Cabo Verde – Martinique – Die Tage 8 bis 12 –

„Tag 8 bis 12“

„Tag 8 bis 12“


Tag 8, Samstag, 21.01.2023
Und Tag 2 nach dem Bruch des Unterwants.
Der Photovergleich zeigt, dass sich das Unterwant wie erwartet noch weiter aufgefasert hat. Vielleicht ist auch noch ein weiteres Kardeel gebrochen. So ganz genau können wir das nicht erkennen. Die provisorischen Verstärkungen sitzen aber weiterhin gut. Ohne die Backstagen würden wir Martinique nicht erreichen. Da sind wir uns ziemlich sicher. Das Wetter scheint in den nächsten 2 Tagen stabil zu bleiben. Mittlerer Wind aus Ost. Wenn wir halbwegs ein Etmal von 95 Seemeilen hinbekommen, dann wäre Montag Halbzeit. Gut, dass wir auf einem Vorwindkurs sind, so ist die Belastung auf den Wanten zwar nicht weg, aber doch deutlich geringer.

„Der mit Spannung erwartete Sonnenaufgang.“

„Der mit Spannung erwartete Sonnenaufgang.“


Der Schock von gestern hängt uns beiden noch nach. Die psychische Belastung ist nicht wegzudiskutieren. Das ist für Astrid genauso wie für mich. Immer wieder kreisen all unsere Gedanken um mögliche nächste Szenarien. Körperlich bin ich mehr betroffen. Mich hat es dort oben im Mast schon immer wieder recht unsanft hin und her geschleudert. Auch der Klammergriff um den Mast hat deutliche Spuren hinterlassen. Überall habe ich blaue Flecke und teils größere Hämatome. Beide Schultern haben auch so einiges abbekommen. Ich fühle mich im wahrsten Sinne des Wort etwas »angeschlagen und ausgezerrt«. Gott sei Danke bringt das Wetter zurzeit keine neuen Herausforderungen mit sich. Das könnten wir aktuell auch nicht wirklich gut gebrauchen. Wir haben es geschafft, aus der misslichen Lage in eine stabile Grundsituation zu kommen. Das ist gut für die Psyche.


Über den Tag werden die sorgenvollen Blick in die Takelage weniger. Unser Provisorium scheint wirklich gut zu halten. Astrid hat schon für Le Marin auf Martinique recherchiert. Dort werden wir neben einem Rigger auch alles andere für eine Reparatur finden. Mal sehen, wie lange das alles dauert. Es ist fraglich, ob wir unseren Zeitplan bis zu den St. Kitts überhaupt halten können. Eva und Wolfgang sind bei ihrem Sohn Chris nur bis Mitte März zu Besuch. Das könnte knapp werden.


Ansonsten hält wieder etwas Bordroutine Einzug. Wir duschen erst einmal und spülen damit auch etwas von unserer ganzen Aufregung weg. Heute früh haben wir auch gleich in einer neuen Nachricht, einem gelben Punkt auf unserem Track, geschrieben, dass wir ok sind, das Provisorium hält und sich keiner ernstliche Sorgen machen muss. Hoffentlich sind unsere Lieben zuhause nun auch etwas entspannter.


Nach dem Abendessen halsen wir. Wir sind inzwischen ziemlich weit südlich unseres eigentlichen Großkreiskurses. Nach der Halse ist nun das gebrochene Want auf der Leeseite. Das beruhigt zusätzlich. Wir haben die Taktik, die Schwachwindphasen auf Steuerbordbug zu segeln, so dass dann die Seite mit dem gebrochene Want in Luv ist, wo nur das Provisorium hält. Die Phasen mit dem stärkeren Wind wollen wir möglichst auf Backbordbug nehmen, dort wird das noch intakte Unterwant ja noch zusätzlich durch das Provisorium verstärkt. Trotz allem müssen wir zusehen, dass wir nicht zu weit südlich kommen. Das würde unsere Reststrecke unnötig verlängern. Deswegen die Halse.

