Die Tage 0
Nachdem wir eine Woche auf Bermuda sind, beginnen wir ganz konkret nach einer guten Gelegenheit Ausschau zu halten, um auf unsere nächste Etappe zu den Azoren aufzubrechen. Die ganze Zeit kann man das Wetter zwar nicht überblicken, denn wir werden für die 2.000 sm bis Ponta Delgada auf Sāo Miguel 16 bis 17 Tage brauchen, aber der Start sollte schon passen. Die Wettermodelle protzen zwar mit einem Vorhersagezeitraum von 14 Tagen, doch davon passen nur die ersten 4 Tage recht zuverlässig und mit viel gutem Willen passen in einer ruhigen Phase auch noch die nächsten 3 Tage. Alles, was danach kommt, kann man sich ansehen und sich auch darüber freuen, denn wenn das auch noch zu passen scheint, ist das gut für’s Gemüt, und wenn nicht, sagt man sich einfach, dass es eh nicht so kommt.
In der Karibik ist das anders, denn dort weht es mit einigen Squalls immer irgendwie aus Osten, wenn nicht gerade ein Hurricane das Gesamtarrangement stört. Doch so viel Stabilität gibt es auf dem Nordatlantik nicht, besonders im Westteil, denn dort liegt die Kinderstube der Tiefdruckgebiete. In Europa hat man da schon wieder den Vorteil, dass man sieht, was im Westen entsteht, und das, was dort entsteht, kommt dann in jedem Fall auch auf der gegenüberliegenden Seite an.
Doch zwischendrin haben wir so unsere Zweifel, wer denn nun eigentlich zu dämlich ist. Wir oder das Wetter. Und das Sauwetter, in dem wir Anfang Juni mit unserer Entscheidung für Bermuda hadern, verstärken natürlich auch noch unseren Wunsch, möglichst schnell wieder wegzukommen und nährt die Zweifel, ob wir nicht vielleicht doch eine gute Gelegenheit einfach übersehen. Wirklich rational ist das nicht, aber es ist dennoch so. Und so kommt eines Tages das Weather Routing von LuckGrib zu uns.
Als wir das Weather Routing von LuckGrib kaufen, sind wir schon 11 Tage auf Bermuda und es steht 4 zu 3 zu 4. Vier uneingeschränkt gute Tage stehen drei Tagen mit einem eher trüben Sosolala-Wetter und 4 Tagen mit einem absoluten Sauwetter gegenüber. Eine Bilanz, mit der man durchaus hadern kann. Bis zu unserem Spaziergang zum Gibb’s Hill Lighthouse und zum Horseshoe Beach haben wir von Bermuda echt die Nase gestrichen voll und suchen nur noch nach einer Gelegenheit, um möglichst schnell wieder zu wegzukommen. So scheint der Montag der Tag der Tage zu sein, um endlich zu entkommen.
Doch nun sitzen wir am Tag 0 im Cockpit und überlegen, ob der Sonntag wirklich der Tag 0 sein muss. Es ist nahezu windstill, unglaublich ruhig und wirklich nur schön. Und auch unser toller Spaziergang zum Gibb’s Hill Lighthouse hat uns schon wieder etwas versöhnt. So stellt sich die Frage, ob wir nicht einfach mal diesen Tag 0 sausen lassen, denn schließlich könnte ja auch der Montag den Job als Tag 0 übernehmen. Und um das schnell rauszukriegen, schauen wir gleich mal im Weather Routing von LuckGrib nach.
Zum Visualisieren von GribFiles und zum manuellen Routing nutzen wir LuckGrib ja schon seit 2023. Als wir uns damals den IridiumGo exec besorgt hatten, ging es in erster Linie um zwei Dinge. Beim Abruf der GribFiles mussten wir Daten sparen und die Visualisierung und das manuelle Routing mussten offline und eben offshore möglich sein.
Windy ist zwar toll, um sich online einen Überblick zu verschaffen und auch mal schnell eine Route für die Planung abzustecken, aber das geht eben alles nur online. Mit Starlink ist das heute zwar auch offshore möglich, dennoch ist Windy kein Routing Tool. Den IridiumGo exec hatten wir uns damals für unser erstes West-Ost-Crossing von Predictwind gekauft und Predictwind hatte alles auf diesen Satelliten-Empfänger gesetzt, weil Starlink noch gar nicht so richtig damit begonnen hatte, den gesamten Markt vollkommen umzukrempeln.
