Tavira? … oder doch lieber weiter in den Rio Guadiana


Culatra II [A] -> via Tavira -> Vila Real de Santo António im Rio Guadiana (P) Start: 10:00 Tavira: 15:30 Ende: 17:45 Wind: W 3-4, später N 14 kn Distanz: 36,4 sm Gesamtdistanz: 1.024,0 sm

„von Culatra II [A] -> via Tavira -> nach Vila Real de Santo António im Rio Guadiana noch auf portugiesischer Seite“

„von Culatra II [A] -> via Tavira -> nach Vila Real de Santo António im Rio Guadiana noch auf portugiesischer Seite“

Zurzeit passen die Hoch- und Niedrigwasserzeiten für uns. Da wir bei Faro mit dem Still-Niedrigwasser auslaufen können, schaffen wir die rund 20 sm bis zum Still-Hochwasser vor Tavira ganz locker. Wir können sogar versuchen, den schwächlichen Wind zu nutzen, und etwas herumtrödeln. Die Lagune bei Tavira ist wesentlich enger und flacher als die bei Culatra. Dort können wir auch wirklich nur zum Hochwasser rein, anders geht das nicht. Und weil es dort so eng und flach ist, müssen wir während des Still-Hochwassers auch schnell ein Plätzchen finden, bevor es wieder mit dem ablaufendem Wasser beginnt zu strömen.

„Obwohl es etwas trüb ist, wir trennen uns nur schweren Herzens.“

„Obwohl es etwas trüb ist, wir trennen uns nur schweren Herzens.“

Wir freuen uns auf den neuen Ankerplatz, auch wenn die Ankerei dort sicherlich nicht so einfach sein wird wie hinter Culatra. Wenn man sich die Sände und Inseln zwischen Faro und Tavira aus der Vogelperspektive in Google-Maps ansieht, dann wird man richtig kribbelig, so toll sieht das alles aus. Am liebsten hätten wir unseren Anker gleich schon mal hinter der Ilha da Armona, der östlichen Nachbarinsel von Culatra, geworfen, aber dort ist es uns dann doch etwas zu flach. Natürlich könnte man stattdessen auch einfach mit dem Gummiboot zur Ilha da Armona fahren, aber so viel Entdeckermut haben wir noch nicht gefasst. Mal ganz abgesehen von der Strecke müssten wir über die östliche Einfahrt der Lagune von Faro fahren. Und da strömt es eben alle paar Stunden schon recht kräftig. Das wäre für unseren 2,3 PS Minimotor nur etwas bei Stillwasser.
Seit den Rias verändert sich so langsam unsere Sichtweise auf unser Dinghy und den Außenborder. Bisher ging es nur darum, um von dem Ankerplatz an Land zu kommen, nun gewinnt aber doch langsam der Gedanke »Ausflug« die Oberhand.


Als wir aufbrechen, fahren wir noch kurz bei der Toodle-oo vorbei und rufen “Toodle-oo” zum Abschied, denn »Toodle-oo« heißt auf Englisch so viel wie »macht’s gut, bis dann, cheerio and so long«. Das haben wir auch gerade erst gelernt. Wir hatten ja begonnen, Spanisch zu lernen, und dann auch versucht, wenigsten einige Brocken Portugiesisch hinzubekommen, aber Fortschritte machen wir zurzeit nur in Englisch. Nun sprechen die Fahrtensegler untereinander sowieso alle nur Englisch, denn so richtig viele Deutsche trifft man gar nicht auf den Ankerplätzen. Und die Portugiesen wechseln vollkommen selbstverständlich ins Englische und ganz viele sprechen auch ziemlich gut Englisch. Das war in Frankreich und auch Spanien noch ganz anders.


