Endspurt oder was?


Die Blogs zu Liverpool sind zwar schon geschrieben, aber noch nicht bebildert. Wie immer sitzt uns die Zeit im Nacken. Einige große Brocken liegen noch vor uns, bevor wir überhaupt wieder aufbrechen können. Insgesamt sind wir zwar recht gut vorangekommen, aber die Liste war auch lang. Doch was heißt hier »war«? Wenn wir ehrlich sind, haben wir bis jetzt vielleicht gerade einmal die Hälfte von dem geschafft, was eigentlich notwendig ist. Doch nun setzt erst einmal die Zeit ihre Prioritäten, denn wir müssen schnellstmöglich so weit fertig werden, dass wir nach Bremerhaven segeln können.
Zuhause nähen wir noch das Unterliek der Genua nach. Beim Zusammenlegen haben wir doch noch gesehen, dass dort auch eine Naht beginnt aufzugehen. Und auch das Softschott wird fertig, allerdings zunächst mal ohne Fenster. Die »Aussicht« muss noch etwas warten, Hauptsache, wir können hinten erst einmal wieder ordentlich dicht machen. Das ist im Norden ja mitunter doch ganz hilfreich.


Doch die Kälte bremst uns
Im Vergleich zu Deutschland war es in Liverpool schon fast warm. Und als wir am Montag wieder in Deutschland landen, ist es wirklich klapperkalt. Eine unserer größten Baustellen ist noch das Einziehen eines neuen Antennenkabels in den Mast. Unten am Stecker zur Decksdurchführung ist das Kabel vollkommen vergammelt. Im letzten Jahr hatten wir nur den schlimmsten Teil abgeschnitten, aber es war eben auch nicht mehr genug Restkabel da, um das vergammelte Ende ganz abzuschneiden. Der Gammel im Kabel nahm einfach kein Ende und ab welcher Stelle es wieder ok wäre, wissen wir nicht. So müssen wir nun ein neues Kabel in den Mast ziehen, was für uns bei stehendem Mast nun auch Neuland ist. Ehrlich gesagt wissen wir auch gar nicht, ob das überhaupt gelingen kann. Wir erinnern uns nur zu gut an das Theater, als wir vor 12 Jahren in den liegenden Mast ein neues Antennenkabel eingezogen haben. Diesmal werde ich allerdings oben im Masttop hängen und versuchen, das Kabel reinzuschieben, während Astrid unten zieht. Immer zugleich und auf Kommando. 1, 2, 3 und los! So der Plan.

Aber es ist kalt in Deutschland. Saukalt! Und es ist nicht besonders verlockend, bei 4 bis 5° oben im Mast zu hängen, um ein stocksteifes Kabel zentimeterweise in ein Kabelrohr zu stopfen, während Astrid unten Stück für Stück das alte Kabel rauszieht. Bei unserem letzten Besuch haben wir zwar schon mal etwas am Kabel gezogen und geschoben und wir konnten fühlen, dass es sich durchaus etwas bewegt. Doch das war nur ein Ruckeln. Ob sich nun 14 m Kabel so einfach in den Mast ziehen lassen, steht in den Sternen.

Aufgrund der Kälte vertagen wir unseren nächsten Bastelbesuch auf der PINCOYA auf’s Wochenende. Dann soll es endlich wieder wärmer werden. Dieses Jahr passt das Wetter wirklich kaum mal zu unseren Bastelplänen. Das nervt, denn uns rennt die Zeit davon.


Freitag geht’s los…
Doch bevor wir zur PINCOYA können, müssen wir zunächst noch Gelb und Tröti wieder zurück zu Leonard und Theodora bringen. Deren Liverpool-Abenteuer hat nun wirklich schon lange genug gedauert. Die beiden werden schon sehnsüchtig erwartet, und bei Hamburg wartet ja auch die Oma&Opa-Raststätte auf uns.

„Gelb und Tröti kommen zurück ...“

„Gelb und Tröti kommen zurück …“

Doch am Samstag geht es dann schon gleich weiter nach Büdelsdorf. Etwas mehr Zeit wäre schön gewesen, aber inzwischen steht schon der Mai vor der Tür und wir müssen unseren Liegeplatz für die Sommerlieger räumen. Ganz oben auf unserer Bastelliste steht das Mastkabel. Für unsere erste Tour nach Bremerhaven wäre ein funktionierender Funk schon schön. Wir haben zwar noch eine Handfunke, aber so richtig toll ist das ja auf See nun auch nicht. Und außerdem soll die alte Funkantenne die vergammelte AIS-Antenne ersetzen. Ein etwas besseres Sende- und Empfangssignal für AIS hat ja durchaus etwas Entspannendes auf der Elbe.

