Gijón I


 

In der hinter uns liegenden Nacht haben wir wenig Schlaf bekommen. Wenn die ganze Zeit der Motor brummt, dann ist auch mit Ohrstöpseln kaum an Schlaf zu denken. So gehen wir erst um 12:00 in die Capitanía. Der Spaß hier in Gijón ist nicht gerade »nachsaison-preiswert«. Pro Tag müssen wir 23,5 € bezahlen, Wochentarife gibt es nicht. Und wir müssen im Voraus zahlen. Vielleicht liegt das an der recht »alternativlosen Lage« Gijóns. Doch egal, hier liegen wir gut und sicher und hoffentlich nicht zu lange.

„Angekommen im Yachthafen von Gijón.“

„Angekommen im Yachthafen von Gijón.“

 

„Der Yachthafen von Gijón ligt direkt an der alten Altstadt.“

„Der Yachthafen von Gijón liegt direkt an der alten Altstadt.“

 

Von Freitag bis Dienstag haben wir einen Mietwagen gebucht. Wir wollen die Zeit nutzen, in der es ohnehin hackt, um noch einmal nach den »vergessenen« Einwinterungssachen zu suchen. Dazu brauchen wir so etwas wie einen Baumarkt und die liegen auch hier wie in Deutschland immer etwas außerhalb der Stadt. Außerdem brauchen wir Wasser. Aqua “con gas” in Spanien zu bekommen, ist schon durchaus etwas schwierig, denn es wird oftmals nur in homöopathischen Mengen angeboten. Wenn wir dann mal eine Quelle aufgetan haben, nehmen wir immer gleich alles, was da ist. Das hört sich zwar nach viel an, doch meist müssen wir doch nur wenige Flaschen zur PINCOYA schleppen. Und etwas frischen Proviant brauchen wir auch noch, obwohl es nun im letzten Monat eher darum geht, die Reste aus unserem Vorrat aufzuessen. Wein ist auch so eine Sache, leider scheint Wein im Schlauch (also bag in box) in Spanien nahezu unbekannt zu sein. In Frankreich gab es alle Qualitäten in Bag-in-boxes, aber hier heißt es nun Glasflaschen schleppen. Das erhöht nicht nur das Müllaufkommen an Bord, sondern ist am Ende auch eine Gewichtsfrage, wenn die Verpackung genauso viel wiegt wie der Inhalt. Müll an Bord ist im Übrigen ein echt grundsätzliches Problem. Obwohl wir wirklich versuchen, bewußt »müllarm« einzukaufen, kommen im Handumdrehen doch immer wieder Berge zusammen. Wir haben keine Idee, wie das gehen soll, wenn wir wirklich mal Wochen unterwegs sind. Dann kann es eigentlich nur Fisch geben, denn diese Reste können nach dem Essen einfach wieder über Bord gehen. Aber alles Plastik? Es ist echt schlimm, was wir uns so täglich, völlig selbstverständlich und ganz unbewußt an Plastikmüll leisten.

Diesmal bekommen wir einen Fiat 500. Ein knutschiges Stadtauto. Und nach zwei Baumarktbesuchen haben wir auch alles, was wir für die Einwinterei noch so brauchen. Selbst Aluleisten bekommen wir, die wir nun zur Reparatur des letzten Opfers unseres Gummiboot-Saltos brauchen. Die Ruder hatten sich ja nach unserem Salto im Sand verkeilt und haben ordentlich einen mitbekommen. Nun ist eines der Ruder gebrochen und das andere ist auch nicht mehr weit davon entfernt. In der Werft von Gijón und bei Decathlon konnten wir keinen Ersatz bekommen. D.h. nun, wir müssen uns selbst helfen und reparieren.


 

Am Donnerstag und Freitag ist das Wetter fantastisch. Alle unsere Stegnachbarn sind irgendwie draußen, sitzen in der Sonne oder muckeln an ihren Schiffen herum. Es ist kaum zu glauben, dass es schon in weniger als 24 Stunden hier ganz anders zugehen soll. Neben den Einkäufen machen wir erst einmal Gijón unsicher. Das gute Wetter will genutzt werden und ruft nach einem Stadtbummel.

