Bermuda -> Azores – Tag 10 bis 15 –


Bermuda -> Ziel: Azores, erst noch Sāo Miguel, Ponta Delgada -> dann Faial, Horta
bisher: 1.784 sm – to go: 247 sm – Gesamtdistanz 2026: 5.104,0 sm


Tag 10, Sonntag 21.06. ab Mittag

„Der Tag 10“

„Der Tag 10“

So langsam drängelt uns der Wind auf einen Nordnordostkurs und der Schwell wird immer elender. Zum einen läuft er nun ziemlich seitlich ein und zum anderen ist er höher geworden. Also halsen wir früher als geplant. Das bringt uns nun zwar näher an das Schwachwindgebiet, das wir ja umfahren wollen, lässt aber den Schwell achterlich einlaufen und der Strom ist nach der Halse auch mehr mit uns.

Das ist wesentlich angenehmer und so können wir entspannt im Cockpit sitzen, Blog schreiben und mal einige Mails beantworten.


„Das Wetter ist nicht wirklich farbenfroh, man sieht an dem Emblem in der Genua, dass es sich um ein Farbphoto handelt 🙂.“

„Das Wetter ist nicht wirklich farbenfroh, man sieht an dem Emblem in der Genua, dass es sich um ein Farbphoto handelt 🙂.“

Ja, und wer nun auf irgendwelche seglerischen Höhepunkte oder Abenteuer wartet, wird enttäuscht. Wir segeln ziemlich unaufgeregt einfach so vor uns hin. Die Reststrecke bis nach Ponta Delgada wird kleiner, die Capitana passt gut auf und so kann sich der Schiffsjunge mal zu einem Nachmittagsschläfchen zurückziehen.


Und bis wir um 23:59 unser 9. Etmal mit 128 sm loggen, passiert nichts, außer dass nach Sonnenuntergang ein leichter Nieselregen einsetzt. Doch 127 sm ist ein erstaunlich gutes Etmal, mit dem wir nicht gerechnet haben. 860 sm noch to go.


Tag 11, Montag 22.06.

„Der Tag 11“

„Der Tag 11“

Die kleinen Tröpfchen des ständigen Nieselregens bemerkt man kaum, wenn man um die Sprayhood guckt, um Ausschau zu halten. Dennoch ist inzwischen alles patschnass. Und sehen kann man eh nichts. Der gut gemeinte Blick in die Runde verliert sich in einem konturlosen Schwarz, in dessen Mitte irgendwo auf Augenhöhe der Horizont sein muss. Dort geht das Schwarz des Wassers nahtlos in das Schwarz des Himmels über.

Kurz darauf passiert uns ein großer Frachter in kaum zwei Seemeilen Abstand. Seine Lichter kann man nur mit viel gutem Willen erahnen, wenn man weiß, wo er ist.

Glücklicherweise ist der Wind etwas stärker als vorhergesagt. Das ist gut, denn der kümmerliche Wind, der vorhergesagt war, hätte uns kaum gegen den Strom vorangebracht, der nun exakt gegen den Wind läuft und die See ruppig macht.

Dennoch ist das ganze Windgeschehen seit fast 24 h etwas schwachbrüstig, wir müssen mit durchschnittlichen 10 kn auskommen. Mal etwas mehr, doch zu oft auch weniger.


Willkommen im Einheitsgrau des 11ten Tages

„Die grautrübselige Dauerdiesigkeit I“

„Die grautrübselige Dauerdiesigkeit I“

Kurz war ich ja versucht zu schreiben »als die Sonne aufgeht«. Dann habe ich mich umgesehen und mir gesagt: »Nee, so’n Scheiß kannst du wirklich nicht schreiben!« Also belassen wir es mal dabei zu schreiben, »als es hell wird«. Wobei »hell« auch nur durch den Kontrast zu der schwarzen Nacht eine gewisse Ehrlichkeit erlangt, denn es wird nur etwas heller, aber nicht hell. Grautrüb und patschnass ist der Morgen des 11ten Tages nicht gerade eine Inkarnation des Blauwassersegelns. Es ist Grauwassersegeln in einer feuchttrüben Suppe. Nur selten lässt sich die Sonne mal für ein kurzes, milchiges Gastspiel sehen.

