Île de Yeu – hart erkämpft


Pornic -> Île de Yeu Start: 7:30 Ende: 17:40 Wind: SW – W 13 – 19 (23) kn Distanz: 43,6 sm Gesamtdistanz: 1.445,3 sm

 

„von Pornic -> zur Île de Yeu“

„von Pornic -> zur Île de Yeu“

So richtig gut schlafen wir beide nicht. Als der Wecker um 6:30 klingelt, ist es schon so etwas wie eine Erlösung. Endlich geht’s los. Wir haben uns in den letzten Tagen viele Gedanken gemacht, wie wir weiterkommen und all diese Überlegungen begleitete das Wetter ganz motivierend entweder mit Schüttregen oder wildem Windgeheul, aber meistens doch mit beidem. Nun würden wir ja Schüttregen schon in Kauf nehmen, auch wenn man sich Schöneres vorstellen kann. Aber der Regen hat die blöde Eigenschaft, sich gerne von etwas mehr Wind begleiten zu lassen. Außerdem kommt der Wind permanent aus Süd bis Südwest und das ist genau die Richtung, in die wir weiterfahren müssen. Nicht gerade optimal. Seit einigen Tagen haben wir auch den Abruf unserer Wetterdaten um die Daten zu Wellenhöhen erweitert. Bisher haben wir uns darum nur sporadisch gekümmert, aber jetzt und hier macht es schon Sinn, die Wellenhöhen auch in sein Kalkül einzubeziehen. Die aktuelle, wettertechnische Gesamtsituation ist schon irgendwie ungünstig für uns. Es kachelt eigentlich permanent, und je nach Dauer und Richtung der Starkwindphase sind vor der Küste Wellenhöhen von 2 bis 4,5 m drin.

Pornic liegt ziemlich weit östlich in der Bucht nördlich der Île de Noirmoutier. Das ist bei einem kräftigen Südwest ganz schön, aber wenn man mit einem West dort raus muss, um wenigstens eine kleine Chance auf einen südlichen Kurs zu haben, dann ist das blöd und bedeutet eine harte Kreuz. Für Freitag ist ein von Südwest auf West drehender Wind vorhergesagt, der morgens mäßig mit 13 – 15 Knoten noch aus Südwest kommen soll, dann aber mittags auffrischend auf West dreht. In der Ostsee hätten Astrid und ich nicht lange darüber diskutiert, aber zu dieser Windgemengelage ist eine Welle von 3,5 m angesagt. Nicht gleich vor Pornic, dort herrscht seit Tagen ein etwa 2 m hohes Durcheinander, aber wenn wir weiter rauskommen. Und wir müssen weit raus, denn vor der Île de Noirmoutier liegen große Flachbereiche, die wir weit umfahren wollen. Die Abkürzung hinter der Île de Pilier, direkt westlich von L’Herbaudiere kommt gar nicht in Frage, das wäre bei diesem Wetter russisch Roulette.

Deswegen haben wir beide uns die Köpfe heiß überlegt, denn mit diesen Wellensituationen haben wir schlicht keine Erfahrung. Was bedeutet es, mit der PINCOYA in durchschnittlich vorhergesagten 3,5-m-Wellen mit einer Frequenz von 10 Sekunden bei 20 Knoten Wind zu segeln? Wir wissen es nicht!
Aber diese Bedingungen sind in den nächsten Tagen auch unsere einzige Chance, zur Île de Yeu zu kommen. So beschließen wir es zu versuchen, beschließen aber auch, es nicht um jeden Preis zu machen, und wenn einer von uns sein Veto einlegt, wird ohne Diskussion umgedreht.

 

„Sonnenaufgang und los.“

„Sonnenaufgang und los.“

Um 7:30 laufen wir aus. Sehr selten waren wir so gut vorbereitet wie heute. Alles haben wir doppelt gecheckt und alles ist absolut sturmsicher verstaut und abgespannt. Wobei sturmsicher ja nicht so richtig richtig ist, richtiger wäre »wellensicher«. Sicherheitshalber haben wir auch schon mal das erste Reff ins Groß gebunden und hoffen auf so viel Wind, dass wir mit der Starkwindfock auf der Selbstwendeschiene ein leichtes Spiel beim Kreuzen haben. In der Theorie wollten wir das Groß noch im Hafen setzen, aber dann ist es uns doch zu eng dort und wir müssen uns doch wieder auf diesen Segelsetzeiertanz vor dem Hafen einlassen. Nachdem wir uns vom Hafen etwas frei gefahren haben, beginnen wir zu kreuzen. Die ersten 10 Seemeilen erinnern dann in der Tat schon etwas an die Ostsee, denn die Wellen in der flachen Bucht sind steil und teilweise chaotisch. Doch der Strom des ablaufenden Wassers ist noch mit uns und schenkt uns Wendewinkel, die nicht schöner sein können. So macht Kreuzen Spaß, auch wenn der Strom gegen Wind läuft und die See aufsteilt.