„Ausfahrt aus der Lagune von Faro“

„Ausfahrt aus der Lagune von Faro“

Vor der westlichen Einfahrt in die Lagune von Faro dümpeln unzählige Angelboote. Ein gutes Zeichen, denn so ist alles ruhig und wir haben keine Überraschungen zu erwarten ?. Allerdings hat es sich der Wind wohl nun doch anders überlegt und kurzfristig mal frei genommen. So brummen wir unter Motor um die unzähligen Fischerfähnchen und -bojen herum und hoffen, dass der Wind es sich doch noch einmal anders überlegt und zur Arbeit erscheint. Das mit den Bojen für die Netze oder all das Zeug, was da sonst noch so dranhängt, wird immer nerviger. Klar gibt es richtig ordentliche Fähnchen, die man auch wenigstens tagsüber gut sehen kann. Aber immer öfter werden nur noch kleine Styropor-Blöcke an die Leinen geknotet und die kann man auch schon im Hellen kaum noch rechtzeitig erkennen. Da zählen alte Kanister und leere Weichspülerflaschen schon zum Hightech-Equipment der Fischerei.

„Oben Fuzeta“

„Oben Fuzeta“

Da wir unter Motor zu schnell sind, nehmen wir die 2 Knoten unter Segeln zu Hilfe. Es macht keinen Sinn, wesentlich vor dem Still-Hochwasser vor Tavira anzukommen, denn erstens muss schon genug Wasser wieder da sein und zweitens soll es ja auch nicht mehr wie blöde strömen. Nachdem wir die Segel oben haben, besuchen uns einige Gruppen von Delphinen. Kurz bekommen wir einen richtigen Schrecken, denn die Burschen sind wesentlich größer, als all die Delphine, die wir bisher so gesehen haben. Aber es sind definitiv Delphine und nicht irgendwelche durchgeknallten Orcas. Leider kommen sie zu uns nur mal kurz etwas näher heran, aber dafür bieten sie uns in einiger Entfernung eine kleine Vorstellung im Synchronspringen. Ich mache bestimmt 30 Photos, aber im besten Fall sind nur noch einige Wasserspritzer darauf zusehen ?. Da ich bestimmt nicht zu langsam war ?, müssen die Delphine einfach viel zu schnell gewesen sein ?.


Die Einfahrt nach Tavira fahren wir kurz vor Hochwasser in einem respektvollen Bogen von Osten her an. Von der roten Mole wächst mit der Hauptströmung langsam eine Barre vor die Einfahrt, da wird man bald wieder etwas ausbaggern müssen. Zwischen den Molen setzt noch ein kleiner Flutstrom und direkt hinter der Einfahrt und eigentlich noch vollkommen offen nach Süden liegen schon unzählige Schiffe an Moorings.

„Anfahrt Tavira“

„Anfahrt Tavira“

Es ist definitiv kein gutes Zeichen, wenn so viele Dauerlieger schon auf den offensichtlich schlechtesten Plätzen liegen. Nachdem wir zwischen den Molen kurz 16 m Tiefe haben, springt unser Echolot fast abrupt auf 5,50 m. Linker Hand legt gerade die Fähre von der Ilha de Tavira ab. Die hat auch nicht wirklich viel Platz und ihr Wendebereich ist sogar abgetonnt. Irgendwie sah das auf den Seekarten alles etwas weitläufiger aus und die Satellitenbilder in Google-Maps hatten uns auch mehr Hoffnung gemacht, hier doch einen Platz finden zu können.