„Die grautrübselige Dauerdiesigkeit II“

„Die grautrübselige Dauerdiesigkeit II“


Die ständige Feuchtigkeit kriecht inzwischen auch überall rein. In der PINCOYA riecht es auch schon feucht. Wir bräuchten mal dringend einige wirklich sonnige Tage und vor allem mal eine geringere Luftfeuchtigkeit. Bei 80 bis 90% schlägt sie sich auch tagsüber überall nieder und nichts trocknet auch nur ansatzweise. Es ist ja kein Morgendunst, der am Vormittag verschwindet, es ist ein diesiger Dauerdunst, der allgegenwärtig in der Luft hängt. Dazu kommen der echte Regen, die ohnehin feuchtnassen Nächte und wenn viel Wind ist, auch noch der Spray des Salzwassers, der unmerklich, aber sehr konsequent die PINCOYA in einer Salzlake einlegt, die ihrerseits begierig die Luftfeuchtigkeit schlürft.

Das ist ein Teufelskreis, wir müssten dringend mal wieder innen und außen alles wirklich trocknen. Grundsätzlich haben wir ja einen Luftentfeuchter dabei, aber den können wir bei der aktuellen Energieausbeute nicht laufen lassen. Die Wind- und Sonnenenergie reicht gerade mal für die 24h Navigation aus, aber nicht auch noch für solche Extras. Das alles erinnert schon etwas an unsere Schottlandtour, nur für ein echtes Highland-Feeling müsste es noch etwas kälter sein. Doch das ist auch nur die halbe Wahrheit, denn in Schottland war es zwar feucht und kühl, aber zwischendrin gab es Auflockerungen und echte sonnige Phasen.

Doch auf dieser Überfahrt fahren wir seit Tagen durch eine grautrübselige Dauerdiesigkeit. Und dunkel erinnern wir uns, dass wir diesen Frust auf den Azoren schon einmal hatten. Vielleicht hätten wir unsere Blogs von 2023 und 2022 vorher noch einmal lesen sollen, aber das ist ja auch trügerisch, denn Bilder macht man ja doch nur in den schönen Momenten mit Sonne, denn wer hat schon Lust, so ein grautrübes Etwas zu photographieren und dann auch noch in einen Blog zu stellen?

So verkriechen wir uns im Decksalon und hoffen, dass möglichst bald mal ein etwas trockeneres Lüftchen vorbeischaut, um die Feuchtigkeit und Nässe wieder aus der PINCOYA zu vertreiben.

„Die kurzen Momente der Sonne am Nachmittag“

„Die kurzen Momente der Sonne am Nachmittag“


Vertrackte Aussichten
Dazu fühlt sich das Segeln über weite Strecken so an, als ob wir über eine Schlaglochpiste fahren. Die Wellen sind ruppig und chaotisch. Man hat den Eindruck, als ob die PINCOYA mehr vor sich hin stolpert als segelt. Ständig ruckt es, als ob sie immer wieder links und rechts eine gescheuert bekommt. In diesen Phasen schwappen die Wellen in einem Schachbrettmuster um uns herum. Der wogende Atlantik liegt darunter. Das Rucken nervt, doch glücklicherweise dauern diese Phasen nicht allzu lange.


Die Morgenvorhersage hält dann auch keine großen Änderungen bereit. Wenn es nicht so richtig laufen will, klebt man seine Hoffnungen und Wünsche ja doch immer wieder an eine neue Vorhersage. Doch der ohnehin schon große Hochdruckbereich macht sich nur noch etwas breiter. Das bedeutet, dass wir noch etwas weniger Wind und eine noch größere Flaute zu erwarten haben. Ohne ein sofortiges Wetterwunder ist ein Durchkommen ohne Motoreinsatz schlicht unmöglich. Ohne Frage ist es schwierig, am Rande eines großen Hochdruckbereichs, der sich zudem auch noch im Aufbau befindet, die verbleibenden Windfelder richtig vorherzusagen. Doch diese verständnisvolle Erkenntnis ändert auch nichts daran, dass diese Ausweglosigkeit nervt.

So reduziert sich unser Segeln auf ein »irgendwie Durchkommen«. Doch das ist auf einer Schlaglochpiste und ohne Aussicht auf irgendein nennenswertes Windgeschehen schon eine harte Kost für’s Gemüt. Es gibt bessere Dinge, um die Stimmung zu heben. Hoffen wir mal, dass dieses Crossing seglerisch nicht allzu unehrenhaft endet.