Die Sache mit dem Großkreis kann schon verwirrend sein. Der Furuno zeigt Kurs und Distanz korrekt auf dem Großkreis an. iSailor und Navionics berechnen zwar die Entfernung korrekt, zeigen aber den einzuschlagenden Kurs in der Mercator-Projektion der Seekarten falsch an. Am B&G-Plotter kann man das zwar einstellen, aber den wollen wir nun wirklich nicht die ganze Zeit laufen lassen. So entpuppt sich unser alter Furuno GP-32 als unser Hauptnavigationsgerät. iSailor benutzen wir hier draußen, wo es eh nur Wasser gibt, lediglich zur »optischen Kurskontrolle«, als AIS Plotter und als Seekarte, um »Sea Mounts« zu umfahren. Nicht lachen, aber unter Wasser liegen gewaltige Berge. Manchmal steht dort sogar definitiv in der Karte, dass man mit ungewöhnlich hohen Wellen rechnen muss.


Gegen 21:00 betreten wir Neuland. Schon am Morgen haben wir unseren bisher zeitlich längsten Törn hinter uns gelassen und nun sind wir auch nach Seemeilen länger unterwegs als jemals zuvor. Und an der »qualifying passage« für die OCC-Vollmitgliedschaft von 1.000 sm offshore am Stück fehlen nun auch nur noch 90 sm. Und wir nähern uns auch dem Bergfest dieser Überfahrt. Nicht schnell, aber peu á peu.


Auch durch die nächste Nacht geht es problemlos. Mit der Morgendämmerung frisch es auf. 18 bis 22 Knoten, aber wir fahren ja auf der »gesunden Seite« der PINCOYA, also Backbordbug, und das nur mit Groß. So läuft es. Keine Probleme.

Um 10:00 loggen wir unser achtes Etmal mit tollen 109,3 sm. 1.149 sm to go.
 Der neunte Tag kann beginnen.


Tag 9, Sonntag, 22.01.2023
Und Tag 3 nach dem Bruch des Unterwants.

„Noch ein Morgen, der ohne neue Probleme beginnt.“

„Noch ein Morgen, der ohne neue Probleme beginnt.“

Inzwischen haben wir unsere Nachtwachen »nach hinten geschoben«. Das hört sich irgendwie blöd an, aber wir fahren ja immer noch nach der Zeit auf den Kap Verden, also UTC-1. Martinique liegt aber bei UTC-4 und wir sind aktuell wohl irgendwie zwischen UTC-2 und UTC-3. Da wir nach Westen unterwegs sind, geht die Sonne für uns inzwischen später unter und so eben auch später auf. Deutsche Esoteriker und Sommerzeitquerdenker würden bei uns die Krise kriegen, denn ihr Biorhythmus wäre im Wochentakt vollkommen im Eimer. Ständig wird die Zeit umgestellt, davon kann sich keine Sau so schnell wieder erholen, bevor es schon wieder losgeht. Natürlich wäre das für alle Sommerzeitumstellungshypochonder, die wochenlang unter der brutalen Umstellung der Zeit leiden und deswegen eigentlich krankgeschrieben werden müssten, auch so, wenn sie Urlaub auf den Kanaren, in Portugal oder in Griechenland machen, aber da sind sie ja Gott sei Dank im Urlaub und müssen ihren gestörten Biorhythmus erst wieder nach ihrem Urlaub pflegen. Im Übrigen lasten ja Zeitzonenverschwörungstheoretiker, eine kleine Gruppe der Illuminati parum, zu Deutsch wohl die Gruppe der Unterbelichteten, die generelle Existenz von Zeitzonen nun auch Bill Gates an. 😂 Armer Bill, für was man so alles die Schuld tragen kann, ist schon erstaunlich.