„Äh, wo bitte ist hier unser Ankerplatz?“

„Äh, wo bitte ist hier unser Ankerplatz?“

Wir sind zugegeben etwas irritiert. Aber egal, wir müssen ja auch erst einmal etwas weiter rein, denn weiter hinten wird es dann bestimmt wieder etwas großzügiger und auch leerer.
So besiegt die Hoffnung noch einmal die Zweifel. Außerdem wollten wir ja sowieso auch nicht direkt in der Einfahrt ankern, weil das Wetter in den nächsten Tagen von Süden kommend wieder sehr durchwachsen werden soll. Allerdings nimmt der verbleibende Platz genauso schnell ab wie die Wassertiefe. Inmitten des Fahrwassers haben wir nur noch knapp 5 Meter, wobei das abfließende Hochwasser davon in den nächsten 6 Stunden gut 2,5 Meter wieder mitnehmen wird. Insgesamt ist das nicht gerade üppig. Also pirschen wir uns weiter rein, denn dahinten soll es ja noch ein etwas tieferes Stückchen geben. Allerdings liegen die Moorings inzwischen schon direkt zwischen den grünen und roten Fahrwassertonnen und nicht mehr außerhalb. Von einem echten Fahrwasser kann eigentlich keine Rede mehr sein, man muss sich so zwischen den Ankerliegern durchschlängeln. Sicherlich hat das seinen Grund, denn unser Echolot zeigt nun inmitten den Fahrwasser auch schon nur noch 4,5 m mit fallender Tendenz an. Das mag irgendwie alles zusammenhängen ?. Und das bei Hochwasser! Wie blöd ist das nun schon wieder alles? Da wollen wir lieber gar nicht wissen, wie wenig Wasser außerhalb des Fahrwassers bei Niedrigwasser zurückbleibt, dort wo wir eigentlich ankern wollten.

„Uns ist das alles zu eng, oben sieht man im Gegenlicht eine rote und eine grüne Tonne des Fahrwassers“

„Uns ist das alles zu eng, oben sieht man im Gegenlicht eine rote und eine grüne Tonne des Fahrwassers“

Und dann auch noch die Capitana! Es stimmt schon, viel Platz ist hier nicht, aber sie fragt dann auch noch: “Sag mal, wenn du da jetzt noch weiter reinfährst, hast du eigentlich auch eine Idee, wie wir da drehen können?” Blöde Frage! Zumal ich eine wenn auch kleine Idee habe! Allerdings hängt die auch etwas an der Hoffnung, das sich dort hinten etwas auftut, was noch nicht wirklich in den Seekarten verzeichnet wurde. Also antworte ich mit einem konkreten: “Äh – joah nun! Klar, wir drehen eben so rum!”

Kurz darauf siegt dann allerdings doch der Verstand. Es ist saublöde, wenn der Verstand immer genau dann Recht haben muss, wenn das überhaupt nicht zu dem passt, was man eigentlich will. Und der Familienrat muss auch gar nicht mehr zu einer Dringlichkeitssitzung zusammengerufen werden, denn die Entscheidung ist klar und fällt einstimmig. Tavira geht nicht! Punkt um!
Nicht ganz so einfach lässt sich allerdings die Frage beantworten “Was nun?”. Zurück nach Culatra oder ab in den Rio Guadiana?
Die Einfahrt in den Rio Guadiana ist eigentlich auch nur zum Still-Hochwasser vernünftig zu machen. Zurück nach Culatra geht immer und das zu beiden Stillwassern. Der Rio ist 10 Seemeilen entfernt. D.h. 2 Stunden Fahrt. Zurzeit läuft es zwar noch leicht auf, aber wir werden definitiv erst am Rio Guadiana sein, wenn das Wasser schon wieder abläuft. Nicht viel, aber dennoch wird es ablaufen. Das ablaufende Gezeitenwasser in einem Flussdelta ist immer stärker als das einlaufende. Wenn wir schnell sind, könnte es noch gut klappen. Für ein Notfallankern platt vor der Küste, wie seinerzeit bei Alvor, könnte es bessere Bedingungen geben. Laut Stromkarte müssen wir bei der Einfahrt mit 1 bis 1,5 Knoten Strom gegenan rechnen, aber immerhin wäre es dann noch hell, was ja auch ganz schön für eine Einfahrt ist.
Also los, als großer Notnagel bleibt uns ja immer noch Culatra, aber einen Versuch ist der Rio Guadiana wert.