Ab 10:00 läuft es mit Unterstützung des Stroms noch einmal halbwegs gut. Mal sehen, wie lange. Doch so langsam müssen wir auch akzeptieren, dass wir Ponta Delgada ohne massiven Motoreinsatz wohl nicht erreichen können. Das Weather Routing haben wir inzwischen gut im Griff und es ist eine Erleichterung, damit eine Route durch die Schwachwindfelder zu finden. Doch egal, welchen Kurs wir auch versuchen, irgendwann bleiben wir immer in der großen Flaute des Hochs stecken. Und als ob das nicht schon blöd genug wäre, zieht das Hoch kurz darauf auch noch nach Norden. Das ist schön für den Norden, nur uns beschert diese Zugrichtung einen Ostwind, was nicht wirklich prickelt, wenn man nach Osten segeln will.

So haben wir begonnen, über alternative Ziele auf den Azoren nachzudenken. Doch soweit ist es noch nicht. Wir beschließen, noch bis morgen an unserem alten Plan festzuhalten. Zwei neue Vorhersagen gibt es bis dahin ja noch. Vielleicht vielleicht gibt es ja … Ok, Hoffnungen scheinen wirklich zuletzt zu sterben.


So geht es erst einmal weiter …
Das Abendwetter führt wieder zu einem neuen Kursvorschlag. Der ist zwar nicht grundsätzlich anders, aber direkter.

„Zum Abend hin lockert es auf.“

„Zum Abend hin lockert es auf.“

Wahrscheinlich beweist ein Weather Routing in Schwachlagen noch am besten seine Stärken, wenn es gilt, durch verschwurbelte Schwachwindfelder einen möglichst optimalen Kurs zu finden. Wenn es mit 4, 5 oder 6 Beaufort weht, sind Dreher und Varianten einfacher zu sehen. Mal ganz abgesehen davon, dass es bei diesen Windstärken eh immer irgendwie segelt, auch wenn man nicht den optimalen Kurs trifft. Doch einen Weg durch »fast nichts«, »einwenig« und »manchmal etwas mehr« zu finden, auf dem es gerade noch so segelt, ist schon kniffeliger und nicht ganz so einfach.

Wenigstens wir haben inzwischen das dringende Gefühl, dass das Weather Routing einen nicht unerheblichen Anteil daran hat, dass wir bislang nur 4 h motoren mussten und unser bisher kleinstes Etmal immer noch 127 sm hatte.


„Die Sonne gibt zum Abschied noch einmal alles, was geht.“

„Die Sonne gibt zum Abschied noch einmal alles, was geht.“

Ansonsten ist das Schachbrettmuster der Wellen verschwunden und in dem ruhigen Atlantikschwell läuft die PINCOYA nun gelassen mit 6 kn dahin. Als die Nacht beginnt, setze ich mich mit mit einer Tasse heißen Tee ins Cockpit und gucke mir lange den Halbmond an, der uns nun schon für einige Stunden durch die Nacht begleitet, bevor er im Westen hinter dem Horizont verschwindet. Über uns hat sich ein sternenklarer Himmel geöffnet und langsam verlieren sich die Gedanken in diesen Weiten. Es ist das erste Mal auf dieser Überfahrt, dass man nachts einfach mal so im Cockpit sitzen kann.

Um 23:59 loggen wir unser 10. Etmal mit 128 sm. 737 sm to go.


Tag 12, Dienstag 23.06.

„Der Tag 12“

„Der Tag 12“

So langsam wird es Zeit, dass wir ankommen. Gerade habe ich die letzte Packung Pfefferminztee angebrochen. 20 Beutel bedeuten 5 Tage. Die können zwar noch durch etwas Abwechslung mit Earl Grey gestreckt werden, aber dann ist wirklich Schluss!

„Da liegt ein Hoch im Weg!“

„Da liegt ein Hoch im Weg!“

Doch die Sache mit dem Ankommen ist schwieriger als gedacht. Mit der Morgenvorhersage ist klar, dass wir etwa 350 sm vor den Azoren unweigerlich in der ersten Flaute stecken bleiben. Dieser flautenumwitterte Hochdruckkern legt sich uns direkt in den Weg, und um den zu durchfahren, werden wir rund 60 sm motoren müssen. Einen Weg drumherum gibt es nicht, denn er ist Teil eines ganzen Hochdrucksystems, das gerade dabei ist, sich über die Azoren zu legen.

