Horta, Faial -> São Roque do Pico, Ilha do Pico -> Calheta, São Jorge
Distanz: 32,9 sm – Gesamtdistanz 2026: 5.414,5 sm
Der Sonntag ist der einzige Tag weit und breit, der wenigstens etwas Segelwind in Richtung Sāo Miguel verspricht. Die Gesamtwetterlage ist sehr hochdrucklastig und die Rechtschreibkorrektur scheint das Problem zu kennen und macht schon mal gleich »hochdrucklästig« daraus. Das trifft den Nagel auf den Kopf, denn dieses meist wolkenverhangene Nichts lässt die umlaufenden Lüftchen eher lustlos mal von hier nach da oder umgekehrt wehen, sofern sie sich dazu überhaupt aufraffen können.
Und in der Tat zeichnet sich auch so langsam ab, dass das Azorenhoch, das sich dieses Jahr anscheinend sehr gerne etwas nördlich der Azoren aufhalten mag, auch für unsere letzte Etappe zum europäischen Festland recht lästig werden könnte. Denn die ersten Wettervorhersagen reichen nun so langsam an unseren geplanten Starttermin in Richtung Bretagne heran, und wenn das Azorenhoch gedenkt, sich auch weiterhin eher im Norden der Azoren zu vergnügen, kommt der Wind genau daher, wo wir eigentlich hinwollen. Das wäre wirklich lästig, aber mal sehen, noch ist ja etwas Zeit für Veränderungen.
Ein Plan
Nun ist aber erst einmal Sonntag und wir würden schon gerne noch einmal versuchen, nach Sāo Miguel bzw. Ponta Delgada zu kommen. So wie es ja eigentlich auch von Anfang an geplant war. Dafür soll es nun für 24h etwas Nordwind geben, mit dem es möglich sein sollte, Sāo Miguel segelnd zu erreichen. Zunächst etwas schleppend, dann aber doch zunehmend. Da der Wind aus Norden kommen soll, erscheint es uns taktisch schlauer zu sein, nicht im Süden der Ilha do Pico entlangzusegeln, sondern im Norden zwischen Sāo Jorge und der Ilha do Pico durchzusegeln. Dadurch wollen wir der großen Windabdeckung des Montanha do Pico entgehen.
Um dorthin zu kommen, müssten wir allerdings zunächst kreuzen, was bei dem schwachen Wind und dem südsetzenden Strom zwischen Faial und Pico aber eher nur eine theoretische Option ist. Also beschließen wir, einfach bis zu dem Punkt zu motoren, an dem wir dann die Segel setzen können. Damit schlagen wir auch gleich zwei Fliegen mit einer Klappe, denn erstens geht das überhaupt nur so und zweitens können wir auch gleich noch einmal ordentlich viel Wasser machen, denn in der Marina von Ponta Delgada wird das Wasser zu dreckig sein.
Der Versuch
Um 9:00 geht’s dann los. Doch zunächst müssen wir unseren Anker wieder an Bord bekommen. Das ist vor Horta keine Selbstverständlichkeit, denn in dem Hafenbecken liegt eine ganze Menge »maritimer Schrott« und nicht wenige Anker müssen von Tauchern befreit werden. Auf unsere Trippleine mit der Ankerboje haben wir verzichtet, weil es vor Horta dafür zu eng ist. Aber wir haben Glück. Ohne Probleme sehen wir unseren Anker wieder.
So brummen wir in den Nordwesten der Ilha do Pico, machen Wasser und suchen den Wind. Das mit dem Wassermachen klappt auch prima, nur mit dem Finden des Windes tun wir uns etwas schwer. Also suchen wir weiter.
Zwischen den Inseln liegt das Wasser ölig platt um uns herum. Kein Lüftchen regt sich, und wenn sich mal eins regt, dann ist es nur ein zarter Hauch. Doch auch die neue Vorhersage behauptet weiterhin steif und fest, dass wir schon längst ausreichend viel Wind hätten finden müssen, um schön segeln können 🤔. Das einzige Problem dabei ist nur, dass es diesen Wind nur in der Vorhersage gibt 😢.
Nun verabschiedet sich die Hoffnung ja nicht gleich, aber nach zwei Stunden tut sie sich schon etwas schwer damit, unsere Stimmung noch bei Laune zu erhalten. Besonders, wenn die Windanzeige genau die Windgeschwindigkeit anzeigt, die wir gerade über Grund mit Motor fahren.