„Wir kommen gerade noch rechtzeitig vor dem Rio Guadiana an“

„Wir kommen gerade noch rechtzeitig vor dem Rio Guadiana an“

Und als kleines, gutes Zeichen meldet sich nun doch der angekündigte Nordwestwind zur Arbeit zurück. Aber leider nicht als Nordwest, sondern eher als Nordost. Doch egal, das passt gerade so. Wir setzen die Genua und machen etwas, was wir sonst aus Prinzip eigentlich nie machen. Wir unterstützen die Genua mit dem Motor. Oder andersherum. Doch so herum hört es sich einfach besser an. Aber nun müssen wir uns beeilen, wir machen knapp 7 Knoten und haben bis zur Ansteuerung genau noch 11 Seemeilen vor dem Bug. Um 15:45 war Hochwasser und wir sind um 17:15 vor der Einfahrt. In der Einfahrt setzen in der Tat schon 1,5 Knoten gegen uns, aber wir kommen problemlos rein. Keine Überraschungen! Eine Einfahrt gegen den Strom fühlt sich immer extrem langsam an, doch dann haben wir die Marina erreicht. Da die Marina ohne Mole direkt am Ufer des Rio Guadiana hinter einem massiven Schwimmsteg liegt, können wir die Lage erst einmal gut checken, während wir einen Kringel auf dem Rio drehen. Um keine Überraschungen zu erleben, haben wir uns tatsächlich auch hier telefonisch angemeldet. Der uns avisierte Platz ist ausreichend groß und liegt auf der Innenseite etwa in der Mitte des äußeren Schwimmstegs. Da das Wasser abläuft, können wir gegen den Strom reinfahren und auch gegen den Strom anlegen. Bei auflaufenden Wasser wäre das schon eine ganz andere Nummer und ehrlich gesagt, hätten wir dazu auch spontan erst einmal keine richtige Idee, wie es dann funktionieren könnte. Aber so herum klappt alles problemlos.

„Mit einem unglaublichen Sonnenuntergangsfeuerwerk fahren wir in den Rio Guadiana ein.“

„Mit einem unglaublichen Sonnenuntergangsfeuerwerk fahren wir in den Rio Guadiana ein.“

Ab Tavira waren wir schon etwas angespannt. Denn schlussendlich weiß man ja nie, ob das, was man sich überlegt und aufgrund dessen man dann entscheidet, auch wirklich so ist und eintritt. Vielleicht machen wir uns auch einfach immer zu viele Gedanken. Doch wenn dann alles gut klappt, ist es trotzdem schön ?.

p.s.
Und falls man doch mit dem auflaufenden Wasser ankommt und wie wir keine Idee hat, wie man dann in der Marina sicher anlegen kann, dann kann man auch gegenüber der Marina, schon auf spanischer Seite, den Anker werfen und bis Stillwasser warten. Das scheint uns die bessere Option zu sein als zu versuchen, mit dem Strom in die Marina zu fahren und anzulegen.


Burgregen

Es sieht inzwischen ganz danach aus, dass wir uns in Vila Real de Santo António wohl einige Tage unter Deck verstecken müssen. Eine Regen- und Gewitterfront nach der anderen soll über die Algarve und Andalusien herfallen. Mal etwas mehr im Westen, mal etwas mehr im Osten, aber immer werden wir in der Mitte gut mit dabei sein. Da der ganze Spaß aber erst abends losgehen soll, haben wir noch den ersten Tag, um schnell noch etwas Sightseeing zu machen. So schließen wir uns Fiona und Iain an, die mit ihren Rädern nach Castro Marim fahren wollen.