„Nasstrübe Aussichten auf Wind und Regen?“

„Nasstrübe Aussichten auf Wind und Regen?“

Danach können wir zwar noch einmal etwas segeln, aber 40 sm vor den Azoren wird unser Endspurt dann in der nächsten Flaute stecken bleiben. Die einzige Insel der Azoren, die wir nach der ersten Motorphase noch unter Segeln erreichen können, ist Flores. Aber Flores ist kein Port of Entry, und selbst wenn wir uns dumm stellen und dennoch dort hinfahren, danach werden wir wenigstens eine Woche nicht mehr wegkommen, denn nachdem auch Flores von der Flaute eingehüllt wurde, dreht der Wind erst einmal auf Ost, was für Flores auch noch die denkbar schlechteste Windrichtung ist. Guter Rat ist also teuer, sofern es aktuell überhaupt einen gibt.

„Nun ja, wie immer!“

„Nun ja, wie immer!“

Auf den Azoren gibt es drei Ports of Entry, Horta auf Faial, Ponta Delgada auf Sāo Miguel und Praia da Vitoria auf Terceira. Ponta Delgada als Ziel sieht schon seit einiger Zeit ziemlich schlecht aus, weil es am weitesten im Osten liegt und damit noch tiefer in dem Hochdruckbereich, in dem es kaum noch Wind gibt. Und weil wir Horta eigentlich vermeiden wollen, wird nun Praia da Vitoria auf Terceira zu unserem neuen Ziel.


Doch schon die Abendvorhersage bläst auch dieses Gedankenspiel gleich wieder wie ein Kartenhaus um. Nun ist auch Terceira nur noch mit einer langen Motorfahrt zu erreichen, gegenüber der sich die 35 sm nach Horta wie ein Katzensprung anfühlen. Wenn wir unseren Schlussspurt unter Motor möglichst kurz halten wollen, bleibt nun nur noch Horta als Ziel. Dort werden wir abwarten müssen, wie es weitergehen kann. Es wäre jammerschade, wenn wir Ponta Delgada ganz streichen müssten.

So passen wir nun auch die Großkreisroute von Bermuda nach Ponta Delgada an und setzen ihren Endpunkt auf Horta. Die hat ja bisher als Referenzroute immer die »To-Gos« zu den Etmalen geliefert. Nun ist sie 140 sm kürzer und damit macht unser »To-Go« in der nächsten Nacht einen ordentlichen Sprung und wir kommen einer neuen Pfefferminzteeversorgung gleich 248 sm näher.


Der Tag

„Doch dann lockert es wirklich auf.“

„Doch dann lockert es wirklich auf.“

Ab Mittag zeigt sich das Wetter zwar von seiner besten Seite, doch obwohl unsere Batterien nun endlich mal wieder ordentlich geladen werden, reicht das alles nicht aus, um Wasser zu machen. Die letzten Tage haben wir zu sehr von der Substanz gelebt, so muss nun der Motor die notwendige Energie für den Wassermacher liefern. Die nächste Nacht steht ja auch schon wieder vor der Tür und allzu deutlich wollen wir nicht unter die 50% kommen, um uns noch etwas Puffer in den Batterien zu erhalten.

Die Norddrehung des Windes vertreibt uns kurz darauf aber doch aus dem Cockpit. Der Nordwind ist empfindlich kühler als das, was bisher von Westen oder gar Südwesten zu uns herübergeweht wurde.

Und unser Nachtwachensystem ziehen wir auch gleich mal zwei Stunden vor und beginnen nun nach Bordzeit um 18:00. Dadurch, dass wir schon weit nach Osten vorangekommen sind, hat sich die Nacht zu unserer Bordzeit inzwischen recht deutlich verschoben. Bermuda liegt ja auch schon gut 1.300 sm hinter uns im Westen.


„Verwischte Sonne am Abend des 12ten Tages“

„Verwischte Sonne am Abend des 12ten Tages“

Die Nacht selber kann dann eigentlich gar nicht schöner sein. Die PINCOYA gleitet auf einem ruhigen Amwindkurs durch das silberige Glitzerwasser des Mondes. Auf diesem Kurs reichen 7 bis 9 kn Wind vollkommen aus, um die PINCOYA mit 4 bis 5 kn in Fahrt zu halten.

„Das Glitzerwasser des Mondes“

„Das Glitzerwasser des Mondes“

Lange sitze ich im Cockpit, diesmal allerdings mit langer Hose und Sweatshirt, und genieße die Ruhe dieser Nachtfahrt. Es ist schwer, diesen Zauber zu beschreiben, solche Momente sind schon magisch. Vielleicht sind solche Nächte sogar das Schönste auf so einer Überfahrt.

