USA, North Carolina, Cape Lookout -> Bermuda
bisher: 436,5 sm – still to go: 216 sm – Gesamtdistanz 2026: 3.069,3 sm
Tag 3, Samstag 23.05. ab Mittag
Kurz nach Mittag bringt »The Chief« etwas Abwechslung in unseren Segelalltag. Da fahren drei Schiffe vollkommen unabhängig auf dem Atlantik herum und zwei davon treffen sich punktgenau, während das dritte gerade mal 5 sm Abstand hat. 48h haben wir keine einzige Socke gesehen und nun sind gleich zwei da.
Mit »The Chief« haben wir einen CPA (closest point of approaching) von unter zweihundert Metern und das leider auch ziemlich konstant. Also rufen wir »The Chief« an, aber der antwortet nicht. Hmm … Ok, vielleicht ist ja auch etwas mit unserem Funkgerät nicht in Ordnung. Also rufen wir den zweiten für einen Radiocheck an. Das ist nichts Ungewöhnliches, küstennah hört man das ständig. Doch »Balsa 96« antwortet sofort, dass sie uns loud and clear hören. Nun gut, also wieder »The Chief« nach allen Regeln der Funkerkunst und das nicht nur einmal.
Was nun auf »The Chief« los ist, können wir nur erahnen. Wahrscheinlich hat man einen armen Teufel auf die Brücke gestellt, der aufpassen soll, aber keine Ahnung hat, was wie zu machen ist. Und der rennt nun nach unten und ruft nach dem Chef von »The Chief«: »Hey captain captain, there’s a fucking calling on the radio!«. Nach weiteren 10 Minuten und x Anrufen antwortet »The Chief« und wir vereinbaren, dass er seinen Kurs nach backbord ändert und wir uns green-green passieren. Doch bis zu dieser Kursänderung braucht es auch noch einmal 2 sm, denn nun muss wohl auch noch der Navigator geweckt werden 😂.
Man sollte also lieber nicht darauf bauen, dass all die Frachtkähne, die so auf den sieben Weltmeeren herumfahren, offshore mit allzu großer Aufmerksamkeit gesteuert werden.
Ansonsten geht es für den Rest des Tages ruhig und vor allem konstant vor sich hin.
Der Wind weht mit 6 bis 9 kn irgendwie aus Süd, was uns trotz des Strom zu einer leidlichen Fahrt ausreicht. Eine Regatta ist mit diesem Speed zwar nicht zu gewinnen, aber wir kommen voran.
Abends machen wir uns zur Belohnung erst einmal einen ordentlichen Schlag Bratkartoffeln, denn so viel Navigation macht hungrig und bis Bermuda müssen wir eh all unsere Kartoffeln aufessen, weil wir die dort nicht einführen dürfen. Genauso wie Blumenerde, aber davon haben wir ja nicht so viel dabei.
Um 23:59 loggen wir unser 2. Etmal mit 101 sm. 371 sm to go. Geht doch, Hauptsache nicht zweistellig. Ein zweistelliges Etmal ist für den Schiffsjungen psychologisch immer ziemlich schlecht.
Tag 4, Sonntag 24.05.
Energetisch hängt uns die Flautenzeit noch nach, zumal wir auch noch Wasser gemacht haben. Das Windrad ist inzwischen schon zu einem wichtigen Baustein in unserer Energiebilanz geworden, besonders wenn wir unterwegs sind. Und bei all den Amwindkursen, die wir ja offensichtlich nur noch abbekommen, haben wir auch gleich noch etwas mehr Wind am Windrad am Start.
