Unsere längste Überfahrt oder zurück nach Portugal


Die Azoren machen uns den Abschied nicht wirklich schwer. Gestern ist zwar noch einmal etwas Wehmut aufgeflackert, doch nur kurz. Schließlich waren die Azoren ja quasi drei Jahre lang unser Fixpunkt, den wir immer wieder erreichen wollten. Das haben dann auch gleich am Mittag die wenigen Sonnenstrahlen noch einmal ausgenutzt, um an unserer Wehmut herumzuzündeln. Aber der nächste Schauer hat das Feuerchen schnell wieder verlöschen lassen und schnell hatten wir auch nicht mehr das Gefühl, den Azoren irgendwie Unrecht zu tun. Doch mal ganz abgesehen davon, am Ende haben ja dann auch ganz andere Gründe den Ausschlag gegeben, den Azoren nun den Rücken zuzudrehen.

„Aufbruchstimmung ...“

„Aufbruchstimmung …“

Doch es ist schon irgendwie bitter, dass fast alles, was wir auf den Azoren erlebt haben, in solch einem krassen Gegensatz zu dem steht, was wir erwartet haben. Alle Crews, mit denen wir über unsere Pläne gesprochen haben, haben unisono erklärt, wie toll die Azoren sind und das man immer wieder zu jeder Insel fahren könnte, weil eine toller als die andere ist. Es hat wirklich nicht ein einziger auch nur das kleinste »Aber« angefügt.
Vielleicht ist das ja auch eine Verklärung, die bei Seglern dadurch leichte Nahrung findet, dass die Azoren eben mitten im Atlantik liegen und so per se Respekt und Bewunderung bei anderen erzeugen und man auch selbst gerne mit einem wohlwollenden Auge auf dieses Erlebnis zurückblickt.

„... bei maximalem Azorenwetter! 😂“

„… bei maximalem Azorenwetter! 😂“

Als wir uns von Anna und Reinhard verabschieden, sagt Anna: »Ihr macht das richtig, vielleicht folgen wir euch, ich will dieses Jahr wenigstens auch noch mal etwas Sommer haben.«

Praia da Vitória, Terceira, Azoren -> irgendwo im Atlantik am Tag 4 Distanz: 526,9 sm Gesamtdistanz: 2.346,6 sm

Tag 1, Do. 23.06.

Draußen schüttet es so erbärmlich, wie es schon lange nicht mehr geschüttet hat. Wir verschieben unseren Aufbruch, denn die triefnassen Sachen bekommen wir unterwegs nie wieder getrocknet. So warten wir ab, um nur so wenige Sachen wie möglich noch zusätzlich nass zu machen. Wir Deppen hätten gestern noch die Großpersenning abnehmen sollen. Da war sie wenigstens nur klamm.
Wenn wir unterwegs sind, ist Regen zwar auch blöd, aber wir können uns ja reinsetzen. Wir sind wirklich heilfroh, dass unsere dicke Erna einen Decksalon hat. Das ist nicht nur bei Regen super, auch in kalten Nächten ist das die Rettung. Nach einigen Segeljahren weiß man, was unabdingbar auf einem Schiff ist.

Vor genau 4 Wochen sind wir in Vila do Porto auf Santa Maria auf den Azoren angekommen. Wenn es nicht auch andere Gründe geben würde, wären wir vielleicht noch etwas geblieben, aber wir weinen den Azoren auch keine Krokodilsträne nach. Sicherlich werden die Azoren eine zweite Chance bekommen, denn anders wird es kaum gehen, wenn wir unsere Nordamerika-Pläne verwirklichen und dann wieder auf dem Rückweg sind.


„Vor uns liegen 855 Seemeilen.“

„Vor uns liegen 855 Seemeilen.“

Noch im Hafenbecken von Praia da Vitóra setzen wir Segel und fahren um 9:00 zwischen den beiden Molen hindurch in Richtung Osten. Vor uns liegen 855 sm. Unser bisher längster Schlag überhaupt. Immer wieder ziehen dicke Regenschwaden heran, doch durch das ein oder andere Wolkenloch fallen ab und zu auch mal eine Handvoll Sonnenstrahlen, die vor der nächsten schwarzen Regenwand kurz den Farbschnipsel eines Regenbogens aufblitzen lassen.

