Tigermücke statt Tigerente

Gegen Mittag, einen Tag vor Weihnachten, beginnen die Beschwerden. Erst denke ich, dass ich mir meinen linken Oberschenkel irgendwie gezerrt habe, aber rund um den Knöchel beginnt es auch höllisch wehzutun. Dort ist alles so druckempfindlich, dass sich noch nicht einmal mehr eine Mücke 😳 (Ha ha!) darauf setzen dürfte. Die Schmerzen erinnern an Gicht, der betroffene Bereich ist aber wesentlich größer. Ich kann mich an nichts erinnern, wo ich mir den Muskel überhaupt so hätte zerren können. Und der Unterschenkel ist schlicht ein Rätsel.

Schon nachmittags bin ich bleiern müde und lege mich hin. Kein normaler Mittagsschlaf, die Luft ist einfach vollkommen raus. Schon morgens hatte ich keinen Appetit, Astrid hat allein gefrühstückt, während ich nur einen Tee geschlürft habe.

Abends kommen der Schüttelfrost und das Fieber hinzu. Mein linkes Bein funktioniert gar nicht mehr, ich kann ich nur noch unter heftigen Schmerzen auftreten. Irgendwie ist mir alles egal, ich will nur noch liegen und schlafen.


Astrid recherchiert und zum ersten Mal fallen die Worte Tigermücke, Dengue, Zika und auch Chikungunya. Ich schlafe fast durchgehend bis zum nächsten Nachmittag. Das Fieber geht von 39 auf 37,5 zurück. Mein linkes Bein ist deutlich dunkler und rotbraun. Der Beinvergleich sieht nicht gut aus. Die schmerzenden Bereiche verlagern sich, bleiben aber im Bein.

„Lieber Tigerente als Tigermücke“

„Lieber Tigerente als Tigermücke“

Wir recherchieren und lassen uns alles noch einmal durch den Kopf gehen. Der Gärtner, der Rasen gemäht hat, die Wiese, die durch den Regen teilweise überschwemmt war. Der Ablauf meiner Beschwerden und die Symptome. Beim RKI finden wir eine Warnung zu einem »Größeren Chikungunya-Fieberausbruch auf Kuba«, der durchaus mit dem Hurricane Melissa in Zusammenhang stehen kann. Nicht wegen des Sturms, aber wegen der Feuchtigkeit. Nun, Cuba ist nicht wirklich weit entfernt und Melissa war ja auch hier.

Wir beobachten mein linkes Bein und die Symptome. Wenn ich auch nur etwas gelegen habe, kann ich gar nicht mehr auftreten, die Schmerzen sind einfach zu fies. Wenn ich mich allerdings durch die ersten 15 bis 20 Minuten gebissen habe, wird es besser. Dann kann ich wenigstens etwas gehen. Der Name Chikungunya kommt aus einer Bantu-Sprache im Südosten Tansanias und bedeutet „der gekrümmt Gehende“. Das ist leider mehr als wahr, nur fällt das Gehen überhaupt schwer. Inzwischen ist der ganze Unterschenkel betroffen, die zunächst partiellen Schmerzen und Rötungen haben sich bis zum Knie hinaufgezogen. Aus dem Oberschenkel ist der Schmerz heruntergewandert. Der pickelige Ausschlag ist wie von kleinen blauen Flecken unterlaufen.


Am Abend des 24ten habe ich kein Fieber mehr, aber die anderen Beschwerden bleiben hartnäckig. Inzwischen sind wir uns ziemlich sicher, dass es Chikungunya ist. Mal sehen, wie es weitergeht. Der Unterschenkel meines linken Beins sieht aus wie eine rote Presswurst.


Am 25ten bin ich zwar wieder klar im Kopf und auch munter, aber die Appetitlosigkeit hält an. In meinem linken Bein ist auch noch nichts besser geworden. Eine Behandlung gibt es nicht wirklich, man kann nur die schmerzenden Beschwerden mit Paracetamol behandelt. Aspirin ist schlecht, weil es das Blut verdünnt und man unter diesen Virus-Erkrankungen eh zu Blutungen neigt.


Da haben wir auf Jamaica gleich noch einmal die maximale A-Karte gezogen. Mal sehen, was das nun wieder mit unseren Plänen macht. Bei 40% der Betroffenen geben sich die Beschwerden nach 1 oder 2 Wochen von selbst, die restlichen 60% haben mit den Symptomen Monate, Jahre oder gar lebenslänglich zu tun. Das sind nicht gerade prickelnde Aussichten.


Eine schlussendlich gesicherte Diagnose kann nur ein Bluttest bringen und auch der soll schwierig sein. All diese Fieber, Dengue, Malaria, Zika, Chikungunya und was es da noch so alles gibt, sind anhand ihrer Symptome nur schwer zu unterscheiden. So bleiben wir erst einmal bei unserer ersten Diagnose Chikungunya, obwohl ich keine Gelenkschmerzen habe.


Und weiter mit der Mücke
Die Symptome bleiben merkwürdig und ändern sich. Das einzige was hartnäckig bleibt, ist mein Presswurstbein, wobei allerdings die Schmerzen ab dem fünften Tag deutlich abnehmen. Doch zwischenzeitlich kommt noch eine Heiserkeit und etwas Druck in den Ohren hinzu, als ob man gerade im Landeanflug ist. Doch nach einigen Tagen bin ich immerhin wieder halbwegs klar in der Birne und auch die Heiserkeit und der Ohrendruck vergehen wieder.


Als absehbar ist, dass wir die nächste Etappe nach Port Morant schaffen können, verlegen wir uns. Port Morant hat den Vorteil, dass wir dort nicht nur gut und ohne so viel Regen liegen können, sondern auch in der Nähe der Hauptstadt sind. Für den Fall, dass es noch zu einem zweiten und schlimmeren Fieberschub kommt, ist das gut.


Bis Sylvester passieren in Port Morant keine Wunder und es wird ohne Rückfall langsam und beständig besser. Nach drei Tagen Ruhe in Port Morant beginnt auch die Presswurst abzuschwellen. Wenn wir so glimpflich davongekommen sollten, können wir dankbar sein. Vielleicht haben die Dauerpredigten in Port Antonio ja auch etwas geholfen 😂.

In jedem Fall werden wir nun nicht mehr ganz so sorglos ohne Mückenspray losziehen. Das hatten wir etwas einreißen lassen. Nun bin ich wahrscheinlich zwar lebenslang gegen Chikungunya immun, aber das hilft bei all den anderen Fiebern auch nicht wirklich. Nur gegen Gelbfieber sind wir ja geimpft, doch wir werden noch mal mit unserem Tropenarzt sprechen müssen, was noch geht. Gegen Dengue und einige andere Fieber soll es inzwischen auch Impfstoffe geben.

Port Antonio, West Harbour, West
18° 11′ 02,4” N, 076° 27′ 28,5” W

Port Morant
17° 53′ 07,3” N, 076° 19′ 13,9” W