Zusammen mit den Lithiums und unserem Extrakühlgebläse für den Charger des Windrades kommt nun tatsächlich auch mal wirklich was dabei rum. Doch wenn es eher flautig und der Himmel auch noch bedeckt ist, fehlt uns am Ende doch etwas Input. Insgesamt kommen wir jedoch ganz gut hin, denn man muss ja nicht in jede Nacht mit vollen Batterien fahren. Aber etwas mehr Input könnten wir die nächsten Tage schon vertragen, sonst müssen wir mit dem Motor oder Generator doch mal etwas nachladen. Der Motor hätte auch gleich den Vorteil, dass wir warmes Duschwasser bekommen. Also Motor, aber erst morgen oder übermorgen.
Nach vier Tagen ist bei uns nun auch der Cruising-Alltag voll angekommen. Beim Daysailing liegt der Schwerpunkt ja naturgemäß die ganze Zeit voll auf dem Segeln und alles andere kommt nachher oder wird eben schon vorher erledigt. Doch das verschiebt sich beim Offshore-Cruising so nach und nach. Das Segeln tritt in den Hintergrund, weil es eben wie ein Hintergrundrauschen beginnt, einfach so im Hintergrund zu laufen. Das natürlich nur, solange das Wetter nicht etwas mehr Aufmerksamkeit verlangt. Aber das macht es ja bei uns nun auch gerade nicht.
So segelt es vor sich hin und das eben 24h am Tag. Beim Lesen, Blog schreiben, während Astrids letzten Recherchen zu Bermuda und auch allen anderen Dingen ertappt man sich immer öfter dabei, dass man denkt: »Upps, hey, wir segeln doch, kümmer dich mal drum!« Und nicht nur einmal muss man sich in der Koje erst einmal sortieren, um zu realisieren, dass man ja gerade mitten auf dem Atlantik schwimmt und eben auch segelt und nicht in einer Bucht vor Anker liegt.
Dieser Zustand wird beim Cruising ganz entscheidend auch noch dadurch unterstützt, dass es kein Ankommen oder Losfahren gibt. Man segelt einfach immer weiter von einem Tag in den nächsten. Man lebt nun segelnd an Bord und fährt nicht los, um zu segeln. Und wenn dann noch das Wetter mitspielt, stellt sich dieses grenzenlos großartige Gefühl ein, dass man ja allein mit dem Wind einfach überall hinsegeln könnte. Einfach weiter und immer weiter.
Das hat natürlich seine Grenzen und Einschränkungen und vieles geht eben auch nicht zu jeder Zeit und schon gar nicht auf direktem Weg. Aber es geht, wobei die Zeitfrage kleiner und die Welt größer wird.
Um 23:59 loggen wir unser 3. Etmal mit 105 sm. 276 sm to go.
Tag 5, Montag 25.05. bis Mittag
Wenn man mal von der Flautenunterbrechnung am Freitagabend absieht, plätschern wir nun seit Freitagmorgen mit 7 bis 11 kn in Variationen aus Südsüdost so vor uns hin. Unsere Windsteuerung steuert zwischen 42 und 48° zum scheinbaren Wind und der Golfstrom klaut uns beständig 1,0 bis 1,5 kn von unserer eigentlich guten Fahrt durchs Wasser, sodass für die Fahrt über Grund nur noch 3 bis 4,5 kn übrig bleiben.
Die Wettervorhersagen stimmen seit dem Flautenaussetzer ziemlich gut. Das können wir prima in LuckGrib verfolgen, denn dort sehen wir, wie wir uns die ganze Zeit im Bereich der 10 kn-Isotache bewegen. Und wenn die Wellen dann ab und an etwas blöd reinkommen, dann ändern wir den Kurs der Windsteuerung etwas. Das war’s dann aber auch schon.
Mehr können wir nicht machen, beschleunigen können wir auch nichts, wir können nur mit diesen Bedingungen weitersegeln. Und abgesehen davon, dass wir unsere normale Wunschreisegeschwindigkeit nicht erreichen, läuft es prima und vor allem unaufgeregt. Auf diesem Amwindkurs ist es auch gut, dass wir nicht mehr Wind haben, denn hoch am Wind würde es dadurch nur ungemütlicher werden. So fahren wir lieber langsam und gemütlich hoch am Wind, denn etwas anderes, als »hoch am Wind« zu segeln, können wir ja ganz offensichtlich eh nicht mehr.