 

„Wir lassen Pornic hinter uns.“

„Wir lassen Pornic hinter uns.“

Mal reicht die Starkwindfock und mal nehmen wir die gereffte Genua. Ab und an trifft uns ein Schauer mit seinem Starkwind, dann ist er wieder durch und es wird ruhiger, wenn man das so nennen mag. Aber insgesamt läuft es gut. An dem Track unseres vorletzten Kreuzschlags sieht man, wann uns der mitlaufende Strom verlassen hat. Deswegen müssen wir noch einmal weit raus, um die Flachs der Île de Pilier weit westlich zu umfahren. Und auf diesen letzten Kreuzschlag passiert es dann. Plötzlich knallt es und das ganze Rigg zittert.
In einer zehntel Sekunde zählen wir beide unabhängig die Stagen und Wanten durch. Alle sind da und keins schlabbert. Das ist erst einmal gut! Aber die Genua flattert! Der Übeltäter ist schnell gefunden, der Reffgurt der Genua ist gerissen und die Genua ist aus dem 2ten Reff voll ausgerauscht. Mist, wieder unser Fehlkauf! Was haben wir uns schon darüber geärgert! Dieser Scheiß-Facnor-Flatdeck-Furler taugt nicht für 5 Pfennig und ist absoluter Mist und der größte Schund, den man sich für seine Rollgenuaanlage kaufen kann. Egal, wie man das Teil einstellt, der Gurt scheuert immer irgendwie und scheuert sich eben durch. Angeblich soll das ein Dyneema-Gurt sein und Facnor hat uns als eigentlich vollkommen unnötigen Ersatz für einen absolut hochwertigen und vollkommen unkaputtbaren Dyneemagurt ganz großzügig einen Ersatzgurt für 350 € (!!!) angeboten. Für 15 m Gurt 350€!!! Die teuerste Dyneemastrippe für einen normalen Furler kostet wohl so um die 5 € den Meter, wobei man auch viel preiswerter an solche Strippen kommt. Aber Fucknor will sage und schreibe 350 € für einen Gurt, der nach 3 Jahren reißt. Natürlich hat man uns gesagt, dass wir unsere Anlage vollkommen falsch montiert haben, aber unsere Anlage wurde von einem autorisierten Fachbetrieb vollkommen fach-un-gerecht montiert. Nach diesem Hinweis erstarb dann übrigens auch unsere Kommunikation mit dem deutschen Generalimporteur und Facnor ganz abrupt.

Aber egal, wir haben nun das Problem bei gut 18 Knoten Wind und inzwischen echt erwachsenen Wellen, die schräg gegenan einlaufen. Bevor wir den Motor anschmeißen, checken wir beide doppelt, dass alle Leine und alle Reste auch wirklich an Bord sind. Der Schiffsjunge kramt ein altes Fall heraus. Es ist doch gut, dass er ein echter Sammler ist und manchmal sogar auch weiß, wo er was sammelt. Die Capitana hält uns knapp auf Kurs, ohne zu viel Druck in den Segeln zuzulassen, aber auch nicht zu wenig. Vorn aus der Fucknor-Rolle guckt noch ein kleiner Rest Gurt heraus. Die Hoffnung ist, dass der aufgerollte Restgurt reicht, um die Genua wenigsten wieder weitgehend einzurollen. Die Wellen sind inzwischen etwas für Große. Als ich nach vorn krabbele, weiß ich, dass es nass werden wird. Eingepickt krabbele ich bis auf den Bugspriet, lege mich dort auf den Bauch und verkeile mich, so gut es geht, um beide Hände frei zu haben. Was für ein Ritt! So richtig gut war uns beiden ja schon vorher nicht mehr, aber hier vorn ist es wirklich arg. Ich merke, wie mir schlecht wird, das muss jetzt aber wirklich mal warten. Der Restgurt ist aus dem Auslassschlitz herausgerutscht. Da muss ich ihn erst wieder durchfummeln. Schwierig, schwierig. Die Ersatzstrippe habe ich zwischen den Zähnen, so geht Kotzen jetzt gerade sowieso nicht. Das Durchfummeln des Restgurts dauert. Zweimal höre ich Astrid hinter mir brüllen. Das was ich dann vor mir sehe, will ich gar nicht sehen. Ich presse das Kinn auf den Kragen der Jacke, damit nicht zu viel Wasser einsteigt. Land unter! Dann wieder oben. Irgendwann habe ich den Gurt durch. Palstek, Kotzreiz, boah jetzt nicht, zusammenreißen, noch nen Palstek, Ersatzstrippe dran. Astrid passt auf mich auf, dass ist gut, wenn sie am Ruder steht, kann ich ruhig nach vorn. Mein Hirn ist irgendwie vernebelt. Astrid brüllt »Luv-Seite zurück«. Ich wäre glatt wieder auf der Lee-Seite zurück, weil dort ja auf dem Hinweg die Ersatzstrippe lang musste. Dann wieder hinten. Vorsichtiges Ziehen. Es rollt, die Genua wird kleiner. Puuh! Gott sei Dank ist der Mistgurt so weit hinten gerissen, dass wir mit dem aufgerollten Rest die Genua tatsächlich wieder ganz einrollen können. Starkwindfock raus und zack. Es passt, so kann es weitergehen. Es lebe das Kutterrigg. Vieles macht es schwieriger, aber das Entscheidende dann eben doch einfacher. Und man hat ein zweites Vorsegel direkt am Start. Nie mehr werde ich bei einer Wende mit der Genua über das Kutterrigg fluchen!!! Versprochen! Durchatmen, mir ist echt etwas ungut und Astrid guckt auch nicht eben wohlfühl-gesund aus ihrer Wäsche. Mit dem gerefften Groß und der Fock haben wir nun aber für diese Wellen etwas wenig Druck in den Segeln. Also Groß ausreffen und dann letzte Wende. Der Kurs könnte passen. Wir lassen es laufen und sammeln uns erst einmal wieder. Das geht auch ganz gut, obwohl die Wellen nun doch zunehmend höher einlaufen.