„Das neben Iain ist nicht Fiona ?“

„Das neben Iain ist nicht Fiona ?“

Castro Marim liegt etwas nordwestlich von Vila Real de Santo António und wurde in der Marschlandschaft westlich des Rio Guadiana auf den beiden einzigen Hügeln erbaut, die dort das Attribut »Hügel« auch wirklich verdienen. Wenn man die ersten Meilen in den Rio Guadiana hinauffährt, kann man das sehr schön sehen. Die gesamte Landschaft ist platt wie Ostfriesland und man kann auch hier schon Donnerstag sehen, wer Sonntag zu Besuch kommt, nur die beiden Hügel von Castro Marim ragen daraus etwas empor. In diesem Zusammenhang muss aber auch noch unbedingt erwähnt werden, dass der Badeort westlich von Vila Real de Santo António den hübschen Namen »Monte Gordo«, also »dicker Berg« trägt. Und da man einen dicken Berg weit und breit vergebens sucht, gibt es nur zwei mögliche Erklärungen. Erstens könnte ein gewaltiger Tsunami den gesamten Monte Gordo mit einer einzigen Riesenwelle Anfang des 13. Jahrhunderts einfach hinfortgespült haben oder aber der erste dort siedelnde Fischer hieß Senhor Monte und war unglaublich dick. Für beide Thesen gibt es ebenso wenig Beweise wie für den Monte Gordo selbst, denn die höchste Erhebung am Praia de Monte Gordo ist eine zärtliche Düne aus feinstem weißen Sand.

„Stadtansichten von Castro Marim I“

„Stadtansichten von Castro Marim I“

Aber die Hügel von Castro Marim sind real und waren auch von besonderer strategischer Bedeutung, denn man baute aus lauter Begeisterung gleich auf jedem der Hügel eine Burg. Ganz gemütlich radeln wir zwischen Fischfarmen, Salinen und dem Naturpark Sopal de Castro Marim dem Städtchen mit den zwei Burgen entgegen. Allerdings haben beide Burgen gerade Mittagspause, als wir ankommen. So schlendern wir etwas durch die Stadt und beschließen, auch erst einmal eine kleine Mittagspause einzulegen.

„Stadtansichten von Castro Marim II“

„Stadtansichten von Castro Marim II“

Pünktlich zu unserem After-lunch-coffee beginnt es allerdings zu tröpfeln und im Südwesten sieht es so aus, als ob der Regen dort noch einigen Nachschub in der Hinterhand hat. Am Touristoffice sind wir dann schon weitgehend nass, beschließen aber trotzdem, noch wenigstens eine der beiden Burgen zu besuchen. Triefend bezahlen wir im Eingang der Burg das Ticket mit Hartgeld, da durchgeweichte Scheine immer irgendwie einen blöden Eindruck machen. Von der alten Burg stehen nur noch wenige Reste und daher gibt es auch nur zwei kleine überdachte Ausstellungsräume. In denen hinterlassen wir ausgiebig unsere Wasserspuren, aber der Regen lässt nicht nach. Tapfer erklimmen wir noch die ein oder andere Burgmauer und bewundern den wundervollen Ausblick, der sich uns in einem milchigmatten Regengrau ganz lieblich präsentiert. Aber … ! Was müssen die Ritter von hier oben für einen tollen Ausblick gehabt haben, wenn es denn nicht regnete, was ja in der Algarve auch meist der Fall sein soll. Beneidenswert!

„Trübe, schöne Aussichten“

„Trübe, schöne Aussichten“

„Burgnässe“

„Burgnässe“

Doch leider ist für uns von Horizont bis Horizont keine Besserung in Sicht. Astrid hat als einzige eine Regenjacke dabei und so schwingen sich 3 1/2 patschnasse Gestalten auf ihre Klappräder, summen das alte Lied »I’m biking in the rain« und radeln los. Auf unserem Rückweg schüttet es maximal und teilweise hat man das Gefühl, durch eine unendliche Pfütze zu fahren. Alles trieft, die einzige, die vielleicht noch einen einzigen trockenen Faden am Leib trägt, ist Astrid. Vollkommen patschnass erreichen wir die Marina. Verstohlen schaue ich nach, ob mir vielleicht nicht doch schon Schwimmhäute wachsen. Schnell verschwinden wir auf unseren Schiffen. Nur gut, dass die schwimmen!