Und Predictwind war der Platzhirsch und bot alles, was man zur Iridium Kommunikation und einem Weather Routing brauchte, und das zusammen mit einem Rundum-Sorglos-Paket für die gesamte IT-Lösung in dieser Richtung, das man abgestuft in einem Abo-Modell kaufen und mieten konnte. Und dieses Abo-Modell war absolut clever aufgebaut und schwupps landete man bei viel zu vielen monatlichen Euros, denn die Abhängigkeiten waren schlau verzahnt. Eine Gelddruckmaschine, die damals gerade erst beginnen sollte zu laufen, die aber innerhalb von 12 Monaten durch Starlink vollkommen überrollt und obsolet gemacht wurde.
Und da wir aus den Predictwind-Paketen nur den Download von GribFiles, eine Visualisierung und ein rudimentäres manuelles Routing brauchten, also die wenigen 20 Basisprozente, aus mehreren geschickt verzahnten Paketlösungen, haben wir uns eine Alternative gesucht und sind auf LuckGrib gestoßen. Das machte schon damals zu einem Einmalpreis all das, was wir brauchten, und kostete mit dem Einmalpreis ein Bruchteil eines Jahresabos bei Predictwind.
Allerdings mussten wir uns dann auch selbst um die Details der Konfiguration des IridiumGo exec kümmern, aber mit etwas Recherche war das auch kein Problem.
Das soweit zur Historie von LuckGrib bei uns an Bord und seit 2023 sind wir eben absolut zufriedene LuckGrib-User.
Und nun hatten wir die Hoffnung, dass das Weather Routing von LuckGrib vielleicht doch noch ein Wetterfenster findet, das wir schlicht übersehen hatten. Doch um die Antwort auf diese Frage gleich schon mal vorweg zu nehmen, wir haben nichts übersehen und auch LuckGrib vollbringt keine Wunder, wo es keine gibt. Aber unsere Herumfummelei hat dann am Ende doch unseren Starttermin am Montag geschreddert.
Denn so ein Weather Routing braucht als Eingabe nicht nur ein GribFile, sondern z.B. auch das Polardiagramm des eigenen Schiffes und eine Handvoll Eingaben zu den Preferences der Crew.
D.h. Angaben dazu, was man noch toll findet und wo der Spaß aufhört. Das ist gar nicht so sehr viel, aber darin kann man sich verlieren, Fehler machen und es braucht auch schlicht eine Weile, bis man sich alles für einen ersten Wurf zurecht gefummelt hat. Als zweites muss man dann nur noch festlegen, wann man von wo wohin segeln möchte. Das alles zusammen ist noch der einfachste Teil, denn sogleich purzelt eine Route heraus.
Soweit so gut, schneller kann man kaum Erfolg haben, doch nun muss man das Ganze noch richtig interpretieren. Und das ist eigentlich der schwierigste Teil, denn das braucht Erfahrung, die nicht einfach so vom Himmel fällt. Und damit beginnt auch das Verändern der Parameter und schwupps gibt es schon eine neue Route.
Und am Ende des ersten Tags 0 sind wir uns sicher, dass es ganz locker auch einen zweiten und dritten Tag 0 am Montag und Dienstag gibt. Doch da sitzen wir einer Fehlinterpretation auf, die uns dann noch einige schöne Ankertage im Great Sound und noch einen tollen weiteren Ausflug beschert, denn zu einem nächsten Tag 0 kommt es leider erst am Donnerstag.
Doch wenn man alles etwas mehr durchdrungen hat, ist so ein Weather Routing eine feine Sache, um sich mal einen schnellen Überblick zu verschaffen. Aber als ich diese Zeilen auf den ersten Tagen des Crossings schreibe, haben wir auch schon gelernt, dass die realen Möglichkeiten eingeschränkt sind. Auch wenn alle Eingaben in dem Tool passen und die Wettervorhersagen der GribFiles auch zuverlässig scheinen, setzen die realen Gegebenheiten dem Ganzen doch Grenzen. Ohne Frage ist das Ganze toll, macht Spaß und hilft auch etwas, aber wer nicht schon selbst durch »ein Wetter« navigieren kann, wird es auch mit einem Weather Routing Tool nicht können.