Für uns hat die Nicht-Umstellung einfach praktische Gründe. In erster Linie ist da das elektronische Logbuch, dass sich mit einer Zeitumstellung während einer Langfahrt tatsächlich etwas schwer tut. Und so viele andere Dinge »haben eben auch ihre Zeit«. Das hört bei den Kameras noch lange nicht auf. Und weil wir nicht mit allen Geräten ständig hinter den Zeitzonen hinterherhühnern wollen, bleibt unsere Bordzeit auf Langfahrt eben so lange die Zeit unseres Startortes, bis wir ankommen. Einstein hatte also absolut recht, die Zeit ist relativ 😂. Und unter diesen erschwerten Bedingungen ist es eben viel einfacher, wenn wir unsere Nachtwachen nach Sonnenauf- und Untergang ausrichten und irgendwann beschließen, dass ab heute unsere Nacht eben erst ab 21:00 beginnt. 🙂 Kurz vor Martinique wird sie dann ab 23:00 beginnen, aber unser Biorhythmus weiß immer genau, wann er Hunger hat. Das ist bei dem ganzen Durcheinander, dass Sommerzeitzauderer in den Suizid treiben würde, ja auch schon mal was.
Aber ich müsste vielleicht doch mal mit der Capitana als Chefin sprechen, ob ich mich nicht doch wegen dieser ständigen Zeitumstellungen von den Nachtwachen befreien lassen könnte. Das würde meinem Biorhythmus sicher total gut tun 😂!


In der zweiten Nachthälfte hatte es etwas aufgefrischt. Die 18 bis 22 kn haben uns ordentlich vorangebracht und das tolle letzte Etmal beschert. Die provisorischen Verstärkungen der Unterwanten haben prima gehalten. Nun schwächelt der Wind allerdings und wir rollen in den Wellen. Das Großsegel schlägt. Etwas bange gucken wir auf unsere Schwachstelle im Rigg. Diese Schläge bringen schon eine erheblich höhere Belastung als das kontinuierliches Ziehen durch den Wind. Wir diskutieren hin und her und beschließen, dass es vielleicht doch besser ist, wieder auf den Parasailor zu wechseln. Wir müssen dieses Schlagen vermeiden, inzwischen sind 5 oder 6 Kardeelen gebrochen. Das dürfte ungefähr die Hälfte der äußeren Wicklung sein, so genau wissen wir das aber auch nicht. Wenn wir den Parasailor ganz leicht auf Backbordbug fahren, dann sollten wir an der Schadstelle die Belastung minimal halten können.

Für die Überprüfung des gebrochenen Wants und dessen Entwicklung, nutzen wir inzwischen wenigstens zweimal täglich Photos, die wir mit der Kamera und dem Tele aufnehmen. Das geht wesentlich besser als mit einem Fernglas, weil man sich die Photos in Ruhe ansehen und auch noch zusätzlich reinzoomen kann. Das machen wir nun auch gleich noch mit allen anderen Terminals. Die Terminals der Wanten sind ja alle gleich alt, und wenn einer der Kandidaten schwächelt, ist vielleicht der nächste auch bald dran.

„Etwas Alltagsroutine tut gut ...“

„Etwas Alltagsroutine tut gut …“


Zum Segeln gibt es natürlich nach wie vor keine Alternative. Wir müssen immer noch 1.130 sm schaffen. Wenn wir konservativ rechnen, haben wir Diesel für etwa 400 sm. Egal was passiert, rund 700 sm müssen wir noch unter Segeln zurücklegen. Die Aussichten dafür sind aber auch gar nicht so schlecht, denn das neue Punktwetter gibt keinen Anlass zu Befürchtungen, dass wir in einen Starkwind geraten. Eher im Gegenteil. Die Squalls sind eine andere Sache, wir hoffen, solche Burschen rechtzeitig zu erkennen. Nachts ist das allerdings schwierig, zumal wir gestern Neumond hatten und kein Mond die Nacht beleuchtet.

„Nun doch wieder mit Parasailor.“

„Nun doch wieder mit Parasailor.“


Also weg mit dem Groß und her mit dem Parasailor. Gleich fährt es wieder, aber bis in die Nacht hinein überlegen wir immer wieder hin und her, ob wir das Rigg so nicht doch überlasten. Allerdings segeln wir auf der »gesunden Seite« der PINCOYA und die Belastung liegt mit dem Parasailor wohl eher auf dem Achterstag. 12 bis 14 kn Wind machen uns keine Sorgen, aber bei 15 bis 18 kn zerrt es schon ganz schön doll am Segel. Abends zieht ein Set von Passatwolken durch. Man merkt deutlich den Einfluß der Wolken auf den Wind. Wir lavieren uns da so durch und lassen schlussendlich den Parasailor für die Nacht stehen. Irgendwie müssen wir die noch ausstehenden Meilen ja auch segeln.

