Bermuda -> Azores – Tag 5 bis 10 –


Bermuda -> Ziel: Azores, Sāo Miguel, Ponta Delgada
Mittags am 10ten Tag: 1.217 sm – to go: 903 sm – Gesamtdistanz 2026: 4.537 sm


Tag 5, Dienstag 16.06. ab Mittag

„Der Tag 5“

„Der Tag 5“

Auch den Rest des Tages versegeln wir flott und gleichmäßig. Der Schwell und die Wellen sind inzwischen angemessen moderat, doch wenn man mit 7 kn durch die Wellen rauscht, ist das auch kein ruhiges Dahinsegeln mehr.

Dennoch ist die Capitana inzwischen wieder voll auf dem Damm. Viel Schlaf, die Ruhe in unserer Mittelkoje und auch die nun gleichmäßigere Fahrt haben sie wieder auf die Beine kommen lassen.

Das Einzige, was uns jetzt noch fehlt, wäre etwas mehr Sonne. Die lange Hochdruckzone im Süden sorgt nicht nur für den gleichmäßigen Wind, sie schaufelt auch wunderbar warme Luft zu uns in den Norden. Doch die Sonne kommt durch die hochnebelartigen Wolken und den Dunst kaum mal so recht zum Zuge.

„Die Hochdruckbrücke im Süden von uns“

„Die Hochdruckbrücke im Süden von uns“


„Manchmal mit etwas Blau, meistens aber mit viel Grau.“

„Manchmal mit etwas Blau, meistens aber mit viel Grau.“

Die Abendvorhersage verspricht uns, dass es auch noch morgen so flott weitergehen wird. Das nehmen wir gerne, denn es wäre schon schön, wenn wir nun mal ohne viele Eskapaden unserem Ziel einfach mal näher kommen würden.

So sausen wir gleichmäßig in eine Nacht, in der sich nun auch zum ersten Mal der zunehmende Mond ganz schüchtern mit seiner dünnen Sichel über dem westlichen Horizont zeigt. Allerdings dauert sein Gastspiel nicht allzu lange, denn kurz nach 22:00 macht er schon Feierabend. Danach hüllt uns wieder dieses Rabenschwarz einer diesigen und wolkenverhangenen Nacht ein.

Um 23:59 loggen wir unser 4. Etmal mit 143 sm. 1.414 sm to go.
Ein flottes Etmal, das nur 11 sm unter dem Etmal der zweiten Nacht liegt. So kann’s weitergehen.


Tag 6, Mittwoch 17.06.

„Der Tag 6“

„Der Tag 6“

Den ganzen sechsten Tag rennt die PINCOYA und versucht noch einmal, ein so hübsches Etmal hinzubekommen wie gestern. An unserem Segelwetter ändert sich kaum etwas und die Windsteuerung steuert die kleinen Dreher aus, sodass wir uns nicht groß kümmern müssen und PINCOYA ihre Geschwindigkeit halten kann. So könnte es noch Tage weitergehen!

„Etwas Sonne zur Morgendämmerung“

„Etwas Sonne zur Morgendämmerung“

So ist endlich auch mal mehr Zeit für alles andere, denn die PINCOYA segelt ganz von allein einfach so vor sich hin und wir müssen nicht ständig auf irgendetwas achten und reagieren. Nur das mit der Sonne klappt auch am sechsten Tag nicht besonders gut.

Doch wieso der Schwell und die Wellen immer mal wieder für einige Stunden so ein Theater machen, obwohl sich weder am Wind noch am Strom irgendetwas geändert hat, ist uns schon ein Rätsel. Doch nun ja, es kann einen auch schlimmer treffen.

„Doch die Sonne hat auch heute kaum eine Chance“

„Doch die Sonne hat auch heute kaum eine Chance“


Das Short-Term-Routing
Um 17:00 legen wir eine Punktlandung für die Halse direkt in der Winddrehung auf West hin. Im Nordwesten sehen wir ein großes Loch mit blauem Himmel. Das muss die Flaute sein, die wir umfahren wollen und die noch vor uns durchziehen soll. Dahinter gibt es dann wieder etwas mehr Wind, hoffentlich ähnlich schön wie in den letzten 48h.

