Bermuda -> Ziel: Azores, Faial, Horta
2.061,5 sm – to go: 0 sm – Gesamtdistanz 2026: 5.381,6 sm
Tag 15, Freitag 26.06. ab Mittag
Wie schön wäre es, wenn es nach der Halse vom Vormittag mit dem Westwind des Tiefs einfach so weitergehen könnte. Kann es aber nicht, denn der Wind hat schon ganz unmerklich begonnen, in Richtung Norden zu drehen, was uns vor dem Wind auf Backbordbug ebenso unmerklich nach Süden drehen lässt. Und diese Norddrehung des Windes soll anhalten. Nicht sehr schnell, aber beständig, bis sie dann mit einem Schwupps auf Nord springt, um langsam weiter auf Nordost zu drehen. Schuld daran ist ein Hoch, das nach dem Tief im Norden von uns nach Osten zieht. Und das dreht den Westwind nicht nur über Nord auf Nordost, sondern lässt das ganze Windgeschehen ab Samstagnachmittag auch eher schwachwindig werden.
Horta selbst werden wir damit wohl kaum unter Segeln erreichen können. Aber wir können versuchen, in einem nördlichen Bogen, der uns südlich von Flores entlang führt, am Ende möglichst dicht im Westen von Faial bzw. Horta rauszukommen. Eine Reststrecke nach Horta, die wir dann nur noch unter Motor machen können, wird wohl in jedem Fall bleiben, aber wir können versuchen, diese Reststrecke zu minimieren.
Doch bei all diesen Aussichten gilt es nun erst einmal, einen guten Mix in unseren Kursen zu finden, um in einem nördlichen Bogen möglichst weit nach Nordosten zu kommen. Segeln wir erst einmal hoch am Wind, liegt der Erfolg unserer Strategie nur noch beim Wind und seinen Drehern, denn höher als hoch können wir ja nicht rangehen.
Also halsen wir wieder und versuchen zunächst mal, diesen Mix möglichst gut hinzukriegen. Erst eher nördlich, aber ohne die östliche Komponente aus den Augen zu verlieren, dann eher östlich ohne uns nach Süden drücken zu lassen. Das Weather Routing hat einen ganz ähnlichen Kurs errechnet, aber um die Reststrecke unter Motor zu minimieren, müssen wir versuchen mehr rauszuholen.
Um 17:30 piept dann schon wieder der ODO-Alarm. 45.000 sm liegen nun im Kielwasser der PINCOYA. Ich erinnere mich noch gut an die Zeiten, in denen wir einmal pro Saison einen Tausender gebührend gefeiert haben und eine Segelleistung von mehr als 1.000 sm pro Saison schon echt gut war. Diese Größenordnungen haben sich angesichts unserer aktuellen Segelleistungen pro Jahr schon ziemlich verschoben. So lassen wir den ODO-Alarm des Furuno nur noch alle 5.000 sm piepen. Aber 45.000 sm sind nun auch schon ein ganz ordentlicher Brocken, denn fast 35.000 sm haben wir uns erst seit 2018 ersegelt und das trotz der Einschränkungen durch die Pandemie.
Zum Abend hin trübt sich das Wetter ein. Das schöne Wetter der letzten Tage ist vorüber und unser vorletzter Abend knüpft nahtlos an all die trüben Tage an, die wir bisher auf unserer Überfahrt schon hatten. Und wenn man so aus dem Cockpit in die Runde schaut, mag man gar nicht glauben, dass wir zunehmend am Rand eines üppigen Hochs segeln.
Unwillkürlich verbindet man ein Hoch ja doch immer mit schönem Sonnenwetter. Doch nicht so beim Azoren Hoch. Die Capitana sagt: »Nun ja, da fehlt eben die Absinkbewegung der Luftmassen.« Das klingt meteorologisch plausibel, tröstet aber wenig, denn das, was die Luftmassen nicht machen, macht die Stimmung nun ganz automatisch. Zudem ist der Wind, der nun zunehmend aus Norden kommt, kalt und lässt die sommerlichen Gefühle von gestern fröstelnd im Cockpit verkümmern.
Die Abendvorhersage begeistert dann mit einem klaren »nun ja und mal sehen«. Das, was schon einmal aus Westnordwest kam und nun langsam auf Nordwest drehen soll, kommt seit einer Stunde aus Südwest, wo es eigentlich noch nie herkommen sollte. Also »mal sehen«, was daraus nun noch so wird.
Immerhin ist ein hübscher Strom mit uns. Ein Plus von fast einem Knoten, das wir gerne mitnehmen. Erst gegen 20:00 beendet der Wind sein Gastspiel im Südwesten und beginnt sich wieder an die Regeln der Wettervorhersage zu halten.
