Jamaica ruft, aber…


Endlich! Wir atmen nicht nur einmal tief durch.

Die letzten Wochen haben sich um alles gedreht, aber nicht um unsere eigentlichen Reisepläne. Panama mussten wir ganz streichen. Dennoch sind wir froh und dankbar, dass wir am Ende alles ohne neue böse Überraschungen reparieren konnten. In diesem Stückchen Erfahrung gibt es allerdings auch eine Kandidatin, die wir lieber vierteilen würden, als ihr dankbar zu sein. Andy hat in Deutschland alle Sachen eingepackt und abgeschickt. Captain Paul und Richy von der Varadero Werft haben uns die Reparatur perfekt ermöglich und uns in allen Wünschen unterstützt. Und der Mechanic, dessen Namen wir noch nicht einmal kennen, war in seiner eigenbrötlerischen Art zwar ein Unikat, hat aber einen perfekten Job gemacht und uns noch gute Ratschläge gegeben. Das aber nur außerhalb seiner Werkstatt, die niemand außer ihm betreten durfte. Richy hatte uns schon vorgewarnt und gesagt: “He’s special, but a professional!”
Und nun schwimmt unsere dicke Erna wieder und es ist Zeit, darüber nachzudenken, wie wir nun nach Jamaica kommen.


Am 28. Oktober, also erst vor 6 Wochen, hat Melissa als katastrophaler Category 5 Hurricane Jamaica getroffen. Wir waren uns lange nicht sicher, ob wir deswegen auch Jamaica von unserer Reiseliste streichen oder gerade deswegen dort hinsegeln sollten. Doch Jamaica ist nun unser nächstes Ziel.

Melissas Landfall auf Jamaica lag ganz im Westen und der Osten mit Kingston ist relativ glimpflich davongekommen. In Westmoreland Parish bei New Hope ist Melissa auf Land getroffen und dann über Hanover und St. James Parish, in der auch die bekannte Montego Bay liegt, gezogen. Die Zerstörungen waren katastrophal. Im Frühjahr haben wir auf Carriacou und den Grenadines gesehen, welche Zerstörungen ein Hurricane anrichten kann. 7 Monate vorher war dort der Hurricane Beryl als »low-end category 4 hurricane« mit »nur« 220 km/h auf Carriacou auf Land getroffen. Unsere Bilder in den Blogs zeigen das Ausmaß der Zerstörungen.

Melissa ist aber als »high-end category 5 hurricane« mit 300 km/h auf Jamaicas Westen getroffen. Selbst Container, die dort vorher als Nothilfe abgestellt und verankert worden waren, sind einfach weggeblasen worden. Die Zerstörungen haben alles übertroffen, was man befürchtet hatte, denn der Landfall von Melissa auf Jamaica war seit dem Labor-Day-Hurricane der stärkste Landfall seit Aufzeichnungsbeginn. Und ein weiteres Datum von Melissa ist schlicht unvorstellbar, wenn auch noch nicht einmal ein Allzeitrekord. Melissa hatte einen Kerndruck von 892 hPa. Diese Werte wurden bisher nur von Wilma und Gilbert getoppt, aber nicht bei einem Landfall. Bei normalen atlantischen Tiefdruckgebieten wird es schon ab 970 hPa richtig ungemütlich, da möchte man sich den Wind bei Werten unter 900 hPa gar nicht vorstellen.

Wenn man über einen Hurricane spricht, denkt man unwillkürlich nur an die unglaublichen Windgeschwindigkeiten. Doch es gibt noch ein zweites, vielleicht noch größeres Problem. Das sind die vollkommen unvorstellbaren Regenmassen, die ein Hurricane mit sich bringt. Zur Ahrtal-Katastrophe haben 200mm Niederschlag pro Quadratmeter gereicht, Melissa brachte aber die fünffache Menge, also 1000mm Niederschlag pro Quadratmeter mit sich.