„Da zieht was auf!“

„Da zieht was auf!“

Ab diesem Nachmittag zieht für zwei Tage eine Gewitterfront nach der anderen durch. Unglaubliche Regenmassen prasseln herunter und nur kurz gibt es ab und zu mal eine Pause. Insgesamt scheint die Mündung des Rio Guadiana aber noch recht glimpflich davonzukommen, denn teilweise sehen und hören wir die gesamte Nacht, wie ein Gewitter nach dem anderen links und rechts an uns vorbeizieht. Erst am Samstag klar es wieder auf und wir können zum ersten Mal daran denken, all unsere Sachen wieder zu trocknen.

„Gewitter maximal!“

„Gewitter maximal!“


Die Chamäleons am Monte Gordo

„Endlich wird's mal wieder besser!“

„Endlich wird's mal wieder besser!“

„Der Hafen von Vila Real de Santo António mit schönen Wetter.“

„Der Hafen von Vila Real de Santo António mit schönen Wetter.“

Da uns die Chamäleons im Besucherzentrum des Naturparks Ria Formosa ja zum Narren gehalten haben, beschließen wir, ihnen nun hier zwischen Vila Real de Santo António und Monte Gordo auf die Schliche zu kommen. Eigentlich wollten wir nur etwas raus in die Sonne und am Strand in Richtung Monte Gorde laufen.

„In Vila Real de Santo António“

„In Vila Real de Santo António“

„Der schon weihnachtlich geschmückte Marktplatz von Vila Real de Santo António“

„Der schon weihnachtlich geschmückte Marktplatz von Vila Real de Santo António“

Aber nun gibt erneut ernstzunehmende Hinweise, dass sich eine ganze Gruppe von Chamäleons in dem Wald hinter den Dünen des Monte Gordo versteckt halten soll. Um nicht zu aufdringlich und neugierig zu wirken, machen wir zunächst einen kleinen taktisch klugen Abstecher auf die rote Mole der Einfahrt in den Rio Guadiana.

„An der roten Mole der Einfahrt in den Rio Guadiana“

„An der roten Mole der Einfahrt in den Rio Guadiana“

„Auf dem Weg...“

„Auf dem Weg…“

Danach pirschen wir uns in Etappen an, legen aber einige Pausen zur Ablenkung an verschiedenen Strandabschnitten ein, um sodann das Chamäleons-Gebiet von Süden her aufzurollen. Die Räder lassen wir auf einem einsamen Waldweg zurück, um uns sofort und unabhängig voneinander ins Unterholz zu schlagen. Wir sind ja nicht blöde, denn wir haben gelernt! Lange haben wir die lautlose Schritttechnik der Graureiher studiert und in unbeobachteten Momenten in der Einsamkeit von Culatras Dünen auch schon die ein oder anderen Übungsschritte gemacht.