So beginnen wir, uns auch die kleinsten Kräuselwellen schön zu reden, aber nicht nur einmal scheinen diese Kräusel vor uns zurückzuweichen, um immer nur ein ferner Hoffnungsschimmer zu bleiben. Gegen Mittag ist das dann selbst der Hoffnung zu viel, sie verabschiedet sich grußlos und überlässt das ganze Spielfeld dem Frust.
Um 12:00 geht gar nichts mehr. Es herrscht absolute Windstille und die Feder eines Gelbschnabelsturmtauchers fällt senkrecht neben der PINCOYA ins Wasser. Die meisten dieser eleganten Flieger, die sonst so spielerisch mit dem Wind über das Wasser jagen, sitzen nun schon entkräftet in großen Gruppen auf dem Wasser. Ohne Wind ist auch das Fliegen echt anstrengend, ständig müssen die armen Kerle nun mit den Flügeln schlagen, um nicht herunterzufallen. Kein Lüftchen und kein Aufwind trägt sie und lässt sie pfeilschnell dahingleiten.
So tun wir es den Gelbschnabelsturmtauchern gleich und brechen unser wilde Jagt nach dem Segelwind an diesem Sonntag das erste Mal ab. Es ist Blödsinn zu versuchen, ein Ziel mit Gewalt zu erreichen, was unter Segel noch unerreichbar in 130 sm Entfernung liegt. – Dieser Satz hört sich nach großer und vor allem gelassener Erkenntnis an 😇, doch das täuscht genauso, wie uns die Wettervorhersage getäuscht hat 😠. In Wahrheit … 😤😡😩.
Die Vulkaninseln der Azoren bieten nicht wirklich viele Möglichkeiten, um mal spontan einen Zwischenstopp einzulegen. Die Ufer fallen meist schroff, steil und felsig ins Meer ab und schon wenige Meter vor der Küste ist es so tief, dass ein Ankern nicht mehr möglich ist. Außerdem sind die Küsten weitgehend gerade, ohne dass sich mal hier oder da eine wenigstens etwas geschützte Bucht auftut. Und wo sich solche Buchten dann doch mal im Küstenverlauf ergeben haben, sind über die Jahrhunderte kleine und etwas größere Häfen entstanden.
Etwa in der Mitte der Ilha do Pico liegt auf der Nordseite der Insel bei São Roque do Pico genau solch ein kleiner Hafen. Cais do Pico drückt sich dort in eine Delle der Küstenlinie und wurde durch eine kleine Mole zu einem Hafen.
Da nichts mehr geht und wir nicht einfach stumpf weitermotoren wollen, steuern wir nun diesen kleinen Hafen an. Hinter der Mole soll es möglich sein zu ankern. Noch auf Höhe der Mole ist es immer noch mehr als 40m tief, was wohl auch der Grund dafür ist, dass die Mole eher nur ein kurzer Stummel geworden ist und wenig Schutz bietet. Heute ist das egal, weil auch der Schwell ziemlich gelassen zwischen den Inseln herumschwappt.
Im Hafenbecken, sofern man dieses Halbrund mit Mole überhaupt so nennen darf, ist nicht viel Platz. Ein Katamaran, der heute früh noch hinter uns in Horta gelegen hat, ist auch hier. Da scheint die Entscheidungsfindung wohl ganz ähnlich gelaufen zu sein. Zwei weitere kleine Boote liegen an Moorings. Das war’s. Uns bleibt noch ein Plätzchen im eher offenen Teil. Unser Anker fällt auf 14 m. Der Ankergrund ist vulkanfelsig schroff. Ob unser Anker mit 40m Kette wirklich hält, ist fraglich. Aber es ist ruhig und wir werfen noch einmal 10m Kette hinterher. Das sollte bei diesen Bedingungen für einen ruhigen Mittagsschlaf reichen. Wir wollen ja einfach nur etwas warten, bis der Wind dann vielleicht doch ein Einsehen hat, sich mal an die Vorgaben der Vorhersage zu halten.
Unsere Mittagspause ist toll und erholsam. Die PINCOYA wiegt sich sanft im Schwell und der Wind vergnügt sich zwischen nichts und gar nichts. Dem Anemometer unseres Windmessers ist das wurscht, es macht auch erst mal eine Pause. Für die Azoren ist das Wetter allerdings erstaunlich freundlich und sonnig. Als wir nach 2 1/2 Stunden mit einem Kaffee im Cockpit sitzen und überlegen, wie es denn nun weitergehen könnte, streift uns ein kleines Lüftchen und der Windmesser erwacht aus seiner Totenstarre.