Uns haben zwei Dinge ernüchtert. Das Starkwindfeld, in das wir in der zweiten Nacht hineinfahren werden, gab es so in den GribFiles gar nicht. Und zu den konkreten Seebedingungen und insbesondere den Strömungen gibt es ohnehin keine ausreichend guten und konkreten Vorhersagen, die Sinn machen, sie in ein Weather Routing zu füllen. Landläufig wird ja angenommen, dass allein der Wind das Segeln bestimmt. Das ist aber nur bedingt richtig, denn Richtungen der Wellen und eines alten Schwells und auch die Strömungen haben das letzte Wort und bestimmen maßgeblich, was am Ende möglich und auch noch halbwegs angenehm segelbar ist.
So ist unser Fazit: Tolle Sache, aber wer es ohne nicht kann, wird auch mit nicht besser durchkommen.
Der echte Tag 0
Am Donnerstag fahren wir dann schlussendlich aus dem Great Sound zurück nach Saint Georg’s Town. Eigentlich hatten wir gehofft, etwas segeln zu können, doch der Wind reicht für nichts. So brummen wir die 16 sm zurück, lassen uns Zeit und machen gleich noch einmal so viel Wasser, dass unser Tank wirklich voll ist. Wenn wir erst einmal unterwegs sind, können und müssen wir natürlich auch Wasser machen, aber unterwegs ist es dann energetisch schon etwas knapper, da die Navigation und der Autopilot ja 24h am Tag laufen.
In Saint George’s Town gehen wir gleich noch einmal einkaufen. Und der Einkauf hat’s in sich, denn der einzige Supermarkt hat sich darauf eingestellt, dass er der einzige in Saint George’s Town ist. Und so sehr es der Einkauf auch preislich in sich hat, so wenig haben wir in unserer Einkaufstasche.
Was freuen wir uns auf die Azoren! Unvergessen ist unser Erlebnis von 2023, als wir wie in Trance durch die Regalreihen von Continente gewankt sind und es gar nicht fassen konnten, was für ein unglaubliches Angebot es geben kann und vor allem, zu welch sagenhaft günstigen Preisen. Die eingeschränkten Versorgungsmöglichkeiten und die extremen Preise sind schon etwas, das einem die Karibik und auch die USA etwas vermiesen kann. In den USA ist es zwar preislich nicht ganz so schlimm, aber das Angebot lässt einen europäischen Gaumen am Ende schon verkümmern. So freuen wir uns nach unserem letzten Einkauf auf Bermuda unendlich auf die Vielfalt von Europas Supermärkten und vor allem auf Käse jeder Art, der mal keine Cheddar-Variante in einer amerikanischen Interpretation europäischer Delikatessen ist 😩.
Bermuda -> Ziel: Azores, Sāo Miguel, Ponta Delgada
Mittags am 5ten Tag: 545 sm – to go: 1.486 sm – Gesamtdistanz 2026: 3.866 sm
Tag 1, Freitag 12.06.
Wenn man vor hat, auf eine Überfahrt zu gehen, die im besten Fall 15 Tage dauert, muss man nicht hetzen. So starten wir wie immer entspannt mit einem Gutenmorgenkaffee, lesen, was in der Welt passiert ist, und checken das Wetter. Weder die Welt 👎 noch das Wetter 👍 sorgen für irgendwelche Überraschungen. Dann kochen wir einen großen Topf Chilli con Carne vor. Gleich morgens vor dem Frühstück ist das schon etwas merkwürdig, riecht aber lecker. Diese Variante hat sich bewährt, geht schnell und reicht erst einmal für die ersten zwei Tage und etwas Nascherei während unserer Nachtwachen.
Danach geht’s zum Auschecken. Mit uns wollen heute fünf weitere Schiffe starten und die ersten brechen schon auf, als wir zum Auschecken fahren. In aller Ruhe machen wir alles fertig und überlegen, ob wir irgendetwas vergessen haben. Haben wir aber wohl nicht, zumindest fällt uns nichts ein. Etwas Routine zahlt sich doch aus.
Um 12:00 rattert dann unsere Ankerwinde und es geht los. Nach eineinhalb Jahren liegt wieder einmal ein Atlantik-Crossing vor uns. Wir freuen uns darauf, weil echtes Offshore-Segeln immer ein ganz besonderes Erlebnis ist. Wie besonders, werden wir noch sehen.