„Wir nutzen die Regenpause, um abzuhauen.“

„Wir nutzen die Regenpause, um abzuhauen.“

„Ein letzter Blick auf Terceira.“

„Ein letzter Blick auf Terceira.“

„Dann der Blick nach vorn. Auf unserer WebPage sind wir auch losgefahren.“

„Dann der Blick nach vorn. Auf unserer WebPage sind wir auch losgefahren.“

Der hohe Schwell wird von kurzen steilen Windwellen überlagert. Das macht die ganze Sache recht chaotisch. Einen gut passenden Kurs durch die Wellen finden wir nicht, immer wieder poltern Wellen stumpf in uns hinein und werfen uns auf die Seite. Dieses ewige Geschubse ist wirklich nervig und macht das Segeln echt ungemütlich.
Die vorhergesagten 15 Knoten Wind pendeln sich schnell bei 20 + ein. Also reffen wir ein, um wenigstens grundsätzlich etwas aufrechter zu liegen. Mit 70° zum scheinbaren Wind fahren wir zwar deutlich zu südlich, aber später soll der Wind ja eine zeitlang eher auf West drehen. Dann geht es in einem Bogen wieder zurück nach Norden. So unsere Theorie, mal sehen, was sich davon so erfüllt. Immerhin werden wir ja 6 bis 7 Tage unterwegs sein, da bleibt genügend Zeit, um mit den dann so kommenden Gegebenheit herumzuspielen.

„Es bleibt durchwachsen.“

„Es bleibt durchwachsen.“

Genauso schnell und ruppig, wie wir in die Nacht hineinfahren, fahren wir aus ihr auch wieder heraus. Eine mondlose Neumondnacht unter einer geschlossenen Wolkendecke ist wohl das Stockfinsterste, was einem auf einer Nachtfahrt so geboten werden kann. Erst in der ausgehenden Nacht sieht die Capitana auf ihrer zweiten Wache die ersten Sternchen am Horizont blinzeln. Doch das Gastspiel dieser Wolkenlücke ist schon wieder vorüber, als der Schiffsjunge aus der Koje krabbelt und übernimmt.

„So geht es in die erste Nacht.“

„So geht es in die erste Nacht.“

Die See ist heftig. Das nervt. Hoffentlich legt sich dieser Eiertanz mit der Zeit noch.

Um 10:00 loggen wir unser erstes ETMAL mit 147,3 sm. 711 sm liegen noch vor uns. So ein ETMAL ist nicht schlecht. Es ist sogar unser bestes ETMAL bisher. Aber gemütlich war das ganz bestimmt nicht.

Tag 2, Fr. 24.06.

„Tag 2 beginnt.“

„Tag 2 beginnt.“

Nachdem die Nacht relativ trocken war, regnet es nun. Die Luftfeuchtigkeit im Schiff liegt bei rund 70%, draußen trieft und tropft wieder einmal alles. Wenigstens ist es nicht richtig kalt, die 18° C finden wir nun auch schon im Wind als richtig kuschelig. Alles klebt und die salznassen Finger bleiben beim Schreiben dieser Zeilen immer wieder etwas an den Tasten hängen. Man hat das Gefühlt, selbst schon vollkommen durchgeweicht zu sein. Alles ist salzig, die Spray der letzten Nacht hat ganze Arbeit geleistet. Am Horizont zeigt sich in dem Einheitsgrau ein kleiner heller Streifen, hoffentlich können wir dort mal etwas von dieser Nässe wegtrocknen.