„Hoffentlich kein Fehler, aber er steht mit Abstand am ruhigsten.“

„Hoffentlich kein Fehler, aber er steht mit Abstand am ruhigsten.“

Um 21:15 segeln wir unsere 1.000ste sm auf diesem Trip. Die qualifying distance offshore für die Vollmitgliedschaft im OCC ist schon mal geschafft. Nun steht auch bald das Bergfest an und kurz darauf geht es auch schon unter die 1.000 sm und der Countdown beginnt zu laufen. Ein gutes Gefühl.


Um 6:00 feiern wir Bergfest! 1.051 sm done und 1.051 sm to go. Das Fest hält sich allerdings in Grenzen, denn die Capitana schläft. Aber heute gibt es ja dann noch die Überraschung! 😂😋


Ich weiß nicht, ob ich das jemals schon erwähnt habe 😂. So ein Sternenhimmel bei Neumond ist einfach unglaublich und mit das Schönste, was man auf See bei Nacht erleben kann.

Wir kommen gut durch die Nacht, obwohl doch wieder Böen bis zu 20 kn an dem Parasailor herumzerren. Die Böen sind schon so eine Nummer und bereiten uns einige Sorgen. Aber wir scheinen den schonendsten Kurs zu Wind und Wellen zu haben. Bei Sonnenaufgang scheint der Schaden nicht größer geworden zu sein und auch die Böen werden weniger.

Um 10:00 loggen wir unser neuntes Etmal mit 122,1 sm, Noch 1.031 to go. Dieses Etmal ist umso erstaunlicher, weil wir bis zur Nacht bei einem Etmal von 95 sm lagen. Daran kann man sehen, wie die Nacht war. Erst 4 kn im Schnitt, dann 6,2 kn. Wohlgemerkt im Schnitt. Da war uns nicht immer ganz wohl mit unserem Provisorium, aber es hat in der Praxis gehalten, was wir uns in der Theorie von ihm versprochen haben.


Tag 10, Montag, 23.01.2023
Und Tag 4 nach dem Bruch des Unterwants.
Inzwischen sind wir zwar wesentlich entspannter, als zu Beginn unserer Misere an Tag 7, doch ein Teil der Anspannung fährt immer noch mit. Wir sind kaputter, als wir es eigentlich sein müssten, und schlafen wirklich viel. Gott sei Dank haben wir den richtigen Kurs für dieses Dilemma, nicht auszudenken, wenn wir nicht einfach nur vor dem Wind fahren könnten.

„Unser Problem hat sich bisher nicht über Gebühr verschärft.“

„Unser Problem hat sich bisher nicht über Gebühr verschärft.“

Den Parasailor lassen wir bis zum Abend stehen, dann holen wir ihn ein und setzen wieder das Groß. Letzte Nacht hat der Wind schon ziemlich an uns herumgezerrt und für diese Nacht ist noch etwas mehr angesagt. Da das Punktwetter bisher erstaunlich gut gestimmt hat, wechseln wir lieber wieder zurück auf das Groß. Im Fall der Fälle lässt es sich einfacher bändigen als der Parasailor.


Der zehnte Tag auf See vergeht im Grunde genommen problemlos. Um 16:00 überspringen wir die magische 1.000-sm-Grenze. Nun sind wir dreistellig und auch das Tochtergerät des Furuno zählt die verbleibenden Seemeilen nun auch endlich einmal herunter. Es kann nur dreistellig und hat uns bisher mit einer hartnäckigen 999 belästigt. Auch wenn sich das bei 999 sm to go blöd anhört, es kommt doch so eine Art »Gleich-sind-wir-da-Gefühl« auf.

„Der Countdown beginnt.“

„Der Countdown beginnt.“

Zur Feier des Tages gibt es Schweinefilet in Sahnesoße mit Kartoffeln. 😋


Und nun muss ich auch endlich mal etwas zur Atlantikluft schreiben. Besonders auf den Nachtwachen fällt das auf. Die Atlantikluft hier draußen scheint irgendwie dicker zu sein. Vielleicht enthält sie auch mehr Sauerstoff. In jedem Fall hat sie einen schweren und total sauberen Duft. Es ist vielleicht so, als ob man einen Schluck klares Quellwasser trinkt und denkt: »Wow, das ist also auch Wasser. Und was trinke ich da eigentlich zuhause?«
Die Luft hat inzwischen auch in der Nacht diese Atlantikkälte verloren, die uns bisher ja immer nach einer gewissen Zeit in den Decksalon getrieben hat. Sie ist jetzt kühl, dick und – ja – irgendwie süffig. Es gibt kaum etwas Berauschenderes, als nachts mitten auf dem Atlantik in dieser Luft mit einer Tasse Earl Grey unter diesem grandiosen Sternenhimmel zu sitzen.

