antonio!«
In Port Antonio lassen sie uns auf dem Ankerplatz vor der Marina ankern. Es ist inzwischen 20:40. Sie fragen uns noch einmal die üblichen Dinge und weisen uns daraufhin, dass wir in keinem Fall das Schiff verlassen dürfen, bis der Check-in komplett abgeschlossen sein. Sie würden alle benachrichtigen, wir sollten nichts tun. Als wir danach fragen, was wir falsch gemacht haben, antwortet der Captain: »Nothing!«. Und damit verschwindet das Coast Guard Boot in der Nacht.
Wir haben nun 40 Länder mit den PINCOYA bereist, aber so etwas haben wir noch nie erlebt. Wir haben uns ohnmächtig gefühlt. Abhängig, ausgeliefert und bedroht. Und eins ist nach diesem Vorfall mehr als klar, wir müssen einen Notfallplan haben, der ganz bewusst verschiedene Eskalationsstufen durchläuft. Eskalationsstufen, die nicht als Angriff oder Gegenwehr interpretiert werden können. Das ist wichtig. Und daran arbeiten wir auch gerade schon und wir haben uns nach dreitätigem Nachdenken auch noch zu etwas weiterem entschlossen, aber das kommt im nächsten Blog.
Die Segelstatistik
Obwohl dieser legendäre Segeltrip nun ein so blödes Ende genommen hat, ist es dennoch Zeit für etwas Segelstatistik.
Von Aruba nach Jamaica sind wir 518,1sm in sagenhaften 3 Tagen 5 Stunden und 25 Minuten gesegelt. Das ist ein Schnitt über die Gesamtstrecke von 6,7 kn. Und dabei haben wir am zweiten Tag ein Allzeit-Etmal von 181,5 sm ersegelt und am dritten waren auch noch einmal 153,9 sm drin.
Aber nun müssen wir erst einmal runterkommen. Mal sehen, wie es nun in Jamaica weitergeht. Viel Lust auf Jamaica haben wir gerade nicht mehr, aber man darf das Kind ja auch nicht nur wegen eines zugekifften Vollidioten gleich mit dem ganzen Bad ausschütten.
Port Antonio, West Harbour, Marina Area
18° 10′ 49,1” N, 076° 27′ 16,4” W








