„Wieder Regen!!!!“

„Wieder Regen!!!!“

Vor einer halben Stunde hat uns eine der Wellen voll auf die Seite gelegt. Der Wind kommt inzwischen mit gut 20 Knoten aus Westen und wir fahren etwa 120° zum Wind, aber die Wellen laufen manchmal echt quer ein. Grundsätzlich sind sie erträglich, machen es aber dennoch ungemütlich, weil wir ständig hin und her geschubst werden. Wenn man irgendwie verkeilt sitzt oder in der Koje platt hingegossen auf dem Bauch liegt, geht es. Alles andere ist ein Eiertanz mit ungewissem Ausgang. Da beim Einfüllen einer Tasse Tee immer etwas daneben geht, machen wir das nur noch in der Spüle oder auf dem Cockpitboden. Trinken ist auch so eine Sache. Ganz heiß sollte man seinen Tee nie trinken, denn schnell schwappt doch etwas sabbernd am Mund vorbei und läuft in den Kragen. Irgendwelche Versuche, das Schlimmste mit der Zunge doch noch zu verhindern, machen die Sache nur noch schlimmer. Die größten Erfolgsaussichten hat man noch, wenn man längst zu den Wellen und den Rollbewegungen versucht zu trinken, aber eine Garantie ist das auch nicht. Deswegen trinken wir den Tee lieber erst, wenn er Körpertemperatur hat.

„Weiter geht's.“

„Weiter geht's.“

Immer mal wieder kommen wir in Bereiche mit deutlich höheren Wellen und so ein Bursche hat uns dann auch recht blöd erwischt. Erst rutschen wir an ihm etwas herunter und dann tunkt es tatsächlich das Sülbord der dicken Erna unter. Einige sicher geglaubte Dinge lassen sich das nicht nehmen und starten sofort zu einem kleinen Rundflug in der PINCOYA. Die Capitana, die sich nach ihrer frühen Wache gerade noch einmal hingelegt hatte, schraubt sich etwas unbeholfen aus der Koje. Es sieht kurz so aus, als ob sie vom Hunger getrieben vollkommen geschwächt auf den Kühlschrank zu krabbelt. Fragt dann aber: “Was machst Du denn?” Nun ja … Was soll ich sagen? Voll entspannte Überfahrten sind eben so. Wir scheinen das anzuziehen.

„Oh!!! Ein Sonnenloch!“

„Oh!!! Ein Sonnenloch!“

Zum frühen Nachmittag fahren wir dann tatsächlich unter einer Wolkenwand hindurch und geradewegs in ein sommerblaues Wolkenloch hinein. Der Wind dreht von jetzt auf gleich zurück auf Nordwest und nimmt etwas ab. KAUM ZU GLAUBEN, im Cockpit trocknet so langsam alles und wir tauschen die wattierten Snowboard-Hosen gegen lange Jeans. Und eine ganze Weile segeln wir tatsächlich ruhig und leicht schunkelnd dahin. Nicht schnell, aber wunderbar entspannt.

„Ah jetzt ja! Stimmt, ich hatte doch diesen Sonnenhut. Lange nicht gebraucht und trotzdem wiedergefunden.“

„Ah jetzt ja! Stimmt, ich hatte doch diesen Sonnenhut. Lange nicht gebraucht und trotzdem wiedergefunden.“

Doch die Entspannung ist nur kurz. Von Westen ziehen schon wieder dicke Regenwolken heran und die herannahende Nacht lässt sie noch etwas schwärzer und bedrohlicher aussehen, als sie eigentlich sind. Zwei Frachter kreuzen unseren Weg, seit unserem Start haben wir nichts und niemanden mehr gesehen und nun gleich zwei.

„ok, das Sonnenloch war schön, aber zu klein...“

„ok, das Sonnenloch war schön, aber zu klein…“

„Da ist er wieder, der Azorenhochregen.“

„Da ist er wieder, der Azorenhochregen.“

Kaum habe ich um 23:00 Uhr meine Wache begonnen, dreht der Wind auf Nord und sogar auf Nordost. Das passt nicht ganz zu unserem Ziel, aber es frischt auch auf und die dicke Erna beginnt zu laufen. Die Wellen sind dieselben geblieben, aber mit etwas mehr Fahrt liegen wir doch ruhiger in den Wellen und schwappen nicht mehr wie ein willenloser Spielball durch die Wellen des Atlantiks. Kaum haben wir uns eingerichtet, dreht der Wind schon wieder zurück. Diese Windkapriolen nerven schon etwas. Doch ganz langsam öffnet sich nun die Wolkendecke vor uns und über uns breitet sich ein sagenhafter Sternenhimmel aus. Ich lege mich auf dem Rücken ins Cockpit und schaue gebannt in die Myriaden von Sternen. Kein Mond stört, so erscheint das Sternenlicht noch heller zu sein als sonst. Wie in einem Spiegel glitzert, funkelt und leuchtet um uns herum ein ebenso sagenhaftes Meeresleuchten. Beides hängt ja nicht zusammen, aber wenn beide gemeinsam auftreten, dann ist das wirklich die ganz große Show. Dies sind die unglaublich faszinierenden Momente beim Segeln. Ich überlege, ob ich Astrid wecken soll, aber es sieht ganz danach aus, dass sie dieses Schauspiel auch noch auf ihrer Wache hat.