An unserem Weather Routing haben wir zwischenzeitlich immer weiter herumgefummelt und die Eingangsparameter, speziell die Parameter des Polardiagramms anhand der Erfahrungswerte unserer tatsächlichen Fahrt angepasst. Dafür ist so eine lange Überfahrt super, denn nach einigen Stunden sieht man, ob die vom Weather Routing antizipierte Fahrt auf der Route genauer geworden ist oder man noch einmal an den Parametern drehen muss.

Doch die Geschichte mit den Eingangsparametern ist nur die eine Seite der Medaille. Auf der anderen Seite haben wir die Art und Weise, wie wir das Weather Routing nun überhaupt nutzen, vollkommen geändert. Ohne viel darüber nachzudenken, haben wir zu Anfang für die Route immer den maximal möglichen Zeitraum mit einem Target in größtmöglicher Entfernung ausgewählt 🧐 🙄.

Und genau das ist doppelt dumm! Denn je länger der Zeitraum ist, desto ungenauer sind die Vorhersagen, die dann auch noch einbezogen werden müssen, und je weiter das Target entfernt liegt, desto mehr Einfluss haben die Unsicherheiten der Vorhersage auch auf die Route. Und im Ergebnis prägen diese langfristigen Ungenauigkeiten dann die gesamte Route und damit eben auch den zeitnahen ersten Teil. Denn so eine Wetterroute ist ja das Gesamtarrangement für den gesamten Zeitraum bis zu dem weit entfernt liegenden Ziel.

Das ist eigentlich logisch und man hätte durch fleißiges Nachdenken auch durchaus früher darauf kommen können, aber es ist wohl auch nur allzu menschlich, gerne einen besonders weiten Blick in die Zukunft haben zu wollen. Und mal ganz abgesehen davon, dass die Vorhersage für das Tief, das uns in der zweiten Nacht ja so richtig einen auf die Mütze gehauen hat, falsch war, hätte uns ein »Short-Term-Routing« gar nicht erst auf diese nördliche Route geschickt. Denn dieser »nördliche Auswuchs der Route« war das Resultat einer weit in der Zukunft liegenden Windkonstellation, die es mit der übernächsten Vorhersage schon gar nicht mehr gab.

Dumm gelaufen also, aber manchmal braucht es tatsächlich ein Hinterher, um schlauer zu werden.

Und nun arbeiten wir nur noch mit einem Short-Term-Routing. Zweimal am Tag holen wir eine neue Vorhersage und berechnen eine neue Route für die nächsten drei maximal vier Tage. Und die Tatsache, dass wir nach drei oder vier Tagen noch lange nicht an unserem Ziel sind und noch eine ganze Menge »unsicheres Wetter« zwischen uns und unserem Ziel liegt, berücksichtigen wir manuell, in dem wir den Target Point für den dritten oder vierten Tag so legen, dass dieser ein vermeintlich guter Ausgangspunkt für das ist, was dann evtl. noch kommen soll.

Und auch ein zweiter Aspekt beeinflusst die Position des Target Points. Ganz konkret achten wir nun auch mehr darauf, dass die berechnete Route auch wirklich »in unserem Sinne gemäß unserer Erfahrungen« Sinn macht. Das ist zugegeben ein ziemlich dicker »soft fact«, doch LuckGrib macht es einem diesbezüglich auch sehr leicht, mit diesen Vorstellungen herumzuspielen und vieles auszuprobieren. Denn LuckGrib zeigt on the fly immer neue Wetterrouten zur aktuellen Cursor Position an. Damit kann man sich hervorragend mal alles in alle Richtungen ansehen und sich am Ende entscheiden, wo der Target Point nun tatsächlich für die nächsten 12 h liegen soll.

Und ist die Route dann schlussendlich fertig, dann sehen wir sie uns in ihrem Verlauf noch einmal im Detail an, doch diese Detailbeschau hat bisher ausnahmslos dazu geführt, dass wir zugeben mussten, dass die Route schon sehr gut passt und wir keine bessere Idee haben. Das liegt natürlich auch an unseren Eingangsparametern, anhand derer LuckGrib eben eine Route berechnet, die unseren Preferences entspricht.

So bleibt am Ende nur noch die Frage, ob die Vorhersagen wirklich stimmen, doch auch die passten in den letzten Tagen erstaunlich gut zu dem tatsächlichen Wetter, mit dem wir ja segeln müssen.