Im BYC ist ordentlich Betrieb. Fast alle Schiffe des Vereins liegen wieder im Wasser. Das Wetter passt, auf allen Schiffen wird gearbeitet. Die Saison ruft!

Unser Plan, wie wir das Kabel in den Mast ziehen, steht. Wir werden es von oben nach unten ziehen. Der Grund dafür ist einfach, denn so können wir den Antennenstecker schon vorher anlöten. Diesmal haben wir eine Antenne mit N-Buchse gekauft. Die N-Verbindungen sollen wenigstens halbwegs wasserdicht sein. Alle PL-Steckverbindungen waren bisher eine volle Pleite. Aber das Löten von N-Steckern ist fummelig. Deswegen muss das unten passieren.

Und wegen der Nässe und des ewigen Gammelns wollen wir auch keine Kupplung mehr zur Deckdurchführung nehmen. Das Kabel soll komplett durch eine Scanstrut-Decksdurchführung unter Deck geführt werden und erst dort im Trockenen werden wir das Kabel von der Funke mit dem Mastkabel mit einer Kupplung verbinden. Sollten wir irgendwann einmal wieder den Mast legen, bedeutet das zwar mehr Arbeit, aber wir haben die Hoffnung, dass uns so nicht wieder alles in wenigen Jahren weggammelt.

Oben im Mast wollen wir die Seelen des alten und des neuen Koaxial-Kabels um einander biegen und verlöten. Das alles wird dann mit Schrumpfschlauch ummantelt, so dass sich möglichst nichts verhaken kann. Der Plan ist gut und die Theorie verspricht großen Erfolg.👍🥳👍


Ab nach oben
Um oben im Masttop auch löten zu können, baumelt schon mal eine Verlängerungsschnur an meinem Sicherungsgurt. Eine kleine Tasche mit Werkzeug habe ich auch dabei. Der Rest wird nach Bedarf mit dem Spifall hochgezogen und wieder heruntergelassen. Ab der zweiten Saling ist dann auch klar, warum die Meteorologen den Wind immer in 10m Höhe angeben. Unten auf Deck ist es windstill, hier oben weht es merklich unangenehm.

„Löten im Mast. Auch mal was Neues.“

„Löten im Mast. Auch mal was Neues.“

Das ist grundsätzlich nicht weiter schlimm, da haben wir schon ganz andere Einsätze im Mast gehabt. Aber die kleine Lötstation wird es schwer haben, in dem zugigen und kalten Wind ihre volle Lötkraft zu entfalten. Oben angekommen, kommt es dann auch genauso wie befürchtet. An der Lötspitze schmilzt der Lötdraht noch recht brav, aber sobald der kalte Draht mit ins Spiel kommt, wird’s schwierig. Immerhin hab ich es recht bequem und kann mit Astrid ganz prima über unsere Kopfhörer sprechen, ohne auch noch den ganzen Hafen zu unterhalten. Der Wind ist böig und die kurzen Momente der Windstille nutze ich schamlos aus. So richtig gut gelingt das Löten allerdings nicht, aber nach 20 Minuten ist ein Stadium erreicht, das halten sollte.

So zieht Astrid die Lötstation wieder nach unten und auch der Heißluftfön kommt nur zum Schrumpfen mal kurz hoch. Dann geht’s ans Einfädeln. Stück für Stück geht das zunächst auch erstaunlich gut. Doch nach 2/3 der Gesamtstrecke stockt das Ganze. Es geht zwar wieder zurück, aber ein Vorankommen ist irgendwie unmöglich. 😤 😡 😤! Die schlimmsten Befürchtungen scheinen sich zu bewahrheiten. Wir versuchen es unzählige Male, bis ich nach über einer Stunde erst einmal herunterklettere. Wir müssen Kriegsrat halten! So geht es jedenfalls nicht. Es ist genauso, wie mit dem Kabel des Windsensors vor einigen Jahren. Irgendwo mittendrin hakt es und dann geht nichts mehr.

Wir nutzen eine der Umlenkrollen am Mastfuß, um wenigstens etwas effektiver ziehen zu können. Die verlöteten Seelen sollten halten, also ziehen wir mal mit etwas mehr Gewalt. Und plötzlich … geht es nach einem Ruck doch weiter! Also wieder hoch in den Mast. Der Rest flutscht zwar nicht einfach so rein, aber die Problemstelle ist überwunden. Auch die neue Antenne ist schnell montiert.