„So geht's in die zweite Nacht.“

„So geht's in die zweite Nacht.“

Um 10:00 schreiben wir unser zweites ETMAL mit 132 sm. Trotz all der Problemchen noch ein hübsches ETMAL, mit dem wir zufrieden sein können. Und nur noch 583 sm to go.

Tag 3, Sa. 25.06.

„Der Tag 3 kommt ...“

„Der Tag 3 kommt …“

Es riecht ja nach einer gewissen Stinklangweiligkeit, wenn man immer wieder dasselbe schreibt. Und da sich im Grunde genommen das Wetter nicht wirklich ändert, kann man an dieser Stelle eigentlich alle bisherigen Wetterbeschreibungen in beliebiger Reihenfolge noch einmal lesen und erhält so einen besonders treffenden Eindruck des Wetters am dritten Tag. So werde ich nun auch so lange nichts mehr über das Wetter schreiben, bis entweder ein richtig wilder Sturm über uns herfällt oder wir in einer der flauesten Flauten stecken bleiben, die der Atlantik je gesehen hat. Oder aber – jawoll – wenn wir die europäische Hitzewelle erreichen und das Schmuddelwetter des Azorenhochs hinter uns gelassen haben. Versprochen!

„... mit Pastellfarben.“

„… mit Pastellfarben.“


Und hier noch ein kleiner Tipp für Segler. Wir wissen nicht, ob das nur mit B&G so gut funktioniert oder ob das eh schon alle echten Fahrtensegler wissen und nur wir die Letzten sind, die auf diese Idee gekommen sind. Aber egal! Auf längeren Etappen lassen wir den Autopiloten ja meist im Windsteuerungsmodus steuern. Das hat den Vorteil, dass man nicht bei jedem Dreher an den Segeln hinterherzuppeln muss, sondern es reicht, nur mal alle Stunde auf den Kurs zu schauen. Ansonsten fährt’s und das ist ja auch gut so. Doch die Nerverei beginnt bei wenig Wind und schönen Schaukelwellen. Dann schwingt der Mast großzügig hin und her und die Windfahne im Masttop macht da gleich mal bereitwillig mit, weil der wenige Wind sie eben nicht mehr im Wind hält.

Bisher haben wir dann auf Kompasskurs umgeschaltet, damit der Autopilot nicht ständig versucht den vermeintlichen Winddrehern, die durch das Schwanken impliziert werden, hinterherzusteuern. Dann mussten wir aber wieder auf die Segel achten, denn mit jeder Drehung flatterte es gleich wieder oder fuhr nur noch leidlich. Und nun haben wir die Windfahnensteuerung für alle Kurse auf TWA, also true wind angle, umgestellt. Das hat den riesigen Vorteil, dass der ja in kurzen Abständen vom Autopiloten berechnet und nicht innerhalb von Millisekunden vom Windgeber im Masttop an den Autopiloten übertragen wird. So erreichen wir durch die Brust ins Auge ein gewisse Dämpfung. Und damit fahren wir nun schon seit mehr als 24 h in allen Windsituationen bestens.
Wie gesagt, vielleicht sind wir die letzten Deppen, die nun auch darauf gekommen sind und vielleicht gibt es ja auch irgendwo in den Tiefen der Settings für den AWA auch eine einstellbare Dämpfung. Wer weiß? Aber mit dem TWA-Modus geht das eben auch ganz hervorragend.

