Charleston -> Cape Fear


Strategische Entscheidungen
So langsam rückt unser Absprungtermin nach Bermuda in Sichtweite. Grob haben wir den 18.05. ins Auge gefasst. Das hat zwei Gründe, erstens beginnt am ersten Juni schon wieder die Hurricane Saison und zweitens wollen wir hinter der ARC Europe bleiben, die am 09. Mai auf Saint Martin startet und auch über Bermuda führt. Am 21.05. geht es dann für den Tross der ARC und all die, die sich an diesem Zeitplan orientieren, weiter in Richtung der Azoren. Je nachdem, von wo aus wir an der Ostküste starten, sind es für uns zwischen 600 und 700 sm, d.h. 5 oder 6 Segeltage, bis auch wir auf Bermuda sind. Und damit wir dort erst angekommen, wenn die ARC schon wieder weg ist, peilen wir den 18ten als Starttermin an.

Die Terminfrage ist also ganz einfach zu klären, schwieriger ist da noch die Frage, von wo wir aufbrechen und ob und wann das Wetter ein passendes Gesamtarrangement für die Überfahrt bereithält. Dabei ist die Frage »Von wo?« zwangsläufig eng mit der Frage »Wo können wir denn auschecken?« verknüpft. Da uns noch rund 14 Tage bleiben, kommen Georgetown, Wilmington (Cape Fear) und Morehead City (Cape Lookout) in Betracht. Dort gibt es jeweils CBP-Standorte. Rein theoretisch könnten wir auch in Charleston auschecken, doch so gut uns Charleston auch gefällt, weitere 14 Tage wollen wir hier nicht bleiben. Georgetown fällt dabei allerdings schnell durch das Raster, weil nicht nur das CBP-Office sehr ungünstig liegt, sondern Georgetown auch insgesamt nicht wirklich prickelt. Bleiben Wilmington am Cape Fear und Morehead City am Cape Lookout. Beide gehen, wobei Morehead City am Cape Lookout für uns noch am günstigsten ist. So beschließen wir das Cape Lookout via des Cape Fear in Angriff zu nehmen. Das wären noch zwei größere Etappen mit 2 bis 4 Stopps. Dieser Plan passt auch gut in die noch verbleibenden 14 Tage.

So bleibt nur noch die Aussicht auf ein gutes Wetterfenster. Da unser Starttermin nun so langsam in den Bereich der Langfristwettervorhersagen rückt, sieht es manchmal gut, aber auch immer wieder ziemlich belämmert aus. Etwas längerfristig mag sich da noch nichts hinruckeln. Ganz offensichtlich brodelt die Wetterküche noch zu weit südlich und so entstehen an der mittleren Ostküste in munterer Abfolge ständig neue Tiefs und Hochs und keine Wetterlage hält auch nur mal 24 Stunden. Schwierig schwierig. Und auch auf der nun folgenden Etappe nach Cape Fear bekommt unser Vertrauen in die Verlässlichkeit der Wettervorhersagen gleich noch einige zusätzliche Dellen. Aber noch ist es ja nicht soweit, denn erst einmal müssen wir die Brücke anrufen und bitten, uns aufzumachen.


Charleston, South Carolina -> Cape Fear, Tina’s Pocket Anchorage, North Carolina
Distanz: 131,4 sm – Gesamtdistanz 2026: 2.512,9 sm

„von Charleston -> nach Cape Fear“

„von Charleston -> nach Cape Fear“

Die nette Dame, die die Ashley River Memorial Bridges für uns öffnet, ist schneller als wir den Anker aufnehmen können. Eigentlich hatten wir etwas von 15 Minuten gesagt, aber kurz nach unserem Funkspruch klingeln schon die Autoschranken auf der ersten Brückenfahrbahn. Glücklicherweise kriegen wir den Anker problemlos und ohne Überraschungen hoch, so dass Astrid gleich Vollgas geben kann, während ich noch das Vorschiff aufklare.

„Unter der Robert B. Scarborough Bridge kommen wir so durch.“

„Unter der Robert B. Scarborough Bridge kommen wir so durch.“

Hinter der festen Robert B. Scarborough Bridge, der dritten Brücke über den Ashley River, setzen wir Segel. Groß und Genua lassen wir im ersten Reff, das reicht jetzt schon gut aus. Später soll es eh noch mehr werden, da werden wir wohl eher noch etwas Segel wegnehmen müssen.

„Langsam lassen wir Charleston hinter uns.“

„Langsam lassen wir Charleston hinter uns.“

Das nun leicht ablaufende Wasser nimmt uns gut mit und der Wind kommt gerade so, dass wir die Ausfahrt gut unter Segeln nehmen können. Unser Timing passt und das Wetterfenster, um bis Cape Fear zu kommen, macht auch schon mal einen guten Eindruck.

„Das Fort Sumter. Hier begann der Amerikanische Bürgerkrieg.“

„Das Fort Sumter. Hier begann der Amerikanische Bürgerkrieg.“

So geht es schön, wenn auch nicht überschwänglich voran. Und tatsächlich segeln wir nun endlich mal etwas raumer.