… und weiter mit Tag 6

„Zum Abend des sechsten Tages ...“

„Zum Abend des sechsten Tages …“

„... lässt die Sonne sich noch einmal kurz blicken.“

„… lässt die Sonne sich noch einmal kurz blicken.“

Um 21:00 verschwindet der Wind wie vorhergesagt. Die Flaute scheint inzwischen etwas umfangreicher geworden zu sein. Das Abendwetter bestätigt das, zeigt aber auch die Aussicht, dass wir den Flautenbereich in rund 4 Stunden wieder verlassen, wenn wir mit 5 kn motoren. Nun ist Motoren ja nicht wirklich unser Ding, aber die Aussicht auf Wind und auch auf warmes Duschwasser machen uns die Entscheidung leicht.

Um 23:59 loggen wir (immer noch unter Motor) unser 5. Etmal mit 142 sm. 1.288 sm to go.


Tag 7, Donnerstag 18.06.

„Der Tag 7“

„Der Tag 7“

Da die PINCOYA zu klein ist, um bei Motorengebrumm auch nur halbwegs entspannt zu schlafen, beschließen wir, die überschüssige Motorenergie auch gleich mal für etwas Sinnvolles zu nutzen. Am Nachmittag sind nämlich die letzten Bagel von Bermuda verschimmelt über Bord gegangen und so backen wir uns nun ein Mitternachtsbrot.

Und am Ende hätten wir sogar zwei Brote backen können, denn das vorhergesagte Ende der Flaute lässt dann doch auf sich warten. Erst kurz nach 4:00 kommen bei uns verschlafen 8 kn vorbei, mit denen wir dann gleich mal versuchen, nach Norden zu segeln.

„Endlich mal das blaue Blau des Blauwassersegelns“

„Endlich mal das blaue Blau des Blauwassersegelns“

Doch um überhaupt genügend Wind in den Segeln zu haben, müssen wir anluven, aber in diesem Moment kommt uns auch noch ein Frachter in die Quere. So eiern wir mehr schlecht als recht herum, bis wird endlich wirklich mal wieder unter Segeln etwas Fahrt machen. Aber irgendwo im Westen muss doch Wind sein, da der Schwell schon wieder erstaunlich hoch ist.


Ein ewiges Wechselbad
Auch die Morgenvorhersage hält leider keine guten Aussichten auf ein einfaches Vorankommen bereit. Flauten lösen sich mit Starkwindfeldern ab und zwischendrin geht es auch mal moderat zu. Wir versuchen einen möglichst eleganten Weg durch dieses Wechselspiel zu finden. Und ab 9:30 läuft es mit 15 kn auch wieder sehr gut, …

„In einer ruhigen Fahrt geht es tagsüber gut voran.“

„In einer ruhigen Fahrt geht es tagsüber gut voran.“

… bis am Abend der nächste Starkwind mit W19G25 über uns herfällt. Erst versuchen wir den Starkwind einfach auszusitzen, schließlich machen wir mit ihm ja auch endlich mal wieder richtig Fahrt. Eine Fahrt, die wir nach dem langen Herumgeeier auch gut gebrauchen können, um mal wieder voranzukommen.

Doch um 23:00 reffen wir das Groß dann doch ein, denn der Starkwind scheint willens zu sein, noch einen draufzulegen. Außerdem müssen wir noch etwas höher ran, um den Eintrittspunkt zur kürzesten Querung des nächsten Flautenlochs nicht aus dem Auge zu verlieren.

Eine ruhige Fahrt ist das nicht, auf unseren ersten drei Überfahrten wurden wir wohl doch etwas verwöhnt. Auf dieser geht es deutlich häufiger zu Sache, was unser Bordleben und unser Wohlfühlgefühl schon spürbar einschränkt.

Um 23:59 loggen wir unser 6. Etmal mit 139 sm. 1.172 sm to go.
Es ist absolut unglaublich. Selbst wenn man mal von unserem Ritt in der zweiten Nacht absieht, noch nie hatten wir so konstant so lang so viel Wind. Wenn wir in unser Logbuch gucken, muss man die Zeiten mit Wind unter 15 kn suchen, denn fast ausschließlich sind wir mit 18 bis 22 kn Wind gesegelt. Von den 6 Etmalen, die wir bisher gesegelt sind, ist das Etmal vom 4ten Tag mit 127 das kleinste. Nach 6 Tagen liegt unser durchschnittliches, tägliches Etmal bei 137 sm. Das ist ein Schnitt von 5,7 kn den wir nun schon seit 144 Stunden in einem Wechselspiel der Strömungen halten. Das ist ebenso unglaublich wie anstrengend, weil es bisher kaum mal eine ruhige Stunde gab, wenn man mal von der Motorphase der letzten Nacht absieht. Denn es ist der Durchschnitt über 6 Tage.