„Der Sonnenaufgang an Tag 3.“

„Der Sonnenaufgang an Tag 3.“


Um ehrlich zu sein …
Obwohl wir ja nun schon einige Langschläge hinter uns haben und die zwanzigtausendste Seemeile allein mit der PINCOYA auch schon lange hinter uns liegt, sind wir wohl immer noch keine echten Langfahrtsegler. In der Nacht, bevor wir losgefahren sind, konnten wir beide nicht so richtig schlafen. Die Anspannung ist uns anzumerken, wir wären gerne entspannter, sind es aber nicht. Und dann fühlen sich unsere Mägen in den ersten Tagen wieder einmal flau an. Richtig echt seekrank sind wir nicht, aber alles läuft auf niedrigen Touren und wir brauchen etwas, bis wir uns wieder einkriegen. Das ruppige Wetter macht es uns da nicht leichter, es raubt uns zusätzlich Energie. Von großen Heldentaten können wir nicht berichten, solche Überfahrten schütteln wir nicht einfach so aus dem Ärmel. Es strengt uns an und wir wissen, dass wir da noch weiter reinwachsen müssen. Es wäre wirklich schön, wenn wir mal eine Überfahrt abbekommen würden, auf der es gesitteter zugeht. Vielleicht so wie auf dem letzten Abschnitt nach Santa Maria.

„Sieht warm aus, ist es aber nicht.“

„Sieht warm aus, ist es aber nicht.“

Und so laufen wir auf Sparflamme und lassen uns irgendwie selbst zu kurz kommen. Aber mehr ist in den ersten Tagen nicht drin. Sitzen, gucken, dösen und denken, nachdenken wäre zu viel, da müsste man ja irgendwie strukturiert denken, dann etwas lesen, ein einfaches Sudoku lösen und schlafen. Das ist alles. Und ach ja, natürlich auch Wache gehen und sich ums Segeln kümmern. Aber alles läuft mit Minimaleinsatz. Irgendwie sind wir lethargisch und das ändert sich in den ersten Tagen auch nur ganz langsam. Etwas mehr Sonne würde helfen, aber die ist gerade Mangelware. Alles, was wir vorher nicht vorbereitet und erledigt haben, passiert unweigerlich auch nicht mehr. Immerhin haben wir dieses Mal wieder ausreichend vorgekocht. Wenn wir in den ersten Tagen mehr machen müssten, als nur das Essen aufzuwärmen, würde das auch unterbleiben. Genauso wie das geordnete Frühstücken gerade unterbleibt, obwohl eigentlich für alles gesorgt ist. Da wir uns aber schon kennen, haben wir Berge von Müsli, Kräckern, Salzstangen, Keksen und von diesen kleinen trockenen Brotstückchen an Bord, denn im Süden gibt es ja leider kein schwedisches Knäckebrot.

Auch ist es für uns immer noch keine Routine, durch die Nacht zu fahren. Schon gar nicht mit 6 bis 7 Knoten, das macht ein ungutes Gefühl. Man sieht zwar auch tagsüber nicht die Dinge, die einem gefährlich werden könnten, aber nachts ist das neben doch noch mal eine ganz andere Nummer. Wenigstens im Kopf, wo auch sonst. Etwas mehr Routine würde helfen. Vielleicht verlieren wir diese Anspannung ja irgendwann, weil sie objektiv gesehen auch unnötig ist. Schließlich gewinnen wir ja auch nicht im Lotto, wieso sollten wir dann auf einen dieser legendären, schlafenden Wale krachen, wo wir noch nicht einmal einen wachen Wal zu Gesicht bekommen.

Doch Respekt und etwas umsichtige Vorsicht sind ja auch gut. So leben wir im 15-Minutentakt der Eieruhr. Upps, da klingelt es schon wieder, ich muss mal Ausschau halten.