Zwischen Sāo Jorge und Pico kräuselt sich das Wasser tatsächlich wieder etwas. Im Fernglas wird daraus zwar noch kein toller Segelwind, doch die Hoffnung ist zurück und besteht darauf, es noch einmal zu versuchen.
Also los und tatsächlich können wir fast zwei (!) Seemeilen segeln, bevor uns das Nichts wieder vollständig verschluckt.
Puh …. Und was jetzt? Zurück? Zurück nach São Roque do Pico? Oder rüber nach Velas? Oder unter Motor einfach stumpf weiter in der Hoffnung, dass es irgendwo östlich der Inseln doch noch etwas Wind gibt? Oder unter Motor nach Terceira, um auch dieses Mal das Kapitel der Azoren vorzeitig zu schließen? Unsere Stimmung hat wenigstens gegen diesen Plan schon mal kaum noch etwas einzuwenden, obwohl der stolze Segelwille ja immer noch das kleine Fähnchen der Hoffnung hochhält, auf dem Ponta Delgada steht. Oder Calheta auf der Südseite von Sāo Jorge und dort einfach noch eine Nacht warten?
Die Möglichkeiten »zurück«, also Sāo Roque do Pico und Velas schließen wir schon mal deswegen aus, weil es immer blöd ist, umzukehren. Zum Umkehren kann es natürlich auch sehr gute Gründe geben, aber nicht bei diesem Lullipulli-Wetter. Dazu kommt, dass wir nun wissen, wie man vor Cais do Pico liegt. Den Ankerbereich von Velas kennen wir aus 2023 auch. Es ist ein schmaler Streifen vor einer steil abfallenden Küste, der für eine Hand voll Yachten ausreicht. Dort liegen aber laut AIS und NFL jetzt schon 10 Schiffe. Dazu kommen die, die ihr AIS immer ausschalten. Vor Velas ist es also jetzt schon zu eng, da müssen wir uns nicht auch noch reindrängeln.
So bleibt nur Calheta, das auf der Südseite von Sāo Jorge etwa in der Mitte liegt. Der Hafen ist noch wesentlich kleiner als der von Cais do Pico bei São Roque do Pico, doch es scheint dort noch niemand zu liegen. In NFL und GoogleMaps gibt es einige Bilder, die allerdings nicht wirklich einladend auf uns wirken. Aber heute ist es ja mehr als ruhig, also beschließen wir, mal nachzusehen und es ggf. zu versuchen. Wenn das nichts ist, ist guter Rat echt teuer, denn dann haben wir ehrlich gesagt auch keine Idee mehr.
Während wir nun so in Richtung Calheta brummen, schauen wir uns noch mal das Wetter der nächsten Tage an. Zurzeit ist es zwar sonnig, doch das sind auf den Azoren ja doch immer nur die großen Ausnahmetage. Und die nächsten vier Screenshot sprechen Bände und werfen schon die Frage auf, warum wir uns das freiwillig eigentlich noch länger antun wollen.
Nachdem das sonnige Wetter im Laufe des morgigen Tages sein Ende gefunden hat, besteht in absehbarer Zeit keinerlei Aussicht mehr auf irgendeine Besserung. Da müsste schon ein ziemlich großes Wetterwunder passieren. Aber wir wissen inzwischen ja auch, dass die Azoren nicht besonders berühmt für solche Wetterwunder sind. So locken tatsächlich die Bretagne und die Scillys. Dort könnten wir noch einige nettere und vor allem sonnige Segeltage erwischen.
Calheta auf São Jorge
Der Hafen von Calheta bestätigt all unsere Befürchtungen und hätten wir auch nur eine klitzekleine Idee, was wir nun noch außer einer langen Motornacht machen könnten, hätten wir unseren Anker ganz bestimmt nicht hinter der Mole von Calheta fallen gelassen. Es ist echt saublöd, wenn die Alternativlosigkeit so unbarmherzig zuschlägt.