Tag 8, Freitag 19.06.

„Der Tag 8“

„Der Tag 8“

Der 8te Tag beginnt, wie der 7te aufgehört hat und wie bisher eigentlich alle Tage waren. Die PINCOYA rauscht bei W19G25 mit 5,5 bis knapp 7 kn durch die ruppige See. Wir sitzen abwechselnd verkeilt im Decksalon und beobachten das Ganze. Von einem entspannten Crossing, wie wir es die letzten drei Male hatten, kann keine Rede sein. Mal ruhig im Cockpit oder gar auf dem Vorschiff in der Sonne sitzen, gab es bisher nicht.

„Die fast »ungraue« Morgendämmerung des achten Tages“

„Die fast »ungraue« Morgendämmerung des achten Tages“

Entweder ist es grautrüb oder stockfinster, aber immer rauscht es und die PINCOYA drischt durch die Wellen. Ruhiges Dahinsegeln scheint es gerade nicht mehr zu geben, entweder sitzen wir irgendwo verkeilt oder liegen in der Koje. Jeder Schritt ist unsicher. Durchs Schiff hangeln wir uns wie die Klammeräffchen. Jeder Fehlgriff oder Fehltritt ergänzt unsere Sammlung an blauen Flecken um ein neues Exemplar. Die wenigen ruhigen Stunden des ersten Tages und der vorletzten Nacht, in der wir motoren mussten, sind verblasst. Es gibt sie nur noch in den Blogs, aber nicht mehr in der Erinnerung. Und alle 10 Minuten haut uns eine besonders große Welle so auf die Seite, dass es in allen Schapps scheppert, das wenige tägliche Geschirr in der Spüle lautstark randaliert und wir in der Koje herumkullern oder noch schnell alles auf dem Tisch festhalten müssen, weil es auch den Antirutschmatten zu viel geworden ist.


„Doch dann gewinnt das Grau schon wieder Oberhand.“

„Doch dann gewinnt das Grau schon wieder Oberhand.“

Nach Sonnenaufgang ist die Sicht schlecht, sofern man dabei überhaupt noch von Sicht sprechen kann. Im Sprühregen können wir einen Frachter, den wir in etwa einer Seemeile passieren, kaum erkennen. Nur schemenhaft passieren wir uns rot-rot. Das sieht wieder nach einem Tag aus, den wir unter Deck verbringen werden. Man gut, dass wir ein Decksalonschiff haben, alles andere wäre ja nur furchtbar.

Mit dem Regen nimmt der Wind aber etwas ab und beginnt nördlich zu drehen. Wir nähern uns dem nächsten Flautenloch. Mal sehen, wie wir da nun wieder durchkommen. Was ist das nur für ein Scheißwetter!!! 😤, müssen wir eigentlich immer alles mitnehmen?


„Aber dann erleben wir doch noch das blaue Wunder des achten Tages.“

„Aber dann erleben wir doch noch das blaue Wunder des achten Tages.“

Gegen 9:00 reffen wir dann komplett aus. Der Regen ist abgezogen, der Wind liegt nur noch bei 12 kn und wir segeln auf eine lockere Bewölkung zu. Durch das neue Vormittagswetter hat uns LuckGrib eine Route berechnet, auf der wir ohne Motor das Flautenloch umfahren können sollen. Nachdem wir vom Routing zunächst doch etwas enttäuscht waren, geht das nun recht gut.

„Voraus das nächste Flautenloch“

„Voraus das nächste Flautenloch“

Doch mit einem direkten Weg zu den Azoren hat unser Schlangenlinienkurs eher wenig zu tun, denn ein Input für die Berechnungen ist, dass wir nur im Extremfall motoren möchten. Und wir haben unseren »Extremfall« mit »mehr als eine Stunde langsamer als 3 Knoten« definiert. Und LuckGrib hat tatsächlich einen Weg gefunden, auf dem wir ohne einen solchen Extremfall durchkommen sollen.

Wenn man sich die neue Route im Detail ansieht, könnte das tatsächlich auch klappen, aber dieser Weg durch das Wetter ist nicht wirklich offensichtlich. Nun sind wir gespannt, wie das Wetter sich in realitas entwickelt und ob wir mit leichten Varianten tatsächlich unter Segel in die Nähe des nächsten Windfeldes im Norden kommen.