Als ich die 2:00-Wache übernehme, hat Astrid unseren ersten Blog Korrektur gelesen. Da steckte doch noch etwas mehr Arbeit drin, weil ich auch die Bilder der »Tage Null« noch sichten musste. Aber nun ist er gerade »abgeflogen«, denn unser Starlink, den wir nun wieder im Ocean Modus haben, läuft offshore super.
Eigentlich wollten wir ja nur zwei Blogs schreiben, da es nun aber länger dauert und auch offshore alles so gut funktioniert, gibt es nun doch drei Blogs. Das ist schon eine feine Sache, wenn man offshore ein ebenso gutes Internet hat wie an Land.
Gerade als ich diese Zeilen schreibe, kreischt mich unser AIS-Alarm schon wieder an. Den haben wir nun auf einen CPA von einer Seemeile mit einem Vorlauf von 40 Minuten eingestellt. Nach dem Theater, bei »The Cief« einen auf die Brücke und an die Funke zu bekommen, haben wir den Zeitvorlauf etwas erhöht. Weit draußen scheint die Aufmerksamkeit auf den Frachtern ja doch nicht so groß zu sein.
Und nun haben wir haben schon wieder eine Punktlandung mit einem Frachter. Wieso das immer so punktgenau passt, ist uns ein Rätsel. Wenn wir dieses Glück im Lotto hätten, wäre das schon eine feine Sache. Da wir davon ausgehen, dass wir mit unserer viel niedrigeren AIS-Antenne zwischen 10 und 15 sm Abstand sicher gesehen werden, warte ich, bis die Ainazi auf 10 sm ran ist, und schaue, ob sich bis dahin etwas getan hat. OpenCPN ist dabei eine riesige Hilfe, denn der CPA wird grafisch dargestellt und man kann mit einem Klick auch den Track des Frachters aufzeichnen.
Als wir weiterhin auf einem guten Kollisionskurs bleiben, rufe ich Ainazi auf 16 an. Die Brücke antwortet auch sofort und wir vereinbaren beide eine Kurskorrektur nach Steuerbord, sodass wir uns red-red passieren. Ainazi fragt nach, wie wir es denn am liebsten hätten und ich entscheide mich eher spontan für red-red, weil es ganz gut zu passen scheint.
Doch das ist hinreichend blöde, da wir auf Backbordbug hoch am Wind segeln. Auf diesem Bug können wir gar nicht weiter anluven, also nach steuerbord gehen 🙄🤫. Doch so viel freundliche Wahlfreiheit hat mich am frühen Morgen dann wohl doch überfordert. Aber Ainazi fährt einen ordentlich Bogen und wir passieren uns in einem sicheren Abstand.
Und als ich nun wieder diese Zeilen schreibe, es ist inzwischen fast Mittag, haben wir schon den nächsten Treffer mit »New Apex«. Ein Tanker mit flotten 293 m. Diesmal werde ich es cleverer machen und gleich ein green-green vorschlagen. Übung macht den Meister 😂!
Und das klappt auch, obwohl die Dame auf dem Tanker erst red-red gehen will. Ich erkläre ihr, dass wie wir segeln und dass green-green für uns schon günstiger wäre. Und so passieren wir uns steuerbordseitig. Es ist eben wie im richtigen Leben, sprechen hilft.
Gegen 14:00 soll der Wind beginnen, über Süd auf Südwest zu drehen. Damit beginnt unser Schlussspurt und wir können dann sukzessive auf direkten Kurs nach Bermuda gehen. Auch wenn der Schlussspurt gerade noch 216 sm lang ist, ein Ende ist absehbar.
Unsere Position am 25. Mai 12:00
33° 23′ 21,3” N, 068° 31′ 35,5” W