„Kocheinsatz!“

„Kocheinsatz!“

Im Großen und Ganzen kommt es mit den vorhergesagten Windstärken und -richtungen auch am dritten Tag noch ganz gut hin. Immer wieder gibt es recht großzügige Dreher, aber die Grundtendenz stimmt weitgehend. Trotzdem holen wir uns über den Garmin mal »Punktwetter«. Astrid hat schon im Vorfeld einige passende Punkte entlang unserer Route herausgesucht und für diese Punkte rufen wir nun das Wetter ab. Danach sieht es nun so aus, dass wir eher in ein Schwachwindgebiet segeln und ab Dienstag und Mittwoch wohl mit einem kräftigen Nord rechnen können. Doch irgendwelche schlimmeren Dinge scheinen nicht vor uns zu liegen. Aber mal sehen, wie wir vorankommen.
Wie schön wäre es, wenn unser Kurs doch mal etwas »blauwassersegliger« werden würde. Ein Wind, der etwas achterlich reinkommt, wäre bequemer und alles wäre damit auch einfacher. Die ganze Zeit segeln wir schon wieder um die 60° und oft deutlich drunter. Gut, dass die dicke Erna ein Mono ist, so können wir solche Kurse noch problemlos fahren und sogar auch noch leicht variieren.

Zum Essen fallen wir ab, dann ist es etwas ruhiger, danach geht’s wieder auf Kurs. So geht es in eine ereignislose Nacht.

Um 10:00 loggen wir unser drittes ETMAL mit 134,2 sm. 450 sm to go.

Tag 4, So. 26.06.

„Tag 4 beginnt.“

„Tag 4 beginnt.“

Noch vor dem Loggen des dritten ETMALs beginnt der Sonntag mit einer kleinen schulmäßigen Reffübung. Eine leichte und unbekannte Vibration hatte mich schon geweckt, als Astrid kommt, um mich zum Reffen zu holen. Die Windhistorie zeigt deutlich nach oben und nun haben wir beständig über 20 kn. Um uns herum grinsen weiße Schaumkrönchen hämisch zu uns herüber und scheinen nur abzuwarten, was wir nun machen. Es sieht wirklich danach aus, dass es Zeit wird. Also drehen wir erst einmal die Genua ins zweite Reff. Der Wind legt aber noch etwas zu und wir beschließen, auch das Groß ins erste Reff zu nehmen. Das geht schnell und ohne wenn und aber. Spätestens seit Madeira und den Kanaren sind wir die Reffprofis. Zufrieden setzen wir uns ins Cockpit, um die ganze Sache nun zu beobachten. Doch kaum eine Bö erreicht noch die 18 kn und nach zehn Minuten treiben wir bei 10 kn wild schaukelnd durch die Wellen. Also reffen wir wieder alles aus und fahren so weiter wie bisher. Wir wissen nicht, was andere empfehlen, doch wenn man morgens Schwierigkeiten hat, den Dreh zu kriegen und in die Gänge zu kommen, dann hilft so eine kleine Reffübung an frischer Luft ganz ungemein. 😂

„Regnerisch, aber ruhiger.“

„Regnerisch, aber ruhiger.“


Der Unterschied kommt mit Tag 3 oder 4 …
Beim Fahrtensegeln gibt es zwei signifikante Schritte, die noch mal einen großen Unterschied machen. Den ersten haben wir das erste Mal mit unserer Überfahrt von Portimão nach Porto Santo gemacht. Das war unsere erste echte Offshore-Etappe und wir haben schnell den doch recht großen Unterschied zum Küstensegeln gespürt. Klar kann man küstennah auch tagelang durchsegeln, aber es ist ein nicht unerheblicher Unterschied, ob man wirklich Offshore segelt oder eben doch in Reichweite der Küste bleibt. Der gravierendste Unterschied dabei ist, dass es beim Offshore-Segeln schon bald keine Alternative mehr zum »Weiter« gibt, wohingegen beim Küstensegeln sich meist doch irgendwelche Alternativen finden lassen, wenn es sich mal nicht so entwickelt, wie geplant.

Der zweite Schritt wird einem erst bewusst, wenn man wirklich mal länger segelt und nicht schon nach dem dritten oder vierten Tag am Ziel ist. Auf kurzen Offshore-Etappen ist schnell die Halbzeit erreicht und dann ist man auch schon fast da. Egal, ob da noch eine weitere Nacht kommt oder nicht. Doch wenn einem am dritten Tag wirklich klar wird, dass man wenigstens noch einmal so lange, wenn nicht sogar noch viele Tage mehr unterwegs ist, kommt dieses »Gleich-sind-wir-da-Gefühl« gar nicht erst auf. Dann ist man unterwegs und beginnt sich mit dem »Unterwegssein« einzurichten. Viele Fahrtensegler berichten, dass sie immer einige Tage brauchen, um sich einzuschwingen. Und dass es ab dem dritten oder vierten Tag läuft. Ich glaube, das ist genau dieser Punkt, ab dem man unterwegs ist.