„Trotz alle Probleme, dies bleiben die schönen und unvergesslichen Momente.“

„Trotz alle Probleme, dies bleiben die schönen und unvergesslichen Momente.“


Um kurz nach 5:00 weckt mich Astrid schon etwas früher zu meiner nächsten Wache. Schon ein paar Mal hatte es mich etwas unsanft auf die Seite gerollt. Aus den 15 bis 18 kn sind 24 mit Böen von fast 30 geworden. Unser erster echter Squall hat uns erwischt. Squalls sind relativ kurzlebige, räumlich eher begrenzte, aber recht kräftige Konvektionswinderscheinungen. Plusterige Wolken kündigen sie an und sie kommen mit oder auch ohne Regen daher. Vor ihnen bläst es wie irre und hinten ist eher wenig los.
In der Nacht ist ein Ende schwer abzuschätzen, uns wurde gesagt, dass der Spaß zwischen 30 Minuten und einer Stunde dauert. Oft allerdings auch wesentlich kürzer. Mit unserem geschwächten Rigg ist uns dieser Spaß nun aber doch etwas viel. Also reffen wir ein.

Hmm … 🙄 Und dabei hatte ich der Capitana um 3:00 das Wetter in einem einwandfreien Zustand übergeben. Und nun so etwas! Der Sonnenanfang offenbart das ganze Desaster! Wir sind von Squalls umzingelt! Es ist nur eine Frage der Zeit, wann der nächste über uns herfällt.

Um 10:00 loggen wir unser 10tes Etmal mit guten 123,0 sm. Noch 917 sm to.


Tag 11, Dienstag, 24.01.2023
Und Tag 5 nach dem Bruch des Unterwants.
Der elfte Tag beginnt nun endlich mit DER Überraschung. Die Capitana zaubert die längst vergessene 😇 aber leider auch letzte Tüte Pfeffernüsse hervor. 😋 Ein letzter Weihnachtsgruß, doch es ist nicht alle Hoffnung verloren! Geistesgegenwärtig hat der Schiffsjunge zuhause ja doch noch in letzter Minute das Lebkuchengewürz eingesteckt. Ich bin mir nicht ganz sicher, aber vielleicht werden wir doch die ersten Fahrtensegler sein, die im Frühjahr in der Karibik Lebkuchen backen. Soweit kann es kommen, wenn man davon nicht lassen kann. 😂

„😋Pfeffernüsse!😎👍“

„😋Pfeffernüsse!😎👍“

Ansonsten vergeht der 11te Tag unspektakulär. Die provisorische Verstärkung des Riggs hält prima. Die Squalls haben die Lage im Rigg nicht verschlimmert. Es scheint so, als ob keine weiteren Kardeelen gebrochen sind und sich die gebrochenen Kardeelen auch nicht weiter aufdröseln. Und da haben wir Glück im Unglück. Als wir die Maststufen montiert haben, haben wir dort oben ein Schlauchstück über das Want gezogen, weil uns eine der Stufen doch recht nah an dem Want schien, und genau das verhindert nun, dass sich die Kardeelen weiter aufdröseln.
Am Vormittag lösen sich dann die Squalls nach und nach auf, lassen aber eine hässliche Welle zurück.

„Man weiß immer nicht so genau, was in all diesen Wolken drinsteckt.“

„Man weiß immer nicht so genau, was in all diesen Wolken drinsteckt.“

Da es wieder mal eine Nacht mit wenig Schlaf war, holen wir davon erst einmal etwas nach. Dann wird Brot gebacken. Leider müssen wir den frischen Käse aus Mindelo den Fischen opfern, wir Deppen hätten ihn doch einschweißen sollen. Manchmal lernt man leider nur etwas langsam dazu.