Um 23:59 loggen wir unser 11. Etmal mit 108 sm. 503 sm to go.
Unsere Etmale werden kleiner, aber noch können wir segeln. Nicht schnell, aber es geht immer noch gut unter Segeln voran.


Tag 13, Mittwoch 24.06.

„Der Tag 13“

„Der Tag 13“

Nach Mitternacht ist die Nacht weniger unglaublich als die Tatsache, dass wir tatsächlich immer noch segeln. Der Wind weht schwächlich mit 5 bis 8 kn aus Nord und doch wir segeln gleichmäßig dahin. Der leichte Schwell des Atlantiks hebt und senkt uns, nur ab und zu poltern mal einige Wellen an den Rumpf der PINCOYA. Diese Phasen kommen und gehen, doch woher, wann und warum es zu solchen Polterwellen kommt, die die PINCOYA wie über eine Schlaglochpiste segeln lassen, ist uns ein Rätsel.

Ansonsten gleitet die PINCOYA tiefenentspannt dahin. Mal schneller und mal langsamer, aber immer mit mehr als 3 kn. Wir halten uns genau an die Wetterroute. Um uns herum gibt es in der Vorhersage nur Windfähnchen mit einer halben und manchmal mit einer ganzen Fieder. Doch es fährt schön, gleichmäßig und vor allem beständig. Mal sehen, was die nächste Vorhersage bringt, trotz der Schwachwindaussichten können wir bisher nicht klagen. Vielleicht kommen wir ja doch besser durch das angekündigte Nichts als befürchtet.

„So schwarz wie ein verrußter Sonnenaufgang. “

„So schwarz wie ein verrußter Sonnenaufgang. “

Und da unser Kurs uns geradewegs nach Osten führt, verpuffen die 3 bis 4,5 kn Fahrt nicht zur Hälfte in irgendwelchen Zickzackkursen, sondern futtern fleißig von unserer restlichen Strecke direkt eine Seemeile nach der anderen. VMG, velocity made good, nennt man diesen Appetit und das meint die Geschwindigkeit, mit der wir Strecke in Richtung unseres Ziels gut machen.

Rings um uns herum ziehen sich Wolkenbänder entlang des Horizonts. Mal sehen, wie der Tag wird, aber eigentlich sollte dort nichts Schlimmes drinstecken. Endlich ist das Segeln mal so entspannt, wie wir uns das erhofft hatten. Inzwischen haben wir 9 bis 10 kn Wind, was uns schnell genug segeln lässt.


„Wir kommen dem Kern des Hochs näher.“

„Wir kommen dem Kern des Hochs näher.“

Den ganzen Tag über wundern wir uns, dass wir immer noch segeln können. Ein so hübscher Wind war nicht angekündigt. Er ist zwar nicht überschwänglich kräftig, aber ausreichend. Doch zum späteren Nachmittag wird es immer zäher.

„Endlich mal Blauwassersegeln“

„Endlich mal Blauwassersegeln“

Dass wir spätestens in der Nacht mitten in der Flaute des Hochs stecken, ist keine Frage. Doch bisher ist es besser gelaufen als gedacht, vielleicht hält die Abendvorhersage ja doch noch eine Überraschung bereit und wir kommen unter Motor schneller durch, als bisher prognostiziert.

Ansonsten könnte so ein Segeltag gar nicht ruhiger und beschaulicher sein. Noch bekommen wir einen Schnitt von knapp 5 kn hin.


„Der Sonnenuntergang des 13ten Tages scheut nicht vor einiger Dramatik in der Inszenierung zurück.“

„Der Sonnenuntergang des 13ten Tages scheut nicht vor einiger Dramatik in der Inszenierung zurück.“

Doch die Abendvorhersage ändert nichts. Ab 22:00 liegen die gut 65 sm vor uns, die wir nur unter Motor hinbekommen werden. Wir sind gespannt, ob es am Ende dabei bleibt, sich ausdehnt oder verkürzt. Den ganzen Tag über hatten wir mehr Windglück als vermutet. So bleibt die Hoffnung, dass es vielleicht nicht ganz so schlimm kommt.


„Die Sonne verschwindet mit einem roten Feuerwerk.“

„Die Sonne verschwindet mit einem roten Feuerwerk.“

Um 22:00 erreichen wir dann mit einer Punktlandung das Flautenloch bzw. der Rand des Hochdruckkerns erreicht uns. Nicht nur wir sind ja in Bewegung, auch das Hoch dehnt sich aus und wandert herum. Bis hierhin ging es unter Segeln noch gut, doch nun ist damit Schluss. Wir treiben zwar mit dem Restwind noch mehr oder weniger in die richtige Richtung, aber von dem »mehr oder weniger« wird in Kürze das »weniger« immer dominanter werden.