„Endlich geht's mal gelassen voran.“

„Endlich geht's mal gelassen voran.“

Es ist eine sanfte Schaukelei, die uns beide ziemlich schnell ziemlich schläfrig werden lässt. So legen wir uns abwechselnd zu einem gemütlichen Mittagsschläfchen hin. So sanft und unkompliziert sind wir lange nicht gesegelt und so gehen unsere Mittagsschläfchen mehr oder weniger unbemerkt in unser Nachtwachenprogramm über. Sonst sind wir damit ja recht konsequent, aber diesmal weicht unser festes 3-Stunden-Programm doch auf.

„Von dort soll der Wind kommen ...“

„Von dort soll der Wind kommen …“

Um 23:59 haben wir 66 sm in unserem Kielwasser gelassen, was sehr gut zu unserem Plan passt. Ab 2:00 soll es dann ja eh noch einmal deutlich auffrischen und so werden wir wahrscheinlich deutlich früher ankommen als vermutet. Aber auch das passt, denn von 9:00 bis 14:30 läuft das Wasser am Cape Fear ein. Nur viel schneller sollten wir nicht sein, es sind ja kaum noch 60 sm.

Doch diesen Satz hätte ich dann vielleicht doch lieber nicht schreiben sollen, denn am Ende kommt wieder einmal alles ganz anders als vorhergesagt.


Tag 2
Nach Mitternacht warten wir vergeblich auf den Boost aus Südwest. Bis 2:00 erwischt uns wenigstens noch ab und zu mal eine Bö mit 17 kn, doch ansonsten findet der Wind, dass 12 kn vollkommen ausreichen. Das ist für einen Vorwindkurs nicht gerade üppig, zumal der Wind nun hinter uns in Richtung West durchdreht und sich geschwächt bei 9 kn einpendelt. So machen wir nur noch 3,5 kn Fahrt, wovon ein ganzer Knoten dem Strom gehört.

„Die Vorhersage, aus der wieder einmal nichts wurde.“

„Die Vorhersage, aus der wieder einmal nichts wurde.“

Zur Vorhersage passt das alles überhaupt nicht, denn die behauptet weiterhin, dass uns 18 satte Knoten mit Böen bis 25 in Richtung unseres Ziels vorantreiben. Dann dreht der Wind innerhalb von 20 Minuten ganz auf West und es beginnt auch noch zu regnen. Hoffentlich ist das nicht schon der Wetterumschwung vom Nachmittag, denn danach soll ein strammer Nord kommen. Schlechter könnten wir es gar nicht treffen.


Die Segelei an der Ostküste ist viel schwieriger, als wir gedacht hatten. Eine Windrichtung hält kaum mal so lange, um von einem Inlet zum nächsten zu kommen. Innerhalb von wenigen Stunden ändern sich die Windrichtungen und die Vorhersagen scheinen in diesem Hin und Her auch nicht mitzukommen. An der Datenlage kann das im Land der unbegrenzten Möglichkeiten kaum liegen, das alles ist wohl eher ein Gruß aus der Wetterküche, die an der Ostküste munter vor sich hin brodelt.


Als der Wind gänzlich in sich zusammenbricht und auch mit unseren Versuchen, vor dem Wind zu kreuzen, überhaupt nichts mehr zu holen ist, liegen noch 46 sm vor uns. Von den vorhergesagten 18 kn glänzen 15 mit Abwesenheit 😳. Rien ne va plus. Notgedrungen starten wir wieder einmal den Motor. Es ist zum 🤮!

Und warum muss eigentlich immer alles, was so schön begonnen hat, so 💩 enden? Bisher sind wir an der Ostküste auf jedem unserer Schläge irgendwann verhungert, obwohl wir uns eigentlich immer ein ausreichendes gutes Wetterfenster ausgesucht hatten. Kein Wunder, dass alle anderen im ICW fahren und sich diesen Frust hier draußen gar nicht erst antun. Und gucken wir auf unser AIS, sind wir tatsächlich wieder einmal die einzigen Deppen, die überhaupt hier draußen sind und es dann auch noch unter Segeln versuchen. Wie bekloppt kann man nur sein!?! Und wenn es so ruhig ist wie jetzt, ballern nur mal einige dicke Motorboote durch. 25 bis 30 kn sind auf gerader Strecke kein Problem und hier draußen kann man es auch einfach mal krachen lassen. So erreichen sie das nächste Inlet in 4 bis 5 Stunden, passend zur nächsten einlaufenden Tide.


Um 4:00 motoren wir immer noch. Der Wind hat es sich bei umlaufenden 2 bis 3 Knötchen bequem gemacht. Astrid schläft trotz des Motors. Eigentlich könnte ich nun etwas an den noch ausstehenden Blogs herumschreiben. Aber bei dem Geeier kann ich keinen geraden Gedanken fassen und der Frust über diesen erneuten Mist tut sein Übriges. Dass Ärgern nichts bringt, ist schon klar, aber ich ärger mich trotzdem, und an diesem Ärger bleiben die Gedanken und Sätze kleben, die eigentlich ein Blog werden sollten.