Dann holen wir neues Punktwetter. Aller Voraussicht nach soll es schwachwindig werden. Aus den Daten versuchen wir zu schließen, wie die Drucksysteme um uns herum liegen. Höchstwahrscheinlich liegt nordwestlich von uns ein Hoch, dessen Kern in unsere Route hereinreicht. Der Wind soll auf Nord drehen und soll mehr oder weniger einschlafen. So lassen wir es in der Hoffnung, dass uns weiter südlich noch etwas Wind erhalten bleibt, ruhig mehr nach Süden laufen. Mal sehen, ob unsere Theorie stimmt.


Eigentlich ist es zum Heulen, denn mit einem heilen Rigg könnten wir es nun bei Halbwind zusammen mit der Genua richtig laufen lassen. Aber bei aller Freude über unser Provisorium, wollten wir dieses Risiko nicht eingehen, auch wenn wir mit der gesunden Seite der PINCOYA in Luv segeln. Die Wellen sind schon ätzend genug für das Rigg.

„Die Squalls kommen ...“

„Die Squalls kommen …“


Da gerade Neumond war, segeln wir mit dem zunehmenden Mond in die Nacht. In diesen Breiten ist der zunehmenden Mond in dieser Phase wie eine Schüssel nach oben geöffnet, wenn er im Westen untergeht. Das ist schon ein ganz phantastischer und für uns ziemlich ungewohnter Anblick.

„Ein Mondschüssel und keine Mondsichel!“

„Ein Mondschüssel und keine Mondsichel!“

In dieser Nacht verschonen uns die Squalls. Nur einige Wolken ziehen durch, ansonsten glitzert über uns wieder dieser unfassbar weite Sternenhimmel. Nur die Wellen nerven herum. Sie passen nicht so richtig zu dem Wind und lassen uns ständig rollen. Manchmal merken wir das schon gar nicht mehr. Erst wenn wir wieder einmal total aus dem Tritt kommen oder die frisch geschälten Möhren zwischen den Füßen der Capitana herumkullern, was mit einem beherzten »Scheiße« kommentiert wird, wird uns wieder bewusst, wie stark wir rollen.

Durch das Rollen sind wir auch langsamer geworden. Nicht die PINCOYA, sondern wir selbst 😂. Alle Bewegungen laufen zwar nicht in Zeitlupe, aber doch deutlich verlangsamt ab. In der Bewegung vorsichtig tastend, ob nicht doch gleich wieder so ein Schwinger kommt, um uns aus dem Takt zu bringen. Außenstehende erinnern wir so vielleicht schon etwas am Priscilla und Flash aus Zoomania. 🙂

Um 10:00 loggen Priscilla und Flash ihr 11tes Etmal mit 118 sm sm. 798 sm to go.


Tag 12, Mittwoch, 25.01.2023
Und Tag 6 nach dem Bruch des Unterwants.
Leider dreht der Wind tatsächlich sukzessive auf Nord. Diese Drehung sieht man auch gut an unserer Kurslinie. Wir fahren in einen Bogen nach Süden und unsere Follower zuhause fragen sich nun, ob wir unsere Pläne geändert haben. Mit einem heilen Rigg könnten wir ohne Probleme höher an den Wind gehen, aber mit dem defekten Want und dem Provisorium lassen wir das mal lieber. Denn wenn wir höher an den Wind gehen, müssen wir auch das Vorsegel dazunehmen, um den Segeldruckpunkt weiter nach vorn zu bekommen, damit wir nicht zu viel Druck auf das Ruder bekommen. Das würde aber auch bedeuten, dass wir deutlich mehr seitlichen Druck auf dem Rigg haben, was wir dringend vermeiden möchten. So fahren wir erst einmal mit raumen Wind weiter und so eben auch deutlich zu weit südlich. Mit der kürzesten Entfernung zwischen zwei Punkten auf einer Kugel, dem Großkreis, hat das alles nicht mehr viel zu tun. Vielleicht korrigiert auch deshalb die Rechtschreibkorrektur »Großkreis« mit »Griesbrei« 😂.