Um 21:00 dreht der Wind dann mit Macht auf Nordwest und frischt ordentlich auf. Die PINCOYA beginnt durch die Nacht zu rennen und stört sich auch nicht daran, dass mit der Winddrehung nun auch ein ekeliger Sprühregen eingesetzt hat.
Obwohl wir schon einigermaßen hoch am Wind segeln, treiben die Verwirbelungen unter der Sprayhood die Tröpfchen bis in den Decksalon. Also schließen wir wieder einmal die Türen und verstecken uns unter Deck. Bisher haben wir 2/3 der Überfahrt unter Deck und im Decksalon verbracht. Es ist zwar nicht so kalt wie auf der Nordsee, aber zu vieles passt doch eher zu einem Ansegeln im April als zu einem Blauwassertörn.
Um 23:59 loggen wir unser 14. Etmal mit 137 sm. 182 sm to go.
Nun ist unsere Ankunft zum Greifen nah herangerückt. Noch eineinhalb Tage, am Sonntag werden wir irgendwann ankommen. Wann hängt von den Eskapaden des Windes ab, aber der Sonntag sollte es nun tatsächlich werden.
Tag 16, Samstag 27.06.
Nach Mitternacht rennt die PINCOYA unerwartet flott weiter durch die Nacht. Der Wind hat sich bei gleichmäßigen 13 kn eingependelt, was uns bei 70° zum scheinbaren Wind mit hübschen 5,5 kn durchs Wasser segeln lässt. Dazu kommt ein beständiger Strom, der mit 0,8 bis 1,4 kn weitgehend in unsere Richtung setzt. So sind 6 bis 6,5 kn über Grund ganz unaufgeregt drin. Außerdem hat der Sprühregen aufgehört, die Wolkendecke ist aufgerissen und uns begleitet nun ein pausbackiger Mond, denn in zwei Tagen ist schon wieder Vollmond. Und unsere angepeilte Richtung stimmt, so kann es in einer vorletzten Nacht eigentlich gar nicht besser laufen.
Um 0:30 kreuzen wir unseren Track von 2023. Damals war es der Tag 22, wir kamen direkt von Saint Martin in der Karibik, waren aber nicht ganz so flott und hatten auch zu kämpfen, die Azoren gegen einige ungünstige Winddreher noch halbwegs elegant unter Segeln zu erreichen. Das ist jetzt mehr als drei Jahre her und nun sind wir wieder hier.
Die ganze Nacht rennt die PINCOYA so weiter. Nach einer kurzen Schwächephase frischt es sogar noch einmal auf. Da es bei einem 16er Wind mit 19er Böen voll und bei schon recht ungemütlich wird, reffen wir die Genua ein. Zusammen mit dem Strom frisst die PINCOYA weiterhin eine Seemeile nach der anderen.
Um 6:00 haben wir schon 40 sm hinter uns gelassen. Das ist super, wir können jede Seemeile gebrauchen, die uns weiter nach Nordosten und damit in eine bessere Ausgangsposition für die schlussendliche Winddrehung bringt.
Die Morgenvorhersage ändert dann nicht viel an der großen Wetterlage. Doch das Weather Routing meint nun, dass wir nun doch ohne eine finale Motorphase auskommen könnten. Etwas südwestlich von Horta sollen wir in einer Südostdrehung des Windes wenden, um Horta dann knapp und knirsch unter Segeln anhalten zu können. Das ist die beste Nachricht des Tages, denn wir hatten uns schon etwas grummelig auf 40 unschöne Motormeilen eingestellt.
Doch am Vormittag des vorletztes Tages geht es erst einmal darum, den Scheitel des nördlichen Bogens unterhalb von Flores zu segeln. Stück für Stück dreht der Wind auf Nordost und wir gehen mit der Drehung nach und nach immer höher ran. Um 13:00 sind wir auf 42° am scheinbaren Wind angekommen. 5° mehr würden noch gehen, aber das sind keine Kurse für’s Fahrtensegeln.
Insgesamt nimmt der Wind mit der Drehung aber auch deutlich ab. So reffen wir aus und werfen alles in die Waagschale, was wir an Segelfläche so haben. Nun hängt es nur noch vom Wind ab, welchen Kurs wir schlussendlich noch hinbekommen.
Den ganzen Nachmittag und bis in die Nacht hinein läuft es im Grunde genommen relativ gut, auch wenn es nur sehr wechselhaft vorangeht. Der Wind dreht munter zwischen 35° und 85° hin und her und weht mal mit 5 und mal mit 15 kn. Die Windsteuerung belassen wir auf 42° und so segelt die PINCOYA in hübschen Schlangenlinien jedem Winddreher hinterher.
