Vorfreude

Kaum ist das letzte Segelwochenende vorbei, beginnen wir regelmäßig das Wetter für das nächste Wochenende zu checken. Wetteronline beflügelt dabei unsere Vorfreude, denn es gibt bei Wetteronline keine Regensymbole für die Tage, die weiter als 3 bis 4 Tage in der Zukunft liegen. Fast immer erstrahlt ab dem 4ten Tag ein karibischer Sommer mit einer Regenwahrscheinlichkeit von 10% Prozent. 0% ist wohl redaktionell verboten worden, denn das wäre in Norddeutschland wirklich so unwahrscheinlich, wie ein stauloses Wochenende auf den Autobahnen rund um Hamburg, und das würde die dicke gelbe Sonne gleich wieder unglaubwürdig machen.

Also glauben wir an die dicke gelbe Sonne, freuen uns tierisch auf das herannahende Wochenende und ziehen unsere Arbeitskollegen bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit damit auf, dass die eben nur zuhause vorm Fernseher sitzen, während wir bei brüllendem Sonnenschein durch das türkisblaue Wasser der Dänischen Südsee ziehen. Nur die Delfine lassen wir weg, weil der eine oder andere Kollege auch schon mal Arte geguckt hat und weiß, dass man in der Ostsee eher Quallen antrifft, die auch selten elegant neben dem Schiff durch die Wellen springen.

So wird unsere Vorfreude bis ungefähr Mittwochabend beflügelt. Dann kommt die erste 3-Tage-Vorhersage, die den Samstag einschließt. Ein erstes kleines weißes Wölkchen überdeckt einen Teil der dicken gelben Sonne. Aber das ist kein Thema, denn kleine weiße Wolken gibt es ja schließlich auch in der Karibik. Unbesorgt können wir bis Donnerstag früh schlafen.

Nachdem der Wecker geklingelt hat, macht im Wechsel immer einer von uns Kaffee, meist Astrid, – ich weiß auch nicht, warum die Wechselei so asymmetrisch ist, aber es kommt eben, wie es kommt -, dann suchen wir das iPad und gehen mit dem Kaffee wieder zurück ins Bett. Aus der kleinen weißen Wolke ist eine etwas größere graue Wolke geworden und ab jetzt überschlagen sich die Wetterereignisse. Auch der Wind hat zugenommen und auf eine Richtung gedreht, die es nun unmöglich macht den Törn so zu fahren, wie wir ihn noch gestern Abend im Bett besprochen hatten.

Schon der Wettercheck in der Mittagspause am Donnerstag zeigt einen ersten Regentropfen. Natürlich zunächst nur nachts! Nachts ist das ja auch gar nicht so schlimm wie tagsüber. Am Donnerstagabend haben sich zu den ungünstigen Windvorhersagen noch Schauer- und Gewitterböen gesellt und der Windpfeil von Wetteronline zeigt erste gelbliche Verfärbungen. Auch die grauen dicken Wolken haben sich gleichmäßig über das ganze Wochenende verteilt und verdecken fast vollständig die nun schon sehr traurig ausschauenden gelben Sonnen.

Freitag früh werden wir von dicken Regentropfen geweckt, die mit einem dumpfen Ding und Dong auf unsere Blechgießkanne auf dem Balkon plumpsen. An der Balkontür laufen immer dicker werdende Tropfen herunter, die immer schneller werden, je mehr Artgenossen sie bei ihrem Pacman-Rennen an der Scheibe aufgefressen haben. Astrid und ich denken in diesem Moment dasselbe: Wir sind ja hier in Hannover, weit im Süden, nachher in Heiligenhafen ist alles ganz anders, da gibt es ja schließlich diese Wetterscheide bei Lübeck.

Zögernd greife ich zum iPad und ignoriere die Regenwahrscheinlichkeit von 80% und den kleinen und den dicken Tropfen, die sich seit gestern Abend zu dem anderen dicken Tropfen unter der dicken, schwarzen Wolke gesellt haben. Zumindest hier scheint die Familienpolitik noch in Ordnung zu sein, denn offensichtlich steht einer freudigen Vermehrung nichts im Wege. Der Samstag und Sonntag sind inzwischen vollständig von Ein-Kind-Regentropfen-Familien unter der Schirmherrschaft von dicken schwarzen Wolken bevölkert. Alle Windpfeile haben auch etwas Farbe bekommen und die Angaben zu den Böen lächeln uns in rot entgegen.

Ok, Wetteronline ist ja auch kein Profiportal. Welcher echte Seemann vertraut schon so einer Hobby-Wetterseite. Also rufen wir schnell die Wetterseite vom DWD auf. Nachdem wir unter der Zeile: “In den nächsten 12 Stunden ist in folgenden Seegebieten mit Starkwind oder Sturm zu rechnen: ….” auch die Westliche Ostsee, Belte und Sund und weitere nicht allzu weit entfernte Seegebiete gefunden haben, gehen wir duschen. So warm muss in der Karibik ein Regenschauer sein, wenn es dort überhaupt einmal regnet.

Die vormittags bei der Arbeit in immer kürzeren Abständen herausgeschleuderten Wetterchecks bringen keine Besserung. Wetteronline, der DWD und auch der dänische DMI bilden eine verschworene Gemeinschaft. Das Wochenende liegt wehrlos auf dem Opferaltar nordantlantischer Tiefausläufer und es gibt keine Rettung.

Aber egal, wir haben einen Decksalon und Henry steht am Freitag zu einem PINCOYA-Wochenende immer in der Tiefgarage der Firma, damit die Kühlbox auf dem Parkplatz nicht in der prallen Sonne steht. Genau, da gibt es nichts zu lachen, alles ist durchdacht. Denn wenn es im unwahrscheinlichen Fall einer plötzlichen Wettereintrübung dann doch regnet, hat das auch den Vorteil, dass wir trockenen Fußes zum Auto kommen.

Und nun liegt nur noch die eine, wirkliche Herausforderung vor uns: Hamburg!

In Hamburg ist es egal, ob es regnet, schneit oder die Sonne scheint. Die Staus um Hamburg werden durch die Straßenmeisterei wahrhaft nachhaltig und mit großer Sorgfalt arrangiert und erscheinen dem Hamburg-Pendler nach Jahren der Hoffnung als Inkarnation der Ewigkeit. Vielleicht sind die Staus um Hamburg auch wirklich die einzig wahrhafte Konstante in einer sich permanent verändernden Welt. Mit dem lethargischem Gleichmut tiefer Erkenntnis ergeben wir uns wehrlos dem vorbestimmten Schicksal und fahren an das Ende der Staus heran. In den ersten Jahren haben wir mit ebenso großer Verzweiflung, wie Erfolglosigkeit alle, aber auch wirklich alle Ausweichrouten nördlich von Walsrode ausprobiert. Heute fügen wir uns dem Unausweichlichen.

Die Geschwindigkeitsbegrenzungen nach Hamburg kommen einer Entfesselung gleich und die restlichen Kilometer bis Heiligenhafen verfliegen in Henry’s Wasserfahne auf der regennassen Fahrbahn.