Nun tut sich hinter diesem ersten Blog zu unserer kleinen Pause in Morlaix schon wieder eine Lücke in der Kette unserer Blogs auf. Inzwischen fehlen in dieser Kette schon 10 Blogs. Sie fehlen zwar nicht ganz, denn Texte oder Notizen und auch Bilder sind natürlich da, aber sie sind eben doch noch so unfertig, dass sie das Licht der Internetwelt noch nicht erblicken konnten. Eigentlich hatten wir gehofft, dass wir während unserer »Petite pause à Morlaix« einige Lücken schließen können, aber im Augenblick überholt uns das reale Leben schon wieder links und rechts. So wird es ganz sicher auch in unserer großen Winterpause noch etwas aus dem warmen Sommer zu lesen geben.
Aber nun geht es erst einmal in den ersten Teil der »Petite pause à Morlaix«
Bretagne, Penn al Lann -> Morlaix
Distanz: 6,4 sm – Gesamtdistanz 2026: 6.979,6 sm
Als wir 2019 das erste Mal in der Bretagne segelten und Roscoff unser nächstes Ziel war, hatten wir überlegt, ob man nicht auch irgendwo in den weit verzweigten Flussdeltas östlich von Roscoff ankern könnte, obwohl sie so weitläufig trocken fallen. Damals haben wir uns das nicht getraut, weil wir gerade erst dabei waren, etwas vertrauter mit den Regeln der Gezeiten zu werden. 2024 waren wir dann zwar schon etwas cooler drauf, aber da drängte die Zeit, denn wir wollten ja noch einmal über den Atlantik, vorher aber auch noch einmal von den Kanaren aus nach Hause fliegen.
Und nun liegen wir auf der Rade de Morlaix vor Penn al Lann und sehen, was uns schon zweimal entgangen ist. Für uns ist das Ankern ja eh das I-Tüpfelchen des Fahrtensegelns. Es ist fast wie eine weitere Dimension. Und ich habe tatsächlich Zweifel, ob das Segeln wirklich zu unserem Lebensmittelpunkt geworden wäre, wenn man nicht frei ankern dürfte und immer in einer Marina stoppen müsste.
So schön auch lange Crossings oder auch all die schönen Offshore-Etappen vor so unendlich vielen tollen Küsten sind, es geht kaum etwas über den Moment, wenn am Ziel der Anker fällt, die PINCOYA sich in Wind und Strömung ausrichtet, der Abend anbricht und wir im Cockpit sitzen, um anzukommen oder einfach nur mal da zu sein. Und weil wir das so lieben, verspüren wir oft auch erst am nächsten oder übernächsten Tag den Drang, mal an Land zu gehen, um nachzusehen, was dort so los ist. Marinas schrecken uns eher ab und wir versuchen sie zu vermeiden, wo immer es geht. Und so haben wir auch, seitdem wir im Sommer 2024 in Bremerhaven zu unserer nächsten Runde gestartet sind, erst dreimal in einer Marina gelegen, wenn es nicht darum ging, die PINCOYA mal aus dem Wasser zu nehmen. So haben wir mit der PINCOYA schon an wirklich vielen Plätzen vor Anker gelegen, aber die Rade du Morlaix vor Penn al Lann zählt zu den schönsten Ankerspots, auf denen wir jemals gelegen haben. Und das Wetter passt. Der Phare de l’île Louët und das Château du Taureau strahlen so in der Abendsonne, dass einem das »Wow« fast im Hals stecken bleibt.
Eine Anfahrt, die eine Beziehung auf die Probe stellen kann
Auf der Rade de Morlaix liegen wir nun schon einen Tag früher als geplant, da wir beschlossen haben, auch schon einen Tag früher nach Morlaix reinzufahren. Am Montag soll es dann mit dem Zug zu einem kurzen Heimatbesuch nach Hause gehen. Und nun ist Donnerstag. Morlaix ist ein geschlossener Hafen mit Schleuse. Anders würde es dort auch gar nicht gehen, denn das Flussbett des Rivière de Morlaix fällt bis in den Atlantik fast vollständig trocken. Zu Niedrigwasser bleibt nur ein kleines Rinnsal übrig. Und genau hier beginnt unser Abenteuer, das es schafft, uns auch noch nach so vielen Jahren des Segelns ganz ordentlich in Atem zu halten.