„Gijón ist die Hochburg des spanischen Sidra, diese Skulptur beherbergt mehr als 3000 Altglasflaschen Sidra.“

„Gijón ist die Hochburg des spanischen Sidra, diese Skulptur beherbergt mehr als 3000 Altglasflaschen Sidra.“

 

„Die alte Altstadt mit dem Palacio de Revillagigedo“

„Die alte Altstadt mit dem Palacio de Revillagigedo“

 

„Altstadtansichten von Gijón.“

„Altstadtansichten von Gijón.“

 

Die echte Altstadt von Gijón liegt auf der kleinen Halbinsel östlich des Yachthafens. Gleich daneben öffnet sich eine große Badebucht direkt vor der heutigen »Skyline« Gijóns.

„Die Badebucht vor Gijón.“

„Die Badebucht vor Gijón.“

 

Vorn auf der kleinen Altstadt-Halbinsel liegt die Iglesia de San Pedro Apóstol. Die äußerlich eher unscheinbare Kirche überrascht uns mit einem sagenhaften »Innenleben«. Hinter dem Altar liegt zudem eine Art Krypta in Parterre , die über und über mit goldenen, christlichen Mosaiken ausgekleidet ist. Ein unglaublicher Raum zur Andacht.

„Die Kirche des heiligen Apostel Petrus.“

„Die Kirche des heiligen Apostel Petrus.“

 

„In der Iglesia de San Pedro Apóstol.“

„In der Iglesia de San Pedro Apóstol.“

 

„Die Mosaik-Krypta hinter dem eigentlichen Kirchraum.“

„Die Mosaik-Krypta hinter dem eigentlichen Kirchraum.“

 

Danach schlendern wir um die Halbinsel herum zurück zum Yachthafen. Die alten Verteidigungsanlagen wurden mit etwas Kunst aufgpeppt und touristisch wiederbelebt.

„Hafenkunst in Gijón.“

„Hafenkunst in Gijón.“

 

„Alt triff neu.“

„Alt triff neu.“

 

„Der Yachthafen von Gijón.“

„Der Yachthafen von Gijón.“

 

Freitagnachmittag werfen wir dann noch mal einen Blick in die Innenstadt von Gijón. Es macht schon einen großen Unterschied, wenn im Krieg nichts zerstört wurde. Besonders gefallen uns die hölzernen Erker und die schmiedeisernen Balkone, die fast jedes alte Haus schmücken.

„Gijóns Häuserfronten I“

„Gijóns Häuserfronten I“

 

„Gijóns Häuserfronten II“

„Gijóns Häuserfronten II“

 


 

Obwohl es am Samstag schon etwas wolkig ist, machen wir einen Ausflug nach Oviedo, der Hauptstadt Asturiens. In Asturien gibt es sehr viele, sehr alte Kirchen und Kapellen. Asturien war das letzte christliche Gebiet auf der iberischen Halbinsel nach der Eroberung der Halbinsel durch die Araber und Mauren. Und von Asturien ging seinerzeit auch die »Reconquista« aus, die christliche Rückeroberung der iberischen Halbinsel. Dementsprechend alt sind die Kirchen und Kapellen, viele stammen noch aus den letzten Jahrhunderten des ersten Jahrtausends.

„Die Iglesia de Santa María del Naranco“

„Die Iglesia de Santa María del Naranco“

 

„Die Iglesia de San Miguel de Lillo“

„Die Iglesia de San Miguel de Lillo“

 

Da sich das Wetter hält, besuchen wir als erstes zwei dieser alten Kirchen, die Iglesia de Santa María del Naranco und die Iglesia de San Miguel de Lillo. Von der Iglesia de Santa María sehen wir das Monumento al Sagrado Corazón de Jesús oben auf dem Monte Naranco hoch über Oviedo. Und da der Jesus zu uns ganz einladend herunter lächelt, beschließen wir, mal eben bei ihm vorbeizuschauen. Der Weg ist schön, auch wenn er sich als recht lang entpuppt. Aber echte Pfadfinder finden immer eine Abkürzung und so stürzen sich Astrid und ich ins Unterholz. Nun ja, Unterholz ist so eine Sache. Das Unterholz wird schnell zu dem stacheligsten Stechginster, den mal sich nur vorstellen kann, und der Weg ähnelt zunehmend einer Ablaufrinne von Regenwasser, das es hier offensichtlich häufiger und nicht zu knapp gibt.

„Der Aufstieg“

„Der Aufstieg“

 

Trotzdem kämpfen wir uns weiter hoch, denn gleich nach der nächsten Biegung müssen wir ja direkt vor dem Jesus aus dem Stechginstergestrüpp auf die Kuppe des Monte Naranco herausbrechen. Und wenn es nicht diese Biegung ist, dann ist es die nächste.