Auf den Azoren werden wir nicht Horta auf Faial ansteuern, sondern Ponta Delgada auf Sāo Miguel. Wir wissen von unserem ersten West-Ost-Crossing, wie voll es in Horta im Mai und Juni ist und das wollen wir uns nicht noch einmal antun, auch wenn es nach Sāo Miguel noch einmal 150 sm mehr sind.
Außerdem gibt es auf Sāo Miguel noch Einiges, was wir gerne sehen würden. 2022 und 23 waren wir ja schon einmal auf den Azoren, aber beide Male standen unter keinem »entspannten Stern«, so dass wir nicht viel Zeit hatten. Auch bei diesem dritten Mal haben wir nicht wirklich viel Zeit, doch diese Zeit wollen wir uns für den Osten von Sāo Miguel nehmen.
Ein ruhiger Start
Unser Start von Bermuda ist entspannt und nicht nur einmal fragen wir uns etwas ungläubig, ob wir wirklich an alles gedacht haben. Irgendwie erscheint uns alles etwas zu unaufgeregt zu sein. Das war sonst anders. Und so segeln wir auf unserer abgesteckten Route zunächst einmal nach Nordnordosten.
Der Plan ist, das Schwachwindgebiet im Osten von Bermuda im Norden zu umsegeln. Dazu wollen wir uns im Norden, aber noch weit südlich eines kleinen Tiefs in den Westwind einklinken, um so flott voranzukommen. Wie flott sich dieses Vorankommen dann in der zweiten Nacht gestaltet, ahnen wir noch nicht.
Und während wir so vor uns hinsegeln, bimmelt ein ODO-Alarm im Furuno. Zunächst wissen wir gar nicht, was nun los ist, aber dann kommen wir drauf. Wir haben mit der PINCOYA soeben die 43.200ste Seemeile in unserem Kielwasser gelassen. Das ist eine besondere Zahl, denn diese Strecke entspricht zweimal dem Erdumfang von 21.600 sm. Denn jedes Grad hat 60 Minuten und einmal rum sind eben 360°, so sind das insgesamt 21.600 Bogenminuten und eine Bogenminute am Äquator entspricht genau einer Seemeile. Und da der Erdumfang etwa 40.000 km beträgt, ergibt sich daraus die Länge einer Seemeile zu 1,85 km. 80.000 km sind schon eine recht ordentliche Strecke und dabei wird es ganz bestimmt auch nicht bleiben.
Der Ausklang des ersten Tages gestaltet sich dann etwas schaukelig, denn von Westen beginnt ein hoher Schwell einzulaufen. Und da der Wind auch etwas nachlässt, wird die PINCOYA zum Spielball der Wellen. Doch mit knapp 5 kn Fahrt läuft es immer noch hinreichend gut, aber einiges davon gehört auch dem Strom. Nur das heftige Rollen nervt und bleibt auch nicht ganz ohne Folgen.
So beginnt unsere Nachtroutine und alle 15 Minuten klingelt die Eieruhr für einen Rundblick.
Um 23:59 loggen wir für unseren ersten Tag 62 sm. 1.881 sm to go.
Tag 2, Samstag 13.06.
Es macht einen riesigen Unterschied, wie schnell man durch die Wellen segelt. Gegen 2:00 kehrt der Wind zurück und schon mit 6 kn Fahrt übernimmt die PINCOYA wieder den aktiven Part in den Wellen. Der Schwell ist zwar immer noch derselbe, aber nun segeln wir wieder durch die Wellen. Die Vorhersage stimmt (noch 🤨) erstaunlich gut und so geht es in der zweiten Tag.
Landläufig stellt man sich ja den Golfstrom als breites Stromband vor, dass sich irgendwie vom Südwesten im Atlantik nach Nordosten zieht. Doch tatsächlich ist der Golfstrom ein unglaublich verzweigtes Mäandersystem, was zwar grundsätzlich nach Nordosten strömt, aber durch unendlich viele Wirbel und Verzweigungen immer wieder für Überraschungen sorgt. Kaum hat man sich über ein schönes Strom-mit gefreut, geht es auch schon wieder anders herum, quer oder sonst irgendwie. Das merkt man nicht nur an den unterschiedlichen Geschwindigkeiten der Fahrt durchs Wasser und der über Grund, das merkt man auch sehr deutlich am Sea State. Läuft der Strom gegen den Wind, steilen sich die Wellen auf, läuft er mit, glätten sie sich, und zwischendrin gibt es jede Menge Chaos, was wir staunend betrachten, uns aber zu oft nicht erklären können. So ist unsere Fahrt mitunter ziemlich ungemütlich.