Und dann soll es losgehen, aber …
… es gibt Momente, in denen es nicht leicht ist, die richtige Entscheidung zu treffen. Wie schon beim letzten Check des Getriebeöls am Saildrive vor genau 5 Wochen, als es am nächsten Tag nach Panama gehen sollte, fördert unser letzter Check des Motors heute ein neues Problem zu Tage. Es ist zum Schreien und eigentlich so bösartig unwahrscheinlich, dass man dahinter tatsächlich eine Verschwörung des Schicksals vermuten könnte. Der Motor verliert Kühlflüssigkeit im Primärkreislauf und wir können nun schon die obersten Rohre des Wärmetauschers sehen.

Durchatmen hilft an dieser Stelle nur bedingt, wir müssen uns regelrecht zwingen, die Realitäten nüchtern zu betrachten, sodass wir uns in diesem Moment nicht von dem Frust überwältigen lassen, der auch noch gleich all den Frust der letzen Wochen wieder hochspült. Es braucht etwas, bis uns das gelingt, denn selbst die übermächtigste positive Einstellung hat nun so ihre Schwierigkeiten durchzudringen. Tee trinken und Abwarten wird in keinem Fall helfen. Das ist klar. Und auf eine Wunderheilung wie bei unserem Starlink brauchen nicht zu hoffen. Der Motor unserer dicken Erna hat 31 Jahre auf dem Buckel.
Also Tee trinken und Nachdenken!


Sicherlich könnten wir mit dem Kühlwasserverlust auch nach Jamaica segeln, denn 99,9% der Strecke werden wir segeln, da es während dieser Jahreszeit in der karibischen See immer genug Wind gibt. Doch was dann? Jamaica wurde schwer von Melissa getroffen und die Versorgung ist sicher eingeschränkt. In unserem Zielort Port Antonio gibt es sogar eine Werft, doch obwohl wir für die Reparatur gar keine Werft brauchen, beschreibt ein Kommentar die Situation vor Ort wie folgt: »The yard is secure but parts and services are very limited in the area.« Hmm … und danach… Caymans, Honduras, Belize und Mexico? Wobei Belize und Mexico schon recht weit in der Zukunft liegen und wegen der Lagunen wohl auch einige Motorstunden erfordern. Also bleiben nur die Caymans und/oder Honduras, doch dort auch nur die Isla Roatán, denn das Festland ist für uns ein NoGo.

Wenn wir diese Aussichten Aruba gegenüberstellen und unseren Frust mal beiseite schieben, ist die Entscheidung, die wir fällen müssen, keine Entscheidung mehr zwischen zwei Alternativen. Ohne Frage könnten wir auch abseits aller Versorgung eine Lösung finden, denn das notwendige Ersatzteil haben wir diesmal tatsächlich dabei. Wir müssen es nur einbauen. Was wir nicht mehr ausreichend haben, ist Kühlflüssigkeit. Sicher könnten wir auch die alte Kühlflüssigkeit auffangen, filtern und wiederverwenden und den Rest notfalls mit Wasser auffüllen. Das würde funktionieren, aber was ist sinnvoller?

Unsere Abfahrt noch einmal verschieben, um das Kühlsystem zu reparieren, oder lossegeln und hoffen, dass der Verlust sich weiterhin in Grenzen hält, um dann die Reparatur auf Jamaica über Weihnachten anzugehen. Dabei ist »über Weihnachten« das Stichwort, denn falls wir doch noch etwas brauchen, wird das »über Weihnachten« noch schwieriger, als es ohnehin schon ist.


Also gehen wir die Reparatur auf Aruba an und hoffen, dass wir es schnell und ohne neue Probleme schaffen. Dass sich diese Entscheidung dann kurz vor Jamaica als die glücklichste Entscheidung unseres Seglerlebens herausstellt, ist eine andere Geschichte. Auch wenn sie uns bei allem Optimismus vielleicht nicht unbedingt im absoluten Sinne den Arsch gerettet hat und es auch weiterhin die theoretische Möglichkeit gibt, dass alles dennoch gut ausgegangen wäre, bewahrt uns unsere Entscheidung definitiv vor noch größeren Problemen, die kurz vor Jamaica ohnehin schon auf uns warten.

Doch das kommt erst im nächsten Blog, nun geht’s an die Reparatur.