„Morgenröte ...“

„Morgenröte …“


Über den Tag nimmt der Wind deutlich ab. Das Punktwetter liegt mit den Vorhersagen bisher erstaunlich richtig. Hoffentlich irrt es sich bei der Flaute, die vor uns liegen soll.

Unser Bordleben normalisiert sich so langsam wieder. Wir haben uns an das Provisorium gewöhnt und inzwischen sehr viel Vertrauen, dass es auch bis Martinique hält. Trotzdem lassen wir es vorsichtig angehen, wir sind immer noch viel zu weit draußen, als dass wir den Rest mit Motor fahren könnten. Nachmittags nehmen wir doch die Genua im zweiten Reff dazu. Der Wind ist inzwischen so schwach, dass wir meinen, damit dem Rigg keine allzu großen Belastungen zuzumuten. Aber eben auf einem raumen Kurs. Wir müssen Seemeilen unter Segeln machen, da geht kein Weg dran vorbei. Nach dem Bruch des Unterwants haben wir schon fast 600 sm geschafft. Das ist nicht schlecht, aber wir brauchen noch einige mehr.


Abends verschieben wir unseren Nachtwachenbeginn auf 22:00. Wir fahren ja weiterhin nach Mindeloer Zeit und inzwischen haben wir gut 2/3 der Strecke geschafft. Bei einem Zeitunterschied von 3 Stunden zwischen den Kap Verden und Martinique passt das so ganz gut. Wir haben beide gerade das Buch »Längengrad« von Dava Sobel gelesen. Ein tolles Buch über die Zeit und die Navigation auf See. Es ist kaum vorstellbar, was die Navigatoren damals geleistet haben und in welche Abenteuer sich die Entdecker mit ihren Mannschaften gestürzt haben. Man bekommt etwas mehr Verständnis davon, wenn man selbst hier draußen so herumfährt. Obwohl wir ja die GPS-sorglos-Generation der Fahrtsegler sind. Oder vielleicht gerade deshalb …

„Abendsonne ...“

„Abendsonne …“


Der Wind nimmt mit der Nacht eher zu als ab. Die Genua rollen wir wieder etwas ein, doch an der Richtung, die uns auf einen südlichen Kurs zwingt, können wir nicht viel machen. Mehr Wind ist grundsätzlich besser als zu wenig Wind. So lange es nicht in einen Sturm ausartet. Bei wenig Wind gehen einem schnell die Möglichkeiten aus. Auf mehr Wind kann man sehr gut mit Reffen der Segel reagieren.

In der Nacht kreuzt ein Neuseeländer unseren Weg. Er hat den Kurs Martinique, den wir nicht halten können bzw. sicherheitshalber nicht halten wollen. Wir müssen auf den nächsten Winddreher warten. Ein Ost würde bestens passen, zurzeit weht es allerdings leider aus Nordnordost. Und das immer noch mit rund 17 kn. 5 kn mehr als vorhergesagt. Mal sehen.

Zum Ende der Nacht sorgen Squalls wieder einmal für Abwechslung. Vorne hui und hinten pfui. Sie kommen mit viel Wind und gehen mit einer Flaute. Die Flautenabschnitte sind die schlimmsten. Dann schlägt das Groß und lässt das ganze Rigg zittern. Dieses Schlagen bereitet uns noch die meisten Sorgen. Um das Groß nicht wegnehmen zu müssen, fahren wir dann unter Motor so an den Wind, dass das Groß nicht mehr schlägt. Solange bis der Wind wieder zunimmt, wir wieder segeln können und das ganze Spiel von vorn beginnt. Mal zu viel Segel, mal zu wenig, mal Motor, mal abfallen, mal anluven.
Es ist zum 🤮! Uff …


Um 10:00 loggen wir unser 12tes Etmal mit 116,0 sm. 694 sm to go. Daran, dass sich unsere Gesamtstrecke allein von gestern auf heute um 12 sm verlängert hat, kann man prima sehen, was passiert, wenn man die Großkreisnavigation verlässt. Hoffentlich lässt uns der Wind bald wieder auf den Großkreiskurs gehen, sonst dauert es immer länger. Das Delta vom ersten zum heutigen Tag beträgt schon 41 sm.

Nun vor Le Marin auf Martinique
14° 27′ 38,2″ N, 060° 52′ 21,9″ W