Und W17G23 tun ihr Übriges. Also ein Wind mit 17 kn und Gusts, also Böen mit bis 23 kn. Das passt zwar zur Vorhersage, dennoch zwingen uns der Schwell und die Wellen am Vormittag auf einen deutlich nördlicheren Kurs. Das elende Geschaukel schlägt zudem auf die Motivation, die Birne fühlt sich matschig an und Astrids Magen schließt sich dem Gefühl in ihrem Kopf auch gleich mal an. Nur gut, dass wir uns mit der Seekrankheit meist abwechseln, doch so richtig schön ist es auch für mich nicht.
Um nicht zu sehr nach Norden zu kommen, fallen wir um 12:00 ab, nehmen die Genua weg und gehen auf Steuerbordbug direkt vor den Wind. Nun sind wir bei unserer Lieblingsbesegelung und knapp 20 kn True Wind reichen dafür auch gut aus. Doch nicht nur die Wellen sind elend, das, was wir nordwestlich vor uns sehen, sieht auch nicht gerade verlockend aus. Das Routing würde uns direkt dort hinein führen, wobei nach der neuen Vorhersage dort auch nur W19G25 zu erwarten wären.
Im Grunde sind solche Bedingungen nichts Schlimmes. Bei 20 kn nur mit Groß vor dem Wind zu segeln, ist kein Problem. Ein größeres Problem sind da schon die Wellen, die stündlich unangenehmer werden. Und wenn man es ganz platt nehmen will, mit dem, was wir im Nordwesten sehen, haben wir kein gutes Gefühl.
So lassen wir am frühen Nachmittag den Routenvorschlag des Weather Routings sausen, halsen auf Backbordbug und gehen damit genau vor den Wind und vor den Schwell. So ist das in den Wellen schon mal angenehmer, zwar rollen wir immer noch ordentlich, aber die Wellen legen die PINCOYA nicht mehr ganz so brutal auf die Seite.
Mit der Abendvorhersage sehen wir, dass sich das, was ich im Video noch als »Starkwinddelle« bezeichnet habe, deutlich verstärkt hat. Es ist zwar immer noch kein echtes Tief und auch nicht wirklich schlimm, aber darauf haben wir am zweiten Tag noch keine Lust. Unsere Entscheidung zur Halse war richtig und nun gehen wir sogar auf einen Ostsüdost-Kurs. So können wir die Genua im dritten Reff hinzunehmen, reffen aber auch gleich das Groß ins erste Reff ein, weil es sonst nicht ausgewogen ist.
Genug Segelfläche ist das alle Mal. Inzwischen haben wir einen True Wind von 21 kn und damit auf unserem Kurs muntere 18 kn in den Segeln. Das hätten wir am zweiten Tag so nun auch nicht gleich gebraucht, aber so geht’s.
Doch das geht nicht lange so, denn viel zu schnell kommen wir bei W23G29 an. Also zweites Reff ins Groß und schnell noch die Backstagen für die Starkwindfock nach hinten geholt. Dann Luken zu und durch. Wir checken noch einmal die Vorhersage und gehen auf einen Südostkurs. Es wäre wohl gut, möglichst schnell nach Süden zu entkommen und das mit einem Kurs, der baldige Besserung verspricht und auch noch halbwegs gut zu segeln ist. Doch all das ist ein Glaskugellesen, denn die Vorhersagen stimmen ganz offensichtlich gar nicht.
Schon bald können wir draußen gar nichts mehr sehen. Es ist eine Neumondnacht und dunkler kann eine Nacht kaum sein. Kurz drauf krachen die ersten Brecher in die PINCOYA. Immer wieder wird sie hin und her geschleudert. Upps … W31G39! Wir haben zu viel Segel oben! Der Autopilot hat seine liebe Müh, nach einem Schlag durch einen Brecher die PINCOYA wieder einzufangen. Also raus. Im Decksalon ging das alles noch, obwohl bisher nicht nur eine Welle über den Decksalon gegangen ist. Doch draußen scheint die Hölle losgebrochen zu sein und dazu schüttet es wie aus Eimern. Das ständige Wetterleuchten trägt auch nicht gerade zu unserer Entspannung bei. Uiiih, so etwas haben wir unter Segeln auch noch nicht gesehen. Astrid hält sich tapfer. Wat mutt, dat mutt.