Am Donnerstag ist um 11:44 Hochwasser und aktuell wird in Morlaix nur genau zu Hochwasser geschleust. Normalerweise gibt es wenigstens zwei Schleusungen, auch zur Nippzeit, also zu Halbmond, wenn die Sonne und der Mond rechtwinklig zueinander stehen. Diese Konstellation zieht einen deutlich geringeren Tidenhub nach sich und steht im Gegensatz zur Springzeit, wenn Sonne und Mond in einer Linie stehen und gemeinsam an dem Tidenhub herumzerren. So fällt zur Nippzeit das Hochwasser geringer und das Niedrigwasser höher aus. Und dass man für die Anfahrt nach Morlaix durchaus eine ordentliche Tide und viel Hochwasser gut gebrauchen kann, sehen wir etwas später auch selbst auf unserem Tiefenmesser.
Dazu kommt der allgemeine Wassermangel, der zurzeit in allen europäischen Flüssen herrscht. So auch in dem Rivière de Morlaix, dem Flüsschen, das von Morlaix aus ins Meer fließt. Was dazu geführt hat, dass der Wasserstand im Becken der Marina von Morlaix so gering ist, dass man schon überlegt, die Schleusungen für einige Tage ganz auszusetzen. Aber das erfahren wir erst, als wir dort sind. In jedem Fall sind bis auf weiteres schon mal alle Schleusungen nach Hochwasser gestrichen. So müssen wir pünktlich sein, denn eine zweite Chance, in die Marina zu kommen, gibt es an diesem Donnerstag nicht.
Von der Rade de Morlaix bis zur Schleuse sind es gut 6 sm. Da uns das auflaufende Wasser mitnimmt, sollten wir nicht mehr als eine Stunde brauchen. Das wenigstens ist unsere Theorie, doch die kalkuliert leider die ein oder andere Überraschung bei der Anfahrt nicht mit ein. Und so sei denen, die es uns nachmachen wollen, weil es sich absolut lohnt und wunderschön ist, empfohlen, nicht nur eine Stunde vor der Schleusung zu starten, sondern wenigstens 1 1/2. Doch diese Entspannung haben wir erst einmal nicht mit eingeplant und so bringen uns die Schikanen im Fahrwasser schon etwas ins Schwitzen. Denn um 6 Seemeilen in einer Stunde zurückzulegen, muss man auch genau 6 kn fahren. 6 Knoten sind zwar mit auflaufenden Wasser kein wirkliches Hexenwerk, aber in einem Flusslauf wie dem nach Morlaix, dessen Parcours eher an einen Riesenslalom erinnert, als einer Kanalfahrt ähnelt, sind 6 kn dann doch schon recht sportlich.
Und so schön die Strecke auch ist, so wenig Muße haben wir, uns mal umzusehen. Die Zeit, die wir haben, um die Schleusung noch rechtzeitig zu erreichen, rinnt uns stetig und viel zu schnell durch die Finger. Und Segelpaaren, deren Beziehung nicht wirklich gefestigt ist oder vielleicht sogar schon einige Risse hat, sei schlicht empfohlen, Morlaix möglichst bei Springhochwasser anzulaufen 😂.
Da wir nun aber zur Nippzeit nach Morlaix reinfahren, ist nicht nur die Zeitspanne zwischen »zu früh« und »zu spät« recht knapp, auch das Wasser unter unserem Kiel wird stellenweise mehr als knapp. Wenn Segler zueinander nett sein wollen, dann wünschen sie sich »immer eine handbreit Wasser unterm Kiel«. Noch nie haben wir uns das in einer einzigen Stunde selbst so oft gewünscht 😳.
Bis kurz vor Le Dourduff-en-Mer, dort, wo das weite, trockenfallende Delta so langsam zu einem Flusslauf wird, fahren wir ganz entspannt vor uns hin. Doch die roten und grünen Tonnen verlieren sich schon etwas später vor Rubalan in einem Mooringfeld und auch mit dem Fernglas ist nicht zu erkennen, wie es durch das Mooringfeld oder gar danach weitergeht.