Da der Wind bald doch wieder zunimmt, binden wir nach einer Stunde wieder das erste Reff ins Groß. Die Wellen sind nun auch schon richtig groß, aber unsere dicke Erna nimmt sie fantastisch. Wir müssen uns nur von den Flachstellen freihalten. Man sieht am Wellenbild sofort, wenn es flacher wird. Gott sei Dank hilft uns dabei dann der ersehnte Westdreher des Windes 👍👍👍. Genau vor der Île de Pilier macht unser Track einen Knick, das ist das Winddrehergeschenk. Langsam erholen wir uns und die Kodderigkeit verschwindet zunehmend. Ein ums anderes Mal staunen wir über die Höhe der Wellen. Die machen Respekt…., aber es macht irgendwie auch Spaß.

 

„Vor der Île de Yeu haben wir einen Mitstreiter, wir können uns aber nicht immer sehen 😳!“

„Vor der Île de Yeu haben wir einen Mitstreiter, wir können uns aber nicht immer sehen 😳!“

Nach einer gefühlten Ewigkeit, denn inzwischen läuft der Strom ordentlich gegenan, können wir südlich der Île de Noirmoutier abfallen und auf Kurs Île de Yeu gehen. So fahren wir nun fast genau parallel zu unseren ersten echten und unverfälschten Biskaya-Wellen. »Beeindruckend« und »respekteinflößend« sind dafür wohl die richtigen Worte. Wir sind erstaunt, wie gut die PINCOYA die großen Wellen nimmt. Nun wissen wir, was 3,5 m mit einer Frequenz von 10 Sekunden bedeuten. Die Großen machen keine Probleme, nur wenn sich mal kleinere überlagern, kommt es ab und zu dazu, dass sich etwas bricht. Wir haben Glück, denn das machen die Burschen entweder nur vor oder hinter uns. Aber… wow! Echt anders hier! Wenn wir so lang und schräg eine dieser Wellen erklommen haben und links und rechts in die Täler schauen, dann hat man manchmal unwillkürlich das Gefühl auf einen Deich an der ostfriesischen Küste zu stehen. Erstaunlich, und alles nur aus Wasser.

 

„Fast geschafft...“

„Fast geschafft…“

Kurz vor der Île de Yue baut sich im Westen ein breite Schauerfront auf. Da ist echt Wind drin, im Fernglas sehen wir, wie sich auf breiter Front das ganze Wasser darunter weiß färbt. Erstaunlich hohe Wellenberge brechen sich auch erstaunlich unangenehm an der Westseite der Île de Yeu. Hoffentlich liegt der Hafen der Insel weit genug ums Eck. Noch können wir das nicht richtig einschätzen. Der Wind nimmt zu und zeigt uns deutlich mehr als 20 Knoten. Wir reffen das Groß für die Anfahrt lieber noch ins zweite Reff runter, denn runter muss es ja eh bald. Just in time, anders kann man es wirklich nicht sagen, drücken wir uns etwas östlich hinter die Einfahrt des Hafens, nehmen die Segel runter und fahren mit den ersten bösen Böen und einem ordentlichen Schüttregen ein. Als wir im Fährhafen einige Anlegevorbereitungsrunden drehen, zieht die Schauerfront schon wieder mit einigen dicken Böen ab. Und dann sind wir fest und haben es geschafft. Einfach war’s nicht, aber gerade die letzten 12 Seemeilen bis zur Île de Yeu waren toll. Und als ich bei den letzten Zeilen für diesen Blog bin und Astrid frage, ob wir noch mal in solchen Wellen segeln wollen, bekomme ich ein spontanes »Na klar, war doch mal was!« zurück. Natürlich ohne all die anderen Schwierigkeiten, nur segeln! In den Wellen hier ist das schon noch mal eine ganze andere und ziemliche neue Nummer des Segelns, … wenigsten für uns.

Île de Yeu
46° 43′ 38,9″ N, 002° 20′ 47,7″ W