So binden wir das zweite Mal innerhalb von 16 Jahren (!) das dritte Reff ins Groß. Nun steht dort nur noch ein kleiner Fetzen von Großsegel. Auch die Starkwindfock drehen wir noch zusätzlich zur Hälfte ein. Ob das reicht, werden wir sehen. Immer wieder ziehen die Relingstützen durchs Wasser und einige Wellen laufen auf dem Laufdeck und an den Scheiben den Decksalon entlang. Sie treffen das Dinghy am Heck von innen (!) und das versucht sich inzwischen loszubinden. Das auch noch! Also alles noch einmal neu vertäuen und sichern. Dann schnell wieder rein und die Schotten dicht. Was für ein Unterschied zu draußen! Aber wir triefen und müssen uns erst einmal umziehen. So richtig gemütlich ist es im Decksalon auch nicht mehr, aber es ist tausendmal besser und ruhiger als draußen. Verkeilt sitzen wir am Tisch und warten auf den nächsten Einschlag.
Es ist unglaublich, so etwas hatten wir noch nie. So einen Scheiß konnten wir bisher immer vermeiden und nun sind wir mitten reingefahren. Die PINCOYA rennt immer noch mit 7 bis 8 kn. Von den Wellen sehen wir nur etwas, wenn sie einschlagen. Doch wir hören die Brecher rings um uns herum. Nicht nur einmal sind wir mehr unter als über Wasser.
Was ist eigentlich, wenn wir querschlagen? Wir wissen es nicht und hoffen, dass es nicht passiert. So ein Scheiß ist Neuland für uns, aber die PINCOYA hält sich wacker, obwohl sie einen Schlag nach dem nächsten wegstecken muss.
Um 23:59 loggen wir unser 1. Etmal mit 131 sm. 1.779 sm to go.
Hoffentlich sind wir da bald durch!
Tag 3, Sonntag 14.06.
Draußen poltert es. Als wir nachsehen, kullert der Kohlkopf durchs Cockpit. Das Obst- und Gemüsenetz hat sich entleert, als es uns wieder einmal flachgelegt hat. Die Zwiebeln rette ich an der Reling vor dem Blanken Hans, die Kartoffel hängen noch auf Halbacht oben am Netz. Der Rest ist weg.
Die Nacht zieht sich unendlich dahin. Inzwischen haben wir stehende 33 kn und in Böen sehen wir sogar die 40. In der letzten Vorhersage war von W20G26 die Rede, nun haben wir im Mittel W32G39. Das sind 12 kn mehr als vorhergesagt und locker das Doppelte von dem, was wir als GribFile in das Routing gefüllt haben.
Das Wetterleuchten macht uns Sorgen. Eine Gewitterfront können wir nun nicht auch noch gebrauchen. Die ganze Sache ist schon hart genug. Im Radar sehen wir, das der Kelch vielleicht doch an uns vorbeiziehen könnte.
Immer wieder fliegen in der PINCOYA noch Sachen herum, von denen wir eigentlich geglaubt haben, dass sie sicher sind. Die Schräglagen sind extrem. Nicht so sehr durch den Wind, aber durch die Wellen in Kombination mit einer Bö. Wir haben auf unserem Fluchtkurs leider einen der ganz großen Eddys getroffen. Das steilt die Wellen brutal auf. Dann entleert sich scheppernd auch noch der Herd. Den hätten wir verriegeln können, dachten aber, die Feder in der Klappe wäre stark genug.
Im Stillen hoffen wir, dass unser AIS gut funktioniert. Es ist unmöglich, Ausschau zu halten, und abgesehen davon würden wir eh nichts sehen. Das Wasser fliegt nur so um uns herum. Acht Windstärken mit Böen, die an der Neun knabbern, sind auf dem Wasser in einer Neumondnacht schon ein sehr spezielles Erlebnis. Wir checken zwar mit OpenCPN, ob es irgendwelche Signale um uns herum gibt, aber mehr geht nicht. So sitzen wir unter Deck und haben alles verrammelt. Die PINCOYA kracht durch die Wellen und der Autopilot meistert jede noch so brenzliche Situation mit Bravur. So geht es in der Hoffnung durch die Nacht, dass nichts ernsthaft kaputt geht.