Bis zum Nachmittag geht es ruhig, aber immer noch hinreichend zügig voran. Dann wird es zunehmen zäh und der interessante Part beginnt. Nach Mitternacht sollen wir durch sein und wieder Wind bekommen. Nicht so viel wie in den letzten 6 Tagen, aber ausreichend, um wieder zügig voranzukommen. Mal sehen, ob das alles so hinhaut.

So nutzen wir diesen ruhigen Tag mal, um all das zu machen, was liegen geblieben ist, und vor allem dazu, endlich mal den ersten Blog fertigzustellen.


„Sieht nach mehr aus, hat aber keine Überraschungen dabei.“

„Sieht nach mehr aus, hat aber keine Überraschungen dabei.“

Abends gibt es eine große Pfanne Bratkartoffeln, die hat aber zwei Probleme. Es gelingt nicht ganz, die Kartoffeln in dem kurzen Übergangsstadium von »noch nicht gar« zu »Kartoffenbrei« abzugießen und die Zwiebeln, die wir gekauft haben, entpuppen sich als süße Zwiebeln. Das alles ergibt zusammen mit dem Schinken eine schon recht individuelle Bratkartoffelvariante, die geschmacklich in ganz neue Dimensionen vorstößt.

So fahren wir mit vollem Bauch in eine ruhige Nacht.


„Den Wind des »linken Auges« wollen wir nutzen.“

„Den Wind des »linken Auges« wollen wir nutzen.“

Um 21:00 halsen wir, unser Weather Routing passt wie die Faust aufs Auge. Wir sind bis zu diesem Punkt zwar langsam, aber unter Segeln gekommen und nun ist auch sicher, dass wir unter Segeln weiterkommen. Das Flautenloch haben wir ganz knapp an seinem westlichen Rand genommen, nun zieht es nach Süden und wir können im Norden wieder auf einen Ostnordostkurs gehen. Dass das am Ende doch alles so gut hinhaut, erstaunt uns schon. All unsere Mitstreiter sind zwar schon uneinholbar östlich von uns, aber wir konnten uns unseren Wunsch erfüllen, nicht zu motoren.

Um 23:59 loggen wir unser 7. Etmal mit 117 sm. 1.098 sm to go.
Für das Geeier, den Schwachwind tagsüber, das Flautenloch, was sich uns in den Weg geworfen hat, und bei unserer Maßgabe, nicht motoren zu wollen, ist das noch ein sensationell gutes Etmal. Das hat uns zwar nicht näher an die Azoren gebracht, aber das ist wurscht, wir sind ja aufgebrochen, um unter Segeln dorthin zu reisen, wo wir hinwollen.

Und nun läuft es schon wieder mit 5 Knoten und das auch noch in die richtige Richtung.


Tag 9, Samstag 20.06.

„Der Tag 9“

„Der Tag 9“

Was für eine schöne Nacht! Ich sitze mit einer Tasse süßem Tee im Cockpit und genieße, dass es einfach mal so segelt, nicht stürmt, nicht regnet und auch sonst gerade mal kein anderes Theater angesagt ist. Wahrscheinlich wird kaum jemand das so nachempfinden können, denn diese Freude ist ja auch das Resultat der acht Nächte, die seit Bermuda nun schon hinter uns liegen.

Es ist stockfinster. Davon, dass Übermorgen schon Halbmond sein soll, merkt man nichts. Denn es hat sich wieder zugezogen und kein einziges Sternchen findet mal eine Wolkenlücke, um mir zuzublinzeln. Das Rabenschwarz der Nacht verschluckt alles und wenn man aus dem Cockpit guckt, bleibt der Blick darin schon nach wenigen Metern stecken.


Off-Offshore
Ganz unmerklich hat sich in den letzten Tagen auch wieder dieses schöne Gefühl des Atlantiksegelns eingestellt. Ein Offshore-Segeln ist es ja nicht, denn »offshore« bedeutet ja »küstennah«. Es ist also eher ein »Off-Offshore«-Segeln. Ein richtiges Wort gibt es dafür wohl anscheinend nicht, zumindest fällt mir keins ein. Und wenn sich dieses Gefühl des Off-Offshore-Segelns einstellt, denkt nichts mehr zurück an das Losfahren und noch nichts denkt an ein Ankommen. Man segelt in einer Art zeitlicher Schwerelosigkeit. Das Segeln selbst tritt in den Hintergrund, da es nicht von einem Anfang und einem Ende eingerahmt ist. Es ist einfach immer da, wie ein Grundrauschen bzw. das Rauschen der Wellen am Rumpf. Nur wenn es zu ruppig wird, drängelt sich das Segeln mal wieder in den Vordergrund. Dann fährt das Bordleben runter und es heißt abwarten, bis man sich nicht mehr nur wie ein Klammeräffchen an Bord bewegen kann. Und in dem Modus des Off-Offshore-Segelns sind wir nun schon seit ein, zwei oder mehr Tagen unterwegs. Genau lässt sich das nicht sagen, denn der Übergang ist schleichend.