„Die Aussicht auf Oviedo.“

„Die Aussicht auf Oviedo.“

 

Auch wenn wir den Jesus schon lange nicht mehr sehen, irgendwo hier muss er stehen, das ist vollkommen klar. Es folgt Biegung auf Biegung und fast erwarten wir schon einen alten, verwitterten Grenzstein auf dem steht »Bienvenido a Galicia«. Ein ums andere Mal rutschen wir mehr nach unten, als wir nach oben klettern können. Schon lange hat mein Stativ für Astrid seinen Verwendungszweck in einen Wanderstock verwandelt. Aber dann schimmert plötzlich doch wieder die Spitze der rechten, segnenden Hand des Jesus hervor.

„Geschafft, wir sind am Jesus!“

„Geschafft, wir sind am Jesus!“

 

Geschafft! Wir sind stolz auf uns, stolz es geschafft zu haben und froh, nun ganz allein von hier oben die Aussicht zusammen mit dem Jesus in einsamer Natur genießen zu können. Diese Quälerei tut sich bei diesem Wetter sicher kein Zweiter an. Die Einsamkeit der Berge ruft, als wir durchgeschwitzt und vollkommen aus der Puste über eine Leitplanke auf den riesigen Parkplatz klettern. ? Kein Kommentar… bitte keinen Kommentar!!! An dieser Stelle und genau hier ist nun mal Zurückhaltung gefragt!!!

Wir versuchen nicht nur, die Blicke der anderen zu ignorieren. Wir versuchen, einfach so zu tun, als ob NIEMAND da ist. Wir allein mit dem Jesus, denn der Parkplatz ist ganz sicher eine optische Täuschung.

„Die Aussicht und Einsichten auf unsere Rückwegabkürzung.“

„Die Aussicht und Einsichten auf unsere Rückwegabkürzung.“

 

Zurück gehen wir ein Stück an der Straße, dann wieder ein Stück einer dieser genialen Abkürzungen (wir können es nicht lassen, denn irgendwann muss der Zufall ja auch mal eine Abkürzung wirklich kürzer sein lassen, schließlich gewinnen ja auch Menschen im Lotto, warum also nicht auch mal »kürzer«), dann wieder Straße. So eine Straße ist ja manchmal schon bequemer, als fast auf dem A… den Hang in diesen Rinnen herunterzurutschen. Irgendwann sind wir wieder bei unserem 500er, die Knutschkugel hätte uns sicher auch nach oben gebracht, aber so war es eben viel naturnäher und auch total CO2- und emissionsfrei, wenn man mal von dem Versagen unserer Deos absieht.


 

„Vor der Kathedrale von Oviedo.“

„Vor der Kathedrale von Oviedo.“

 

In Oviedo sehen wir uns nur noch die Altstadt etwas an, unsere Beine mögen uns nicht verheimlichen, dass sie eigentlich keine Lust mehr haben. Die Altstadt ist traumhaft, auch wenn das Wetter zusehends schlechter wird. Kein Wunder, dass Woody Allen für einige Szenen von »Vicky Cristina Barcelona« Oviedo als Drehort gewählt hat. Der Charme der Jahrhunderte springt förmlich aus den alten Gassen und Mauern hervor. Wie unvergleichlich muss das sein, wenn auch noch das Wetter mitspielt. Leider sind wir durch unseren Aufstieg echt etwas kaputt, es gibt so viel zu sehen in Oviedo, aber wir haben für heute erst einmal genug. Vielleicht legen wir hier im nächsten Frühjahr noch einmal einen kleinen Zwischenstopp ein, zu viel ist uns entgangen.

„In den Gassen von Oviedo“

„In den Gassen von Oviedo“

 

„Und wieder diese Erker und Fenster… toll!“

„Und wieder diese Erker und Fenster… toll!“

 

„Das Benediktiner Kloster San Vicente in Oviedo“

„Das Benediktiner Kloster San Vicente in Oviedo“

 

„Natürlich lässt sich keiner der Mönche blicken, aber wir können das Eingangsportal bewundern.“

„Natürlich lässt sich keiner der Mönche blicken, aber wir können das Eingangsportal bewundern.“

 

Auf dem Rückweg nach Gijón kaufen wir für Astrid bei Decathlon noch einen Wanderstock. So hat mein Stativ zukünftig frei, auch wenn wir neue Abkürzungen suchen.

Gijón
43° 32′ 43,9″ N, 005° 39′ 59,8″ W