Dann 30 Minuten Ruhe 😂. Nur noch W25G29! War’s das?
Nee, das war’s noch nicht, denn schon geht es weiter. Für Stunden kommen wir kaum mal unter 30 kn. Insgesamt haben wir noch vier oder fünf brutale Volleinschläge. Jedes Mal leuchten wir hinterher etwas beunruhigt die Fenster ab, weil unsere Fensterrahmen ja nicht mehr die Besten sind. Aber alles ist gut und dicht. Die Wellen, die im Cockpit landen, zählen wir schon gar nicht mehr.
Gegen Vormittag sollten wir durch sein, aber ein echtes Vertrauen in die Aussichten der Vorhersage haben wir nicht mehr. Jetzt ist es 4:30, gegen 5:00 sollte es beginnen zu dämmern. In einer langanhaltenden Bö sehen wir wieder die 40. Das ist zu viel für unsere Beseglung. Aber was können wir noch machen? Weniger haben wir nicht mehr zu bieten.
„Das neue Wetter. Immer noch ist keine Rede von einer »stürmischen Brise«, denn ein echter Sturm beginnt erst bei 41 kn, bis dahin brist es, auch wenn man das anders empfindet 😂! Hier sollen wir immer nur noch maximal W20G25 haben.“
Um 5:00 laden wir die neue Vorhersage herunter. Sie bleibt dabei, dass wir durch wohlgesonnene W19G27 segeln. Sie liegt weiterhin satte 14 Knoten (!) unter dem tatsächlichen Wetter.
Ab 6:30 beruhigt sich die ganze Sache merklich. Endlich! Astrid kann sich selbst darüber kaum noch freuen, ab einem gewissen Punkt ist einfach alles egal. »Nur« noch W23G30. Abwechselnd schlafen wir etwas, was Astrid aber auch nicht wirklich wieder auf einen grünen Zeig bringt. Die Nacht hat ihre Spuren hinterlassen. Glücklicherweise nur bei uns und kaum bei der PINCOYA.
Die Halterung des Rettungskragens, die oberhalb des Heckkorbs an der Backbordseite des Geräteträgers sitzt, hat es verbogen. Der Rettungskragen selbst und die Leuchte sind noch da. Und aus dem backbordseitige Relingskleid hat es zwei der eingenähten Halteschlaufen herausgerissen. Ansonsten sehen wir erst einmal keine Schäden. Und dabei bleibt es auch, als wir später alles noch einmal richtig sichten und untersuchen.
Inzwischen sind wir nur noch 20 sm nördlich der Großkreisroute, die wir von Bermuda zu den Azoren abgesteckt haben. Das ist unsere Referenzroute, denn als Großkreisroute ist das eben der kürzeste Weg. Bis hierhin liegen nun schon 275 sm hinter uns, die uns aber bisher nur 215 sm östlich von Bermuda gebracht hat. D.h. wir haben mit unserer Nordroute nicht nur ordentlich einen auf die Mütze bekommen, sondern für diese Erfahrung auch gleich mal 60 sm verballert.
Um 12:00 haben wir dann trotz des drittem Reffs im Groß und trotz der nur halben Starkwindfock schon 82 sm hinter uns und sausen immer noch vielversprechend einem 160er Etmal entgegen. Und das alles, obwohl wir über Stunden mit einem heftigen Gegenstrom zu kämpfen hatten, der wohl auch für die hohen Wellen mitverantwortlich war. Unser Windrad hat sich trotz der Extrakühlung immer wieder ausgeschaltet, denn bei 27 A macht der Charger dicht. Dennoch haben wir in der Nacht 12 Ah Plus gemacht, wo wir sonst in einer durchgesegelten Nacht zwischen 50 und 60 Ah Minus machen. Auch das wirft ein kleines Schlaglicht auf den Wind, mit dem wir es zu tun hatten und immer noch etwas zu tun haben.
Doch nun reffen wir wieder aus. Das Groß geht wieder hoch ins 2te Reff und die Starkwindfock setzen wir voll. Das reicht für eine gute Fahrt von 6 kn. Wir könnten noch etwas nachlegen, aber egal, nun lassen wir es erst einmal dabei und ruhiger angehen.