Die kürzeste Entfernung zum nächsten Lüftchen liegt nun im Nordosten und nicht auf unserem Weg in den Südosten. Also machen wir den Motor an und brummen los. Die Gelegenheit nutzen wir aber auch gleich noch einmal, um Wasser zu machen. Ein voller Wassertank ist für uns wie volle Batterien, eine zweite Möglichkeit, um Energie zu speichern.

Doch ob wir nun die ganzen prognostizierten 14 Stunden motoren, ist mehr als zweifelhaft, vielleicht, wahrscheinlich oder auch eventuell lassen wir uns doch noch einfach mal treiben, legen uns schlafen und sehen später weiter.

Zunächst brummen wir aber erst einmal der Mitternacht entgegen, während der Halbmond malerisch durch die ein oder andere dünne Wolke scheint und deren Schleier in zarten, weißbraungrauen Pastellfarben leuchten lässt.

Um 23:59 loggen wir unser 12. Etmal mit 105 sm. 403 sm to go.


Tag 14, Donnerstag 25.06.

„Der Tag 14“

„Der Tag 14“

2023 ist es uns kurz vor den Azoren schon einmal ganz ähnlich ergangen.

„Bald kreuzen wir unsere Route aus 2023, da hatten wir auch ziemlich zu kämpfen. Dieses Jahr sind wir schon viel gradliniger 😂.“

„Bald kreuzen wir unsere Route aus 2023, da hatten wir auch ziemlich zu kämpfen. Dieses Jahr sind wir schon viel gradliniger 😂.“

Der Track in »magenta« ist unser Track von damals. Auch da war plötzlich der Wind weg und kam dann aus Osten wieder. Damals hatten wir noch nicht so viele Wetterdaten wie heute und natürlich auch noch kein Weather Routing, aber die Probleme waren dieselben 🧐. Vielleicht ist heute die Lösung besser, doch das muss sich erst noch herausstellen.


Kurz nach Mitternacht ist der Wind wirklich vollständig weg. Eine so vollkommene Windstille mit W0G1 😂 gibt es auf dem Atlantik wohl auch nicht allzu oft. Da es dunkel ist, können wir nicht viel sehen, aber das Atlantikwasser liegt so still und ruhig um uns herum, dass sich nun tatsächlich die Sterne darin spiegeln. Eine faszinierende Nacht, wenn da nicht dieses elende Motorgebrumm wäre.

Zwischendrin rechnen wir hin und her, ob es gut wäre, dass wir uns einfach mal treiben lassen. Die Antwort ist schwierig. Klar könnten wir uns einfach mal treiben lassen und auf neuen Wind warten. Das wäre auch kein Problem, denn spätestens gegen 12:00 soll ja ein neuer Wind bei uns vorbeischauen. Doch das Warten hätte Folgen, denn auch der neue Wind ist ja nicht von Dauer. Fahren wir unter Motor weiter, erreichen wir mit der nächsten Windphase knapp und knirsch einen Punkt etwa 35 sm westlich von Faial bzw. Horta.

Den Rest nach Horta müssen wir dann wieder motoren, denn das nächste Flautenloch wird uns dann schon verschluckt haben. Und genau das ist ja auch der Grund, warum wir nun Horta als Ziel haben, denn Faial ist die Azoren-Insel, der wir mit der letzten uns verbleibenden Windphase noch am nächsten kommen. Sāo Miguel und Terceira liegen noch weiter abseits des letzten Segelwindes und wären nur mit noch längeren Motorphasen zu erreichen. Also Faial, aber das ist auch schon knapp. Und wenn wir uns nun noch treiben lassen, verlieren wir Zeit, was wiederum unseren Schlussspurt unter Motor nach Horta verlängert.

Also warten wir mit der Entscheidung, uns einfach mal treiben zu lassen, bis zur Morgenvorhersage. Vielleicht ergibt sich ja doch eine Möglichkeit, es lockerer angehen zu lassen. Manchmal wäre es auch schön, wenn Vorhersagen nicht so genau stimmen. Das aber bitte nur in einer für uns passenden Richtung 😇.