So motore ich die Capitana grummelig durch die Flaute, versuche mich an einem Sudoku oder auch Vier-Gewinnt, aber auch dabei hält sich meine Glückssträhne eher bedeckt.


5:00… ach was… Ich schreib dazu nichts mehr!


6:00. Den Gedanken, dass es auf der Überfahrt nach Bermuda genauso laufen könnte, verdränge ich und lege mich nach vorn in die Bugkoje. Astrid ist nun wieder am Ball und ich grummele synchron mit dem Brummen des Motors so vor mich hin.


Um 6:20 höre ich, wie Astrid an den Segeln herumfummelt. Dann macht sie dem Motor aus und ich höre ein zartes Plätschern am Bug. Das sind über drei, aber noch keine vier Knoten. Aber wenigstens so viel, dass wir den Motor nicht mehr brauchen. Und wir sind auf einem aufsteigenden Ast, auch wenn wir vor dem Wind schon etwas mehr gebrauchen könnten. Aber nach zwei Stunden hat sich das Ganze sogar schon auf 18 kn gesteigert, die allerdings nur ab und zu mal in Böen über uns herfallen. Wer hätte das gedacht?

„Ein schöner grauer Morgen“

„Ein schöner grauer Morgen“

Doch es ist grautrüb. Ein wunderbarer Aprilsegeltag auf der Nordsee könnte nicht schöner sein. Selbst die Lufttemperatur passt mit 14° zu einem erfrischenden Sommermorgen auf Norderney. Nur die Wassertemperatur schlägt wegen des Golfstroms noch etwas über die Stränge.


Was haben wir uns gefreut, dass wir dieses Cruising Permit so unerwartet bekommen haben. Doch das Segeln an der Ostküste ist ja der Flop schlechthin. Allein in den letzten zwei Monaten mussten wir schon 45 Stunden motoren. Das ist mehr als ein Drittel unseres normalen Jahresdurchschnitts.


Allerdings läuft inzwischen auch ein ganz ordentlicher Schwell achterlich von Steuerbord ein. Irgendwo dort draußen müssen sich die 18 kn mit ihren 25er Böen also doch vergnügt haben. So schaukeln wir unbequem und mutterseelenallein unserem Ziel entgegen. Nicht nur gefühlt kommen wir nur schleppend voran, doch nun lassen wir es mal dabei. Bis Slackwater sollten wir an der Einfahrt sein. Astrid hat schon eine Alternative zum Carolina Beach gefunden, damit wir nicht zu lange gegen das ablaufende Wasser anmotoren müssen.


„Am Cape Fear die ersten Ferienhäuser“

„Am Cape Fear die ersten Ferienhäuser“

Bis 13:00 schleppen wir uns der Einfahrt von Cape Fear entgegen. Mal mit 3,5 kn, mal mit 5,5 kn, aber meist mit ruhigen 4,5 kn. Glücklicherweise ist es ziemlich diesig, sodass wir die Tonnen des Inlets erst spät sehen. Das ist gut so, denn wenn man sie erst einmal vor Augen hat, fühlt sich alles noch viel langsamer an. In der Einfahrt kentert der Strom und die vielen tollen Ferienhäuser lassen erahnen, dass das Wetter hier durchaus auch anders sein kann. Doch nun sind wir da und mit uns das Schietwetter und die Veranden bleiben leer.

„In der Einfahrt am Cape Fear“

„In der Einfahrt am Cape Fear“

Am Battery Island biegen wir nach Nordosten in den ICW ab. Auf den letzten zwei Seemeilen zu unserem Interims-Ankerplatz beginnt es zu regnen. Um kurz vor 15:00 fällt unser Anker auf Tina’s Pocket Anchorage. Ein ulkiger Name, aber er heißt nun mal so. Das ganze Drumherum prickelt nicht wirklich, was allerdings nichts macht, denn kurz darauf verschwindet das Drumherum eh hinter dichten Regenschleiern. Wenigstens das hat noch gerade so gepasst.

„Tina's Pocket Anchorage“

„Tina's Pocket Anchorage“

Nun igeln wir uns bei einem heißen Tee erst einmal ein und lassen draußen den Regen und die Gewitter durchziehen. Der Nordwind setzt pünktlich zum Abend ein und hat auch die Stärke, die man ihm in der Vorhersage zugebilligt hat. Geht doch, nur in der anderen Richtung tut sich die Vorhersage schwer. Vielleicht liegt es ja auch daran, dass wir in dieser Richtung unterwegs sind.

„Wow, was für ein farbvollendetes Grau!“

„Wow, was für ein farbvollendetes Grau!“

Tina’s Pocket Anchorage, Cape Fear River, North Carolina
33° 55′ 53,0” N, 077° 58′ 39,7” W