Um 16.30 sind wir dann schon deutlich südlich der Großkreisroute. Wir halsen, gehen wieder auf Steuerbordbug und lassen es laufen. Die nächsten Tage sollte dieser Kurs in Variationen passen, wenn die Vorhersagen nicht wieder vollkommen floppen.
Astrid geht es nicht wirklich gut, aber machen können wir gerade nichts. Auf See ist es sehr schwer, sich wieder einzukriegen, an Land geht das in Minuten. Vielleicht hilft ja viel Schlaf in unserer Mittelkoje und ein etwas ruhigeres Wetter.
Ganz allmählich nimmt nun zumindest schon mal der hässliche Schwell ab und die Windwellen passen sich W17G21 an. Als der Wind zur Dämmerung dreht, halsen wir noch einmal auf Backbordbug, um unseren aktuellen Kurs halten zu können. So fahren wir in eine viel ruhigere, aber genauso grautrübe und schon bald rabenschwarze Neumondnacht.
Um 23:59 loggen wir unser 2. Etmal mit 154 sm. 1.651 sm to go.
Ein sehr gutes Etmal, was wir uns aber auch wirklich hart erkämpft haben.
Tag 4, Montag 15.06.
Am Tag 4 lecken wir unsere Wunden. Viel passiert nicht und das Wetter entwickelt sich tatsächlich wie vorhergesagt. Bei 15 bis 18 kn Wind läuft es super und das auch noch in die richtige Richtung.
Abwechselnd schlafen wir, auch mir fehlt eine ganze Nacht und der Tag danach war auch nicht wirklich erholsam. Glücklicherweise läuft die PINCOYA nun sanft dahin, ohne das neuerliche Wellen irgendein Theater machen.
Gegen Mittag verschwindet der Wind und mit 6 bis 9 kn ist bei einem Kurs von 150° nicht mehr viel zu holen. So gehen wir höher ran, doch kurz darauf bekommen wir die vorhergesagten W16G21 zurück. Und dieser konstante Wind aus Westen bleibt uns dann auch die ganze Nacht treu.
Doch noch immer ist es grautrüb. Und ringsherum ist keinerlei Besserung zu erkennen. Alle bisherigen Überfahrten haben mit phantastischen Sonnenunter- und -aufgängen geprotzt und auch tagsüber gab es immer wieder beeindruckende Wolkenformationen. Doch diese ersten 4 Tage haben absolut nichts von alldem und so kärglich ist auch die Anzahl der Photos, die wir von diesem trüben Einheitsgrau machen.
So rauschen wir mit 6 bis 7 kn durch die Nacht. Mal schneller und mal langsamer, aber das hängt einzig davon ab, wie gerade der Golfstrom herummäandert.
Um 23:59 loggen wir unser 3. Etmal mit 127 sm. 1.543 sm to go.
Tag 5, Dienstag 16.06. bis Mittag
Bis zum Mittag bringen nur zwei Squalls das Windgeschehen mal kurz durcheinander. Ansonsten rennt die PINCOYA mit einem strammen WSW von 17 bis 19 kn flott nach Osten.
Insgesamt wollen wir uns etwas südlicher halten und sind deswegen gar nicht so böse, mit diesem Wind nicht wirklich zurück in die Nähe der Großkreisroute zu kommen. Etwas weiter nördlich soll noch einiger »Krawall« durchziehen, der sieht zwar gar nicht so »krawallig« aus, aber danach sah die »Tiefdruckbeule« der zweiten Nacht ja auch nicht aus. Deswegen halten wir lieber etwas Abstand, denn wenn so eine Tiefdruckbeule erst einmal auf dem Atlantik ist, nehmen sie ja ganz offensichtlich auch gerne mal schneller Fahrt auf, als einem lieb ist.
Und wie es aussieht, werden wir auch noch den 6ten Tag weiter genauso durch die Wellen pflügen, ohne dass sich groß etwas ändert. Mal sehen, aber nun ist erst einmal Schluss mit diesem Blog.
Unsere Position am 16. Juni 12:00
33° 58′ 36,8” N, 055° 58′ 49,6” W

