Manchmal denken wir, dass es das war und der Wind nun ganz einschläft. Doch dann geht es doch weiter. Und nicht nur einmal geht es in Böen noch einmal recht ungemütlich zur Sache. Doch kurz darauf folgt dann auch schon die Entschuldigung und wir treiben mehr dahin, als dass wir segeln.
Ein Wechselspiel, das kaum wechselhafter sein könnte.
Und was den Tag über noch so leidlich und wechselhaft lief, wird dann ab 23:00 immer zäher. Gegen Mitternacht bleiben wir in einem umlaufenden Nichts stecken. Bis Horta sind es noch 60 sm. Das hatten wir uns wirklich anders erhofft. Doch mit einem Lüftchen von 2 kn aus Nord geht gar nichts mehr. Dennoch warten wir erst einmal noch etwas ab, bis wir die Genua wegnehmen, den Motor starten und ziemlich grummelig auf Kurs Horta gehen. Blöder hätte es uns kaum treffen können.
Das Groß schlägt und als wir überlegen, ob wir nun auch noch das Groß wegnehmen oder lieber der Hoffnung noch einmal 30 Minuten gönnen sollten, ist plötzlich Ruhe. Nichts schlägt mehr. Schüchterne 8 Knötchen aus Nordost füllen plötzlich wieder die Segel und tun so, als ob es weitergehen kann. 8 Knoten sind nicht wirklich viel, reichen aber durchaus, um hoch am Wind einen neuen Segelversuch zu wagen. Denn die Aussichten auf 60 sm Motorfahrt prickeln nicht wirklich. Dann schon lieber mit 2 bis 4 kn einer ungewissen Ankunftszeit entgegen segeln, als ohne Ende stumpf durch die Nacht zu motoren.
Also Motor aus, Genua wieder raus und ran an den Wind.
Um 23:59 loggen wir unser 15. Etmal mit 133 sm. 59 sm to go. Das ist immer noch ein sehr gutes Etmal, aber das Gros haben wir den ersten 12h des Tages zu verdanken. Die zweite Hälfte war dann nicht mehr ganz so rekordverdächtig.
Tag 17, Sonntag 28.06.
Nach Mitternacht geht es erst einmal schwierig weiter, obwohl wir segeln können und nicht motoren müssen. Doch das Gezeter, das der Wind nun veranstaltet, ist schon nervenzehrend! Mal ist der Wind da, mal ist der Wind weg. Nicht ganz, aber doch so, dass er eher weg ist, als da zu sein. Dann kommt der Wind mal von dort, dann aber auch mal von hier, wenn er nicht gerade von da kommt. Das alles mal mehr und mal weniger, aber immer soviel, dass die Hoffnung noch am Leben bleibt.
Doch wie soll man mit so etwas nur irgendwann auch mal irgendwo ankommen?
Aber um 1:30 hat dann die große Überraschung ihren großen Auftritt. Das Geeier hat ein Ende, denn mit 9 konstanten Knoten aus Nordost segelt es plötzlich wieder. Was für ein Geschenk! Ungläubig glotze ich immer wieder auf die Windanzeige. Das, was bisher fast ungestüm hin und her und auf und ab gesprungen ist, zeichnet nun zwei gerade Striche auf der Windanzeige. Einen für die Richtung und einen für die Stärke. Unglaublich! Konstante 9 Knoten aus Nordost!
Damit gehe ich um 2:00 schlafen und überlasse der Capitana das Feld der Schwachwindnavigation. Und als mich die Capitana um 4:00 zur Wende☝️weckt, – Hä Wende?? – Jawoll Wende!! – hat der Wind begonnen, über Ost auf Südost zu drehen. Ebenso verdutzt wie verschlafen reibe ich mir die Augen. Nach der Wende segeln wir exakt auf der prognostizierten Route in einem eleganten P…-Bogen auf Horta zu.
Was für ein unerwartetes Wetterwunder für unseren Schlussspurt. Phantastisch, mehr hätten wir uns nicht wünschen können!
Doch das Wetterwunder beschränkt sich zunächst nur auf den Wind und seine Drehung auf Südost. Alles andere ist absolut nicht wundervoll. Die Nacht war schwarz und der volle Mond hat es kaum mal geschafft, auch nur anzudeuten, wo er hinter den dicken Wolken steckt.
