Vor Lime Cay halten wir noch einmal kurz inne. Es sieht ganz danach aus, dass wir unsere Negativserie der letzten Wochen und Monate durchbrechen konnten. Selbst meine Beine und Gelenke sind auf dem Weg der Besserung. Das Rendezvous mit der Tigermücke war ja noch die Krönung dieser Serie. Nur der blöde Fucknor-Furler macht immer noch Probleme. Doch wenn wir das logistische Problem gelöst bekommen, bekommen wir auch das technische Problem in den Griff. Ansonsten stehen auf unserer ToDo-Liste nur noch Dinge mit Prio 2 und neue Überraschungen haben sich noch nicht angekündigt, obwohl sich bei uns ja seit Wochen die Probleme die Klinke in die Hand gegeben haben. Fast abergläubisch versuchen wir, dieses Resümee zur Seite zu schieben, um nicht neues Ungemach heraufzubeschwören. Doch es sieht tatsächlich so aus, als ob wir…
Nee, ich schreib es doch lieber nicht.
Lime Cay, Kingston -> Port Morant -> Port Antonio -> Oracabessa
Distanz: 128,2 sm – Gesamtdistanz 2026: 176,0 sm
Lime Cay, Kingston -> Port Morant
Bei einem zweiten Gutenmorgenkaffee überdenken wir noch einmal unseren neuen Plan. Es bleibt dabei, wir gehen im Osten um Jamaica herum wieder zurück und checken dann entweder in Ocho Rios oder in der Montego Bay aus. So liegen nun erst einmal zwei bzw. 1 1/2 Etappen vor uns, auf denen wir gegen Wind und Strom ansegeln müssen, bevor wir vor der Ostküste wieder auf einen Halbwindkurs gehen können.
Es ist ein wunderbarer Segeltag und alles erinnert etwas an Puerto Rico. Besonders die Kulisse mit den »gefalteten«, grünen Bergen, aber natürlich auch das Gegenan gegen Wind und Strom. Doch Puerto Rico hatte nicht dieses Müllproblem. Immer wieder fahren wir durch Treibmüll, es ist wirklich jammerschade.
In der Abdeckung der Berge müssen wir anfangs motoren. Das gibt uns die Gelegenheit, gleich noch einmal Wasser zu machen. Der Wassermacher läuft immer noch rund und klaglos und die Produktionsrate stimmt. Man ist ja doch immer etwas misstrauisch, wenn so viel nacheinander schief gegangen ist.
Als wir aus der Abdeckung der Berge kommen, beginnt die PINCOYA zu laufen. Nun allerdings auf der Kreuz und nicht mehr auf direktem Weg. Doch auch hart am Wind macht sie gegen Strom und Wind eine richtig gute Figur. Die Wellen sind moderat und laufen weder dem einen noch dem anderen Kreuzkurs voll zuwider. So passt das.
Langsam wird der Wind dann auch konstanter, aber auf einer Kreuz dauert es eben, bis man seinem Ziel mal merklich näher kommt. Es ist ein schöner Segeltag, der ohne all das bisherige Theater an die unendliche Leichtigkeit des Segelns anknüpft, die uns in der letzten Zeit schon fast drohte, abhanden zu kommen.
Mit dem allerletzten Tageslicht manövrieren wir durch die treibenden Netze vor Port Morant und fahren wieder in die Bucht, die wir schon kennen. Eigentlich wollten wir wegen der Netze reinsegeln, aber mit unserem letzten Kreuzschlag verpassen wir die Einfahrt dann doch um wenige hundert Meter.
An der Engstelle der Einfahrt sind Wind und Wellen wie abgeschnitten. In Port Morant können wir bequem auf ein gutes Wetterchen warten, um dann im Osten halbwegs elegant um die Ecke zu kommen. Port Morant ist eine der besten Ankerbuchten auf Jamaica, nur gibt es dort eben rein gar nichts, außer viel Ruhe und Natur, die Polizei und die Coast Guard.