Während der Motor brummt, schläft Astrid. Sie kann das, was ich nicht kann. So bleibt die Frage, wann ich so müde werde, das selbst mir das Motorgebrumm nichts mehr ausmacht. Noch ist von Müdigkeit nichts zu spüren, obwohl sich die Dämmerung mit einem ersten Schimmer über dem nordöstlichen Horizont ankündigt.


„Das Vorspiel zu dem Sonnenaufgang am Tag 14“

„Das Vorspiel zu dem Sonnenaufgang am Tag 14“

Und dann folgt einer der schönsten und farbgewaltigsten Sonnenaufgänge, die wir je erlebt haben. Genau das sind die Momente, die süchtig machen und für immer unvergessen bleiben. Der Atlantik liegt in dieser absoluten Flaute so glatt und blank um uns herum, als ob man ihn mit Frischhaltefolie abgedeckt hat.

Darunter wallen die alten Wogen in weichen Wölbungen, auf denen sich das Sonnenlicht in abertausend pastellfarbenen Nuancen spiegelt. Dieses Bild könnte nicht sanfter sein und steht in einem so krassen Gegensatz zu den Starkwindtagen, dass man beginnt zu zweifeln, ob das immer noch dasselbe Meer ist.

Diese Momente sind die ganz großen und wirklich magischen Momente, und wer solche Momente noch nie mit eigenen Augen gesehen und erlebt hat, wird nie ganz verstehen, warum wir diese Atlantiküberfahrten so lieben.

Ich stelle an dieser Stellen mal die ganze Abfolge dieses Sonnenaufgangs ein, um diesen überwältigenden Moment doch etwas rüberzubringen.

„Der Sonnenaufgang von Tag 14 - I“

„Der Sonnenaufgang von Tag 14 – I“

„Der Sonnenaufgang von Tag 14 - II“

„Der Sonnenaufgang von Tag 14 – II“

„Der Sonnenaufgang von Tag 14 - III“

„Der Sonnenaufgang von Tag 14 – III“

„Der Sonnenaufgang von Tag 14 - IV“

„Der Sonnenaufgang von Tag 14 – IV“

„Der Sonnenaufgang von Tag 14 - V“

„Der Sonnenaufgang von Tag 14 – V“

„Der Sonnenaufgang von Tag 14 - VI, ein Blick nach Südwesten“

„Der Sonnenaufgang von Tag 14 – VI, ein Blick nach Südwesten“

„Der Sonnenaufgang von Tag 14 - VII, gleich tritt die Sonne selbst auf“

„Der Sonnenaufgang von Tag 14 – VII, gleich tritt die Sonne selbst auf“

„Der Sonnenaufgang von Tag 14 - VIII“

„Der Sonnenaufgang von Tag 14 – VIII“

„Der Sonnenaufgang von Tag 14 - IX, der Schiffsjunge filmt den Sonnenaufgang in den Bugwellen“

„Der Sonnenaufgang von Tag 14 – IX, der Schiffsjunge filmt den Sonnenaufgang in den Bugwellen“

„Der Sonnenaufgang von Tag 14 - X“

„Der Sonnenaufgang von Tag 14 – X“

„Der Sonnenaufgang von Tag 14 - XI, dann ist die Sonne voll da.“

„Der Sonnenaufgang von Tag 14 – XI, dann ist die Sonne voll da.“


Um 8:24 haben sich unsere Aussichten auf Wind dann schon um 350% verbessert, wilde 3 bis 4 kn umwehen die PINCOYA aus unterschiedlichen Richtungen. Und kurz darauf durchstoßen wir die 5 kn Isotache! Wenigstens im GribFile der Morgenvorhersage, in realitas lässt uns dieser Durchstoß noch im Stich. So fragen wir Klaus-Ingo, denn KI liegt ja derzeit voll im Trend. Und auch Klaus-Ingo sagt, dass nach einer Flaute meist wieder eine Phase stärkeren Windes folgt, hierbei sei allerdings die Gesamtwetterlage zu berücksichtigen, denn Winde seien eine Ausgleichsströmung vom hohen zum niedrigen Druck, was nicht nur in den Sommermonaten zu teils starken Winden führen kann, die dann auch schon mal von hier nach da wehen.

„Die ruhigen Weiten des Atlantiks in der Flaute“

„Die ruhigen Weiten des Atlantiks in der Flaute“

Ein Blick auf unsere Windanzeige bestätigt dies sofort eindrucksvoll, satte 2 kn brüllen vom Westen über den Atlantik heran und versuchen, uns in Richtung der Azoren zu zerren. So machen wir uns erst einmal einen Kaffee und warten auf den Höhepunkt dieses Boosts. Die Meteorologen tun uns leid, neben so vielen anderen sitzen nun auch sie auf einem Ast, an dem Klaus-Ingo fleißig sägt.