Und das fühlt sich unendlich an und ist auch bis zu einem gewissen Grad unendlich. Wir reisen in der Spanne zwischen Aufbrechen und Ankommen. Wobei Aufbrechen und Ankommen ja nur die kurzen Momente an den Endpunkten dieser Zeitspanne sind, die sich zwischen diesen Punkten fast beliebig dehnen kann. Es ist ein schönes und total entspannendes Gefühl und wir ahnen, warum einige Extremsegler versuchen, den Endpunkt dieser Spanne immer weiter hinauszuschieben.

Dass wir uns segelnd und reisend auf der Welt bewegen, bemerken wir nur daran, dass sich Sonnenauf- und -untergang in unserem Tagesgang verschieben. Doch hätten wir keine Uhren, würden wir selbst das nicht bemerken. Die Entspannung durch das Gefühl des »Off-Offshore«-Segelns könnte kaum größer sein. Denn in diesem Gefühl kann man das loslassen, was einen sonst so taktet.


Bergfest

„Fast verpennt, aber doch noch schnell gesehen.“

„Fast verpennt, aber doch noch schnell gesehen.“

Um kurz nach 8:00 haben wir Bergfest. 1.059 sm liegen hinter uns und noch 1.059 sm vor uns. Und daran sieht man auch gleich, wie sehr unser Ausweichmanöver der zweiten Nacht und unsere Versuche, unter Segeln zu den Azoren zu kommen, unsere Gesamtstrecke schon verlängert haben. Auf der Großkreisroute, die ja unsere Referenzroute ist, lagen 1.939 sm vor uns, als wir auf Bermuda gestartet sind. Nun hat sich die Gesamtstrecke schon auf 2.118 sm verlängert. Da haben wir uns durch unsere Segeleskapaden schon 179 sm mehr eingefangen.

Und um kurz nach 19:00 folgt dann schon der nächste Meilenstein. Unser »to go« wird dreistellig! Das ist schön, denn nun zählt auch das Tochtergerät am Steuerstand runter, denn das kann nur dreistellig und stand so von Anbeginn an auf 999. Aber nun gehts auch dort runter.


Der Rest von Tag 9

„Der blaue Oberhammer!“

„Der blaue Oberhammer!“

Der Rest des Tages vergeht unspektakulär. Gegen Abend kommt schon mal der Schwell des Sturmtiefs zu uns, das deutlich im Norden durchziehen soll. Da hoffen wir mal, dass das diesmal auch stimmt, aber wir brauchen den Wind seiner südlichen Ausläufer, um voranzukommen. Und so schaukeln wir teilweise recht wild bewegt in eine sternklare Nacht, in der auch der nun schon halbe Mond endlich mal eine Chance bekommt, unseren Kurs zu beleuchten.

Um 23:59 loggen wir unser 8. Etmal mit 132 sm. 973 sm to go.


Tag 10, Sonntag 21.06. bis Mittag

„Der Tag 10“

„Der Tag 10“

Kurz nach 1:00 reffen wir das Groß ein. Die Genua hatten wir schon gestern zum Beginn unserer Nachtwachen etwas eingedreht. Nun kommen uns aber die Ausläufer des Tiefs im Norden näher und die Böen lecken auch schon wieder an der 25 kn Marke. Nicht schlimm, aber zu viel für ein volles Groß.

Als ich um 2:00 dann meine Wache übernehme und zum Aufwachen mit einer Tasse Tee im Cockpit sitze, sehe ich, dass man in dieser Nacht zum ersten Mal den Horizont sehen kann und die Sterne von einem fast wolkenlosen Himmel funkeln. Das steht in einem riesigen Kontrast zu den ersten 8 Nächten, die rabenschwarz, diesig und meist ziemlich ruppig alles getan haben, um jedes Wohlfühlgefühl einer Nachtfahrt sofort im Keim zu ersticken.