Es hat geregnet und mit der Dämmerung drohen nun auch gleich schon wieder neue schwarze Wolken, die PINCOYA noch einmal richtig zu spülen. Das ist bei der Salzschicht, die die PINCOYA inzwischen bedeckt, zwar gar nicht schlecht, tut aber jetzt gerade auch nicht wirklich Not. So beginnt unser letzter Tag wieder Grau in Grau und reiht sich nahtlos in die vielen anderen grauen Tage dieser Überfahrt ein. Wären da nicht solche Highlights wie der Sonnenaufgang des 14ten Tages, würde man im wahrsten Sinnes des Wortes sehr betrübt auf solch eine Überfahrt zurückblicken.
Doch mit einigen Höhen und Tiefen segeln wir nun Horta entgegen. Nicht berauschend schnell, aber mit kleinen Nuancen immer besser. Und das Wetter wird sogar in großen Nuancen besser. Nach und nach lockert es auf und dann zeigt sich sogar die Sonne zu unserem Schlussspurt.
Der Kurs, der uns zunächst doch eher in den Norden von Faial geführt hat, passt nach und nach auch immer besser.
„Die Westspitze Faials mit dem Farol da Ponta dos Capelinhos, den man gerade nicht mehr sehen kann. Aber er steht da wirklich.“
Um 14:30 Bordzeit, also um 17:30 Ortszeit segeln wir etwas südlich des Ponta de Castelo Branco entlang. Der Ponta de Castelo Branco ragt trotzig und markant ins Meer und ist der südwestlichste Fels an der Küste Faials. Von hier aus können wir nun sogar noch etwas entlang der Südküste in Richtung Horta segeln, bis wir am Monte da Guia scharf nach Norden in Richtung des Hafens von Horta abbiegen müssen.
17:30 Ortszeit passt gut, denn so erreichen wir Horta noch vor der Dämmerung, was uns die Suche nach einem guten Ankerplätzchen ja doch erleichtert. Doch je näher wir dem Monte da Guia südlich von Horta kommen, desto mehr dreht nun der Strom und richtet sich an der Passage zwischen den Inseln Ilha do Faial und der gegenüber liegenden Ilha do Pico aus. Und auch der Wind dreht in der Düse der beiden Inseln wieder zurück auf Ost. Aufgrund der Schwachwindlage düst es zwar nicht wirklich, aber etwa 5 sm vor Horta weht uns das Lüftchen, das bisher so schön mit uns war, dann doch entgegen.
Wir haben es geschafft und konnten tatsächlich bis fast vor den Hafen von Horta segeln. 2023 war es ganz ähnlich, auch da mussten wir die letzten Meilen motoren. Also starten wir den Motor und nehmen die Segel runter.
Um 16:00 Bordzeit, also um 19:00 Azoren-Zeit laufen wir in den Hafen von Horta ein. Das Wetter zeigt sich inzwischen von seiner besten Seite. Es war ein langer Schlussspurt, aber am Ende dann doch noch ein schöner.
Viel ist vor Horta nicht mehr los. Kein Vergleich zu den Massen, die hier von Anfang Mai bis Mitte Juni liegen. Der große Seglertross ist schon längst weitergezogen und wir haben kein Problem, im hinteren Teil des Hafenbeckens noch einen guten Ankerplatz zu finden.
Um 16:15 Bordzeit und um 19:15 Ortszeit fällt unser Anker nach 16 Tagen, 4 Stunden und 15 Minuten vor Horta auf den Azoren. 2.061,5 sm liegen seit Bermuda hinter uns, was einem Schnitt von 5,3 kn entspricht.
Und obwohl es zweitweise nicht ganz danach aussah, mussten wir nur einmal 4 und ein zweites Mal 12 Stunden motoren. Das lässt sich verschmerzen, denn was sind die 16 Motorstunden schon gegenüber 372 Stunden, die wir segeln konnten. Unser eigentliches Ziel Ponta Delgada mussten wir zwar wegen des ungünstigen Windes streichen, aber mal sehen, vielleicht segeln wir ja nach Horta einfach noch einmal dorthin, wenn das Wetter passt.
Zwei Dinge werden uns von diesem Trip ganz besonders in Erinnerung bleiben. Noch nie hatten wir so hässliches Wetter wie in der zweiten Nacht und ebenso sucht der phantastische Sonnenaufgang in der Flaute des 14ten Tages seines Gleichen.
Und nun liegen schon mal Zweidrittel unseres zweiten Atlantik-Crossings von West nach Ost hinter uns, doch jetzt kommen erst einmal einige entspannte Tage auf den Azoren.
Açores, Ilha do Faial, Horta
38° 31′ 45,1” N, 028° 37′ 29,8” W
