Da auch die neue Deckdurchführung passt, sind wir mit dem neuen Kabel schnell unter Deck. Doch dort beginnt das Grauen von neuem. Eigentlich dachten wir, dass wir nun nur noch das alte mit dem neuen Kabel verbinden müssten, doch auch das alte Kabel, das ja eigentlich immer warm und trocken unter Deck gelegen hat, ist ebenfalls vollkommen vergammelt. Es steckte ja von der Innenseite in der Kupplung zu Deckdurchführung, die salzige Nässe muss sich von dort bis weit in das Kabel gezogen haben.

„Gammel und kein Ende“

„Gammel und kein Ende“

Und der Gammel nimmt kein Ende, egal wie weit wir das Kabel abisolieren. Das gesamte Kabel ist innen bis zur Antennenweiche direkt in der Navigation vollkommen korrodiert. Der Kupferdraht der Seele hat Grünspan angesetzt und das Koaxial-Geflecht existiert quasi nicht mehr. Auch die Antennenweiche selbst ist vollkommen vergammelt und verrostet. Wie Glomex solch einen Müll als Marinezubehör verkaufen kann, bleibt deren Geheimnis. Bei uns kommt jedenfalls nichts mehr von Glomex an Bord. Ebensowenig wie der Schrott von Philippi. Nach und nach schießen sich immer mehr Firmen ins Abseits. Glücklicherweise gibt es ja Alternativen. Die ja oft sogar preiswerter sind, als die angeblich so tollen Marine-Hersteller.

„Toll! Echtes Marinezubehör. Rostet schon im Trockenen unter Deck!“

„Toll! Echtes Marinezubehör. Rostet schon im Trockenen unter Deck!“

Das Ende vom Lied ist, dass wir auch unter Deck alles vollständig neu verkabeln 🙄. So herrscht am Sonntag im Handumdrehen ein nahezu perfektes Chaos unter Deck. Von der Bugkoje bis in den Salon ist der Himmel demontiert, überall hängen die Kabel heraus und wir versuchen, das neue Antennenkabel im Verborgenen bis zur Funke zu führen. Das alte hängt jedoch irgendwo fest und um es herauszubekommen, müssten wir noch viel mehr abbauen. Also knappen wir es nur ab und lassen es, wo es ist. Glücklicherweise ist das Mittelteil des alten Mastkabels noch zu gebrauchen, sonst hätten wir auch erst noch neues Antennenkabel kaufen müssen. Die Antennenweiche, die wir eh nur fürs Radio gebraucht haben, rationalisieren wir weg. Das Radio bekommt nun eine Extraantenne. Egal wie, getrennte Systeme sind in jedem Fall besser. Aber einen weiteren Antennenstecker müssen wir uns dann am Montag doch noch holen. Und kaum ist die Verbindung hergestellt, können wir auch schon wieder funken. Wir hören die anderen klar und deutlich und werden auch wieder erhört.

Und auch die alte Funkantenne funktioniert als neue AIS-Antenne ganz prima. Zwei wichtige Baustellen haben sich geschlossen, doch das Chaos unter Deck braucht noch etwas Fürsorge, um langsam wieder zu einer Ordnung zu werden.

„Neuer AIS-Empfang“

„Neuer AIS-Empfang“

Doch inzwischen ist es Montag. Das vergammelte Kabel hat uns noch weiter ins Hintertreffen gebracht, als wir ohnehin schon waren. Obwohl es inzwischen auch schon wieder etwas wohnlicher geworden ist. Nach und nach kommen all die lackierten Teile wieder zurück auf die PINCOYA.

„Das neu lackierte Holz sieht schon einmal prima aus, aber was ist falsch auf dem linken Foto 😂 ?“

„Das neu lackierte Holz sieht schon einmal prima aus, aber was ist falsch auf dem linken Foto 😂 ?“

Den Rest streichen wir erst einmal frei nach dem Motto »nice to have«. Irgendwie kommen wir mit jeder Baustelle immer wieder ganz automatisch vom Hundertsten ins Tausendste. Aber wenigstens ist hinterher dann doch alles besser als vorher. Das ist ja auch schon mal was.

Am Montagabend sausen wir ziemlich geschafft nach Hause, um dann schon am Mittwoch mit den Segeln und all den noch benötigten Resten wieder zurückzukommen. Denn der Dienstag ist schon wieder zuhause verplant, dort wartet auch noch etwas Arbeit auf uns, denn zu langweilig darf es ja auch nicht werden.