Der Bereich, in dem man hinter der Mole, zwischen dem Kai und den Felsen der Küste ankern kann, hat im Radius kaum 30m. So werfen wir unseren Anker in der Mitte und stecken gerade mal 22 m Kette. Das muss auf 4,5 m reichen, denn sollten wir uns durch irgendwelche Strömungen oder Fallwinde drehen, schrabbeln wir damit schon fast am Kai und den Felsen entlang. Wohl fühlen wir uns damit nicht, aber wir haben auch keine andere Idee. Der Ankergrund besteht aus Vulkanfelsen, eingraben kann sich in diesem Fels kein Anker der Welt, wir hoffen, dass sich unser Anker wenigstens irgendwie in den Steinen verhakt. Die Trippleine haben wir sicherheitshalber wieder angeschlagen, um notfalls wenigstens die Chance zu haben, ihn auszuhaken, wenn er sich zu sehr verkeilt hat.
Und wenigstens soll weder heute noch morgen noch eine Fähre kommen. Astrid hat mal schnell den Fahrplan gecheckt. Erst Dienstag kommt wieder eine. Das ist auch gut so, denn sonst würde es wirklich eng werden.
„Eingekeilt zwischen Felsen, der Pier und der Mole. (Mehr Bilder im nächsten Blog, weil es dunkel wurde.)“
Mit einem unguten Gefühl setzen wir uns ins Cockpit und schauen uns die ganze Geschichte erst einmal an. Obwohl der Schwell nicht wirklich hoch ist, bricht er sich neben uns recht unschön auf den Felsen und klatscht lautstark unter den Anleger der Fähre. In einer anbrechenden Nacht trägt eine solche Geräuschkulisse nicht gerade zur Entspannung bei. Zusätzlich schabt und schrabbelt unsere Ankerkette ständig auf dem felsigen Ankergrund herum. Das hört man im ganzen Schiff, wir liegen echt 💩.
Am späten Abend kommt dann tatsächlich noch ein Kanadier. Die beiden überlegen lange, wie und wo sie noch ihren Anker werfen können und entscheiden sich dann für eine Stelle dicht hinter uns. Dort liegen sie zwar schon eher außerhalb eines jeden Schutzes durch die Mole, sofern es den hier überhaupt gibt, aber heute sollte das vielleicht auch gehen. Wirklich viel Platz zueinander haben wir nicht, wir kommen uns durch die Verschwurbelungen im Hafenbecken teilweise auf unter 10 m nahe. Wenn wir uns beide ungünstig drehen, werden wir zusammenstoßen. Doch was sollen sie machen, sie sind genauso blöd dran wie wir, also muss das nun auch mal so für eine Nacht so gehen.
Von Nachtruhe keine Spur
Unsere Nacht ist unruhig. Da wir den Ankeralarm auf 0,01 sm eingestellt haben, piept er in den Verschwurbelungen des Hafenbeckens auch entsprechend oft. Doch lieber vergewissern wir uns einmal mehr, dass wir noch halbwegs passabel liegen, als später eine böse Überraschung zu erleben. Das Kratzen der Ankerkette auf den Vulkanfelsen raubt uns den letzten Nerv bzw. Schlaf. Ohropax sind heute keine Option, sonst hören wir die Alarme und auch anderes nicht mehr.
Statt der Fähre, die ja nicht kommen soll, kommen in der Nacht noch zwei Fischer. Sie setzen dann das I-Tüpfelchen auf das Gesamtarrangement. Wahrscheinlich wegen der Kühlung laufen deren alte Dieselmotoren rund um die Uhr. Beim Eignungstest für Fischer muss Schwerhörigkeit eine entscheidende Rolle spielen, anders lässt sich nicht erklären, wie man den unglaublichen Lärm der Motoren überhaupt aushalten kann. Und wir müssen noch nicht einmal auf diesen Kähnen arbeiten und leben und liegen mit verschlossenen Luken und Türen noch gut 45m abseits.
So geht im Morgengrauen eine Nacht zu Ende, die nie richtig begonnen hat. Mal sehen, was wir heute noch so daraus machen können. Im Grunde sieht Calheta recht nett aus und kurz hatten wir auch überlegt, mal an Land zu gehen, um uns das Städtchen anzusehen. Doch so geht das hier alles gar nicht. Wir müssen so schnell wie möglich aus Calheta verschwinden.
Azores, Ilha do Pico, Roque do Pico
38° 31′ 44,6” N, 028° 19′ 13,4” W
Azores, Sāo Jorge, Calheta
38° 36′ 02,1” N, 028° 00′ 33,7” W
