In Port Morant müssen wir nur einen Tag warten, bis die Vorhersage meint, dass der Wind wenigstens für einige Stunden mal auf Ostsüdost drehen soll. Damit haben wir es leichter, bei Point Morant ums Eck zu kommen. Im Frühjahr herrschen im Norden der karibischen See eher nordöstliche bis nördliche Winde vor. Dass die sich aber so hartnäckig an diese Regel halten, wäre nun auch nicht nötig gewesen. So bleibt uns nur ein kleines Wetterfensterchen von wenigen Stunden, in dem es uns auch an der Ostküste nicht direkt entgegen weht.
Unser Aufenthalt in Port Morant gibt aber auch der Coast Guard noch einmal die Gelegenheit, uns zu kontrollieren. Doch sie bemerken dann doch, dass sie uns nun schon zum dritten Mal vor der Nase haben und drehen nach einer kleinen Schnupperrunde wieder ab. Seit fast drei Wochen sind wir nun auf Jamaica und haben genau zwei weitere Fahrtensegler gesehen. Bei dieser Übermacht der zu kontrollierenden Schiffe kann man als Coast Guard schon leicht mal den Überblick verlieren.
Port Morant -> Port Antonio
Unsere Taktik, um nach Port Antonio ums Eck zu kommen, geht auf. Der Wind ist leicht und so können wir den Point Morant relativ eng nehmen, ohne Gefahr zu laufen, an dem langgezogenen Flach über Overfalls zu stolpern.
In einem langgezogenen Bogen geht’s dann weiter nach Port Antonio, wobei der Wind sukzessive schon wieder auf Nordost dreht. Es dämmert schon, als wir Port Antonio zum zweiten Mal anlaufen. Doch leider liegen auf unserem alten Ankerplatz nun die Franzosen, die wir vor 10 Tagen in Port Morant kennengelernt haben. Zusätzlich sind gerade zwei Fischer dabei, ein langes Netz am »roten« Rand der Bucht auszulegen. So ist der freie Bereich im West Harbour von Port Antonio für uns abgeschnitten und wir müssen notgedrungen im Marinabereich ankern.
Doch nun ja, gleich morgen früh wollen wir eh weiter. Nichts hält uns in Port Antonio. Die Hammermucke nervt auch gleich wieder bis weit nach Mitternacht. Jamaica ist wirklich unglaublich laut. Und nach zweieinhalb Wochen hält uns nichts mehr auf Jamaica. Vielleicht checken wir auch lieber gleich in Ocho Rios aus und hauen direkt zu den Caymans ab.
Port Antonio -> Oracabessa
Da wir nicht auch noch dafür zahlen wollen, dass wir im West Harbour vor Port Antonio vor unserem eigenen Anker liegen, brechen wir gleich kurz nach Sonnenaufgang wieder auf.
Von der Small-Craft-Warning, die der jamaikanische Wetterdienst ab Mittag für die Nordküste herausgegeben hat, ist noch nicht viel zu spüren. Direkt vor der Küste segeln wir wegen der Blue Mountains mit einem sehr leichten Südwind, obwohl die Hauptwindrichtung ja eigentlich Nordost sein sollte.
Unser Vorankommen gestaltet sich zäh, doch ein halber Knoten Strom ist mit uns. So eiern wir mehr, als dass wir segeln, gut 10 sm in Richtung Nordwesten, bis uns endlich ein leichter Ost unter die Arme greift. Doch der kleine Ost ist zu schwach, um mit ihm vor dem Wind zu segeln. Also kreuzen wir vor dem Wind, damit die Genua wenigstens halbwegs steht und aus unserer Schleichfahrt so etwas wie eine Segelgeschwindigkeit macht.