„Eine portugiesische Galeere in der windstillen See“

„Eine portugiesische Galeere in der windstillen See“


„Ein erstes Kräuselwasser kündigt den neuen Wind an.“

„Ein erstes Kräuselwasser kündigt den neuen Wind an.“

10:35. 5 bis 6 kn aus West. Das beschert uns schon mal eine Fahrt von 2,5 kn. Wir machen den Motor aus, denn es soll ja mehr werden. Leider ist der Strom gerade gegen uns, aber der ändert sich ja fast so oft wie wir nachsehen. Also locker bleiben und mal abwarten. In jedem Fall ist die Ruhe nach 12 h Motorfahrt ohrenbetäubend. Es läuft noch nicht wirklich, aber ein Anfang ist gemacht.


Gegen Mittag ersegeln bzw. ersitzen wir uns einen neuen Rekord. Noch nie haben wir auf dieser Überfahrt schon einmal so lange im Cockpit gesessen. Vielleicht sogar noch nicht einmal in der Summe der letzten 13 Tage.


13:00. Es ist schon beängstigend. Auf die Minute genau sind plötzlich die vorhergesagten 7 bis 8 kn Wind da und die PINCOYA beginnt mit mehr als 3 Knoten zu segeln. Exakt auf Minute und Position, so wie es das Weather Routing vorausberechnet hat. Nun sollten wir wieder segeln können, bis wir in einem großen nördlichen Bogen etwa 30 sm westlich von Horta erneut in einer Flaute stecken bleiben. Doch dann ist Schluss mit lustig, denn den Rest werden wir motoren müssen, wenn uns nicht doch noch ein Wetterwunder überfällt.


Den Rest des Tages segeln wir so vor uns hin, doch auch in der Abendvorhersage kündigt sich noch kein Wetterwunder an. So geht es ebenso ruhig in eine sternenklare Nacht, in der der zunehmende Mond uns nun noch etwas länger treu bleibt.

Und der Tag verabschiedet sich fast genauso, wie er begonnen hat.

„Der Sonne verabschiedet sich am Tag 14 ähnlich dramatisch, wie sie am Morgen aufgegangen ist.“

„Der Sonne verabschiedet sich am Tag 14 ähnlich dramatisch, wie sie am Morgen aufgegangen ist.“

„Sonnenuntergang am Tag 14 - I“

„Sonnenuntergang am Tag 14 – I“

„Sonnenuntergang am Tag 14 - II“

„Sonnenuntergang am Tag 14 – II“

Um 23:59 loggen wir unser 13. Etmal mit 107 sm. 299 sm to go.


Tag 15, Freitag 26.06. bis Mittag

„Der Tag 15“

„Der Tag 15“

Seit Stunden holpern wir dem Morgen entgegen. Unsere Fahrt hat nichts mehr mit dem ruhigen Dahingleiten zu tun, mit dem wir gestern in die Nacht gefahren sind. Für 10 kn Wind ist unsere Fahrt von knapp 5 kn noch gut, doch es könnte mehr sein, das Gehüpfe und Geholpere kostet Geschwindigkeit.

Die Morgenvorhersage hält nur kleine Varianten bereit, der Schlussspurt unter Motor bleibt. Jetzt geht es nur noch darum, diesen Schlussspurt so klein wie möglich zu halten, was allerdings mit dieser Morgenvorhersage noch etwas schwieriger geworden ist.

„Der Morgen am Tag 15“

„Der Morgen am Tag 15“

Der Strom ist uns wohlgesonnen. Die PINCOYA rennt. Noch rund 250 sm liegen vor uns. Wir versuchen, händisch einen besseren Kurs als das Routing zu finden, denn der Wind in der Vorhersage stimmt nicht. Ein prognostizierter NW steht einem tatsächlichen WSW gegenüber. Also Halse, um noch mal etwas Ost zu machen, bevor es deutlich nach Norden geht, um die Drehung des Windes über Nord auf Ost abzufangen.

„Der Tag beginnt wieder vielversprechend.“

„Der Tag beginnt wieder vielversprechend.“

Der nächste Blog wird erzählen, ob das geklappt hat.

Unsere Position am 26. Juni 12:00
38° 19′ 16,4” N, 033° 50′ 07,5” W