Und als ob sich die Sterne im Wasser spiegeln, rauschen wir durch ein funkelndes Meeresleuchten. In unseren Bugwellen glitzert ein kleines Feuerwerk und die Funken springen durch die Wellen und verglühen hinter uns. Unendlich viele kleine, aber auch einige besonders große und helle. Ein tolles Abbild des Sternenhimmels, der sich über uns aufspannt.

Selbst die Böen nehmen sich in diesem Moment etwas zurück, so dass wir ziemlich ruhig mit knapp 7 kn durch dieses kleine Wunder sausen. Auf diese besonderen Momente einer Überfahrt haben wir dieses Mal wirklich lange warten müssen.


„Dämmerung im Osten“

„Dämmerung im Osten“

Schon um 3:30 dämmert es. Aber diese frühe Dämmerung ist nur unserer Bordzeit geschuldet, denn die tickt ja immer noch nach der Bermudazeit. Aber wir sind inzwischen ordentlich nach Osten vorangekommen. Wir segeln ja dem Sonnenaufgang entgegen.

„Angeleuchtete Wolken im Westen.“

„Angeleuchtete Wolken im Westen.“

Während einer Überfahrt stellen wir die Bordzeit nie um, auch wenn wir einige Zeitzonen durchfahren. Und wenn sich der tatsächliche Tag-Nacht-Rhythmus zu sehr von unserer Bordzeit entfernt, passen wir einfach unseren Rhythmus und unsere Nachtwachen an, lassen aber die Zeit selbst unangetastet.

Das hat praktische Gründe, auch hinsichtlich der Zuordnung von Photos und Videos, den Tracks und nicht zuletzt auch des Logbuchs. Abgesehen davon sind die Zeitzonen der Ländern ja eh nur eine politische Näherung der Zeitzonen, die sich durch den Sonnengang in 24 Stunden ergeben. Deren Mitte definiert sich ab dem Nullmeridian, der ja durch Greenwich läuft, alle 15°. So liegt Bermuda mitten in der Zeitzone UTC-4, hat aber gerade Sommerzeit und ist somit aktuell bei UTC-3. Die Azoren liegen eigentlich in UTC-2, wurden aber politisch in UTC-1 eingeslottet, weil Portugal selbst ja UTC-0 hat und so die Zeitdifferenz zum Mutterland nur eine Stunde beträgt. Wobei Portugal selbst eigentlich schon an der Zeitzone UTC-1 kratzt, aber UTC-0 bevorzugt, um zeitlich näher an Europa und vor allem an Spanien dran zu sein. Aber beide haben nun auch gerade Sommerzeit und so ticken die Uhren auf den Azoren aktuell nach UTC-0 und in Portugal nach UTC+1.

„Fahrt in den zehnten Tag.“

„Fahrt in den zehnten Tag.“

Und das Besondere an dem heutigen Tag ist, dass heute Mittsommer ist und die Sonne sich exakt auf dem nördlichen Wendekreis befindet, der gerade etwa 850 sm südlich von uns liegt. Und wir befinden uns fast genau in der Mitte der Zeitzone UTC-3, also nahe des Längengrads 45° 00,0’ W. Und das ganz ohne Sommerzeit oder politische Justierungen. Und genau hier ist die Sonne heute um 4:39 aufgegangen und wird um 19:25 wieder untergehen und das eben nach UTC-3.
So segeln wir nicht einfach nur vor uns hin, sondern irgendwie schon durch Raum und Zeit 😂.


Aber noch die gute Nachricht des Vormittags. Das Tiefdruckgebiet im Norden hat sich an die Vorhersage gehalten. Der stärkere Wind seiner Ausläufer hat uns gestreift und nun ist es auf dem Weg nach Irland.

Inzwischen können wir auch unser Ankunftswetter auf den Azoren erahnen. Das ist zwar noch nicht spruchreif, beginnt sich aber zu stabilisieren. Und da geht es dem Wetter genauso wie einer neuen Idee von uns, die auch noch nicht ganz spruchreif ist, sich aber auch beginnt zu stabilisieren. Doch dafür gibt es ja noch einen weiteren Blog, denn dieser ist nun hier zu Ende.

Unsere Position am 21. Juni 12:00 zu Mittsommer
37° 34′ 28,2” N, 044° 42′ 29,5” W