Dennoch schlagen die Segel. In den alten Wellen rollt die PINCOYA nicht zu knapp. Auf so einem Kurs und in diesem alten Schwell braucht es schon 12 bis 14 kn Wind, damit die Genua wenigstens halbwegs steht und nicht mit jeder ungünstigen Welle gleich wieder aus dem Takt geschlackert wird. Doch auf dem letzten Drittel läuft es dann besser. Mit den im Osten nun aufziehenden Squalls legt der Wind etwas zu.
Statt Ocho Rios anzulaufen, beschließen wir, vorher noch in Oracabessa zu stoppen. Ocho Rios wären noch einmal 10 sm mehr und so richtig scharf sind wir nicht darauf, von den Squalls ordentlich geduscht zu werden.
Kurz nachdem wir so gehalst haben, dass wir nun Oracabessa mit 145° auf Steuerbord in Angriff nehmen können, meldet sich der ODO-Alarm des Furuno. Den hatten wir völlig vergessen. Nur gut, dass wir den Alarm in einem glücklichen Dusel nach dem Einbau des neuen Furunos auf 9.085 sm eingestellt haben. Leider bietet der Furuno GP-39 ja keine Möglichkeit, einen alten ODO-Wert zu übernehmen und beginnt stumpf wieder bei Null zu zählen. Und so ergeben nun der alte Wert von 30.915 und die eingestellten 9.085 genau die 40.000ste Seemeile, die wir kurz vor Oracabessa nun mit der PINCOYA in unserem Kielwasser lassen.
Insgesamt haben unsere Seebeine zwar schon ein paar Seemeilen mehr durchgestanden, aber 40.000 sm sind auch so schon eine recht beachtliche Strecke. Die Erde teilt sich ja in 360 Längengrade ein und jedes Grad hat 60 Minuten. Das ergibt insgesamt 21.600 Bogenminuten, woraus sich wiederum die Länge einer Seemeile ergibt, denn eine Bogenminute entspricht am Äquator genau einer Seemeile. Da der Erdumfang am Äquator ungefähr 40.000 km beträgt, ergibt sich damit eine Seemeile zu 1,852 km. Unsere Strecke von 40.000 sm entspricht also etwas mehr als 74.000 km. Das ist in der Tat eine ganze Menge. Besonders, wenn man bedenkt, dass wir ja höchstens mit Fahrradgeschwindigkeit unterwegs sind. Und das nicht mit dem Speed eines Tour de France-Fahrers, sondern eher mit der Geschwindigkeit eines Frührentners, als es noch keine eBikes gab.
Als wir in Oracabessa einlaufen, sitzen uns einige Squalls echt schon dicht im Nacken. Vor der Hafeneinfahrt, – wobei »Hafeneinfahrt« wohl etwas zu dick aufgetragen ist, denn Oracabessa ist eher eine kleine Bucht, die man noch zusätzlich durch Molen geschützt hat, – nehmen wir auch das Großsegel runter. Der Schwell ist immer noch arg, aber in Richtung Einfahrt nimmt er schnell ab. Die Details in unseren Seekarten hören zwischen den Molen auf. So tasten wir uns mittig rein, weil alles andere auch nicht viel schlauer wäre. Die Bucht ist wie ein Ententeich. Drei Schiffe von Locals liegen darin. Keine anderen Fahrtensegler. Dahinter finden wir mittig noch ein schönes Plätzchen.
Der Anker hält sofort. Es herrscht absolute Windstille und aller Schwell bleibt auch brav draußen. Auf knapp 3 m Tiefe reichen 25 m Ankerkette. So richtig viel Platz ist ja ohnehin nicht. Am Strand aufgereiht liegen unzählige bunte Fischerboote. Am Ufer rosten zwei alte Trawler ihrer vollständigen Renaturierung entgegen. Schräg voraus liegt das Golden Eye-Resort, die frühere Villa von Ian Fleming, dem »Vater« von James Bond.