„Hier sind sie! Links und rechts des Weges verstecken sie sich!“

„Hier sind sie! Links und rechts des Weges verstecken sie sich!“

Nur so kann es gelingen! Natürlich stehen die Kameras auf verschärften Sportmodus, denn auch wenn wir langsam, fast eurythmisch schreiten, die Burschen sind schnell, da braucht man eine hohe Bildfolge mit kürzester Belichtungszeit. Fast bewegungslos setzen wir einen Fuß vor den anderen, kein Knacken auch nur des kleinsten Ästchens verrät uns. Etwas angepasst summe ich den alten Song von Boy Georg “Come on, come on, come on carmeleon”, so passt es besser als im Original und ist für die Burschen sicher auch aufmunternder. Aber obwohl wir die Schrittfolge der Graureiher nun perfekt beherrschen, ja fast schon weiterentwickelt und perfektioniert haben, fehlt uns definitiv die Geduld eines Graureihers. Denn so leise wir auch schreiten, kein einziges von den dutzenden, ach was sage ich, hunderten von Chamäleons lässt sich blicken. Nach einer Weile höre ich, wie dicke Äste in meiner Nähe grob unter schnellen Schritten zerbrechen. Astrid hat offensichtlich die Faxen dicke. Ok, ich bleibe wie versteinert stehen. Da! Nur noch ein Schritt. Da schimmert etwas und wechselt seine Farbe. Ein Cha… oh nein, Mist, ein alter mit Pailletten besetzter Damenschuh schimmert in der unschuldigen Mittagssonne. Wahrscheinlich von einer Chamäleon-Forscherin, die den Verlust im Rausch des Entzückens gar nicht bemerkt hat.
Nun habe auch ich die Faxen dicke. Wir lassen die Chamäleons genauso Chamäleons sein, wie wir schon die Seepferdchen vor Culatra Seepferdchen haben sein lassen.

„Der Strand von Monte Gordo“

„Der Strand von Monte Gordo“

Und da der Berg Monte Gordo ja kein echtes Hindernis auf dem Weg nach Monte Gordo darstellt, radeln wir dorthin, kaufen uns im Supermarkt etwas zum Lunch und setzen uns an den Strand.


Da können wir noch was lernen!

Der Praia de Monte Gordo ist fast menschenleer. Die aktuelle Covid-19-Situation hat der ohnehin schwachen Nachsaison ganz offensichtlich den Rest gegeben. Das ist traurig und tut uns wirklich für alle die Menschen leid, die nicht nur hier davon leben. Alles ist geschlossen, nur der kleine Supermarkt hält noch geöffnet die Stellung, aber das wahrscheinlich auch nur noch für die wenigen Einheimischen. Hunderte von Strandliegen stehen gestapelt hinter den Buden, an denen sie sonst vermietet werden, und zahlreiche, in Reihen festinstallierte Sonnenschirme, versuchen noch zaghaft ein karibisches Sommergefühl zu verbreiten, beschatten aber nur noch leeren Sandstrand.

„Leer!“

„Leer!“

Und mittendrin sitzen wir fast ganz allein, mümmeln unser Lunch-Paket und lassen uns danach die Sonne auf den Bauch scheinen. Auch hier sind die Tage kurz geworden, aber wenn sich die Sonne über Mittag sehen lässt, ist es herrlich warm. Die Sonne glitzert auf den flach auf dem Strand auslaufenden Wellen und kleine Strandläufer trippeln ihnen in einer affenartigen Geschwindigkeit hinterher, um noch irgendetwas aus der Brandung zu picken.

„Doch kein Animationsparks...“

„Doch kein Animationsparks…“

Etwas weiter hinter uns und auch noch etwas höher auf dem Strand fällt uns ein buntes Meer von Fähnchen auf. Natürlich denkt man an solch einem Touristenstrand zu allererst an irgendein Animationsding zu Bespaßung der Touristen. Dann aber löst sich aus dem bunten Fahnenmeer ein Trecker und da es sich um einen echten, etwas in die Jahre gekommenen und recht angerosteten Trecker handelt, kann es sich bei eben diesem Trecker nicht um einen Animationstrecker für gelangweilte Touristen handeln. Der Trecker dreht direkt vor den auslaufenden Wellen, fährt rückwärts etwas heran und bleibt stehen. Und unsere Neugier wird richtig geweckt, als wir draußen zwischen den Wellen als kleinen Punkt ein schaukelndes Fischerboot entdecken.
Nun sehen wir uns den vermeintlichen Animationspark für gelangweilte Touristen etwas genauer an und der entpuppt sich als der one-and-only Fischereihafen von Monte Gordo! Nun ja, in Reiseberichten haben wir ja auch schon von so etwas gelesen, aber so wirklich in natura nun auch noch nicht gesehen. Am Strand stehen unzählige kleine und mittelgroße Fischerboote und die bunten Fähnchen sind alles Fischerfähnchen, die zwischen großen Haufen von Netzen stehen und auf ihren Einsatz warten.