So werden wir hier das erste Mal etwas langsamer, finden aber in dem Mooringfeld die ersten Törchen des Riesenslaloms wieder und huschen durch eine Gasse der nun schon wieder schwimmenden Schiffe. Und weiter geht’s im Sauseschritt.
„Unser Verfolger. Wir fühlen uns gehetzt und er versucht verzweifelt, an dem bekloppten Deutschen dranzubleiben. Eine Win-Win-Situation für die Grundgeschwindigkeit 😂“
An den Ufern stehen stellenweise Andreaskreuze, aber nach einer Eisenbahnstrecke hält man vergeblich Ausschau. Erst später fällt auch bei uns der Groschen. Es sind durchaus ernst gemeinte Ober- und Unterfeuer und es lohnt sich deren Kurslinien möglichst genau einzuhalten. Die Größe und Auffälligkeit dieser Andreaskreuze steht allerdings in einem gewissen Missverhältnis zu ihrer Wichtigkeit. So nehmen wir den ein oder anderen Mäander des Flusslaufs nicht ganz optimal und auch nicht jede unserer Theorien zu der Wahrscheinlichkeit strömungsbedingter Auswaschungen bestätigt unser Echolot mit der Anzeige größerer Tiefen.
So streicheln wir nicht nur einmal den modderigen Grund des Rivière de Morlaix, wenn sich das, was sie hier Fahrrinne nennen, ganz unvermittelt zum nächsten Tönnchen schlängelt. Im Satelliten-View von GoogleMaps ist übrigens zurzeit das modderige Flussbett des Rivière de Morlaix zu Niedrigwasser sehr gut zu sehen und man bekommt eine Ahnung, wie wir uns dort durchmäandern. Jede Biegung hat ihre eigenen Auswaschungen und nicht jede treffen wir wirklich gut. Teilweise führt die Rinne extrem dicht am Ufer entlang und teilweise auch dort, wo man es doch nicht so recht für möglich halten kann.
Die Landschaft ist toll, doch so richtig kommen wir gar nicht dazu, die Fahrt zu genießen. Nachdem wir die halbe Strecke hinter uns haben, machen wir auch keine Photos mehr. Irgendwie ist uns die Ruhe und Zeit dazu abhanden gekommen 😳.
Die Frage, wie wir den nächsten Schlängel nehmen, ist da schon interessanter. Wie gesagt, wir haben Nippzeit, bei Springhochwasser hätten wir sicherlich eher ein Auge für die Landschaft gehabt und nicht immer nur auf’s Echolot gestarrt, das dazu auch noch ständig piept, weil wir ihm gesagt haben, dass es piepen soll, wenn wir nur noch 20 cm Wasser unter dem Kiel haben. Und die ganze Zeit sitzt uns auch noch ein Franzose im Nacken, den wir für einen Local halten. Ist er aber gar nicht, er versucht nur verzweifelt, den Anschluss zu dem Deutschen nicht zu verlieren, der sich hier wohl so gut auskennt. 😳 ⛵️💨 🥳
Nach den letzten zwei Schikanen, die uns nur einen Meter mal rechts und mal links am Ufer entlang schrammen lassen, erreichen wir die Schleuse.
Die ausfahrenden Schiffe sind schon drin und während wir noch warten müssen, kommen wir mit einem echten Local ins Gespräch. Er gibt uns dann auch gleich sein Trackfile für den Rivière de Morlaix von diesem Jahr. Dieses Jahr musste er nur zwei Kurven anpassen und ja, auflaufen würde man sowieso immer irgendwo, aber irgendwann hätte man es auch so raus, dass es fast überall passt. Wie beruhigend, da waren wir ja gar nicht so schlecht. Dennoch nehmen wir uns vor, für die Ausfahrt möglichst auf ein Springhochwasser zu warten oder wenigstens einige Tage davor oder danach anzupeilen.