Oracabessa gefällt uns von der ersten Sekunde an. Solange es nicht aus Westen direkt in die Einfahrt bläst, liegt man hier wie in Abrahams Schoß. Es ist ein historischer Ort. Nicht nur wegen der engen Verbindung zu Ian Fleming. Auf Jamaica wurde auch der erste James Bond gedreht. 007 jagt Dr. No. Und einige entscheidende Szenen wurden eben genau hier gedreht. Und ganz in der Nähe stieg damals Honey Rider aus dem Wasser. Das alles geschah aber schon 1962. Natürlich streamen wir Dr. No einige Tage später. Und obwohl man dem Film durchaus ansieht, dass er nun auch schon 63 ist, erkennen wir tatsächlich einige Drehorte wieder. Das ist ebenso schräg wie unerwartet.
Aber all das spielt im diesem ersten Moment gar keine Rolle. Eher zufällig sind wir in Oracabessa gelandet. Und es ist ein Volltreffer.
Oracabessa, eine ungeahnte Oase
Die letzen Wochen und Monate haben schon etwas an unserer Substanz genagt. Als wir am 09.01. in Oracabessa ankommen, ist es eigentlich schon höchste Zeit, Jamaica den Rücken zu kehren und zu den Cayman Islands weiterzusegeln. Doch Oracabessa entpuppt sich als eine vollkommen unerwartete Oase und bei uns ist die Luft tatsächlich auch etwas raus. Außerdem funktioniert nun gerade auch alles wieder, ohne dass uns gleich wieder neue Probleme angesprungen haben. Ein Moment, den wir gerne noch etwas festhalten.
Also beschließen wir, einfach ein paar Tage zu bleiben, die Seele baumeln zu lassen und nichts zu tun. Im Gegensatz zu Port Antonio oder Kingston ist Oracabessa ein Hort der Ruhe. Vielleicht befriedet auch das Luxus-Resort die ganze Bucht ein wenig. Natürlich hört man auch in Oracabessa viel Musik, aber tatsächlich nicht diese ohrenbetäubende Hammermucke, die sonst fast rund um die Uhr auf einem fortgeschrittenen Presslufthammerniveau das Ohrenschmalz durchs Großhirn bläst. Abgesehen davon ist es sauber, was nun garantiert an dem Luxus-Resort liegt, denn welcher gut zahlende Gast will schon durch Plastikflaschen schwimmen.
Im Grunde genommen machen wir nichts und verlängern unsere Auszeit nur immer wieder um einen Tag. Es tut gut, einfach mal da zu sein. Und jeder einzelne Tag bietet viele dieser Momente, die man gerne einsaugt, um sie für die Zeiten aufzubewahren, in denen genau diese Erinnerungen das Gleichgewicht wieder herstellen, wenn es mal ins Ungleichgewicht geraten ist. Dabei fällt mir der Halbsatz ein: »Es ist schön, gehabt zu haben…« Einige Insider werden ihn kennen. Die Kunst ist, sich an diese Momente zu erinnern, wenn man hadert und es mal nicht so läuft.
In Oracabessa bleiben wir ganz ungeplant eine ganze Woche und versöhnen uns mit Jamaica. Über der kleinen Bucht liegt eine wunderbar entspannte Stimmung. Links das Resort, rechts die Fischer und ein authentisches Jamaica. Wir dazwischen, aber auch mittendrin. Wir schwimmen, kaufen bunte Fische zum Abendbrot von den Fischern, fahren mit dem Gummiboot zum Einkaufen an den Fisherman’s Beach, machen einen kleinen Walk in die City, die es eigentlich gar nicht so wirklich gibt, und lassen den lieben Gott einen guten Mann sein.
Oracabessa ist ein Glücksfall und wir genießen diese kleine Bucht in vollen Zügen.
Port Morant II
17° 53′ 07,3” N, 076° 19′ 13,9” W
Port Antonio II
18° 10′ 49,1” N, 076° 27′ 16,4” W
Oracabessa
18° 24′ 27,2” N, 076° 56′ 52,3” W




