Und für uns hat es einen spürbaren Unterschied gemacht, als wir dann unterwegs waren. Denn ab dem Zeitpunkt gab es den Berg der Tage vor dem Ankommen nicht mehr, sondern nur noch das Unterwegssein.


Am Sonntag um 13:00 ist Halbzeit, wenigstens bei den Meilen. Es steht genau 432,2 zu 432,2.

„Halbzeit, es ist Zeit, die Gastlandflagge runterzunehmen. Bisher war uns nicht danach.“

„Halbzeit, es ist Zeit, die Gastlandflagge runterzunehmen. Bisher war uns nicht danach.“

„Der Hunger kommt!!!“

„Der Hunger kommt!!!“


Nachmittags kommt die Capitana dann nach Sonnenmilch duftend und mit einem Trägertop ins Cockpit. Für die Hotpants ist es noch nicht hot genug. Schon am späten Vormittag tauchte vor uns eine blaue Wolkenlücke auf und unter die sind wir nun gefahren. Von einem blauem Himmel strahlt eine freundliche Sonne und um uns herum tummeln sich nur noch weiße Puschelwolken. Die Regenwolken haben wir hinter uns gelassen und vielleicht haben wir an diesem Nachmittag der Halbzeit nun tatsächlich auch das Schmuddelwetter des Azorenhochs hinter uns gelassen. Es reicht ja mit dem Aprilwetter nun auch wirklich mal, wir haben ja schon fast Juli!

„Hej!!! Sommer!!!“

„Hej!!! Sommer!!!“

Am späten Nachmittag kommen uns erst ein Frachter und dann ein Segler entgegen. Den Steuermann des Frachters müssen wir erst per Funk wecken, um zu klären, dass wir rot-rot passieren. Warum die Burschen immer solange stumpf auf einen zufahren, bis man sie anfunkt, ist uns nicht wirklich klar. Vielleicht machen die tatsächlich ein Nickerchen auf der Brücke oder sind gerade beim Essen. Der Segler kämpft sich genauso voran wie wir, nur weiß er noch nicht, dass er bald die Regensachen braucht, die bei uns gerade trocknen 😊.

„Der einzige Segler, der uns auf der ganzen Strecke entgegen kam.“

„Der einzige Segler, der uns auf der ganzen Strecke entgegen kam.“

Und dieser Nachmittag bringt wirklich mal Entspannung und genauso geht es auch in und durch die Nacht. Die Wellen haben sich zwar etwas gelegt und sind nicht mehr so chaotisch, aber der lange Atlantikschwell bleibt beachtlich. Wieder breitet sich dieser unglaubliche Sternenhimmel über uns aus. Diesmal allerdings ohne sein Spiegelbild im Meeresleuchten. Endlich geht es mal einfach so voran und wir müssen nicht ständig ein- oder ausreffen oder den Kurs korrigieren, um einen halbwegs freundlichen Weg durch die Wellen zu finden. Es fährt einfach, wie entspannt kann so etwas sein? Wenn man das dann so erlebt, weiß man erst, wie scheiße unsere bisherigen Überfahrten waren.

„Tag 4 geht zu Ende.“

„Tag 4 geht zu Ende.“

Um 10:00 loggen wir unser viertes ETMAL immerhin noch mit 113,4 sm. 338 sm to go.
Die Nacht war langsam und hat nur noch an unserem eigentlich gut angesetzten ETMAL herumgeknabbert. Wir sind nun tatsächlich direkt in ein Schwachwindgebiet gefahren. Eigentlich wollten wir etwas südlich bleiben, aber unsere Wettervorhersagen sind ja nun auch schon 4 Tage alt, da wird sich viel geändert haben.


„Unsere ETMALe 1 bis 4 im Überblick.“

„Unsere ETMALe 1 bis 4 im Überblick.“