Die Marina von Morlaix
Da wir ja nur wenige freundliche Brocken Französisch rausbekommen und eigentlich absolut nichts verstehen, ist es für uns in Frankreich schon immer spannend, wie es läuft, wenn es irgendetwas zu besprechen gibt. Aber wir haben Glück. Wahrscheinlich auch, weil wir in der Bretagne sind und die Bretonen doch ein spezieller Menschenschlag sind, der noch einen starken keltischen Bezug hat. Wohl alle Bretonen weltweit fahren neben der französischen Nationale auch eine der bretonischen Flaggen. Manchmal wird auch nur eine der bretonische Flaggen gefahren, um mal die Prioritäten klarzustellen 😊. Die wichtigste und verbreitetste Flagge ist der Gwenn ha Du mit den 5 schwarzen und 4 weißen Streifen, die die 9 Diözesen der Bretagne symbolisieren, wobei die 11 Hermeline in der Gösch ein Zeichen der Wappen der bretonischen Herzöge sind. »Gwenn ha Du« bedeutet auf Bretonisch nichts anderes als »Weiß und Schwarz«, denn dies sind die traditionellen Farben der Bretagne. Die zweite Fahne der Bretagne, das Kroaz Du, ein schwarzes Kreuz auf weißem Grund, stammt aus der Zeit der Kreuzzüge und wird gerne von noch etwas traditionelleren Bretonen gefahren, denn der Gwenn ha Du ist noch gar nicht so alt. Er wurde erst ab Mitte der 1920er populär. Und nun ja, die eher »kosmopolitischen« Bretonen hissen auch gerne mal die Flagge der keltischen Nationen, zu denen neben der Bretagne auch Cornwall, Wales, die Isle of Man, Irland und Schottland zählen. Eine Flagge, die alle Nationalflaggen der 6 keltischen Nationen zeigt.
So ist es vielleicht gar nicht so verwunderlich, dass wir uns fast wie selbstverständlich recht gut auf Englisch verständigen können.
Und der Service der Marina ist wirklich prima. Schon in der Schleuse werden wir empfangen und mit allem Infomaterial zur Marina und zu Morlaix selbst versorgt. Da der Wasserstand aktuell recht niedrig ist, werden wir noch einmal nach unserem Tiefgang gefragt, denn inzwischen passt nicht mehr jeder Liegeplatz in der Marina. Zu all dem ist aber viel Zeit, denn man scheint in Morlaix auch nicht viel von überstürztem Handeln zu halten 🙂.
Nachdem sich die Schleusentore vor uns wieder geöffnet haben, nimmt der Hafenmeister seine neuen Gäste unter seine Fittiche, fährt mit seinem roten Gummiboot vor und zeigt jedem seinen Liegeplatz.
Um 13:00 haben wir die PINCOYA so festgemacht, dass wir sie guten Gewissens für einige Wochen allein lassen können. Wir haben ein wirklich gutes Gefühl. Hier in Morlaix scheint alles so zu passen, wie wir uns das gewünscht haben. Es ist wohl kaum möglich, hier einen geschützteren Hafen für wirklich alle Wettereventualitäten zu finden. Da kann im Eingang des Englischen Kanals die Hölle losbrechen, in Morlaix werden wir davon kaum etwas mitbekommen. Und auch die Menschen sind toll. Das alles zusammen passt schon mal richtig gut.
Am Nachmittag schlendern wir dann erst einmal um den Hafen und kaufen beim örtlichen Marinestore BigShip auch gleich noch eine bretonische Gastlandflagge, den Gwen ha Du. Da wir uns fast schon wie zuhause fühlen, muss das schon sein.
Etwas ungeplant wird unsere Runde dann immer länger und führt uns in Morlaix auch gleich noch über das Viadukt. Die historische Altstadt von Morlaix ist der absolute Oberhammer. Aber dazu kommt im nächsten Blog noch etwas mehr. Nach unserem Heimaturlaub werden wir unbedingt noch einige Tage bleiben, um uns die Stadt mal richtig anzusehen. Jetzt bleibt uns leider nur sehr wenig Zeit, denn unsere Vorbereitungsliste, um die PINCOYA unbesorgt allein lassen zu können, ist noch recht lang.
Morlaix
48° 35′ 09,2” N, 003° 50′ 10,3” W





