Der Vier-Sterne-General der Ideenfindung
Da die Gummihauben für den Wärmetauscher schon längere Zeit nicht mehr ganz so vertrauenserweckend aussahen, haben wir uns in einem besonders glücklichen Anfall von Weitsicht hierfür schon mal Ersatz besorgt. Ausgetauscht haben wir sie allerdings nie, denn der Grundsatz »never touch a running system« ist ja heilig. Aber nun!

„Glücklicherweise haben wir Ersatz, sonst wären wir Weihnachten immer noch auf Aruba.“

„Glücklicherweise haben wir Ersatz, sonst wären wir Weihnachten immer noch auf Aruba.“

Inzwischen hat sich etwa ein Liter der guten Kühlflüssigkeit klammheimlich in die Bilge verdrückt, doch wir müssen den Rest unbedingt retten. Wir haben zwar noch etwa 2 Liter in Reserve, aber das reicht hinten und vorn nicht, um das System neu zu befüllen. Und während der Schiffsjunge noch nach Schlauchresten sucht, befördert sich die Capitana selbst zum Vier-Sterne-General der Ideenfindung.

Vor drei Jahren haben wir von Reinhardt eine Wasserflaschenpumpe geschenkt bekommen, die wir auf den spanischen und portugiesischen 5l- oder 10l-Wasserflaschen auch schon fleißig genutzt haben. Doch seitdem wir einen Wassermacher haben, brauchen wir sie nicht mehr. So hält die Capitana mir nun eben diese Wasserflaschenpumpe entgegen und sagt: »Das wird doch auch gehen, oder?«

„Die Capitana bekommt 5 🌟! Die Idee mit der Wasserflaschenpumpe ist genial.“

„Die Capitana bekommt 5 🌟! Die Idee mit der Wasserflaschenpumpe ist genial.“

Die Idee ist so einfach wie genial. Wir haben zwar auch noch eine Impeller-Pumpe für den Akku-Schrauber, aber die hatte ich ebenso vergessen wie den genialen Platz, an dem ich sie vor Urzeiten verstaut habe. Der Akku der Wasserflaschenpumpe ist zwar leer, aber an der PowerBar erwacht sie sofort zu neuem Leben und neuen Aufgaben. Es ist unglaublich und unglaublich einfach. In kaum 3 Minuten ist der Wärmetauscher leer gepumpt und all die noch gute Kühlflüssigkeit schwappt zufrieden in einem Eimer.

„Vollkommen hin und spröde.“

„Vollkommen hin und spröde.“

„Alten ab, neuen drauf!“

„Alten ab, neuen drauf!“

Das Abmontieren des Gummischnuffels geht einfach, denn er zerbröselt vollends. Das Montieren des neuen Gummischnuffels ist etwas fummeliger, aber das gute Sonnenblumenöl aus der Pantry lässt ihn am Ende doch über die Stutzen flutschen.

„Kühlwasser retour!“

„Kühlwasser retour!“

Unglaublich aber wahr. Nach kaum einer Stunde pumpt die kleine Wasserflaschenpumpe die gesicherte Kühlflüssigkeit schon wieder zurück in den Wärmetauscher. Der Motor springt an, aus dem Auspuff kommt das Kühlwasser des Sekundärkreislaufs und am Motor ist alles dicht. Fertig!

„Und fertig!“

„Und fertig!“


Inzwischen ist es halbeins. Eigentlich wollten wir spätestens um elf bei der Immigration ausgecheckt haben. Noch passt es, um am Freitag noch auf Jamaica wieder einzuchecken, ohne 150$ Wochenendzuschlag zahlen zu müssen. Die zweite Option wäre, über das Wochenende nach Jamaica zu segeln, denn Montag und Dienstag wären vor Weihnachten ja auch noch zwei normale Arbeitstage, um ohne Feiertagszuschlag einzuchecken. Doch über das Wochenende soll das Wetter heftiger werden als in den kommenden vier Tagen. So geht es mit unserem Entschluss recht schnell.
Um 13:30 brechen wir aus dem Bucuti Canal auf und verlassen nach knapp sieben Wochen Aruba.

Der letzte Stopp im Bucuti Canal
12° 29′ 44,1” N, 070° 01′ 14,3” W