„Der Trecker wartet und draußen kommt der Fischer.“

„Der Trecker wartet und draußen kommt der Fischer.“

Und tatsächlich, der kleine Punkt zwischen den Wellen wird größer und der Trecker wartet geduldig. Wir können es nicht recht glauben, denn die Brandung ist wenigstens für unseren Geschmack doch recht hoch. Nichts für ein schmusiges Anlegemanöver, obwohl heute ja noch ein eher ruhiger Tag ist. Und wenn wir dann noch an unser Anlandungsmanöver vom letzen Jahr auf der Belle Ille denken, dass ja mit einem Vorwärtssalto endete, können wir nicht recht glauben, was hier offensichtlich Alltag ist.

„Die Anfahrt ist etwas für den Kenner.“

„Die Anfahrt ist etwas für den Kenner.“

Das Fischerboot draußen nähert sich den ersten brechenden Wellen an der ersten Sandbank vor dem Strand. Es wartet und verschwindet immer mal wieder in den Wellentälern. Plötzlich dreht es in Richtung Ufer und wird schneller und schneller. Bremst wieder ab, verschwindet wieder in zwei, drei Wellentälern, um gleich darauf wieder Fahrt aufzunehmen. Man hält automatisch den Atem an, besonders wenn man sich an seine eigenen Künste in viel kleineren Wellen erinnert. Der Trecker setzt etwas zurück, das Fischerboot saust stumpf auf den Strand. Zeitgleich springt einer der beiden Fischer aus dem Boot, der Trecker geht noch etwas zurück, der Fischer hakt die Schleppleine ein und der Trecker zieht sofort an. Fünf bis zehn Meter reichen, um aus der direkten Brandungszone zu kommen. Dann geht es langsam weiter.

„Und weiter geht's in den Hafen.“

„Und weiter geht's in den Hafen.“

Unglaublich! Da können wir echt noch was lernen. Und wir sind uns sicher, dass die das auch bei viel schlechteren Wetter und bei noch viel schlimmeren Bedingungen hingekommen. Der Trecker schleppt das Fischerboot hoch an den Strand. Wir gehen hinterher.
Aus dem Fischerboot springt ein kleines, drahtiges, wettergegärbtes Männlein. Sein Alter können wir beim besten Willen nicht schätzen, aber irgendwie ist uns spontan klar, das er diese Kunst des Anlandens wahrscheinlich schon mit 14 von seinem Vater gelernt hat. Etwas sprachlos und auch mit viel Respekt laufen wir durch den Hafen von Monte Gordo. So etwas hinzubekommen und das auch bei einem Wetter, was noch ganz anders kann, ist schon eine Nummer, die sich der normale Fahrtensegler nur schwer vorstellen kann.

„Abgeschleppt und hingeschleppt!“

„Abgeschleppt und hingeschleppt!“

„Im Hafen von Monte Gordo“

„Im Hafen von Monte Gordo“

Und dann erklären sich uns auch die zwei Autoreifen an den überlangen Gabelstablergabeln des Treckers. Jedes der Fischerboote hat nämlich am Heck, links und recht neben dem Motor, zwei schwarze Gummiflecken. Denn umgekehrt geht es mit dem Trecker auch wieder zurück ins Wasser. Dann schiebt der Trecker die Boote mit dem Bug voran in die Brandung und gibt ihnen zum Abschied noch einen Schubs.
Für uns ist dass alles erst einmal etwas unglaublich, aber wir haben es selbst gesehen, Photos gemacht und sogar ein kleines Video aufgenommen.

Vila Real de Santo António im Ria Guadiana (P)
37° 11′ 41,5″ N, 007° 24′ 47,3″ W